Insolvenzen steigen, Exporte auch: Deutschlands Wirtschaft hofft
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Insolvenzen steigen, Exporte auch: Deutschlands Wirtschaft hofft

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Simeon Koch

Haben Sie es langsam satt, immer nur schlechte Nachrichten über die deutsche Wirtschaft zu lesen? Rezession hier, schrumpfender Wohlstand dort, die Autoindustrie kriselt, wichtige Konzerne wandern ab – wer hat darauf noch Lust? Leider reißen die Hiobsbotschaften aber immer noch nicht ab. Nun wurde bekannt, dass die deutschen Insolvenzen auf den höchsten Stand seit der Finanzkrise 2010 gestiegen sind. Außerdem ergab eine Erhebung unter Ökonomen, durchgeführt vom New Yorker Medienhaus Bloomberg, dass Deutschland nun offiziell in der Rezession angekommen sein dürfte. Die heimische Wirtschaft ist quasi am Boden. Wer die Logik der Finanzmärkte versteht, weiß aber: Vom Boden aus gibt es eigentlich nur eine Richtung, nämlich aufwärts. Und selbst, wenn es gerade nicht so scheinen mag, gibt es doch einen wichtigen Indikator, der auch in Deutschland auf Wachstum steht.

Historische Schwäche und „die deutsche Achilles-Ferse“

Die deutsche Wirtschaft ist historisch schwach. Vor wenigen Tagen senkte das Wirtschaftsministerium seine Prognose für das aktuelle Jahr auf ein Minuswachstum von 0.2 Prozent. Bis dahin war man für 2024 nach dem verkorksten Vorjahr zumindest von einem zarten Wachstum von 0.1 Prozent ausgegangen. Sollte auch dieses Jahr negativ abschließen, wäre das die erste Schrumpfung in zwei aufeinanderfolgenden Jahren seit dem Mauerfall und der Wiedervereinigung von West und Ost 1989. Im vergangenen Jahr war Deutschland zu allem Überdruss die einzige Volkswirtschaft der G7, die einen Rückgang im Bruttoinlandsprodukt, also der gesamten Wertschöpfung zu verzeichnen hatte.

Kann diese ganze Misere nicht endlich mal ein Ende nehmen? Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg könnte es nicht mehr lang dauern, bis Deutschland das Ruder herumgerissen bekommt. Vorher aber dürfte es nochmal ungemütlich werden – so wie es sich für eine solide Bodenbildung gehört. „Die Industrie bleibt die deutsche Achilles-Ferse“, konstatierte Erik-Jan van Harn, Analyst der Utrechter Rabobank, gegenüber Bloomberg und fügte an: „Es gibt noch keinen eindeutigen Katalysator für einen Trendwechsel. Eine langsame Bodenbildung dürfte aktuell das beste Szenario sein“.

Ein langsames Ausrollen also nach der unsanften Landung der letzten Monate – und die Hoffnung, dass es nicht allzu viel schlimmer wird. Viel mehr Hoffnung kann auch eine Reihe von Ökonomen nicht machen, die Bloomberg zur möglichen deutschen Rezession gefragt hat. Die Antwort war recht eindeutig: Das Wort möglich kann man getrost streichen, denn auch das dritte Quartal wird Deutschland laut Prognose der Experten negativ abschließen – die formale Definition eines nachhaltigen wirtschaftlichen Abschwungs.

Sorgen um Immobilien: rekordverdächtige Insolvenzen

Noch im September waren die Bloomberg-Experten wenigstens noch von einer Stagnation im Herbst ausgegangen. Ebenso wie die Prognose der Bundesregierung trübte sich diese Erwartung nun allerdings ein. Schon im August warnte Clemens Fuest, Präsident des Münchner Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung (kurz: ifo): „Die deutsche Wirtschaft schlittert mehr und mehr in die Krise“. Seit Monaten stagniert der Geschäftsklima-Index des ifo-Instituts, das das Konsumklima – also die Stimmung der Verbraucher – fällt zusehends. Laut der milliardenschweren Antwaltskanzlei Weil, Gotshal & Manges war Deutschland im April das ökonomisch am stärksten belastet Land Europas.

Am dunkelsten ist es bekanntlich aber kurz vor der Morgendämmerung – und die könnte Deutschland früher bevorstehen als es aktuell scheint. Zumindest eine ganz zarte Morgenröte. Die Bloomberg-Analysten gehen davon aus, dass Deutschland schon im vierten Quartal auf Wachstumskurs zurückkehrt, zumindest pro forma mit einem minimalen Plus von 0.1 Prozent. Bis in den Frühling 2025 soll sich diese Rate dann auf 0.3 Prozent steigern und dort bis Anfang 2026 bleiben. Das sind nicht gerade Sensationsnachrichten, aber zumindest solide Erwartungen nach dem Blues der letzten Quartale.

Aus den größten Turbulenzen ist die deutsche Wirtschaft deshalb aber noch nicht heraus. Vergangene Woche gab das Institut für Wirtschaftsforschung in Halle (kurz: IWH) bekannt, dass die deutsche Wirtschaft im abgelaufenen dritten Quartal so viele Insolvenzen zu verkraften hatte wie seit der Finanzkrise 2010 nicht mehr. Insgesamt meldeten knapp 4000 Personen- und Kapitalgesellschaften in den Monaten von Juli bis September ihre endgültige Zahlungsunfähigkeit. Schon im Frühjahr waren die Insolvenzen auffällig stark gestiegen, damals rechnete das ifo-Institut allerdings noch mit einem allgemeinen Wirtschaftswachstum von 0.7 Prozent für 2024. Mit den aktuellen Insolvenzzahlen kommt man fast ans Krisenjahr 2010 heran, dessen zweites Quartal rund 4100 Geschäftsaufgaben brachte.

Das größte Sorgenkind in Sachen Insolvenzen ist die Immobilienbranche. Erst kürzlich errechnete die Commerzbank, dass deutsche Immobilienpreise in letzter Zeit den stärksten Preissturz seit 60 Jahren erlebt haben, dabei ist Deutschland unter den größten Verlierern Europas. Das macht sich auch in der Branche bemerkbar, besonders im Grundstücks- und Wohnungswesen, wo es um Kauf und Verkauf von Grundstücken und Gebäuden geht. Hier gingen im vergangenen Quartal um 69 Prozent mehr Firmen pleite als im selben Quartal des Vorjahres. Ein wichtiger Grund dafür sind nachgelagerte Effekte breiter Subventionen, die während der Covid-Krise ausgezahlt wurden.

„Deutschland lebt von der Vergangenheit“: Wann wird’s besser?

Dazu erklärte der hochrangige IWH-Wirtschaftsforscher Steffen Müller dem ZDF: „Während der Corona-Pandemie wurde die Zahl der Insolvenzen durch staatliche Stützungsprogramme künstlich niedriggehalten. Viele der damals gestützten Unternehmen geraten aber nun in Schwierigkeiten“. Baldige Besserung sei allerdings nicht in Sicht: „Leider müssen wir derzeit davon ausgehen, dass es noch weiter steigende Insolvenzzahlen geben wird“, dämpfte Müller die Erwartungen. Und dennoch sieht es nicht nur in der Bloomberg-Umfrage so aus, als könnte Deutschland die aktuelle Talsohle bald durchschritten haben.

Für eine positive Überraschung sorgten vergangene Woche nämlich die Statistiken zu den deutschen Verkäufen von Waren ins Ausland. Traditionell fußt der deutsche Wohlstand auf Exporten: Mehr als die Hälfte der deutschen Wirtschaftsleistung speist sich aus Warenverkäufen in alle Welt, der deutsche Anteil am weltweiten Export beträgt sieben Prozent – und das, obwohl in Deutschland nur rund ein Prozent der Weltbevölkerung lebt.

Im August stiegen die deutschen Exporte im Vergleich zum Vormonat um 1.3 Prozent auf 131.9€ Milliarden, wie das Statistische Bundesamt mitteilte. Analysten hatten einen Rückgang von einem Prozent erwartet. Schon im Juli war ein Plus von 1.7 Prozent zu verzeichnen, das neuerliche Wachstum dürfe aber nicht zu voreiliger Euphorie führen, warnte Volker Trier von der Deutschen Industrie- und Handelskammer (kurz: DIHK) der ARD: „Hohe Kosten, beispielsweise für Energie, Steuern oder Personal, aber auch die überbordende Bürokratie nagen an der Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie.“

Problematisch ist für den Handel trotz der starken Ausfuhren, dass die Bestellungen im fertigenden Sektor zurückgehen. Nach zwei Anstiegen in Folge gingen die Bestellungen im August um 5.8 Prozent zurück – so stark wie seit Januar nicht. Chefökonom Thomas Gitzel von der Liechtensteiner VP-Bank sagte der ARD: „Der noch immer hohe Auftragsbestand hilft der deutschen Exportwirtschaft. Die Industrie zehrt also von der Vergangenheit“. Bis die Zukunft wieder etwas freundlicher wird, muss man in Deutschland wohl noch etwas abwarten. So schwach wie die Wirtschaft aktuell ist, kann der Boden aber nicht mehr weit sein – so zumindest sehen es die Bloomberg-Analysten. Wie es mit den wichtigsten deutschen Aktien weitergeht, erfahren Sie in unserem DAX40-Analysepaket. Schließlich bietet auch ein fallender Markt reichlich Profitmöglichkeiten.

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Simeon Koch

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