Bei Bitcoin, Nasdaq und S&P500 bahnt sich etwas an – aber kaum jemand bemerkt es
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Bei Bitcoin, Nasdaq und S&P500 bahnt sich etwas an – aber kaum jemand bemerkt es

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Simeon Koch

Denken Sie mal bitte an die letzte richtig gute Party, die Sie besucht haben. Bei guten Freunden oder der Familie – ein Abend, auf den Sie wochenlang hingefiebert haben. Da gab es vielleicht einen schönen Empfang, gutes Essen, man hat sich gut unterhalten und getanzt. So entwickelte sich der Abend von einem Höhepunkt zum nächsten. Es wird später, die Gläser leerer und die Lider schwerer. Ein toller Abend und ein Haufen schöner Erinnerungen, aber am Ende freut man sich doch auf Ruhe und das eigene Bett. Wenn man sie jetzt fragen würde, Ihre Euphorie im Vorfeld und während dieser Party in einem Diagramm darzustellen, dann sähe diese Kurve bei den meisten Menschen wohl sehr ähnlich aus (vorausgesetzt, man hat sich auf die Party gefreut und am Ende wirklich einen schönen Abend gehabt): Ein paar Wochen vor der Party bekommt man die Einladung und die Vorfreude steigt langsam an. Dann flacht die Kurve wieder etwas ab, weil man andere Dinge im Kopf hat. Kurz vor dem Tag der Feier hat man Stress, weil man sich überlegen muss, was man mitbringt und anzieht. Da fällt die Euphorie nochmal deutlich ab. Kurz bevor die Party startet, schießt die positive Emotion dann aber steil aufwärts und bleibt zu Beginn des Abends hoch, bevor sie mit der einsetzenden Müdigkeit abflacht und mit dem Kater am nächsten Tag komplett in den Keller rauscht.

Startet jetzt die große Party oder der Kater?

Wenn sich das bei Ihnen ungefähr so angefühlt hat, dann herzlichen Glückwunsch! Sie haben soeben die Logik eines Bullenmarktes verstanden. Und das wird Ihnen dabei helfen, die aktuelle Phase beim Bitcoin und den großen nordamerikanischen Indizes zu verstehen. 2008 veröffentlichte der kanadische Wissenschaftler Jean-Paul Rodrigue ein Diagramm, das sich seither als theoretischer Prototyp der Blasenbildung auf den Finanzmärkten etabliert hat. Besondere Aufmerksamkeit bekam Rodrigues Arbeit wenig verwunderlich während der Weltwirtschaftskrise 2008. Der Kanadier versuchte damals, die Psychologie hinter einem Bullenmarkt und einer anschließenden heftigen Korrektur nachzuzeichnen. Und interessanterweise ähnelt Rodrigues Diagramm nicht nur den Kursverläufen während früherer Marktblasen (etwa der Dotcom-Bubble 2001 oder eben der Housing-Bubble 2008), sondern auch unserer emotionalen Party-Achterbahn vom Anfang. In der ersten Phase einer Finanz-Blase, dem sogenannten Take-Off, steigt die Euphorie langsam an. Zu diesem Zeitpunkt flattert die Einladung zur Party ins Haus.

Laut Paul Rodrigues Bubble-Diagramm ereignet sich die Bärenfalle vor der parabolen Anstiegsphase. Wer zu spät zur Party kommt, riskiert einen dicken Kater.

Den kurzfristigen emotionalen Einbruch wegen stressiger Geschenk- und Outfit-Suche markiert Rodgrigues als First Sell off und Bear trap, also Bärenfalle. Wer jetzt aufgibt, der verpasst alles danach. Sollte man die Party wirklich sausen lassen, nur weil es nervig ist, sich nach einer neuen Hose oder einem Geschenk für die Gastgeber umzuschauen? So ähnlich ging es Anfang August einigen Marktteilnehmern – sowohl beim Bitcoin als auch bei den größten Aktien der Vereinigten Staaten oder bei den Giganten des deutschen Leitindex DAX. Sie alle gingen innerhalb weniger Stunden in die Knie, als weltweite Panik ausbrach und die Rezession endgültig einzutreten schien. Viele verließen den Markt aus Angst, der große Crash würde jetzt erst richtig losgehen. Dabei könnte das alles nur eine große Bärenfalle gewesen sein – zumindest, wenn sich Rodrigues Theorie ein weiteres Mal bewahrheitet. Die fulminanten Erholungs-Rallyes im Nasdaq und S&P500, aber auch bei vielen Kryptowährungen sprechen dafür, dass der übergeordnete Aufwärtstrend alles andere als gebrochen ist. Die unangenehme Stressphase nach der anfänglichen Vorfreude (oder auch die Bärenfalle, wenn man es mit Rodrigue hält) scheint vorerst überstanden zu sein. Startet jetzt also die große Party?

Wissen Sie, wann es Zeit ist zu gehen?

Betrachtet man Rodrigues Diagramm, dann wird klar: Die Anlaufphase für eine große Rallye ist um ein Vielfaches länger als der tatsächliche Boom. Zunächst muss der Markt die Stealth- und Awareness-Phase durchlaufen, also jene Perioden, in denen der durchschnittliche Anleger noch in der Bedrückung des letzten Bärenmarktes verweilt, aber sukzessive wieder aufmerksam wird. Je weniger man sich mit dem Markt auseinandersetzt, desto später wird man in der Regel aufmerksam. Das ist wie mit entfernten Bekannten, die über Umwege von der Party erfahren, die man besucht und mitten in der Nacht mit drei Bierflaschen in der Hand vor der Tür stehen. Sie kriegen noch ein bisschen was von der Feier mit, kommen aber genau dann, wenn die Stimmung gerade kippt und die ersten schon nach Hause gehen. Das ist vergleichbar mit dem Ende der Mania-Phase bei Rodrigue. Zu diesem Zeitpunkt ist die Party in vollem Gange, vom Tanzen und Trinken werden die Beine und Glieder der meisten Gäste aber schon schwer. Die tapfersten Stimmungskanonen versuchen noch, ihre Zeitgenossen zurück auf die Tanzfläche zu bringen, so richtig Dynamik gewinnt die Party aber nicht mehr, sondern trudelt so langsam ihrem Ende entgegen.

Erlebt Bitcoin gerade die Bärenfalle? Oder ist der Zyklus schon weiter fortgeschritten?

Diese Phase des Marktes nennt Rodrigue Bull trap, also Bullenfalle: Die Begeisterung flacht ab, manche aber stemmen sich noch gegen den immer offensichtlicheren Abwärtstrend – und haben am Ende den heftigsten Kater, weil sie nochmal extra einen über den Durst getrunken haben (oder um in Rodrigues Bild des Finanzmarktes zu bleiben: weil sie nochmal nachgekauft haben). Von dieser Ernüchterung und der einsetzenden Müdigkeit am Höhepunkt der Party ist aktuell aber nichts zu spüren, ganz im Gegenteil. Das letzte Mal machte sich dieses Gefühl im März breit, besonders im Kryptomarkt. Damals war der Bitcoin schnell auf ein neues Allzeithoch geschossen, kam dann aber nicht mehr voran. Was folgte, war eine monatelange Korrekturphase, in der die Altcoins heftig unter die Räder kamen – ein prototypischer Kater danach. Diese Korrektur scheint aber langsam ein Ende zu finden, besonders die großen Indizes S&P500 und Nasdaq erholten sich von der möglichen Bärenfalle am 5. August überraschend schnell. Funding Rate und Open Interest kühlen ab, so wie es kurz vor einem unerwarteten Ausbruch sein soll. Einmal mehr könnte die Börse machen, was niemand erwartet. Und das hat laut Jean-Paul Rodrigue psychologische Gründe.

Es bahnt sich etwas an – und kaum jemand merkt‘s

Laut Rodrigues Zyklustheorie nutzt das sogenannte Smart Money, also erfahrene Investoren und Insider, die anfängliche Stealth-Phase, in der Kleininvestoren meistens noch ihre Bärenmarkt-Wunden lecken und gar nicht daran denken, wieder einzusteigen. Das Smart Money ist so etwas wie die engsten Freunde, die vor der Party zuerst die Einladung bekommen. Dann kommt der weitere Freundeskreis dran, bei Rodrigue die institutionellen Investoren. Besonders im Kryptomarkt war diese Entwicklung deutlich zu erkennen: erst durch die Zulassung der Bitcoin-ETFs im Januar und dann durch die Genehmigung der Ethereum-Fonds Ende Mai. Unsere Party-Nachtschwärmer kommen erst in der Mania-Phase dazu, also dann, wenn die Party schon auf dem Höhepunkt ist und eigentlich schon langsam zu Ende geht. Auf dem Markt sind das die unerfahrenen Kleinanleger, die dem abfahrenden Zug hinterherrennen und dem Smart Money wiederum als Exit-Liquidität dienen. Weil die große Bärenfalle bei Rodrigue kurz vor dem Start der richtigen Party passiert, bekommen die meisten Kleinanleger diese letzte wichtige Chance vor Beginn der großen Party gar nicht mit. In den großen Indizes und dem Bitcoin scheint sich dieses Muster zu wiederholen – aber kaum jemand bekommt es mit. Kein Wunder, wenn man Jean-Paul Rodrigue glaubt.

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Simeon Koch

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