Nach Jahren erbitterten Widerstands scheint die nordamerikanische Börsenaufsicht (SEC) kurz davor zu stehen, den ersten Bitcoin-Spot-ETF in der US-Geschichte zu genehmigen. Gleich 13 Antragssteller reißen sich um die Freigabe des Handels mit den BTC-Anteilsscheinen, die wilden Spekulation darüber, welche Auswirkungen ein Bitcoin-Spot-ETF mit sich bringen würde, schwappen vom Krypto-Space hinüber in die traditionelle Wirtschaft, mehr dazu lesen Sie in unserem zugehörigen Artikel: Was passiert, wenn der Bitcoin-ETF zugelassen wird?.
Aus spieltheoretischer Perspektive käme eine Zulassung alles andere als überraschend. Denn laut der Theorie der disruptiven Innovation von Clayton Christensen, der an der Harvard Business School lehrte, muss das dominante System eine solche technologische Innovation übernehmen und selbst in den Mainstream befördern, um nicht von ihr überrumpelt und eliminiert zu werden. In aller Ausführlichkeit haben wir die Theorie im ersten Teil dieser Miniserie erklärt. Ein gutes Beispiel ist das iPhone von Apple: Es kam auf den Markt und wurde vom damals dominanten Smartphone-Unternehmen Blackberry nur belächelt. Es galt als Spielerei für Nerds ohne wirkliche Anwendung im professionellen Bereich.
Was Blackberry unterschätzte, war das sogenannte Innovator’s dilemma, ein von Clayton Christensen postulierter wirtschaftstheoretischer Mechanismus, der gemeinsam mit einer disruptiven Innovation auftritt: Die neue Technologie, in diesem Fall das iPhone, ist der dominanten Technologie, in diesem Fall den Smartphones von Blackberry, in entscheidenden Punkten unterlegen. Es zu kopieren, würde für den Marktführer die Gefahr bedeuten, das eigene Produkt und damit den eigenen Markt zugrunde zu richten. Deshalb kann sich die disruptive Innovation im Windschatten des etablierten Produkts entwickeln und es beizeiten überflügeln, ohne dass sich das nunmehr ausgebootete, ehemals dominante System dagegen wehren könnte.
In diesem zweiten Teil unserer Miniserie über Spieltheorie beim Bitcoin-ETF erklären wir, warum Bitcoin eine disruptive Innovation ist und warum die SEC die Spot-ETFs zulassen muss, um sein revolutionäres Potenzial unter Kontrolle zu bekommen. Eins vorweg: Die effektivste Strategie gegen eine disruptive Innovation ist, sie für sich selbst anwendbar zu machen – sie also selbst zu übernehmen, bevor sie zum Überholmanöver ansetzt. Und dafür ist der Spot-ETF notwendig. Denn erst durch ihn wird Bitcoin für die breite Wirtschaft und das Bankensystem nutzbar.
Warum ist Bitcoin eine disruptive Innovation?
Das Credo eingefleischter Bitcoin-Anhänger lautet: Die Krypto-Leitwährung geht dem Banken- und Geldsystem, auch als Fiat-System bezeichnet, an den Kragen. Aus spieltheoretischer Sicht muss man diese polemische Argumentation aufdröseln, denn auch in ihr steckt ein wahrer Kern. Bitcoin besitzt disruptives Potenzial, denn er macht wichtige Dinge besser als das traditionelle Währungs- und Bankensystem, kann aber nicht ohne Weiteres von etablierten Finanzinstitutionen übernommen werden. Und das könnte ihn auf lange Sicht für das etablierte System gefährlich machen.
Bitcoin ist dezentral, resistent gegen politischen Einfluss und Zensur. Er ist anonym und vor allem deflationär, das genaue Gegenteil von allen Landeswährungen dieser Welt. Das ist gut für Einzelpersonen, die nicht mehr unter Inflation leiden, bei ihren Transaktionen nicht überwacht oder eingeschränkt werden wollen – etwa, indem ein Bankkonto eingefroren wird. Die erste Anforderung für eine disruptive Innovation, eine entscheidende Verbesserung zum bestehenden System, ist damit gegeben. Für die Mächtigen unseres Geldsystems ist Bitcoin aber alles andere als ein Upgrade.
Die genannten Vorteile für Einzelpersonen sind für große Institutionen der Politik und Wirtschaft ein Problem. Sie machen Bitcoin dysfunktional, also nicht verwendbar für Banken, Staaten und unsere ganze Wirtschaft, die auf Schulden und Inflation aufbaut. Eine Zentralbank muss Kontrolle über ihr eigenes Geld haben, muss es drucken und einfrieren können. Ein Staat will seine Bürger disziplinieren und vor allem sein eigenes Geld haben, also autark sein. Das ist keine Deep State-Verschwörungstheorie, sondern das kleine Einmaleins der politikwissenschaftlichen Staatstheorie. Und Bitcoin ist der Albtraum für jede dieser wirtschaftlichen und politischen Großmachtfantasien.
Aber auch für private Anwender, denen Satoshi Nakamoto Freiheit und Selbstbestimmung schenken wollte, hat der Bitcoin einige Schwächen. Selbstverwahrung auf einer Hardware-Wallet, teure Transaktionen auf der Blockchain oder sogar Mining sind nicht jedermanns Sache. Sie erfordern technische Kenntnisse, auch deshalb hat sich der Bitcoin mit der Massenadaption bisher schwergetan und ist streng genommen immer noch ein Nischenphänomen, das bisher niemand als ernsthafte Gefahr für das Fiat-System wahrnimmt.
Wie stoppt man eine disruptive Innovation?
Bitcoin passt also verblüffend gut in das Konzept der disruptiven Innovation. Und Clayton Christensen hat in seiner Theorie ein zentrales Gesetz aufgestellt: Wenn etablierte Marktteilnehmer die disruptive Innovation früh genug erkennen und in ihr eigenes System integrieren, verliert die Technologie ihr disruptives Potenzial – sie wird also buchstäblich gezähmt. Hätte Blackberry rechtzeitig ein Handy wie das iPhone auf den Markt gebracht, wäre es heute noch ein Weltkonzern. Apples Idee wäre zwar bahnbrechend gewesen, aber eben nicht disruptiv. Sie hätte Blackberry nicht verdrängt. Dafür hätte Blackberry alles über den Haufen werfen müssen, wofür es stand. Und das macht man nicht so einfach.
Das Fiat-System erlebt gerade seinen iPhone-Moment. Und deshalb wirft nun eben die SEC alles über den Haufen, wofür sie stand. Bitcoin wird groß, daran bestehen auch bei der Börsenaufsicht mittlerweile keine Zweifel mehr. Und damit Bitcoin nach den Regeln der Fiat-Welt spielt, muss die SEC jetzt in den sauren Apfel beißen und den Spot-ETF zulassen. Denn damit könnte der Bitcoin verlieren, was ihn zur disruptiven Innovation macht, die das Fiat-System ausrangieren könnte. Der wichtigste Gedanke dabei: Wenn man den Handel von Bitcoin auf der Blockchain nicht kontrollieren kann, muss man ihn eben in Form von ETF-Anteilsscheinen auf traditionelle Börsen verschieben.
Bitcoin, Stablecoins und Kryptobörsen – drei Fliegen mit einer Klappe?
Wird er künftig hauptsächlich über den Spot-ETF gehandelt, verlöre Bitcoin einen signifikanten Teil seiner Dezentralität. Das Gros der Transaktionen würde dann über Vermögensverwalter wie BlackRock laufen, die dafür einen beträchtlichen Teil des gesamten Bitcoin-Bestands halten, also quasi einfrieren müssten. Die ausgegebenen ETF-Anteile könnten jederzeit nachverfolgt, kontrolliert oder staatlicher Zensur unterworfen werden. Kunden müssten sich registrieren, um an Börsen zu handeln, Anonymität und Zensurresistenz würden also deutlich eingeschränkt.
Läuft ein Großteil des Bitcoin-Handels über ETFs, werden außerdem Krypto-Börsen ausgehungert, die der SEC sowieso ein Dorn im Auge sind. Und auch Stablecoin-Anbieter wie Tether oder Circle, die man in Regierungskreise lieber heute als morgen von der Bildfläche verschwinden ließe, würden dadurch geschwächt. Ein Spot-ETF wird in US-Dollar gehandelt, das schwächt Emittenten von Äquivalenten wie eben Tether mit seinem USDT-Stablecoin und stärkt gleichzeitig die Währung der Vereinigten Staaten, da Bitcoin noch fester an den Dollar gebunden wird.
Mit der Zulassung eines Bitcoin-ETFs könnte die SEC also sprichwörtlich drei Fliegen mit einer Klappe schlagen und sowohl Bitcoin und Stablecoins als auch Kryptobörsen ausstechen. Hiervon sind Börsen ausgenommen, die als Verwahrer in den ETF-Anträgen geführt werden, also die Bitcoin-Bestände der ETF-Anbieter halten sollen. Im Moment deutet alles darauf hin, dass der Löwenanteil der in ETFs hinterlegten Bitcoins künftig auf Coinbase verwahrt werden soll. Allerdings wäre Coinbase in diesem Fall gezwungen, der SEC und anderen staatlichen Behörden weitreichende Zugeständnisse in Sachen Kontrolle zu machen, was die Autonomie der größten Kryptobörse mit Hauptsitz in den USA stark einschränken würde.
Was ist mit BlackRock und Co.?
Die Zulassung eines ETFs kommt aber nicht nur den politischen Vertretern des Fiat-Systems, sondern insbesondere auch Vermögensverwaltern wie BlackRock zugute – und das nicht nur, weil sie massig Gebühren kassieren können, sobald sie hochoffiziell ETF-Anteile am Bitcoin verkaufen. Satoshi Nakamotos Idee hinter Bitcoin gefährdet nämlich auch solche Unternehmen akut – und umso gelegener kommt es BlackRock und Co., wenn das disruptive Potenzial von Bitcoin eingedämmt wird. Eine wichtige Rolle in den Erwägungen der SEC zum Bitcoin-ETF und im damit einhergehenden spieltheoretischen Modell spielen auch private (Klein-) Anleger wie Sie und ich (an dieser Stelle der Disclaimer: Ja, auch ich bin in Bitcoin investiert).
Im dritten und letzten Teil dieser Miniserie erklären wir die Funktion dieser letzten beiden Spielsteine in der großen Spekulation rund um die Zulassung des Bitcoin-Spot-ETFs. In der Zwischenzeit sind alle unsere analytischen Erkenntnisse zur vergangenen und künftigen Entwicklung des Bitcoin-Kurses in unserem Krypto-Paket verfügbar.




