Das Wichtigste auf einen Blick
Die USA und Großbritannien rücken in der Kryptopolitik zusammen. Im Mittelpunkt stehen Stablecoins, Tokenisierung und eine engere Kapitalmarktintegration. Das Abkommen wurde kurz vor Trumps Staatsbesuch vereinbart und könnte britischen Unternehmen besseren Zugang zu US-Märkten verschaffen. Während 27 Prozent der Briten offen für Krypto in der Altersvorsorge sind, bremsen Banken und Aufseher die Entwicklung. Die britische Finanzaufsicht plant ein neues Regelwerk. Gemeinsam mit den USA arbeitet London an Testumgebungen für Blockchain. Ziel: mehr Investitionen, mehr Innovation und globale Wettbewerbsfähigkeit.
Krypto-Brücke über den Großen Teich
Die Vereinigten Staaten und das Vereinigte Königreich haben sich auf eine engere Zusammenarbeit bei digitalen Vermögenswerten wie Kryptowährungen und Stablecoins verständigt. Das Abkommen wurde bei einem Treffen der britischen Finanzministerin Rachel Reeves und US-Treasury-Secretary Scott Bessent beschlossen, nachdem Branchenverbände die britische Regierung in letzter Minute zu einem Kurswechsel gedrängt hatten. Die Gespräche fanden im Vorfeld des Staatsbesuchs von Donald Trump in London statt und ziehen nun weite Kreise. Die Pläne von Großbritannien sind groß: Bitcoin und Co. sollen dabei helfen, eine führende Rolle im globalen Finanzsystem einzunehmen.
Trumps Reise und die politische Dimension
Der Zeitpunkt des Krypto-Deals zwischen Bessent und Reeves war kein Zufall. Der Staatsbesuch von US-Präsident Donald Trump, der sich seit seiner Rückkehr ins Amt offen als Befürworter von Kryptowährungen positioniert hat, gab den Verhandlungen entscheidenden Schub. Reeves hatte schon zuvor mit US-Botschafter Warren Stephens über eine stärkere Kapitalmarktintegration gesprochen. Der Druck wuchs, nachdem Londoner Konzerne wie der Baustoffhersteller CRH oder der Chip-Gigant Arm in den vergangenen Monaten an die New Yorker Börsen abwanderten, wo Bewertungen höher ausfallen.
Zur Krypto-Kooperation selbst sagte ein britischer Regierungsvertreter, dass sie eine „riesige Chance für das Vereinigte Königreich“ sei. Trumps Krypto-Linie wurde derweil als „vital für die Einführung“ neuer Technologien beschrieben. Vorangetrieben wird der Blockchain-Frühling in Großbritannien von namhaften Branchegrößen. Am Treffen von Bessent und Reeves nahmen Vertreter von Coinbase, Circle und Ripple teil, ebenso wie Führungskräfte von der Citi-Bank, der Bank of America und der Londoner Barclays. Reeves schrieb anschließend auf X: „Gemeinsam schaffen wir Investment-Chancen für beide Länder.“ Auffällig war, wie stark die Gespräche auf digitale Vermögenswerte fokussiert waren – ein deutlicher Bruch mit der traditionell vorsichtigen britischen Linie.
„Wir werden komplett abgehängt!“
Während die USA unter Trump eine dezidiert krypto-freundliche Politik verfolgen, galt die Haltung in London bislang als zurückhaltend. Britische Aufseher warnten wiederholt vor systemischen Risiken und Volatilität. Doch die Stimmung ändert sich: Reeves erhofft sich von einer Annäherung an die US-Regeln mehr Zugang zu den tiefsten Kapitalmärkten der Welt in den USA und frisches amerikanisches Investment. George Osborne, ehemaliger Schatzkanzler und heute Berater bei Coinbase, formulierte es drastisch: „Bei Krypto und Stablecoins, wie bei zu vielen andere Dinge, lautet die harte Wahrheit: Wir werden komplett abgehängt. Es ist Zeit, aufzuholen.“
Gleichzeitig wächst die Unterstützung in der Bevölkerung. Laut einer Studie der Versicherung Aviva sind 27 Prozent der Briten offen für Krypto-Investments in ihrer Altersvorsorge. Rund 20 Prozent – das entspricht etwa 11.6 Millionen Erwachsenen – haben bereits Kryptowährungen besessen, zwei Drittel davon halten sie weiterhin. Vor allem die Aussicht auf höhere Renditen treibt die Anleger. Die Skepsis der Behörden hält also offensichtlich schon länger nicht mehr mit der Marktdynamik Schritt.
Blockchain als Fundament der Tech-Brücke
Neben politischen und gesellschaftlichen Fragen geht es beim geplanten Deal auch um konkrete Technologien. Handelsgruppen wie der UK Cryptoasset Business Council oder der Bankenverband UK Finance fordern seit Monaten, Blockchain und Stablecoins in die sogenannte Tech Bridge mit den USA einzubeziehen. Simon Jennings, Geschäftsführer der Londoner Universität UKCBC, erklärte, man wolle einen transatlantischen „Stablecoin-Korridor“ aufbauen und die Tokenisierung klassischer Vermögenswerte vorantreiben. „Nur so“, so Jennings, „können wir Liquidität schaffen und Innovation beschleunigen.“
Stablecoins gelten dabei als Schlüssel, also digitale Token, die an Währungen wie Pfund oder Dollar gekoppelt sind und so stabile Zahlungen ermöglichen – ohne die heftigen Kursschwankungen von Bitcoin oder Ethereum. Tokenisierung wiederum erlaubt, Immobilien, Aktien oder Kunstwerke in handelbare digitale Anteile zu verwandeln. Branchenverbände warnen, ein Ausschluss dieser Instrumente könne Investitionen, Arbeitsplätze und Innovation ins Ausland abdrängen, während Asien und der Nahe Osten längst Standards setzen.
Streit über Regeln und die Rolle der Aufsicht
Doch selbst bei wachsender Begeisterung bleibt die Regulierung das Kernproblem. Erst im Mai hatte die britische Regierung einen Vorschlag vorgelegt, Krypto-Börsen und -Broker ähnlich wie Banken zu beaufsichtigen. Die Bank of England schlug hingegen vor, Stablecoin-Bestände auf 10 000 bis 20 000 Pfund je Person zu begrenzen – ein Vorhaben, das von Krypto-Verbänden als „schwer umsetzbar und teuer“ kritisiert wurde. Zudem beklagen Investoren Hürden im Zahlungsverkehr: In einer Umfrage berichteten 40 Prozent von blockierten oder verzögerten Überweisungen durch ihre Banken.
Parallel plant die Finanzaufsicht FCA eine tiefgreifende Anpassung ihres Regelwerks. „Ein einfaches Lift and Drop traditioneller Vorschriften funktioniert nicht“, sagte FCA-Direktor David Geale. Kryptoanbieter sollen deshalb von Teilen des Regulatoriums befreit werden, etwa von strengen Managerpflichten oder Widerrufsrechten. Gleichzeitig will die FCA aber neue Auflagen zu Cyberrisiken einführen. Anlass für diese Diskussionen war vor einigen Wochen ein spektakulärer Hackerangriff auf den Wallet-Anbieter Bybit, bei dem 1.5 Milliarden Dollar gestohlen wurden. „Wenn man ein 24/7-Business betreibt und es fällt aus, dann ist das ein Problem“, warnte Geale.
Blick nach vorn: Sandboxes und globale Wettbewerbsfähigkeit
Um Risiken zu begrenzen und zugleich Innovation zu fördern, arbeiten Großbritannien und die USA an sogenannten digitalen Sandboxes. Dort sollen Unternehmen Blockchain-Anwendungen unter Aufsicht testen dürfen. Die Idee wurde bereits im Vorjahr von SEC-Kommissarin Hester Peirce angeregt. Reeves griff sie in ihrer Mansion-House-Rede im Juli auf und betonte, die Kapitalmärkte des Vereinigten Königreichs müssten „global wettbewerbsfähig“ bleiben. Ziel ist es, klare Spielregeln zu schaffen, ohne die Wachstumschancen der Branche zu ersticken.
Ob es gelingt, wird auch von Trumps politischer Agenda abhängen. Sein erklärtes Ziel ist es, Stablecoins und digitale Vermögenswerte zum festen Bestandteil der US-Finanzpolitik zu machen – nicht zuletzt, weil seine Familie eigene Geschäftsinteressen in diesem Bereich verfolgt. Für London eröffnet die Kooperation die Möglichkeit, den Rückstand aufzuholen und sich als Innovationsstandort neu zu positionieren. Gelingt dies, könnte die Krypto-Allianz nicht nur Kapitalströme anziehen, sondern auch die Architektur des globalen Finanzsystems neu prägen.




