Ein Gespenst geht um in den Finanzmärkten, das den Verantwortlichen der Notenbanken ein Schaudern in die Knochen fahren lässt, sobald sie nur daran denken. Es ist die Stagflation, die erneut am Horizont gesichtet worden sein soll. Die Inflation scheint hartnäckiger zu sein als ursprünglich angenommen, die ersten Leitzinssenkungen der FED scheinen in immer weitere Ferne zu rücken. Auch Industrieproduktion konnte bisher wenig beeindrucken und deutet momentan eher auf eine Abkühlung hin. Und auch der Arbeitsmarkt scheint labil. Gleichzeitig steht die Präsidentschaftswahl in den Vereinigten Staaten vor der Tür und damit historisch ein Garant für gute wirtschaftliche Entwicklung. Kommt das Schreckgespenst der Stagflation zurück? Und was passiert dabei eigentlich?
Wenn die Inflation galoppiert
Der Begriff Stagflation ist zusammengesetzt aus den Worten Stagnation und Inflation. Im wirtschaftlichen Sinne bezieht sich eine Stagnation auf eine nicht mehr wachsende Volkswirtschaft und Inflation auf eine Ausdehnung der Geldmenge, aus der wiederum eine Preiserhöhung von Gütern erfolgt. Ein solches Szenario erschien erstmalig in den 1970er Jahren während der sogenannten Ölkrise, als die OPEC-Staaten die Ölförderung im Zuge der Spannungen im Nahen Osten verknappten. Daraufhin stieg der Rohölpreis in den westlichen Industriestaaten enorm an und das wiederum führte zu einer Erhöhung der Energie- und Produktionskosten, was die Inflation beschleunigte. Um in so einer Situation profitabel zu bleiben und nicht durch die Preiserhöhungen im Energiesektor in eine finanzielle Schieflage zu gelangen, müssen die Unternehmer entweder die höheren Preise an die Verbraucher weiterreichen oder die Produktion drosseln.
Das führt bei gleichbleibender Nachfrage zu einer Angebotsverknappung und zieht eine weitere Güterpreiserhöhung nach sich. Unter normalen Umständen würden die Preise nach einer gewissen Zeit abkühlen, da einige Kunden nicht mehr bereit wären, die erhöhten Kosten zu bezahlen. Das hätte zur Folge, dass Produzenten Teile ihrer Belegschaft entlassen müssen. Hieraus erwächst ein negativer, sich selbst verstärkender Effekt, der sich auf die gesamtgesellschaftliche Kaufkraft auswirkt. Denn wenn immer mehr Menschen arbeitslos werden, müssen sie mit immer weniger Geld auskommen, konsumieren also auch weniger. Das wiederum führt dazu, dass weniger produziert wird und eine erneute Entlassungswelle ansteht. Auf der anderen Seite hängt die Lohnentwicklung den steigenden Preisen immer hinterher, die Inflation ist im Supermarkt also schneller als im eigenen Geldbeutel, oder einfach gesagt: Die Preise steigen schneller als das, was man verdient. Das dämmt den Konsum weiter ein. Und wenn weniger gekauft wird, schrumpft auch die Wirtschaft.
Muss sich der Markt wieder bereinigen?
Auf eine abkühlende Wirtschaft pflegen die Notenbanken mit einer Reduktion der Leitzinsen zu reagieren. Je nach Schweregrad der Situation stellen sie mitunter auch direkt Liquidität zur Verfügung, pumpen somit Geld in die Märkte, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Dadurch können frische Investitionen getätigt und neue Arbeitskräfte eingestellt werden. Die Wirtschaft wächst wieder. Aber eben auch die Geldmenge im Umlauf und damit die Inflation. Das geschah zuletzt im größeren Maßstab während des Corona-Crashs. So ein Tool kann aber nicht in jedem Umfeld zielgerichtet genutzt werden, denn wenn die Inflation schon hoch ist, würde ein derartiges Vorgehen diese noch zusätzlich befeuern. Notenbanken sind bei einer Stagflation also dazu verdammt, den Dingen mehr oder weniger ihren Lauf zu lassen, wollen sie keine galoppierende Inflation riskieren. In den 1970ern war die Verknappung fossiler Brennstoffe Auslöser dieses Dilemmas: Die Preise waren hoch, weil Energie und damit Produktion in den unterschiedlichsten Bereichen immer teurer wurde. Gleichzeitig fehlte der Wirtschaft im wahrsten Wortsinn der Treibstoff. Geopolitische Konflikte im Nahen Osten können auch heute noch zu einer solchen Brennstoff-Verknappung führen.
Genau das ist das Problem an der Stagflation. Sie kündigt oftmals eine Rezession an und gilt als Frühindikator. Wenn nämlich keine Liquidität zur Verfügung gestellt werden kann und sich niedrige Leitzinsen ebenso verbieten, löst sich das Problem der sich abschwächenden Wirtschaft erst wieder auf, wenn alle volkswirtschaftlichen Faktoren bereinigt wurden. Soll heißen, bis die Arbeitskräfte aufgrund des hohen Angebots so billig geworden sind, dass es sich für die Produzenten wieder lohnt, neue Leute einzustellen und die Energie- und Rohölpreise wegen der geringen Nachfrage wieder erschwinglich geworden sind. Dazu sind im schlimmsten Fall aber erst ein gesamtwirtschaftlicher Crash und hohe Arbeitslosigkeit nötig. Wenn nun jene Menschen, die wieder neu in Arbeit gekommen sind, abermals zu konsumieren beginnen und somit dem stotternden ökonomischen Motor neues Leben einhauchen, beginnt der Wirtschaftskreislauf wieder zu gesunden. Bis dahin aber muss das buchstäbliche Tal durchschritten werden, weil die verantwortlichen Lenker der Wirtschaft zwischen einer Inflation oder Rezession abwägen müssen. Und dass beides nicht besonders gesund für eine Volkswirtschaft oder ein internationales Wirtschaftssystem ist, hat die Stagflation der 1970er Jahre schon einmal eindrücklich bewiesen.



