Disbelief ist das Wort der Stunde auf Social-Media-Kanälen, die sich mit Bitcoin und Co. beschäftigen. Unglaube also, oder Zweifel. Ende letzter Woche brach Bitcoin zum ersten Mal über 112 000 US-Dollar aus und kletterte kurz darauf über 120 000. Trotzdem hält sich die Euphorie in Grenzen. Short-Positionen werden aufgebaut, das Misstrauen ist groß. Vielerorts wird über einen möglichen Fake-Ausbruch spekuliert und vor allem Altcoin-Investoren können sich über die neuen BTC-Rekorde nicht so recht freuen.
Altcoins machen in diesem Zyklus (noch) keinen Spaß. Ethereum, Solana und vor allem kleine Kryptos hinken hinter BTC hinterher. Wann ändert sich das?
Schließlich hinken kleinere Kryptowährungen seit Monaten dem Bitcoin hinterher. Viele notieren immer noch 50 bis 70 Prozent unter ihrem letzten Allzeithoch. Von einer möglichen Altcoin-Season zu sprechen ist geradezu verpönt. Dabei ist die Altcoin-Schwäche im Verhältnis zu Bitcoin nicht ungewöhnlich. Ähnliche Muster zeigten sich in früheren Bullenmärkten. Wird der Traum von den großen Altcoin-Explosionen am Ende doch noch wahr?
Bitcoin und die Mauer des Zweifels
„Jeder Bullenmarkt klettert die Mauer des Zweifels empor“, lautet ein etwas abgegriffenes, aber populäres Börsensprichwort. Im angloamerikanischen Raum verwendet man den Begriff Wall of Worry und beschreibt damit ein Börsenphänomen, bei dem Aktienkurse trotz vieler negativer Nachrichten oder Unsicherheiten wie Inflation, Zinspolitik oder geopolitischen Krisen weiter steigen. Anleger sind oft vorsichtig oder pessimistisch, investieren aber dennoch kontinuierlich. Diese Skepsis sorgt für eine stabile Nachfrage, da noch viele Investoren am Seitenrand stehen. Sobald Sorgen abnehmen, steigen weitere ein, was Kurse zusätzlich treibt. So erklimmt der Markt buchstäblich eine Wand der Sorgen nach oben.
Bitcoin klettert die Wall of Worry hinauf: Short-Liquidationen ebnen dem Kurs seinen Weg aufwärts. Beginnt jetzt die heiße Phase des Bitcoin-Bullruns?
Genau das sehen wir gerade: Allen geopolitischen und wirtschaftlichen Widrigkeiten zum Trotz haben die US-Aktienmärkte und mit einigen Tagen Verspätung auch der Bitcoin neue Rekordhöhen erreicht. Die Konflikte zwischen Israel und dem Iran oder auch Indien und Pakistan konnten dem Bitcoin-Bullenmarkt ebenso wenig anhaben wie Trumps aggressive Zollpolitik, die ihren zwischenzeitlichen Höhepunkt am Liberation Day Anfang April erreichte.
Nach jeweils kurzen Korrekturen setzte BTC seine Jagd auf immer neue Rekorde jenseits der 100 000-Dollar-Marke fort, brach nun sogar trotz Trumps neuerlicher Ankündigung von 30-prozentigen Strafzöllen gegen Europa und Mexiko über 120 000 US-Dollar aus – und das an einem Wochenende mit geringem Handelsvolumen.
Der Markt ist misstrauisch: Gold (Sicherheit) bleibt stark, Altcoins (Risiko) sind im Vergleich zu Bitcoin schwach. Doch ein Trendwechsel zeichnet sich ab.
Spurlos gingen die Unruhen und Unsicherheiten der letzten Monate dann aber doch nicht am Kryptomarkt vorbei. Während Bitcoin kontinuierlich an der Mauer des Zweifels emporklettert, scheinen Altcoins daran zu zerschellen. Die meisten kleineren Kryptwährungen bräuchten zum aktuellen Zeitpunkt eine Vervielfachung ihres Kurswerts, um überhaupt in die Nähe ihrer letzten Allzeithochs zu kommen. Sogar der Altcoin-Marktführer Ethereum, dessen Spot-ETF an den US-Börsen zuletzt hunderte Millionen Dollar Zuflüsse pro Tag verzeichnete, hat in diesem Zyklus noch kein einziges neues Rekordhoch erreicht.
Die Kletterpartie an der Wand des Zweifels hat für einen aufwärts trendenden Markt zwei zentrale Konsequenzen – eine gute und eine schlechte. Zuerst die gute: Misstrauen gegenüber anhaltenden Anstiegen sorgt dafür, dass der breite Markt regelmäßig davon ausgeht, dass jetzt doch endlich mal ein Top erreicht sein muss und der nächste Bärenmarkt beginnt. Deshalb sammeln sich viele Wetten auf fallende Preise an, also Short-Positionen. Der Kaufdruck, der entsteht, wenn der Kurs einfach weitersteigt und die Liquidationsbereiche dieser Shortpositionen erreicht, befeuert weitere Rallyes.
Es wäre nicht das erste Mal, dass eine abflauende Gold-Rallye den Weg frei macht für einen Krypto-Bullrun. Ein sehr ähnliches Muster war 2021 zu beobachten.
Zur Erinnerung: Ein sogenannter Short-Squeeze entsteht, wenn Short-Positionen zwangsgeschlossen werden, weil der Kurs ihre Stop-Loss-Bereiche anläuft. Wird eine Short-Position geschlossen, muss der Trader dahinter die für den Hebel geliehenen BTC-Bestände zurückkaufen und erzeugt dadurch weitere Nachfrage. Ein solcher Short-Squeeze ist aber nicht die einzige Folge der Wall of Worry. Sind weite Teile des Marktes unsicher, fliehen viele Anleger in vermeintlich sichere Assets. Das war etwa an der Goldpreis-Rallye der vergangenen Monate abzulesen. Im Kryptomarkt gilt Bitcoin als sicherer Hafen. Deshalb bekommt BTC in der Wall-of-Worry-Phase die meiste Liquidität ab, während der Altcoin-Markt regelrecht austrocknet. Genau deshalb stieg die Bitcoin-Dominanz über die vergangenen Monate kontinuierlich an.
Wo bleibt die Altcoin-Season?
Die entscheidende Frage für eine mögliche Altcoin-Season lautet nun: Wie lange hält das Misstrauen an? Wie lange zieht Bitcoin den Großteil der Liquidität auf sich? Oder technischer formuliert: Wie lange steigt die Bitcoin-Dominanz, bevor kleinere Kryptowährungen endlich explosiv nachziehen? Die Antwort auf diese Frage ist ziemlich kompliziert, deshalb haben wir ihr einen ganzen Artikel gewidmet. Ein Blick auf vergangene Bullenmärkte aber verrät: Verläuft dieser Zyklus wie die vorangegangenen Bullruns 2017 und 2021, so ist die Altcoin-Season nur eine Frage der Zeit. Denn die Rotation des Kapitals im Kryptomarkt folgt einem sehr konkreten Prinzip, das sich bisher in jedem Zyklus wiederholt hat und Altcoins zuletzt belohnt.
Altcoins steigen, wenn die Risikofreude im Markt zunimmt und die Liquidität wächst. Aktuell sehen wir bei der globalen Liquidität einen ähnlichen Ausbruch wie 2020.
Wie lange also muss man sich noch gedulden? Den genauen Zeitpunkt, wann die nächste Altcoin-Rallye beginnt, kann niemand seriös prognostizieren. Es gibt aber einige Bedingungen, die erfüllt sein müssen, damit kleine Kryptowährungen explosiv steigen können. Natürlich ist die Ausgangsposition für jeden Altcoin unterschiedlich. Manche Projekte haben stärkere technische Fundamentaldaten aufzuweisen als andere.
Gewisse Blockchain-Protokolle haben weitaus mehr Nutzer als viele ihrer Konkurrenten und generieren darüber Nachfrage für ihre nativen Währungen. Auch das Alter und die Performance in früheren Zyklen ist für künftige Kursgewinne häufig entscheidend. All diese Faktoren müssen vor jedem Investment sorgfältig recherchiert werden.
Fällt die Bitcoin-Dominanz über Monate deutlich, performen Altcoins besser. Die BTC-Dominanz ist ein verzögerter Indikator, andere Kriterien müssen vorher erfüllt sein.
Der Kryptosektor und vor allem der Altcoin-Bereich ist ein Hochrisiko-Markt. Wer hier erfolgreich sein will, muss sich selbst gewissenhaft um die Informationsbeschaffung sorgen. Blind auf Influencer oder andere Meinungsmacher zu hören, kann zu großen oder sogar vollständigen Verlusten führen – selbst, wenn es der favorisierte Krypto-Social-Media-Kanal gut meint. Abgesehen von den individuellen Qualitätskriterien, die für jeden einzelnen Altcoin im eigenen Portfolio klar sein sollten, gibt es zwei übergeordnete Faktoren, die den gesamten Kryptomarkt und dessen Zyklen beeinflussen: Liquidität und Risikofreude.
Sind Liquidität und Risikofreude gering, steigt die Bitcoin-Dominanz, während Altcoins bluten. Folgt die BTC-Dominanz weiterhin dem invertierten Liquiditätsindex (weiß), konnte ihr ein weiterer Anstieg bevorstehen.
Liquidität bezeichnet die Geldmenge im internationalen Umlauf. Ist viel günstiges Geld verfügbar (etwa durch lockere Geldpolitik und niedrige Leitzinsen), so steigt die Nachfrage nach Risiko-Assets wie Kryptowährungen. Das hat nicht nur damit zu tun, dass mehr Geld verfügbar ist, um investiert zu werden, sondern liegt auch daran, dass andere, defensivere Anlagen an Attraktivität verlieren. In Niedrigzinsphasen werfen Staatsanleihen oder Festgeld-Anlagen niedrigere Renditen ab, was Investoren zur Spekulation zwingt, um das eigene Vermögen weiterhin vor Kaufkraftverlust durch Inflation zu schützen.
Ist der Markt bereit für den großen Altcoin-Ausbruch?
Mit wachsender Liquidität steigt quasi automatisch die Risikofreude im breiten Markt. Ganz so einfach ist es in der Praxis zwar nicht, aber diese beiden Dynamiken gehen in der Regel Hand in Hand. Besonders deutlich sichtbar wurde dieses Phänomen im vergangen Bullenmarkt 2021. Als die Corona-Krise im Frühjahr 2020 begann, wurde die Geldpolitik in den USA schlagartig gelockert, die globale Liquidität ging durch die Decke, weil Banken weltweit versuchten, die plötzlich schwache Wirtschaft zu stimulieren. Nahezu simultan dazu erlebten Altcoins ihren bis heute letzten großen Aufschwung.
In den letzten beiden Bullruns wiederholte sich ein Muster: Kurz vor der finalen Bitcoin-Rallye verließen Kleinanleger (blau) den Markt, während Instutionen (violett) weiter akkumulierten. Kurz vor dem Top kam der Retail mit Schwung und Gier zurück. Dann startete jeweils die Altcoin-Season.
Das entgegengesetzte Bild war seit Anfang 2022 zu beobachten: Die Geldpolitik wurde sukzessive gestrafft, die Liquidität im Markt ging kontinuierlich zurück. Gleichzeitig sorgten wirtschaftliche Schwäche, geopolitische Krisen wie der Iran-Israel-Konflikt und Donald Trumps Strafzölle für Unsicherheit. Anleger kauften lieber Gold und Bitcoin als riskantere und volatilere Altcoins, die zusätzlich unter schwindender Liquidität litten. Dadurch stieg auch die Bitcoin-Dominanz stetig an, weil sich BTC verhältnismäßig gut hielt und durch die neuen Spot-ETFs konstante Zuflüsse verzeichnete, während der Rest des Kryptomarktes darben musste.
Diese emotionale Logik könnte sich nun langsam, aber sicher, ins bullische Gegenteil zu verkehren. Die US-Aktienmärkte und Bitcoin haben neue Allzeithochs erreicht, die Aufmerksamkeit kehrt zurück. Die großen geopolitischen Krisen der letzten Monate scheinen ausgestanden – und prompt scheint sich ein Muster zu wiederholen, das in vergangenen Zyklen zu den stärksten Krypto-Rallyes geführt hat: Kleinanleger haben nach der Rallye in Richtung 100 000 Dollar im November letzten Jahres in Scharen den Markt verlassen, während institutionelle Käufer ihre BTC-Bestände aufstocken.
Wiederholt sich die emotionale Logik der letzten Bullruns? Erneut kaufen institutionelle Anleger, während der Retail den Markt verlässt. Jetzt müssen Kleinanleger nur noch mit Schwung zurückkommen.
Nahezu konstant verhielten sich diese beiden Anlegergruppen vor den finalen, steilsten Anstiegen der Bullenmärkte 2017 und 2021. Damals kehrten Kleinanleger erst kurz vor dem Bitcoin-Top überhastet in den Markt zurück. Beim Versuch, trotz fortgeschrittener Bitcoin-Rallye noch große Gewinne zu erzielen, wandten sich private Käufer den volatileren Altcoins zu. Mit diesem frischen Kaufdruck konnten dann auch kleinere Kryptowährungen explosiv nachziehen, womit die voll entfaltete Altcoin-Season begann. Der Bitcoin zog mit seinen starken, finalen Anstiegen das notwendige Interesse der breiten Masse auf den Kryptomarkt, Altcoins profitierten anschließend von der Rückkehr der Kleinanleger.
Zur Hälfte hat sich dieses Muster im aktuellen Zyklus bereits wiederholt, die jüngsten Bitcoin-Anstiege bei gleichzeitig überschaubaren Kursgewinnen im Altcoin-Sektor deuten darauf hin, dass eine Altcoin-Season auch diesmal mit einiger Verzögerung erst beginnen könnte. Sicher ist es freilich nicht, dass Altcoins auch in diesem Zyklus ähnlich raketenhaft performen wie 2017 und 2021. Deshalb versteht sich dieser Text auch nicht als Empfehlung, irgendwelche Assets zu kaufen, zu halten oder zu verkaufen. Kleine Kryptowährungen sind und bleiben Hochrisiko-Investments. Kommt es entgegen aller aktuellen Zweifel aber doch wieder zu einer Altcoin-Season, die diesen Namen auch verdient hat, so wartet fürstlicher Lohn auf alle, die bis dahin durchgehalten haben.




