Anfang allen Inflation-Übels? Die Geschichte des Papiergelds
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Anfang allen Inflation-Übels? Die Geschichte des Papiergelds

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Simeon Koch

Ziemlich genau vor 262 Jahren, am 1. Juli 1762, führte Österreich auf Verfügung von Maria Theresia das Papiergeld ein und markierte damit einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte der Geldwirtschaft. Die Aufteilung der staatlichen Grenzen war im damaligen Europa ganz anders als heute: Österreich war als Reich der Habsburger einer der größten Staaten des Kontinents, büßte aber bereits merklich an Macht ein. Das erste österreichische Papiergeld, bekannt als Banco-Zettel, wurde von der Wiener Stadtbanco, also der städtischen Bank ausgegeben, damit wurde Papiergeld in den österreichischen Gebieten als offizielles Zahlungsmittel eingeführt. Diese Einführung ermöglichte eine einfachere und flexiblere Handhabung von Finanztransaktionen und half, die Wirtschaft in einer Zeit zu stabilisieren, in der Münzgeld oft knapp war. Gleichzeitig legte die Einführung des Papiergelds das Fundament für das heutige Fiat-System.

 

Wer will schon Schatztruhen?

Jahrhundertelang hatten die Habsburger nicht nur über den deutschsprachigen Raum, sondern auch über Teile Spaniens, Italiens und des Balkans geherrscht und darüber hinaus auch Übersee-Kolonien wie Mexiko kontrolliert. Die zivile Schifffahrt entwickelte sich, Reiche und Adelige reisten in ihren Kutschen über den Kontinent, kurz: Die Welt wurde zusehends “kleiner”. Und da war es äußerst unpraktisch, dauernd große Kisten mit Münzen mit sich herumzuschleppen. Gleichzeitig wurde die zentrale Staatsgewalt immer stärker und konnte ihre Geldpolitik effizienter durchsetzen. Der Luxus des gesetzlich wertgesicherten Papiergelds wurde also möglich. Auch in anderen europäischen Ländern begann die Einführung von Papiergeld um diese Zeit. In Schweden hatte die Stockholms Banco bereits 1661 erste Banknoten ausgegeben, die als Vorbild für viele andere Länder dienten. Die ersten Geldscheine waren eigentlich Schuldverschreibungen, die wieder in Münzen getauscht werden konnten. Mit der Zeit aber entwickelten sich diese Schuldscheine zu praktikablem Geld.

In Frankreich wurden während der Regierungszeit Ludwigs XV. im frühen 18. Jahrhundert die sogenannten Billets de Banque (dt.: Banknoten) eingeführt. In England etablierte sich Papiergeld Ende des 17. Jahrhunderts mit der Gründung der Bank of England im Jahr 1694, die Banknoten ausgab, um den Handel und die Staatsfinanzen zu unterstützen. Diese Entwicklungen spiegelten den wachsenden Bedarf nach einem effizienteren Zahlungsmittel wider, das Münzen ergänzte. In Deutschland begann die Einführung von Papiergeld im späten 18. Jahrhundert, als die Kurfürsten von Bayern und Sachsen eigene Banknoten emittierten. Schon einige Jahre zuvor war in einigen deutschen Fürstentümern mit Geldscheinen experimentiert worden, durchgesetzt hatte sich die neue Form der Zahlungsmittel aber nicht. Der endgültige Durchbruch kam erst im 19. Jahrhundert mit der Gründung der Preußischen Bank im Jahr 1847, die das Papiergeldsystem im deutschen Raum weiter etablierte.

 

Mit dem Papier kommt die Inflation

In den Vereinigten Staaten wurde Papiergeld während des Unabhängigkeitskrieges 1775 eingeführt, um die Kriegskosten zu decken. Diese sogenannten Continental Currency verloren jedoch schnell an Wert – ein erster Vorgeschmack auf die Inflation, die spätere Fiat-Währungen ereilen sollte. Erst mit der Schaffung eines stabileren Bankensystems im 19. Jahrhundert, insbesondere durch den National Banking Act von 1863, konnte Papiergeld zu einem vertrauenswürdigen Zahlungsmittel werden. Die Einführung von Papiergeld erfolgte hauptsächlich aus praktischen Gründen: Münzgeld war schwer, unhandlich und oft knapp. Papiergeld erleichterte den Handel und ermöglichte es Regierungen, Kriege zu finanzieren und wirtschaftliche Krisen zu überbrücken. Es legte den Grundstein für das heutige Fiat-Geldsystem, da der Wert des Papiergeldes auf dem Vertrauen der Nutzer und der Regulierung durch die ausgebende Regierung beruhte, ähnlich wie es bei Fiat-Währungen der Fall ist.

Heute sind Papiergeld und Fiat-Währungen eng miteinander verbunden, da beide Systeme auf Vertrauen und gesetzlicher Akzeptanz basieren, ohne durch physische Güter gedeckt zu sein. Die meisten großen Währungen der heutigen Zeit wie der Euro, der US-Dollar oder der japanische Yen sind Fiat-Währungen. Das sind Währungen, die keinen inneren Wert haben und nicht durch physische Güter wie Gold oder Silber gedeckt sind. Ihr Wert basiert auf dem Vertrauen und der Akzeptanz der Gemeinschaft sowie auf der Autorität der Regierung, die sie herausgibt. Diese Art von Währung ist legal als Zahlungsmittel anerkannt und wird vom Staat zur Erfüllung von Verbindlichkeiten vorgeschrieben. Man kann also nicht einfach seine eigenen Münzen oder Scheine drucken und damit dann Waren oder Dienstleistungen beanspruchen. Das erscheint uns selbstverständlich, muss aber gesetzlich geregelt sein.

 

Was ist eigentlich Fiat-Geld?

Der Begriff Fiat stammt aus dem Lateinischen und bedeutet es werde, was darauf hinweist, dass der Wert der Währung durch Regierungsdekret bestimmt wird und Staaten ihr Geld einfach erschaffen können, ohne es an Rohstoffe binden zu müssen. Fiat-Währungen ermöglichen eine flexiblere Geldpolitik, da Regierungen und Zentralbanken die Geldmenge steuern können, um wirtschaftliche Ziele wie Inflation oder Arbeitslosigkeit zu beeinflussen. Wenn man viele Schulden aufnehmen muss – etwa, um die Wirtschaft anzukurbeln oder Kriege zu finanzieren –, ist es äußerst praktisch, das eigene Geld selbst drucken zu können. Welche Gefahren dabei lauern, erlebte Deutschland in der Zeit der Weimarer Republik: Um die Reparationen, also die Strafen für die Kriegsverwüstungen an die ehemaligen Gegner des Ersten Weltkriegs bezahlen zu können, schmiss die junge deutsche Republik die Gelddrucker an. Irgendwann war das Geld so wenig wert, dass Eier Milliarden Deutsche Mark kosteten und Leute ihr Papiergeld mit Schubkarren zu den Läden fahren mussten.

Die Folge war, dass kaum jemand das Geld noch annehmen wollte – schließlich verlor es buchstäblich im Minutentakt an Wert. Eine Tauschwirtschaft entstand, die öffentliche Ordnung war in Gefahr und das Bankensystem sowieso. Mit dem Geldmonopol brach dem deutschen Staat eine der wichtigsten Säulen seiner Macht weg, die wirtschaftliche und politische Krise war perfekt. Die Hochzeit der Fiat-Währungen kam aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Vor dieser Zeit waren viele Währungen durch Gold gedeckt, ein System, das als Goldstandard bekannt ist. Der Übergang zu Fiat-Währungen wurde maßgeblich durch die Einführung des Bretton-Woods-Systems im Jahr 1944 beeinflusst. Dieses internationale Abkommen etablierte den US-Dollar als Leitwährung, die durch Gold gedeckt war, während andere Währungen an den Dollar gebunden wurden. Das System zielte darauf ab, stabile Wechselkurse zu fördern und den internationalen Handel zu erleichtern.

 

Inflation und Geopolitik: Sind Fiat-Währungen out?

Allerdings stellte sich heraus, dass dieses System langfristig nicht nachhaltig war, da es die Flexibilität der nationalen Geldpolitik einschränkte und Ungleichgewichte im internationalen Handel verursachte. Im Jahr 1971 beendete der nordamerikanische Präsident Richard Nixon das Bretton-Woods-System, indem er die Konvertibilität des Dollars in Gold aufhob. Dies markierte den endgültigen Übergang zu einem System reiner Fiat-Währungen, in dem der Wert des Geldes durch Angebot und Nachfrage sowie durch das Vertrauen in die Regierung bestimmt wird. Der Nixon-Schock, wie dieser Schritt genannt wird, führte zu einer Ära flexibler Wechselkurse, in der Währungen frei gegeneinander schwanken konnten. Gleichzeitig führten sie zu globalen wirtschaftlichen Verwerfungen, die in die Stagflation der 1970er Jahre mündete. Dennoch haben sich Fiat-Währungen als globaler Standard etabliert. Sie ermöglichen es Regierungen und Zentralbanken, schnell auf wirtschaftliche Veränderungen zu reagieren.

Gleichzeitig bergen Fiat-Währungen auch das Risiko von starker Inflation, wenn die Geldmenge nicht sorgfältig kontrolliert wird. Zu beobachten war das an der plötzlichen Ausweitung der Geldmenge während der Corona-Krise. Die aktuellen Zinsdiskussionen der nordamerikanischen Zentralbank Federal Reserve (kurz: Fed) wurzeln in genau diesem Problem. Und all das geht zurück auf den 1. Juli des Jahres 1762, als Maria Theresia in Österreich das erste Papiergeld Zentraleuropas einführte. Papiergeld ermöglichte die Einführung von Fiat-Währungen, weil es die Grundlage für ein Geldsystem schuf, das auf Vertrauen und staatlicher Autorität basiert, anstatt auf dem intrinsischen Wert physischer Güter. Mit Papiergeld wurde es möglich, den Wert einer Währung durch ein Regierungsdekret zu bestimmen, unabhängig von der Deckung durch Edelmetalle wie Gold oder Silber. Wegen geopolitischer Unsicherheiten und wirtschaftlicher Konkurrenz könnte der Trend heute aber wieder zurück zu rohstoffgedeckten Währungen gehen: Unter der Ägide von China planen die BRICS-Staaten, goldbesicherte Zahlungsmittel auszugeben.

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Simeon Koch

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