Bei einer groß inszenierten Präsentation am Filmset der Warner-Brothers-Studios in Los Angeles hat Elon Musk am Donnerstag gleich zwei neue Modelle vorgestellt, die seinem Unternehmen den Durchbruch beim autonomen Fahren bescheren sollen. Vor einer Hollywood-Kulisse ließ Musk sich vom neuen Cybercab durch eine künstliche Innenstadt kutschieren und rief ein neues Zeitalter öffentlicher Verkehrsmittel aus. Selbstfahrende Teslas sollen in wenigen Monaten kommen und weniger kosten als ein Mittelklasse-Wagen – ebenso wie der humanoide Roboter Optimus, der auch gleich mit neuen Fähigkeiten präsentiert wurde. Die deutsche Gigafactory in Grünheide feiert derweil einen großen Meilenstein. Die Leitung allerdings warnt angesichts der schwierigen Lage deutscher Autobauer vor einem „sehr dramatischen Schicksal“.
Musk hat große Pläne – und noch größere Konkurrenz
„Der öffentliche Verkehr heutzutage ist Mist“, tönte Elon Musk bei seiner Präsentation am aufwendig gestalteten Filmset, das Warner Brothers für Tesla auf die Beine gestellt hatte. Stolz stieg er in ein bereitgestelltes Robotaxi, das automatisch seine Flügeltüren schloss und Musk um die aufgebauten Häuserreihen fuhr. Im Innenraum waren weder Pedale noch ein Lenkrad zu sehen. „Mit selbstfahrenden Autos bekommt man seine Zeit zurück“, versprach Musk mehrfach euphorisch, noch vor 2026 will Tesla beide neuen Modelle produzieren. Wann sie auf die Straße kommen, steht noch nicht fest.
Das Design des Cybercabs erinnert an den Cybertruck, Flügeltüren komplettieren den futuristischen Look. Investoren und Tesla-freundliche Influencer bekamen die ersten Impressionen.Auf dem Event in Los Angeles hatte Musk auch gleich 50 der neuen Robotaxis für die Anwesenden zur Verfügung gestellt: Investoren und Influencer waren eingeladen, die in digitalen Foren positiv über Tesla berichten. Presse war nicht zugegen, Vertreter klassischer Medien waren unerwünscht – vielleicht, weil Elon Musks große Pläne für selbstfahrende Autos und deren regelmäßige Aufschübe seit 2016 unter seinen Kritikern zum Running Gag geworden sind. Diesmal will Musk mit seinem Ziel für den Produktionsstart vor 2027 recht behalten, gestand bei seiner Rede aber auch, dass seine Zeitpläne häufig etwas zu ambitioniert ausfallen.
Mit seinen Plänen zum autonomen Fahren ist Musk aber längst nicht mehr alleiniger Vorreiter. Waymo, eine Schwesterfirma von Google, betreibt bereits in vier nordamerikanischen Städten selbstfahrende Taxis und kommt jede Woche auf mehr als 100 000 Fahrten. Dazu hat Waymo Elektrofahrzeuge der britischen Luxusmarken Jaguar und Land Rover umgebaut, die seit 2008 dem indischen Tata-Konzern gehören. Waymo und Google stoßen mit ihrer Flotte derzeit aber noch an logistische Grenzen – und das liegt vor allem an der Finanzierung.
Ein Robotaxi für $30 000 – geht das?
In den umgebauten Jaguar-Taxis von Waymo ist pro Fahrzeug sensible Technik im Wert von rund $100 000 an Bord, wie das Unternehmen kürzlich bekannt gab. Teuer sind vor allem Laser-Sensoren, die den Fahrzeugen die Orientierung im Straßenverkehr erleichtern. Musk will für seine Robotaxis auf Laser verzichten und stattdessen allein auf deutlich günstigere Kameras vertrauen. Auf diese Weise soll das Cybercab, in dessen Prototyp zwei Personen Platz haben, am Ende weniger als $30 000 kosten. Um die kleine Marge zu finanzieren, will Tesla mit einer Flotte von mehreren Millionen Fahrzeugen starten – das Projekt wird also immer ambitionierter.
Und als wären Millionen Robotaxis nicht schon genug, präsentierte Musk gleich auch noch einen selbstfahrenden Bus namens Robovan, in dem 20 Passagiere Platz finden sollen. Ebenso wie beim Cybercab ähnelt die Verkleidung des Robovans der Edelstahl-Verkleidung des Cybertrucks, mit dem Tesla schon mehrmals technische Scherereien hatte. Etwas am Rande bekam dann auch noch Teslas humanoider Roboter Optimus seinen Auftritt; in den Stunden danach waren auf X, vormals Twitter, zahlreiche Videos von Gesprächen zwischen Anwesenden und Optimus-Modellen zu sehen.
Tesla lässt seine humanoiden Roboter bereits in mehreren seiner Fabriken arbeiten, ab Ende 2025 will man die hauseigenen Robo-Mitarbeiter dann auch an andere Unternehmen vermieten. Aber auch im Alltag von Privatpersonen soll Optimus bald eine große Rolle spielen, wenn es nach Elon Musk geht. Bereits Mitte Juni kündigte Musk an, dass es in einigen Jahren mehrere Milliarden seiner Roboter auf der Welt geben werde. Für Haushalte soll Optimus zum Einzelhandelspreis von $20 000 bis $30 000 zu erwerben sein und damit preislich in derselben Liga spielen wie das Cybercab. In aktive Konkurrenz zur Google-Tochter Waymo will Musk nächstes Jahr in Texas und Kalifornien gehen – allerdings noch nicht mit dem Cybercab, sondern mit umgebauten Fahrzeugen der Modellreihen 3 und Y.
Grünheide feiert – und macht sich große Sorgen
Eine wichtige Rolle bei der Umsetzung von Musks Träumen einer selbstfahrenden Taxi- und Busflotte dürfte auch die deutsche Gigafactory in Grünheide spielen, die spätestens seit dem Brandanschlag politischer Extremisten im März weltbekannt ist. Dort wurde Ende September ein kleines Jubiläum gefeiert: Seit Produktionsbeginn im März 2022 rollten in Brandenburg 400 000 Fahrzeuge vom Band. Allzu rund läuft es in Grünheide aber trotzdem nicht, zuletzt ließ das Werk mit einer Frequenz an Krankmeldungen aufhorchen, die dreimal so hoch ist wie der bundesweite Durchschnitt in vergleichbaren Einrichtungen. Der Personalchef ließ sogar unangekündigte Hausbesuche bei Mitarbeitern durchführen, um Krankmeldungen zu kontrollieren.
Anwesende in Los Angeles durften sich mit mehreren Optimus-Robotern unterhalten und ablichten lassen. Videos von gesprächigen Tesla-Robos gingen in den letzten Stunden auf X viral.
Ähnliche Probleme hat auch der Volkswagen-Konzern, der kürzlich große Entlassungen ankündigte und dafür harsche Kritik erntete. Tesla-Deutschlandchef und Produktionsleiter André Thierig wandte sich im Handelsblatt an seine Mitarbeiter und zog dabei eine Parallele zu VW, dessen Lage gerade „sehr, sehr, sehr dramatisch“ sei. Die Belegschaft der Gigafactory Grünheide warnte Thierig: „Ihr müsst euch jetzt alle die Frage stellen, nicht hier, nicht heute, aber grundsätzlich: Wollt ihr, dass wir auch so einen Weg einschlagen?“ In Grünheide habe man sehr ähnliche Probleme wie beim Volkswagen-Konzern, dem laut Thierig „jedes Jahr durch Produktivitätsverluste 1€ Milliarde entgeht“.
Auch Elon Musk blieb die angespannte Situation in Grünheide nicht verborgen, kürzlich tweetete er auf X in Reaktion auf die überbordenden Krankschreibungen: „Das klingt verrückt. Ich schaue mir das an“. Grünheide bleibt also eine weitere offene Front für Musk, der auch schon die durchwachsenen Reaktionen auf seine Cybercab-Präsentation moderieren muss. Dass er keinen genauen Zeitplan nannte, als es darum ging, wann seine selbstfahrenden Autos tatsächlich konkurrenzfähig werden, enttäuschte viele Anleger. Auch dass Teslas Selbstfahr-Software in vielen US-Bundesstaaten noch Zulassungen braucht und sich Cybercab und Robovan dadurch weiter verzögern könnten, sorgt für Unmut. Musk nimmt es gelassen, schließlich sei Tesla schon längst nicht mehr nur an seinen Autos zu messen. Im April meinte Musk, man solle Tesla vielmehr als „eine KI-Robotik-Firma sehen“.


20 Sitze soll der Robovan haben, zwei das Cybercab. Elon Musks Präsentation verfolgten rund vier Millionen Zuschauer im Livestream auf der Plattform X.
