Stellen Sie sich ein stürmisches Meer vor: Kleine Boote kämpfen verzweifelt gegen die Wellen und werden wie Nussschalen hin- und hergeworfen. Große Luxusyachten gleiten gleichzeitig recht unbeschadet durch die raue See und können die Wucht der aufbrandenden Wellen sogar nutzen, um schneller voranzukommen. In Wirtschaftskrisen verhält es sich ähnlich. Der Mittelstand, bestehend aus privaten Haushalten und kleinen bis mittelständischen Unternehmen, kämpft ums Überleben, während kapitalstarke Firmen und Investoren die Verwerfungen der Krise als finanzielle Chance nutzen können. Warum aber schadet die Krise dem Mittelstand so sehr, während sie den Wohlhabenden häufig Profit bringt? Warum wird die Schere zwischen Arm und Reich in solchen Zeiten weiter aufgerissen? Und was haben Inflation und Zinsen damit zu tun?
Die finanziellen Fesseln der Krise
Wer nicht aus wohlhabenden Verhältnissen kommt oder ein Vermögen geerbt hat, kennt dieses Gefühl: Im Supermarkt steigen die Preise, der eigene Lohn aber verändert sich kaum. Das Geld wird knapp, plötzlich werden viele Freizeitbeschäftigungen zum Luxus: Im Restaurant kostet jedes Gericht ein paar Euro mehr, die Kinokarte wird teurer. Und das ausgerechnet jetzt, wo man doch ohnehin nicht so viel zur Verfügung hat. Das eigene Aktienportfolio rauscht in die roten Zahlen, weil die Angst vor eine Rezession umgeht, aber man muss tatenlos zusehen: Verkaufen will man nicht im Verlust und für Nachkäufe fehlt die Liquidität. Die Preise für Investitionsgüter wie Immobilien fallen, aber an große Investitionen ist nicht zu denken – schließlich sind die Zinsen auf Rekordniveau. Einen Kredit mit so hohen Zusatzkosten abbezahlen, wenn man ohnehin schon um den eigenen Job bangt?
Privatpersonen erleben während einer Wirtschaftskrise oft die volle Wucht der finanziellen Turbulenzen. Ein zentrales Problem ist die steigende Arbeitslosigkeit, die viele in existenzielle Nöte stürzt. Mit dem Verlust des Arbeitsplatzes geht ein unmittelbarer Einkommensverlust einher, was die finanzielle Stabilität der Haushalte gefährdet. Hinzu kommt, dass in unsicheren Zeiten auch die Angst vor einem möglichen Arbeitsplatzverlust steigt, was die Konsumbereitschaft weiter senkt. Hohe Kreditzinsen verschärfen die Situation zusätzlich: Hypotheken, Autokredite und Konsumkredite werden teurer, was die monatlichen Ausgaben in die Höhe treibt und die Haushaltskasse weiter belastet. Dabei stehen Zentralbanken vor einem Dilemma: Um wie aktuell hohe Inflation zu bekämpfen, muss die Wirtschaft abkühlen und die Kaufkraft sinken. Sprich: Die Leute müssen weniger Geld übrighaben, um es auszugeben. Nur dann können die Preise wieder sinken.
Deutschlands Rückgrat steht auf dem Spiel
Denn die Inflation führt zu einer Verteuerung der Lebenshaltungskosten. Steigende Preise für Lebensmittel, Energie und andere lebensnotwendige Güter verringern die Kaufkraft der Haushalte. Wenn die Inflation die Zinserträge übersteigt, verlieren auch die Ersparnisse an Wert. Vermögensverluste durch sinkende Aktien- und Immobilienpreise mindern die finanzielle Sicherheit. So geraten viele Privatpersonen in einen Teufelskreis aus steigenden Kosten und sinkenden Einnahmen, was ihre finanzielle Lage weiter verschlechtert. Denn wenn das Geld wegen steigender Preise nicht reicht, (Konsum-)Kredite aber immer teurer werden, wächst auch der Schuldenberg immer weiter – und vor allem schneller. Dieser Wohlstandsverlust muss von den Hütern der Geldpolitik in Kauf genommen werden, damit die Teuerung wieder zurückgehen kann und eine Senkung der Zinsraten wieder möglich wird. Auf dem Weg dorthin leiden aber vor allem jene, die nicht genügend Rücklagen haben, um in der Krisenzeit über die Runden zu kommen.
Unternehmen im Mittelstand stehen während einer Wirtschaftskrise vor ähnlichen Herausforderungen. Die Nachfrage nach ihren Produkten und Dienstleistungen geht zurück, da die Konsumenten weniger ausgeben können oder wollen. Dies führt zu geringeren Einnahmen und oft zu Liquiditätsproblemen. Gleichzeitig verschärft sich der Zugang zu Krediten: Banken sind während einer Krise oft zurückhaltender bei der Kreditvergabe, was für mittelständische Unternehmen den Zugang zu dringend benötigtem Kapital erschwert. Hohe Kreditzinsen verteuern zudem bestehende Finanzierungen, was die finanzielle Belastung weiter erhöht. Und diese Belastung des Mittelstands ist ganz schön riskant: In Deutschland sind 99.3 Prozent aller Unternehmen kleine und mittlere Betriebe. Fast die Hälfte der deutschen Nettowertschöpfung entfällt auf diese sogenannten KMUs (kleine und mittlere Unternehmen), die laut Definition der Bundesregierung weniger als 500 Mitarbeiter und maximal 50€ Millionen Jahresumsatz haben. Fast 97 Prozent aller exportierenden Unternehmen sind KMUs – und bilden damit das Rückgrat der Exportwirtschaft, von der Deutschland lebt.
Teufelskreis und Aufwärts-Spirale: der feine Unterschied
Die Inflation wirkt sich auch auf die Unternehmen negativ aus, indem sie die Betriebskosten in die Höhe treibt. Steigende Preise für Rohstoffe, Energie und andere notwendige Güter schmälern die Gewinnmargen. Die Kombination aus rückläufiger Nachfrage und steigenden Kosten kann viele mittelständische Unternehmen an den Rand der Zahlungsunfähigkeit bringen. Auch die hohe Arbeitslosenrate wirkt sich indirekt auf die Unternehmen aus, da weniger Menschen Geld ausgeben können und die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen weiter sinkt. Hat man es auf politischer Ebene mit einer Situation wie der aktuellen zu tun, in der die Teuerung hoch und das Wirtschaftswachstum gering sind, braucht die Wirtschaft einen Neustart. Der Konsum muss reduziert werden, damit die Preise sinken können. Darunter leiden primär Privathaushalte, die den Gürtel enger schnallen müssen und KMUs, deren Umsatz deutlich zurückgeht.
Kapitalstarke Firmen und Investoren hingegen können die Krise oft zu ihrem Vorteil nutzen. Sinkende Asset-Preise bieten günstige Gelegenheiten, Immobilien, Aktien oder ganze Unternehmen zu erwerben. Hohe Anleihezinsen bieten attraktive Renditen auf festverzinsliche Wertpapiere. Diese Investitionsmöglichkeiten führen dazu, dass finanzstarke Akteure ihre Vermögenswerte in Krisenzeiten oft sogar noch vermehren können. Günstige Investitionsmöglichkeiten und höhere Renditen machen es möglich, dass sie in der Krise wachsen. Wer in der Krise genügend Liquidität auf der hohen Kante hat, kann davon profitieren, dass andere wegen der finanziellen Engpässe zum Verkauf gezwungen sind. Unternehmenswerte oder auch privater Besitz wird nach Insolvenzen zu Geld gemacht, die Konkurrenz von finanziell geschwächten Kleinanlegern auf dem Aktienmarkt ist deutlich kleiner. Etwaige Preiserhöhungen, etwa für die Instandhaltung von Immobilien oder Produktionskosten in einer eigenen Firma, können an Kunden oder Mieter weitergegeben werden.
Das kleine Boot geht unter
Wirtschaftskrisen verschärfen also bestehende Ungleichheit. Während finanzschwache Privathaushalte in eine Abwärtsspirale von hohen Lebenshaltungskosten, steigenden Zinsen auf laufende Kredite und schrumpfenden Ersparnissen rutschen, haben jene mit genügend Kapital die Möglichkeit, ihr Geld schneller und effektiver arbeiten zu lassen als sonst. Die Schere zwischen oben und unten öffnet sich in Krisen also deutlich schneller als ohnehin schon. Und der Mittelstand wird zunehmend zwischen den Mahlsteinen von Inflation und Hochzins zerrieben. Während private Haushalte und mittelständische Unternehmen mit hohen Kosten, Einkommensverlusten und erschwerten Kreditbedingungen kämpfen, können kapitalstarke Firmen und Investoren von günstigen Investitionsmöglichkeiten und hohen Renditen profitieren. Dieser Umstand verdeutlicht, dass sich Kapital in Krisenzeiten mehr lohnt als Arbeit. Daraus ergibt sich die dringende Notwendigkeit, finanzielle Sicherheit durch kluge Spar- und Investitionsstrategien zu erhöhen, um für die nächste Krise besser gerüstet zu sein. Denn wer in stürmischen Zeiten nur mit einem kleinen Boot unterwegs ist, läuft Gefahr, unterzugehen.




