„Wir glauben, dass der Markt in den nächsten Jahren das Potenzial hat, sich um das Zehnfache zu vergrößern“ – die Wachstumsprognosen von Canopy Growth-CEO David Klein für den deutschen Cannabis-Sektor können sich sehen lassen. Innerhalb von 24 Monaten soll sich der Branchenwert von $500 Millionen auf $2.5 Milliarden verfünffachen, wenn es nach Klein geht. „Der größte Teil“ dieses Booms werde voraussichtlich „über den medizinischen Kanal generiert, was für Canopy kommerzielle Chancen bedeutet“. Konkurrenz bekommt Canopy in dieser Sparte vom Marktführer Tilray, dessen jüngste Geschäftszahlen vor wenigen Tagen allerdings ernüchternd ausfielen. Anders sieht es bei der Cronos Group aus: Der aufstrebende Cannabinoid-Player profitierte im zurückliegenden Geschäftsjahr besonders von Verkäufen nach Deutschland. In Position für die Europa-Expansion bringt sich ebenfalls Curaleaf, aktuell sind die Augen im Cannabis-Sektor aber auf Florida gerichtet: Der südliche Bundesstaat ist einerseits für hohe Umsätze bei medizinischem Cannabis, andererseits aber auch für harte Strafen bei illegalem Konsum bekannt. Nun soll die Freizeitnutzung erlaubt werden – ein nächster Schritt zur Neubewertung auf Bundesebene, die Joe Biden forciert. Damit macht sich der Präsident aber nicht nur Freunde: Behörden und Cannabis-Vertreter warnen vor Schnellschüssen.
Deutschland-Boom: Starke Umsätze bei Cronos und Tilray
Deutschland ist absoluter Vorreiter – zumindest in Sachen Cannabis. Dass die kürzlich erfolgte Legalisierung des pflanzlichen Rauschmittels hierzulande voraussichtlich einen Milliardenmarkt entstehen lässt, ist auch den dominanten Unternehmen der Branche nicht entgangen. Lange schon beobachtet Curaleaf den deutschen Markt, der Vorstandsvorsitzende Boris Jordan bekräftigte kürzlich die großen Pläne der Firma in der Bundesrepublik. Demnach können „die Chancen in Deutschland nicht unterschätzt werden“, neue Kapazitäten für die europäische Expansion wurden durch die Übernahme des kanadischen Cannabis-Produzenten Northern Green Canada (kurz: NGC) geschaffen. NGC vertrieb seine Produkte laut eigener Aussage im letzten Jahr fast ausschließlich im internationalen Markt und ist eines der wenigen kanadischen Cannabis-Unternehmen, die über eine Arzneimittel-Zulassung in der Europäischen Union verfügen und ihre Produkte damit in ganz Europa verkaufen dürfen. Dank der Übernahme geht diese Zulassung nun in den Besitz von Curaleaf über, schon länger war NGC ein wichtiger Lieferant. Verstärken will man nicht nur die Präsenz in Deutschland, sondern auch die eigene Position im britischen und neu entstandenen polnischen Markt für medizinisches Cannabis, in einem offiziellen Statement heißt es: „Durch die Integration des kanadischen Unternehmens kann Curaleaf seine Margen in Europa erheblich steigern und seine globale Reichweite auf die australisch-asiatischen Märkte ausweiten“.
Denn auch in Down Under hat Cannabis Hochkonjunktur. 2016 wurde der Anbau für medizinische und wissenschaftliche Zwecke in Australien erlaubt, Hanf-Lebensmittel mit niedrigem THC-Gehalt erhielten auf Bundesebene ein Jahr später die Freigabe. Davon profitieren weltweit operierende Branchenführer wie die Cronos Group: Im vierten Quartal des letzten Geschäftsjahres setzte der Spezialist für Cannabis-Konsumprodukte fast $24 Millionen um, was einer Steigerung in Höhe von $1.9 Millionen im Vergleich zum Vergleichszeitraum 2022 entspricht. Wie Cronos bekanntgab, war „dieser Anstieg primär durch größere Verkäufe nach Kanada, Deutschland und Australien bedingt“, der zuletzt wieder aufgeflammte Nahost-Konflikt hingegen habe den wichtigen Absatzmarkt Israel geschwächt. An Gewinn blieben im vierten Quartal bei Cronos knapp $2 Millionen übrig. Aufs gesamte Jahr 2023 gerechnet nahm man gut $87 Millionen ein und schrieb knapp $12 Millionen Gewinn. Damit machte man zwar $500 000 mehr Umsatz als 2022, der Profit jedoch ging um $3.5 Millionen zurück. Als Gründe dafür nannte Cronos die geopolitischen Spannungen im Nahen Osten sowie gestiegene Steuern und härtere Konkurrenz in Kanada. Ähnlich ernüchternd waren die Quartalszahlen bei Tilray, wo je Aktie ein Ergebnis von -$0.12 erzielt wurde, Analysten hatten einen deutlich milderen Verlust von -$0.05 prognostiziert. Auch der Umsatz blieb bei Tilray mit $188.3 Millionen unter den Erwartungen von $198.44 Millionen, die nach einem Rekordumsatz von $194 Millionen im vorvergangenen Quartal aber auch sehr hoch angesetzt waren.
Legalisierung in den USA? Canopy Growth in Position
Während die Konkurrenz vor allem aufs europäische Festland schielt, bringt sich Canopy Growth in Stellung, um den Markt in den USA weiter zu erschließen. Anfang des Jahres führte Canopy einen Reverse Split seiner Aktien an der nordamerikanischen Technologiebörse Nasdaq durch. Die Maßnahme schien aus der Not geboren, um ein Delisting wegen zu starken Wertverfalls zu verhindern und kam entsprechend schlecht bei den Anlegern an. Das Blatt scheint sich nun aber zu wenden: Zu Ostern verkündete Canopy, die Aktien ein weiteres Mal zu modifizieren und damit die Stimmrechtsvergabe zu überarbeiten. Um den Vorgaben des nordamerikanischen Marktes zu entsprechen, soll eine zusätzliche Klasse nicht stimmberechtigter Wertpapiere geschaffen werden. Als prominenter Fürsprecher tat sich ausgerechnet der einflussreiche Stimmrechtsberater Institutional Shareholder Services (kurz: ISS) hervor, der nicht nur weltweit große Hedgefonds, sondern auch einen großen Teil der institutionellen Canopy-Anleger berät. Laut ISS sichert die Aktien-Reform Canopy einen wichtigen Marktvorteil in den Vereinigten Staaten. Die notwendige Abstimmung unter den berechtigten Investoren fiel vergangene Woche folglich positiv aus, CEO Klein kommentierte: „Mit dem erfolgreichen Abschluss dieser Aktionärsabstimmung schreitet unsere Strategie voran, Canopys Aktionären ein einzigartiges Engagement auf dem schnell wachsenden US-Cannabismarkt zu bieten.“
Und Kleins Ankündigung war keineswegs leerer Marketing-Sprech. Schließlich scheint Präsident Joe Biden darauf zu setzen, dass ihm die sehr populäre Entkriminalisierung von Cannabis wichtige Stimmen für seine wackelnde Wiederwahl im November einbringen könnte. Entsprechend nachdrücklich forderte Biden die Lebensmittelbehörde der Vereinigten Staaten dazu auf, das Rauschmittel neu zu bewerten. Unterstützung bekommt er dabei von seiner Vizepräsidentin Kamala Harris, die ausdrücklich zur Legalisierung drängt. Aktuell teilt sich Cannabis im Drogenranking der Behörden die gefährlichste Stufe mit Substanzen wie Heroin oder Kokain. In 38 von 50 Provinzen ist Cannabis zum medizinischen Gebrauch erlaubt, in 24 auch im privaten Bereich. Auch Florida dürfte in dieser Runde bald begrüßt werden. Anfang April entschied der Oberste Gerichtshof, dass im November unter den Bürgern des Bundesstaats darüber abgestimmt wird, ob die Freizeitnutzung von Marihuana legalisiert werden soll. Positiv votieren müssten dafür 60 Prozent der Teilnehmer, in vielen Umfragen liegt die Befürwortung deutlich über dieser Marke. Obgleich die legale Cannabis-Industrie in den Vereinigten Staaten schon jetzt mehr als 440 000 Vollzeitjobs schafft, schlägt einer Legalisierung auf Bundesebene weiter Skepsis entgegen. Aus dem nordamerikanischen Parlament wird Biden dafür kritisiert, mit der (potenziell) bald aufgeweichten Bundeslinie zu Cannabis die individuellen Regeln der Bundesstaaten zu kompromittieren, Vertreter der Branche fürchten etwa in New York, dass zu viele neu zugelassene Hanf-Shops den Markt verwässern und schädigen könnten. Für die großen Produzenten freilich wäre eine Legalisierung in den Vereinigten Staaten wohl ein noch stärkerer Boost als die an der Börse ohnehin schon frenetisch gefeierte Zulassung in Deutschland. Wie sich die zuletzt teils stark gestiegenen Aktienkurse von Canopy Growth, der Cronos Group, Tilray und Curaleaf weiter entwickeln, erfahren Sie in unserem Cannabis-Analysepaket.




