Volkswagen auf der Kippe? Warum das Traditionswerk jetzt vor dem größten Umbau der Unternehmensgeschichte steht!
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Volkswagen auf der Kippe? Warum das Traditionswerk jetzt vor dem größten Umbau der Unternehmensgeschichte steht!

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Muriel Ayari

Das Wichtigste in Kürze:

  • Volkswagen stellt seine Modellstrategie grundlegend auf den Prüfstand.
  • Der Wettbewerbsdruck aus China verändert die gesamte Autoindustrie.
  • Für Beschäftigte und Anleger beginnt eine entscheidende Phase.

Kaum ein Unternehmen steht so sehr für die deutsche Industrie wie Volkswagen. Jahrzehntelang galt der Konzern als Symbol für technologische Stärke, sichere Arbeitsplätze und globale Wettbewerbsfähigkeit. Doch genau dieses Erfolgsmodell gerät inzwischen zunehmend unter Druck. Sinkende Gewinne, ein dramatischer Wettbewerbswandel und geopolitische Belastungen zwingen Europas größten Autobauer zu Maßnahmen, die noch vor wenigen Jahren kaum vorstellbar gewesen wären.

Nach der jüngsten Aufsichtsratssitzung hat Volkswagen die Richtung bestätigt: Das Unternehmen will sein Modellportfolio in den kommenden Jahren um bis zu 50 Prozent reduzieren, Produktionskapazitäten deutlich abbauen und die Konzernstruktur verschlanken. Zuvor hatten Medien bereits über einen möglichen Stellenabbau von bis zu 100 000 Arbeitsplätzen sowie die Schließung mehrerer Werke berichtet. Zwar wurden diese Zahlen bislang nicht offiziell bestätigt, doch die nun vorgestellte Strategie zeigt deutlich, dass Volkswagen vor einem tiefgreifenden Umbau steht.

 

Zu viele Modelle, zu hohe Kosten

Über Jahrzehnte verfolgte Volkswagen eine Strategie maximaler Modellvielfalt. Zahlreiche Marken wie Volkswagen, Audi, Škoda, Seat, Cupra, Porsche, Bentley oder Lamborghini bedienten unterschiedlichste Kundengruppen. Hinzu kamen zahlreiche Varianten einzelner Fahrzeuge, die sich technisch häufig stark ähnelten.


Volkswagen vereint zahlreiche Marken unter einem Dach. Vielfalt wird zunehmend zum Kostenfaktor.


Genau diese Komplexität wird inzwischen jedoch zum Problem. Entwicklung, Produktion und Logistik verursachen enorme Kosten. Vorstandschef Oliver Blume machte deutlich, dass der Konzern einfacher, schneller und effizienter werden müsse. Weniger Modelle sollen Entwicklungsaufwand, Materialkosten und Produktionsprozesse deutlich vereinfachen. Gleichzeitig sollen sich Investitionen stärker auf Fahrzeuge konzentrieren, die weltweit hohe Nachfrage versprechen. Auch das Produktionsziel wird angepasst. Während Volkswagen vor der Corona-Pandemie noch von rund zwölf Millionen Fahrzeugen jährlich ausging, liegt die neue Zielgröße bei etwa neun Millionen Fahrzeugen. Damit reagiert der Konzern auf eine dauerhaft veränderte Marktnachfrage.

Elektromobilität, Software, chinesische Wettbewerber und geopolitische Risiken verändern die Spielregeln dauerhaft. Volkswagen spürt diese Entwicklung inzwischen deutlich. Im ersten Quartal 2026 sank der Konzerngewinn um rund 28 Prozent auf etwa 1.6 Milliarden Euro. Gleichzeitig gingen Umsatz und Absatz zurück. Finanzvorstand Arno Antlitz hatte bereits zuvor gewarnt, dass die bisherigen Sparprogramme nicht ausreichen würden, um die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern.

 

China verändert die Spielregeln

Der wichtigste Grund für den Strategiewechsel liegt Tausende Kilometer entfernt. In China, lange Zeit der wichtigste Gewinnbringer des Konzerns, verliert Volkswagen zunehmend Marktanteile an heimische Hersteller wie BYD, Geely oder Xiaomi.


Chinesische Hersteller wie Xiaomi verschärfen den Wettbewerb im Zukunftsmarkt Elektromobilität.


Diese Unternehmen haben früh auf Elektrofahrzeuge gesetzt und profitieren von staatlicher Förderung, kurzen Entwicklungszyklen und einer hohen Softwarekompetenz. Viele Modelle bieten moderne Assistenzsysteme, leistungsfähige Batterien und digitale Funktionen zu Preisen, mit denen europäische Hersteller kaum konkurrieren können. Die Folgen sind bereits deutlich sichtbar. Im ersten Quartal 2026 brachen die Volkswagen-Verkäufe in China deutlich ein und zuletzt war sogar von einem Rückgang von rund 33 % die Rede. Für einen Konzern, der über viele Jahre einen erheblichen Teil seines Gewinns im chinesischen Markt erwirtschaftete, ist das ein massiver Einschnitt. Hinzu kommt, dass chinesische Hersteller inzwischen verstärkt nach Europa expandieren. Damit verliert Volkswagen nicht nur im Ausland Marktanteile, sondern bekommt den neuen Wettbewerb zunehmend auch auf dem Heimatmarkt zu spüren.

 

Werksschließungen bleiben ein sensibles Thema

Besonders große Aufmerksamkeit gilt möglichen Werksschließungen in Deutschland. Der SPIEGEL berichtete als eines der ersten Leitmedien über konkrete Vorlagen, die der VW-Vorstand um Oliver Blume ausgearbeitet hat. Demnach plant der Vorstand ein schrittweises Auslaufen der Autoproduktion an den betroffenen Standorten in den 2030er-Jahren (Zwickau und Emden bis 2031, Hannover bis 2032 und das Audi-Werk Neckarsulm bis 2034).


Der Konzern prüft tiefgreifende Veränderungen seiner Produktionsstandorte.


Welche Standorte letztlich betroffen sein könnten, dürfte von der zukünftigen Auslastung, den jeweiligen Modellzyklen und den Verhandlungen mit Arbeitnehmervertretern abhängen. Gerade hier liegt eine besondere Herausforderung. In Deutschland genießen viele Beschäftigte langfristige Beschäftigungssicherungen. Zudem verfügen Arbeitnehmervertreter und das Land Niedersachsen gemeinsam über erheblichen Einfluss im Aufsichtsrat. Größere Werksschließungen oder Massenentlassungen dürften deshalb nur nach intensiven Verhandlungen möglich sein.

Das Land Niedersachsen steht hierbei in einer doppelten Pflicht: Es muss einerseits seine 20-prozentige Sperrminorität im Aufsichtsrat nutzen, um Werksschließungen als vermeintlich einfache Lösung politisch zu blockieren. Gleichzeitig wird die Politik gefordert sein, flankierende Rahmenbedingungen wie neue Anreize für die Elektromobilität oder gezielte Standortsicherungsvereinbarungen auf den Weg zu bringen, um die Wettbewerbsfähigkeit der Werke auch ohne Kahlschlag wiederherzustellen.

 

Mehr als eine Unternehmenskrise

Die Probleme von Volkswagen spiegeln einen grundlegenden Wandel der gesamten Automobilindustrie wider. Der Übergang vom Verbrennungsmotor zur Elektromobilität verändert Wertschöpfung, Produktion und Wettbewerb grundlegend.

Obwohl der Konzern massiv in die ID.-Familie (die eigens entwickelte, rein elektrische Modellreihe des Konzerns) und neue Plattformen investiert hat, zeigen die Verkaufszahlen eine enorme Asymmetrie: Im Gesamtjahr 2025 machten reine Elektroautos (BEVs) mit knapp 983 000 Einheiten gerade einmal knapp 11 Prozent der weltweiten Auslieferungen aus. Satte 84 Prozent des Geschäfts basieren nach wie vor auf der klassischen Verbrennertechnologie: ein riskantes Fundament in Zeiten des politisch forcierten Wandels.


Der Wandel wird sichtbar: Verbrenner dominieren weiterhin das Geschäft, während die E-Auto-Auslieferungen in China deutlich zurückgehen.


Besonders deutlich wird die Verwundbarkeit dieses Übergangs im Schlüsselmarkt China: Während neue, agilere Player ohne das Erbe klassischer Produktionsstrukturen den Markt für E-Mobilität dominieren, brachen die vollelektrischen Auslieferungen von Volkswagen in China im ersten Halbjahr 2026 um fast die Hälfte (-48 Prozent) ein. Ein herber Rückschlag für einen Konzern, der den Wandel dort finanzieren muss, wo einst die höchsten Margen erzielt wurden.

Es ist zudem nicht die erste schwere Krise in der Unternehmensgeschichte. Bereits der Dieselskandal im Jahr 2015 erschütterte Volkswagen weltweit. Milliardenstrafen, Entschädigungszahlungen und ein massiver Vertrauensverlust waren die Folge. Dennoch gelang es dem Konzern, sich operativ wieder zu stabilisieren und seine Position als einer der größten Automobilhersteller der Welt zu behaupten. Die heutige Situation unterscheidet sich jedoch grundlegend. Während Dieselgate vor allem eine Vertrauens- und Compliance-Krise war, steht Volkswagen nun vor einem tiefgreifenden Strukturwandel der gesamten Branche.

Welche Folgen hat der Umbau für Anleger?

Für Investoren eröffnet die Restrukturierung zwei unterschiedliche Perspektiven. Kurzfristig erhöhen Stellenabbau, mögliche Werksschließungen und hohe Umbaukosten die Unsicherheit. Solche Transformationsprozesse belasten häufig zunächst Gewinn und Aktienkurs. Genau das spiegelt sich derzeit auch an der Börse wider. Die Volkswagen-Vorzugsaktie (VOW3) notiert mit 71.44 Euro nur knapp über ihrem Anfang Juli markierten 10-Jahres-Tief von 69.20 Euro. Seit Anfang März hat das Papier rund 32 Prozent an Wert verloren und liegt fast 24 Prozent unter seiner 200-Tage-Linie. Der Markt bewertet den Konzern damit deutlich skeptischer als noch vor einem Jahr. Gleichzeitig wirken die hohen Restrukturierungs- und Softwarekosten, die Schwäche im wichtigen China-Geschäft sowie die erwartete operative Marge von lediglich 4.0 bis 5.5 Prozent belastend. Hinzu kommen Unsicherheiten durch mögliche neue Handelszölle, die den Druck auf die ohnehin angeschlagene Ertragslage weiter erhöhen könnten.



Auf den ersten Blick erscheint Volkswagen dennoch ungewöhnlich günstig bewertet. Mit einem erwarteten Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 3.8 und einer prognostizierten Dividendenrendite von etwa 7.3 % zählt die Aktie zu den günstigsten Werten im DAX. Genau darin sehen viele Marktteilnehmer jedoch das Risiko einer sogenannten Value Trap (Billig-Falle). Gemeint ist eine Aktie, die optisch billig erscheint, deren niedrige Bewertung aber Ausdruck tiefer struktureller Probleme ist. Ob Volkswagen diesen Eindruck widerlegen kann, dürfte maßgeblich davon abhängen, ob die Restrukturierung im zweiten Halbjahr erste Erfolge zeigt und sich das Geschäft in China stabilisiert. Die kommenden Quartale dürften entscheiden, ob die Volkswagen-Aktie tatsächlich eine Turnaround-Chance bietet oder ob sich die Sorge vor einer Value Trap bestätigt.

Die nächsten Jahre entscheiden über Volkswagens Zukunft

Volkswagen steht vor einem grundlegenden Strategiewechsel: Weniger Modelle, geringere Produktionskapazitäten und eine stärkere Fokussierung auf profitable Fahrzeugprogramme markieren das Ende einer jahrzehntelang erfolgreichen Wachstumsstrategie. Hinzu kommen milliardenschwere Investitionen in Elektromobilität, Software und Digitalisierung, die den Konzern kurzfristig belasten, langfristig jedoch über seine Wettbewerbsfähigkeit entscheiden dürften.



Ob Volkswagen damit seine frühere Stärke zurückgewinnen kann, wird sich nicht innerhalb weniger Quartale entscheiden. Die kommenden Jahre dürften darüber bestimmen, ob Europas größter Autobauer seine Position unter den weltweit führenden Herstellern behaupten kann oder ob chinesische Wettbewerber ihren Vorsprung weiter ausbauen. Für Beschäftigte, Zulieferer und Anleger geht es deshalb um weit mehr als ein klassisches Sparprogramm. Der Konzern kämpft um seine zukünftige Rolle in einer Automobilindustrie, die sich derzeit schneller verändert als jemals zuvor.

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