Das Wichtigste in Kürze
- Der Yen steigt rasant und setzt den gigantischen Carry Trade unter Druck.
- Plötzlich ist eine Lebensader des jahrzehntelangen Aktien-Booms in Gefahr.
- Trotzdem drängen die USA Japan auf höhere Zinsen und einen stärkeren Yen.
Guten Morgen!
Der japanische Yen ist innerhalb einer Woche um rund 4.5 Prozent gestiegen und notiert bei gut 150 Yen je Dollar. Gleichzeitig wird eine Zinserhöhung der Bank of Japan auf 1.25 Prozent am 18. September erwartet. Die Märkte zittern. Denn ein teurer Yen drückt einer der wichtigsten Lebensadern des Aktienbooms der letzten Jahrzehnte die Luft ab. Und ausgerechnet US-Finanzminister Scott Bessent treibt dieses gefährliche Spiel mit Nachdruck voran. Aber warum eigentlich dieses Vabanque-Spiel?
Der (starke) Yen wird zum Problem für die Weltmärkte
Aber warum hängt die Weltwirtschaft eigentlich am Tropf des billigen japanischen Geldes? Der Mechanismus dahinter heißt Carry Trade. Anleger leihen sich Yen zu niedrigen Zinsen und investieren das Geld anschließend in höher verzinste Währungen und Vermögenswerte. Solange der Yen schwach bleibt, ist das ein äußerst attraktives Geschäft: Die Finanzierung kostet wenig, während (ausländische) Aktien, Anleihen oder andere Anlagen höhere Renditen abwerfen.
Ein starker Yen ist eine schwere Hypothek für den globalen Aktienmarkt. Schuld daran ist der Carry Trade. Was, wenn jetzt Billionen Dollar nach Japan zurückfließen?
Doch wenn Japan die Zinsen erhöht und der Yen gleichzeitig steigt, verändert sich die Rechnung. Anleger müssen ihre Yen-Kredite in einer teurer gewordenen Währung zurückzahlen. Das kann sie dazu zwingen, ausländische Anlagen zu verkaufen, die Erlöse in Yen umzutauschen und ihre Kredite zurückzuführen. Dadurch steigt die Nachfrage nach Yen – was den Yen weiter stärkt. Eine Kaskade aus Yen-Käufen auf der einen und möglichen Aktienverkäufen auf der anderen Seite.
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Genau dieser Prozess läuft offenbar bereits an. Der Yen hat sich seit Anfang September von rund 160 auf zeitweise 152.89 Yen je Dollar verteuert. Das bedeutet: Musste man vor einer Woche noch 160 Yen für einen Dollar zahlen, sind es jetzt nur noch knapp über 150; der Yen wird also stärker. Die Dimension des Problems ist gewaltig. Laut einer Analyse von Jefferies und BIS erreichte die grenzüberschreitende Yen-Verschuldung im März rund 360 Billionen Yen – umgerechnet etwa 2.35 Billionen Dollar.
2.35 Billionen Dollar: Warum die USA Öl ins Feuer gießen
Welche Folgen allein die Angst vor einem Kollaps des Carry-Trade-Systems haben kann, zeigte sich bereits im Sommer 2024. Damals führte eine unerwartete Straffung der japanischen Geldpolitik zu heftigen Turbulenzen an den internationalen Aktienmärkten. Diesmal sind die Anleger zwar besser vorbereitet. Eine Zinserhöhung im September ist weitgehend eingepreist. Doch der Markt muss nun damit rechnen, dass die BoJ anschließend schneller weiter erhöht.
Die USA spielen mit dem Yen-Feuer. Aber warum eigentlich? Und kann diese gefährliche Wette aufgehen?
Trotz dieser Gefahr erhält die BoJ Rückendeckung aus den USA, wo Finanzminister Scott Bessent auf eine Straffung der japanischen Geldpolitik drängt. Was zunächst widersprüchlich klingt, folgt einem klaren Kalkül: Bessent drängt auf einen stärkeren Yen, um den amerikanischen Staatsanleihemarkt vor unkontrollierten Verkäufen zu schützen.
Als großer Gläubiger von US-Schulden müsste Japan bei anhaltender Währungsschwäche seine Devisenreserven liquidieren, um den Yen zu stützen. Ein plötzlicher Massenverkauf von Treasuries würde US-Anleiherenditen deutlich nach oben treiben, was die Staatskasse gefährlich belastet. Bessent nimmt kurzfristige Marktturbulenzen in Kauf, um dieses größere Risiko abzuwenden.
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Zudem deckt sich Bessents Kurs mit der übergeordneten Handelsagenda der Trump-Administration. Ein künstlich unterbewerteter Yen verschafft Japans Exportwirtschaft Wettbewerbsvorteile und vergrößert das US-Handelsdefizit. Indem er Tokio verbal zu Zinserhöhungen drängt, will der ehemalige Hedgefonds-Manager den überdimensionierten Carry Trade kontrolliert abbauen. Bessent setzt dabei auf ein schrittweises Zurückfahren der Positionen, um größere Verwerfungen an den globalen Finanzmärkten zu verhindern.
Japan dreht den Geldhahn zu – was macht die Börse?
Die Bank of Japan dürfte im September zunächst vorsichtig vorgehen und den Leitzins (der schon jetzt auf 35-Jahres-Hoch steht) um 25 Basispunkte auf 1.25 Prozent erhöhen. Doch entscheidend ist, was danach kommt. Mehrere Signale deuten darauf hin, dass die Notenbank künftig schneller vorgehen könnte. Angeblich soll die Bank of Japan in Erwägung ziehen, künftig einmal im Quartal ihre Zinsen anzuheben. Der Anleihemarkt reagiert: Die zehnjährige japanische Staatsanleihe rentiert so hoch wie seit rund 30 Jahren nicht mehr.
Was passiert, wenn die Bank of Japan ihre geldpolitische Straffung beschleunigt? Für den 18. September wird die nächste Zinserhöhung bereits mit 97 Prozent erwartet.
Damit entsteht erstmals seit langer Zeit wieder eine ernsthafte Alternative zum Kapitalexport. Japanische Anleger müssen ihr Geld nicht mehr zwangsläufig ins Ausland schicken, um Rendite zu erzielen. Und internationale Anleger müssen sich fragen, ob es weiterhin sinnvoll ist, sich in Yen zu verschulden, wenn die Finanzierungskosten steigen und gleichzeitig weitere Yen-Aufwertungen drohen.
Am japanischen Aktienmarkt zeigt sich bereits, wie Kapital ins Land zurückfließt. Seit März 2025 hat der japanische Leitindex rund 115 Prozent zugelegt, zeitweise waren es sogar mehr als 140 Prozent. Der Nikkei notiert heute knapp ein Prozent im Minus bei rund 65 450 Punkten und damit etwa elf Prozent unter seinem Allzeithoch von mehr als 73 700 Punkten Ende Juni.
Auch die westlichen Märkte können sich dieser Entwicklung nicht vollständig entziehen. Der S&P 500 hält sich weiter knapp über 7 700 Punkten, während der Nasdaq-100 nach dem gestrigen Labor Day nahezu unverändert bei gut 29 500 Punkten steht. Gleichzeitig treiben neue Drohungen zwischen den USA und Iran den WTI-Ölpreis um rund 2.6 Prozent auf knapp 94 Dollar. Gold bei etwa 4 450 Dollar je Unze und Bitcoin bei rund 78 400 Dollar geraten dagegen unter Druck.
HKCM-Gewinner und -Verlierer
Wertsteigerung am vergangenen Handelstag in Prozent
| Marvell | +7.05 |
| Hut 8 Corp. | +6.19 |
| Micron Technology | +6.10 |
| Adobe | -6.73 |
| Nabtesco | -6.06 |
| Tesla | -5.92 |
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