Zinsen, Meme Coins, Sommerloch: Warum Altcoins gerade dumpen
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Zinsen, Meme Coins, Sommerloch: Warum Altcoins gerade dumpen

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Simeon Koch

Frage an den Altcoin-Sektor: „Wie lang willst du abverkaufen?“ Und der Altcoin-Sektor so: „Ja!“ – so oder so ähnlich fühlen sich viele Krypto-Investoren in den letzten Wochen. Selbst renommierte Altcoin-Projekte verloren Dutzende Prozent an Kurswert, die Stimmung in der Community scheint mindestens ebenso weit im Keller zu sein wie die meisten Portfolios. Dabei sind starke Korrekturen im Verlauf eines Bullenmarktes keine Seltenheit, ganz im Gegenteil: Im Gegensatz zu früheren Zyklen, die von teils dramatischen Zwischenkorrekturen geprägt waren, hält sich die Leitwährung Bitcoin tapfer in der Nähe seines jüngsten Allzeithochs. Warum aber werden die Altcoins trotz dieser Bitcoin-Stärke aktuell so stark abverkauft? Die Antwort ist gar nicht so kompliziert und muss drei wichtige Faktoren berücksichtigen: die Psychologie der Anleger, die globale Geldpolitik und die Altcoins selbst. Ein Ende dieser Korrektur ist aber abzusehen – und könnte früher kommen als viele denken.

 

Warum hohe Zinsen den Altcoins schaden

Altcoins jeder Größenordnung korrigieren derzeit stark – und der offensichtlichste Katalysator dafür ist die Enttäuschung nach der letzten Zinssitzung der nordamerikanischen Notenbank Federal Reserve (kurz: Fed). Vergangenen Mittwoch teilte der Fed-Vorsitzende Jerome Powell mit, dass die Fed die geplanten Leitzinssenkungen trotz verbesserter Inflationszahlen weiter aufschiebe. Damit dehnt sich eine der längsten Hochzinsphasen der jüngeren Wirtschaftsgeschichte weiter aus. Die hohen Zinsen reduzieren die Liquidität im Markt, Investoren bevorzugen aktuell sichere und zinstragende Anlagen wie Staatsanleihen wegen aktuell hoher Rendite. Diese Reduktion der verfügbaren Liquidität trifft Risiko-Assets wie Altcoins besonders hart, da weniger Kapital für spekulative Investitionen zur Verfügung steht und konservative Anlageformen dank hoher Zinsen beträchtliche Profite abwerfen. Weniger Liquidität bedeutet weniger institutionelle Nachfrage, was die Preise von Altcoins weiter sinken lässt.

Aktien und Kryptowährungen mit kleiner Marktkapitalisierung, auch Risiko-Assets genannt, leiden in Marktphasen mit hohen Zinsen und einem starken US-Dollar aus mehreren Gründen. Hohe Zinsen erhöhen die Kapitalkosten für Unternehmen, da die Finanzierung durch Kredite teurer wird. Besonders kleinere Unternehmen und Start-ups, die auf Fremdkapital angewiesen sind, sind davon betroffen. Diese höheren Kosten schmälern ihre Gewinne und verringern die Attraktivität ihrer Aktien. Gleichzeitig führen höhere Zinsen dazu, dass festverzinsliche Anlagen wie Staatsanleihen attraktiver werden. Investoren schichten ihr Kapital von riskanteren Anlagen wie Aktien kleinerer Unternehmen oder Kryptowährungen in sicherere Anlagen um, was zu sinkender Nachfrage und fallenden Preisen bei Risiko-Assets führt. Zentralbanken erhöhen die Zinsen, um die Inflation zu kontrollieren und das Wirtschaftswachstum zu steuern, was die Attraktivität von festverzinslichen Anlagen weiter steigert.

 

Der Altcoin-Sektor stellt sich selbst ein Bein

Ein starker US-Dollar verstärkt diesen Effekt. Viele kleinere Unternehmen und Krypto-Projekte operieren global und generieren Einnahmen in verschiedenen Währungen. Wenn der Dollar stark ist, sind ihre im Ausland erzielten Gewinne weniger wert, wenn sie in US-Dollar umgerechnet werden. Dies verringert ihre Einnahmen und schränkt ihre Fähigkeit ein, Schulden zu bedienen und Investitionen zu tätigen. Zudem führt ein starker Dollar oft zu Kapitalabflüssen aus Schwellenländern, die oft Investitionsziele für kleinere, wachstumsorientierte Unternehmen sind. Diese Abflüsse verringern die Liquidität und erschweren die Finanzierung weiterer Projekte. Der Zusammenhang zwischen einem starken US-Dollar und hohen Zinsen lässt sich durch die Anziehungskraft höherer Zinsen auf internationale Investoren erklären. Höhere Zinssätze in den USA machen Dollar-denominierte Anlagen, insbesondere Staatsanleihen, attraktiver, was zu einem Zufluss von Kapital in den nordamerikanischen Markt führt. Dies erhöht die Nachfrage nach dem US-Dollar und treibt seinen Wert nach oben.

Ein weiterer Grund für die starke Korrektur bei Altcoins ist die Flut neuer Kryptowährungen, die in den letzten Wochen auf den Markt gekommen sind. Von Ende April bis Mitte Mai wurden mehr als eine Million neuer Token auf verschiedenen Blockchains gelauncht, in den letzten vier Wochen waren es allein auf Solana mehr als eine halbe Million neue Projekte. Dabei handelt es sich in den meisten Fällen um Meme Coins ohne technische Anwendungsmöglichkeit. Darunter sind aber auch prominente Namen wie die DePin-Plattformen io.net und Aethir. Diese neuen Projekte kämpfen um die ohnehin knappe Liquidität und bringen Investoren dazu, ihre finanziellen Mittel auf viele verschiedene Assets zu verteilen oder schnell von Coin zu Coin zu flippen. Dies führt zu einer Verwässerung des Kapitals, das in den etablierten Altcoins investiert wird, und verstärkt den Preisverfall. Die Vielzahl neuer Projekte macht es den Investoren schwer, die vielversprechendsten herauszufiltern, was zu Unsicherheit und geringerer Bereitschaft führt, in Altcoins zu investieren. Der dünne Markt wird dadurch weiter belastet und die Kurse der Altcoins bluten aus.

 

Wann endet das Sommerloch?

Die aktuelle Marktschwäche im Krypto-Sektor spiegelt zuletzt auch die finanzielle Tristesse des Sommerlochs auf den Finanzmärkten wider. Viele Investoren scheinen sich gerade an die alte Börsenweisheit Sell in May and go away zu halten: Historisch tendieren Anleger besonders in den Sommermonaten dazu, ihre Investitionen zurückzufahren. Dadurch fehlt dem Markt die Liquidität, Kaufkraft fehlt und Kurs leiden. Abverkäufe haben in derart dünnen Marktphasen umso gravierendere Folgen, weil abgestoßene Altcoins nicht so schnell aufgekauft werden können wie in Hype-Phasen. Kleininvestoren konzentrieren sich aktuell primär auf den Aktienmarkt, während institutionelle Käufer abwarten. Die schwächelnden Bitcoin-ETF-Statistiken und die jüngsten Abflüsse sind Indizien für dieses geringe Interesse. Zudem steigt die Bitcoin-Dominanz kontinuierlich, was darauf hindeutet, dass Investoren ihre Gelder bevorzugt in Bitcoin anlegen, statt in riskantere Altcoins. Diese Entwicklung deckt sich mit vergangenen Zyklen, wo zunächst ebenfalls eine stärkere Fokussierung auf Bitcoin zu beobachten war, bevor das Kapital in Altcoins strömte.

Wann aber geht diese heftige Altcoin-Korrektur zu Ende? Auf Social Media machen Statistiken die Runde, dass der Altcoin-Sektor in den vergangenen Bullenmärkten knapp 550 Tage nach dem Bitcoin-Halving sein Top gesehen habe. Als Schlussfolgerung leiten die postenden Influencer daraus ab: Jetzt sei die letzte Chance zu kaufen, bevor der Bullenmarkt so richtig losgeht. So eindeutig ist es freilich nicht – dennoch scheint die Altcoin-Korrektur der aktuellen Marktlage zu widersprechen. Deshalb könnte sich der Krypto-Markt schon bald wieder in die traditionell enge Korrelation mit dem Aktienmarkt zurückbegeben, der zuletzt stark performte und in Form der US-Indizes S&P500 und Nasdaq neue Allzeithochs schrieb. Auch innerhalb des Krypto-Marktes selbst warten potenzielle Katalysatoren für Kursanstiege darauf, endlich einzutreten. Der wichtigste davon ist wohl der Handelsstart der bereits genehmigten Ethereum-ETFs, den SEC-Chef Gary Gensler kürzlich für den Spätsommer oder Herbst avisierte. Auch hier könnte unmittelbar nach dem ersehnten Handelsstart zu einem Sell-the-News-Event kommen, wodurch der Kurs paradoxerweise noch einmal abverkaufen würde. Dennoch scheint der Ethereum-ETF längerfristig äußerst bullisch für den Altcoin-Markt. Aber auch der Bitcoin-ETF dürfte nach dem Sommerloch wieder stärkere Zuflüsse sehen und damit den ganzen Markt beleben. Abgesagt sind Bullenmarkt und Altcoin-Season also noch lange nicht.

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Simeon Koch

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