Larry Fink bezeichnete Bitcoin jahrelang bei jeder Gelegenheit als Instrument der Geldwäsche oder krimineller Machenschaften. Im Sommer kam dann plötzlich die 180-Grad-Wende: Plötzlich hält Fink Bitcoin für einen „internationalen Vermögenswert“, spekulierte in einem Interview, dass große Investoren künftig in Bitcoin statt in Gold investieren würden, um der Inflation zu entkommen. Auf den ersten Blick erscheint Finks Sinneswandel plausibel – BlackRock bringt einen Bitcoin-ETF an den Start, natürlich muss der Chef dann Werbung machen. Es gibt aber noch einen weiteren wichtigen Grund, warum BlackRock und Co. diesen ETF brauchen.
Bitcoin: Freund oder Feind?
Auch hier ist die Theorie der disruptiven Innovation wieder entscheidend. Im Detail erklären wir die Theorie und ihre Auswirkungen auf Bitcoin respektive die Entscheidung der nordamerikanischen Börsenaufsicht (SEC) im ersten und zweiten Teil dieser Miniserie. Kurz für alle, die neu sind: Disruptiv ist eine Innovation, wenn sie die eigentlichen Marktführer aus einem etablierten wirtschaftlichen Feld drängt. Die wirtschaftswissenschaftliche Theorie dazu stammt von Clayton Christensen, einem ehemaligen Professor der Harvard Business School. Eins der prominentesten Beispiele aus der jüngeren Wirtschaftsgeschichte ist der Niedergang des ehemaligen Handy-Giganten Blackberry, der von Apples iPhone aus dem Markt gefegt wurde.
„Wen du nicht besiegen kannst, den mache dir zum Freund“ – frei nach diesem alten Sprichwort gilt laut Christensen: Um eine disruptive Innovation zu stoppen, muss sie von den dominierenden Playern im Markt übernommen werden, sie muss also in den Mainstream. Genau diesem Prinzip entspräche eine Zulassung der Bitcoin-Spot-ETFs durch die nordamerikanischen Börsenaufsicht SEC: Ein großer Anteil des Bitcoin-Bestands würde durch ETF-Anteilsscheine im offenen Handel ‚ersetzt‘. Die in einem ETF verpackten Bitcoins würden für Banken handel- und für staatliche Institutionen kontrollierbar. Warum aber wäre eine ETF-Zulassung für Vermögensverwalter wie BlackRock ein echter Glücksfall (abseits der winkenden Gewinne aus den erhobenen Gebühren) und wie versucht die SEC dem Krypto-Space seine Revolution durch den ETF “abzukaufen”? All das erklären wir in der heutigen letzten Folge unserer dreiteiligen Miniserie zur spieltheoretischen Analyse der Spekulation um den Bitcoin-ETF.
BlackRock hat Angst vor Bitcoin
Larry Fink scheint Bitcoin neuerdings zu lieben. Diese aufwendig inszenierte Romanze dürfte aber etwa so weit von der Wahrheit entfernt sein wie Satoshi Nakamoto vom Job als Zentralbank-Chef. BlackRock liebt den Bitcoin nicht, BlackRock fürchtet ihn wohl eher. Und das liegt daran, dass die höchstkapitalisierte Kryptowährung auch für Vermögensverwalter zu einer disruptiven Innovation und damit zum handfesten Problem werden kann: Bitcoin steht sinnbildlich für den Krypto-Space. Der Krypto-Space wiederum steht für die Selbstverwahrung des eigenen Vermögens – ohne Mittelsmänner oder externe Verwalter. Anders gesagt: Setzt sich das Narrativ von Bitcoin durch und halten alle Menschen ihr Vermögen künftig selbst, hat Larry Fink keinen Job mehr. Also setzt auch er alles daran, das disruptive Potenzial von Bitcoin im Keim zu ersticken.
Warum geht dann nicht alles ganz schnell, schließlich haben die Vertreter des Fiat-Systems doch eigentlich keine Zeit zu verlieren? Auch hier ist die Antwort einfach: Die Börsenaufsicht versucht mit dem mehrfachen Aufschub aller ETF-Anträge, ihre Macht zu demonstrieren, die ihr gerade offenbar abhandenkommt – man denke an die kleinlauten Eingeständnisse Gary Genslers, die SEC müsse sich an Gerichtsurteile wie im Fall von Grayscales Bitcoin-Trust halten. Und dass sich die SEC bei der Zulassung so viel Zeit lässt, kann BlackRock und seinen Mitbewerbern nur recht sein. Schließlich ermöglicht diese überdehnte Frist, in der Zwischenzeit schon einmal vorzufühlen, wie der Markt zu einem Spot-ETF steht. Gesteigerte Euphorie und Erwartungshaltung spielen BlackRock und Co. dabei ebenso in die Marketing-Karten wie die Möglichkeit, dass der Anfangshype bis zur Zulassung wieder abflacht oder so sehr überhitzt, dass es zu einem Sell-the-News-Event kommt. Sinkt die Nachfrage, können BlackRock und seine Konkurrenten nämlich in aller Seelenruhe die notwendigen Coins für ihre ETFs akkumulieren.
Ist Bitcoin nicht mehr als eine Tech-Aktie?
Bitcoin-Maximalisten werfen der nordamerikanischen Börsenaufsicht vor, mit dem Spot-ETF genau das zu bezwecken, was die alten Römer – unangefochtene Meister der Machterhaltung – mit dem geflügelten Wort „Panem et Circenses“ meinten. Wenn es im Volk gärte, weil das System die Menschen benachteiligte, gab es Brot und Spiele. Wenn die Leute Spaß hatten, stiegen sie nicht auf die Barrikaden. Und das gilt bis heute. Und jetzt mal ehrlich – warum kauft man als Kleinanleger Bitcoin, Ethereum und Co.? Bei den meisten geht es darum, Geld zu verdienen. Viel Geld. Fiat-Geld.
Natürlich finden fast alle, die sich für Bitcoin interessieren, Satoshi Nakamotos Idee gut. Wenn der Bitcoin aber sein All Time High pulverisiert, werden viele ihre Gewinne realisieren, anstatt am Bitcoin festzuhalten, um ihn in langfristig zu stärken. Das ist auch vollkommen verständlich, so funktioniert gutes Investment. Und der SEC gefällt das. Denn solange Bitcoin als reiner Wertspeicher angesehen wird, in den man Fiat-Geld steckt und am Ende wieder herauszieht, hat das Fiat-System damit kein Problem. Dann ist Bitcoin nicht viel mehr als eine Tech-Aktie, die man kauft und wieder abstößt – und somit untrennbar ans Fiat-Geld bindet. Die eigenständige Weltwährung, die Satoshi Nakamoto gründen wollte, bliebe dann der fromme Wunsch einiger Bitcoin-Fundamentalisten.
Die Bitcoin-Wagenburg bricht auf
Die Bitcoin- und Krypto-Community hat in den vergangenen Jahren eine Wagenburg-Mentalität entwickelt. Die SEC, große Vermögensverwalter und Regierungen wurden zu ihren Gegnern, weil sie den Bitcoin kleinhalten wollten. Krypto-Fans stemmten sich ideologisch gegen den "Fiat-Mainstream" und für viele war genau das der Grund, um in Blockchain-Währungen zu investieren. In genau diesen Mainstream könnte die SEC den Bitcoin jetzt aber holen. Und sie hat gar kein Problem mehr damit, dass er richtig groß wird – wenn das in einem ETF passiert. Denn dann haben Kleinanleger ihren Spaß. Warum sollte das Fiat-System angezweifelt werden, wenn es den Investoren damit gut geht, weil Bitcoin viel neues Geld beschert? Und deshalb werfen Bitcoin-Maximalisten der SEC vor, dem Krypto-Space durch den ETF seine Revolution einfach abzukaufen – mit frischem Geld aus den Druckern der Zentralbanken.
Es ist kein Zufall, dass Larry Fink den Bitcoin als „internationalen Vermögenswert“ bezeichnet – nicht als Währung. Die institutionellen Kunden der Vermögensverwalter haben kein Interesse daran, am etablierten Geld- und Bankensystem zu rütteln, denn sie leben davon. Was wäre unsere Wirtschaft ohne Schulden? Was wären die größten Unternehmen der Welt ohne billige Kredite und Inflation? Das kann man finden, wie man will – es ist die Realität und die Grundlage des westlichen Wohlstands.
CryptoQuant hat in einem Forschungsbericht ausgerechnet, dass sich die Marktkapitalisierung von Bitcoin durch den Spot-ETF mehr als verdoppeln könnte. Durch den ETF werden riesige Anteile des Marktes von Investoren getragen, die den Bitcoin als reines Investment sehen, das nimmt der Flaggschiff-Kryptowährung ihr disruptives Potenzial. Aus dem Feind wäre dann für die SEC ein unverhoffter Freund geworden. Und das, weil die Börsenwächter nach Jahren des Kampfes gegen einen Bitcoin-Spot-ETF kurzerhand klein beigeben. Nicht einfach so. Sondern mit Kalkül.
Das Ende vom Bitcoin-Lied?
Bei den Überlegungen dieser Miniserie handelt es sich um ein theoretisches Zukunftsszenario, basierend auf den Leitsätzen eines wissenschaftlichen Theorems und der Spieltheorie. Alle Argumentationen sind wertfrei und rein auf Basis der zugrunde gelegten Theorien zu verstehen. Ob die SEC die Bitcoin-ETFs annimmt, oder nicht – das kann auch dieses Gedankenexperiment nicht klären. Allerdings kann es mögliche Überlegungen beleuchten, die der nordamerikanischen Börsenaufsicht eine Zulassung der Spot-ETFs von BlackRock und Co. nicht nur nahelegen, sondern sogar sehr schmackhaft machen könnten. Nicht einmal die Wissenschaft aber besitzt eine Glaskugel. Die SEC könnte trotz allem gegen Bitcoin-ETFs votieren. Was dann passiert, haben wir hier analysiert.
Für die Idee Satoshi Nakamotos mag ein Bitcoin-ETF problematisch sein. Für die Rendite-Aussichten bei einem Investment sind sie das genaue Gegenteil: Wie der Grayscale-CEO kürzlich in einem Interview betonte, erschließt Bitcoin damit einen billionenschweren Markt. Ein ETF senkt die Zugangsschwelle für eine Investition in Bitcoin – ob für private Anleger ohne nötiges Blockchain-Wissen oder für institutionelle Käufer, die bisher keine Möglichkeiten der sicheren Verwahrung hatten. Ob die Spot-ETFs nun kommen, oder nicht: Der Bitcoin bleibt eines der spannendsten Investments für die kommenden Jahre und könnte das Finanzsystem, wie wir es kennen, auf lange Sicht und von Grund auf verändern. Das letzte Wort ist hier noch nicht gesprochen. Und das werden auch Gary Gensler und Larry Fink nicht haben.




