Die großen Technologie-Unternehmen des Heimatmarktes sorgen für Euphorie im Deutschen Aktienindex (DAX) – trotz verhaltener Prognosen für das nationale Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr. So kündigt der baden-württembergische Software-Konzern SAP eine groß angelegte Umstrukturierung an und will verstärkt auf Künstliche Intelligenz setzen. Der Münchener Halbleiterhersteller Infineon konsolidiert seine Lieferketten durch engere Zusammenarbeit mit einem wichtigen nordamerikanischen Lieferanten, um die wachsende Chip-Nachfrage bedienen zu können. Siemens Energy wiederum präsentierte dank einer florierenden Gassparte ausgezeichnete Zahlen für das vergangene Geschäftsjahr. Derweil prophezeien internationale Wirtschaftsexperten dem deutschen Markt im kommenden Jahr ein derart schwaches Wachstum, dass Deutschland zu den globalen Schlusslichtern zählen könnte, was den ökonomischen Fortschritt anbelangt.
SAP bereit für die KI-Wende
Nicht nur die medialen Schlagzeilen, sondern auch die Spitzengruppe im DAX dominierte am Mittwoch der Software-Konzern SAP. Bereits die kürzlich veröffentlichten Geschäftszahlen für 2023 stimmten Anleger optimistisch: Der Umsatz stieg um sechs Prozent auf gut 31 Milliarden Euro, der Nettogewinn belief sich auf rund sechs Milliarden und damit auf das Dreifache des Vorjahres. Ein Gutteil dieses Profits soll nun reinvestiert werden: Das wertvollste börsennotierte deutsche Unternehmen kündigte einen internen Großumbau für künftige Geschäfte mit Künstlicher Intelligenz an, wovon 8000 Stellen betroffen seien. Die Jobs will man allerdings nicht streichen, sondern ummodeln, um den Erfordernissen eines durch KI-Modelle veränderten Marktumfelds Rechnung zu tragen, wie es seitens der Konzernführung heißt: „Mit dem geplanten Transformationsprogramm verlagern wir verstärkt Investitionen in strategische Wachstumsbereiche, in erster Linie KI“, gab Vorstandschef Christian Klein zu Protokoll. Auf diese Weise wolle man „auf zukünftig wegweisende Innovationen entwickeln und gleichzeitig die Effizienz unserer Geschäftsprozesse verbessern“.
Schon im vergangenen Jahr hatte SAP eine neue KI-Schiene angelegt, der weitgehend autonom operierende Algorithmus Joule wurde in unternehmenseigene Programme integriert, um den Anwendern typische Aufgaben in der Unternehmensorganisation abzunehmen oder zu erleichtern. Nun soll die Neuausrichtung mit weiteren zwei Milliarden Euro vorangetrieben werden, die in den Umbau der Konzernstruktur von Europas größtem Softwarehersteller fließen sollen. Außerdem lobte die Konzernführung ambitionierte Ziele für die Steigerung des Umsatzes der Cloud-Anwendungen aus, die mittlerweile im Zentrum der SAP-Produktpalette stehen. Im vergangenen Jahr verzeichnete die Sparte einen Zuwachs von 20 Prozent auf knapp 14 Milliarden Euro, 2024 sollen die Cloud-Erlöse nochmal um etwa ein Viertel anwachsen. Im Rahmen der Umstrukturierung sollen Mitarbeiter intern umgeschult werden, aufgrund von Investitionen in Wachstumsbereiche rechnet SAP trotz etwaiger Entlassungen mit einer konstanten Angestelltenzahl bis zum Ende des aktuellen Jahres.
Siemens Energy kämpft sich aus der Krise
Ähnlich beachtlich fielen die ersten Geschäftszahlen des Jahres auch für den Münchner Energietechnikhersteller Siemens Energy aus, der zuletzt mit allerlei Widrigkeiten zu kämpfen hatte. Im abgelaufenen Geschäftsjahr hatte man wegen Qualitätsproblemen bei Windkraftturbinen der Windkrafttochter Siemens Gamesa einen Rekordverlust von rund 4.6 Milliarden Euro eingefahren. Bereits vor einigen Wochen sprach der Konzern in einer Stellungnahme von einem „unerwarteten, schweren Rückschlag“, der „dazu führt, dass Siemens Energy das Jahr 2023 mit einem Nettoverlust abschließt“. Im ersten Quartal des neuen Geschäftsjahres, das für Siemens Energy Anfang Oktober begonnen hatte, war nun ein Gewinn von gut 200 Millionen Euro zu vermelden, was nicht nur die Markterwartungen übertraf – Experten hatten einen neuerlichen Verlust von knapp über 100 Millionen Euro prognostiziert –, sondern auch das Minus von gut 280 Millionen Euro aus dem Vergleichszeitraum des Vorjahres vergessen machte.
Einen Gutteil des Wachstums hat dabei die Gassparte zu verantworten, die durch Verschiebungen in den Projekt-Prioritäten stärker zum Zug gekommen war. Das Unternehmen selbst dämpft die Erwartungen allerdings trotz der positiven Zahlen und gibt nach wie vor eine verhaltene Jahresprognose ab. So würden vor allem bei der Tochter Siemens Gamesa „gestiegene Produktionskosten und Anlaufschwierigkeiten“ in neuen Geschäftsfeldern „die Profitabilität des Konzerns kurz- bis mittelfristig weiter belasten. Der Break-Even bei Siemens Gamesa wird nun für das Geschäftsjahr 2026 erwartet“. Und doch: „In einem Jahr beispiellosen Herausforderungen hat Siemens Energy gezeigt, dass der Turnaround machbar ist“, zog der Vorstandsvorsitzende Christian Bruch eine positive Bilanz. Demnach hätten alle operativen Bereiche bis auf das Windgeschäft „ihre Gesamtjahresziele erreicht oder übertroffen.“ Trotz der kurzfristigen Herausforderungen betonte Bruch resümierend „die wichtige Rolle von Siemens Energy bei der Energiewende“, die „auch in den kommenden Jahren unser Wachstum und unseren Erfolg bestimmen“ werde.
Infineon stärkt Lieferketten – Zerschlagung von Bayer?
Während die Zeit von Siemens Energy laut der Geschäftsführung noch kommen soll, erlebte Infineon schon in den vergangenen Monaten, was es bedeutet, an einem boomenden Wachstumsmarkt zu partizipieren: Auch der deutsche Hardware-Spezialist konnte vom immensen Nachfrageanstieg nach Chip-Technologie profitieren und gab am Dienstag bekannt, die Zusammenarbeit mit dem nordamerikanischen Halbleiterunternehmen Wolfspeed zu vertiefen, um den gesteigerten Bedarf an hochleistungsfähigen Chip-Produkten auch künftig von Deutschland aus bespielen zu können. Eine Liefervereinbarung mit Wolfspeed besteht bereits seit 2018, die Partnerschaft wurde nun erweitert, um die Zusammenarbeit zu vertiefen und Lieferumfänge auch für die kommenden Jahre zu sichern. Im Zentrum stehen dabei Halbleiterprodukte für Autos sowie Solar- und Energiespeichersysteme, der Infineon Geschäftsführer Jochen Hanebeck unterstrich den wichtigen „Zugang zu einer qualitativ hochwertigen, globalen und langfristigen Lieferbasis“, auf die das Unternehmen zugreifen könne.
Sorgen beuteln hingegen den Leverkusener Pharmariesen Bayer. Bereits vergangene Woche war dort eine „radikale Neuausrichtung“ angekündigt worden, in deren Rahmen eine ganze Reihe von Stellen gestrichen werden soll. Gemutmaßt wurde zuletzt auch über eine Aufspaltung des in mehrere operativen Sparten gegliederten Unternehmens. Der seit vergangenem Sommer amtierende Vorstandsvorsitzende Bill Anderson zeigt Verständnis für derartige Forderungen: „Einige Investoren haben den Wunsch, dass sich Unternehmen möglichst auf einen Sektor konzentrieren.“ Dies könne allerdings „einige Jahre dauern“, außerdem könne „während dieser Zeit der Fokus auf die Kunden, auf neue Produkte oder auf die digitale Transformation verloren gehen“. Diese Dinge „wägen wir gerade ab“, gab Anderson sich kryptisch. Wie viele Stellen abgebaut werden, ist bislang unklar, im Fadenkreuz stehen laut Anderson aber besonders Führungskräfte: „Wir werden uns vorwiegend auf Managerebene leider auch von vielen Kolleginnen und Kollegen verabschieden müssen“, das empfinde er als „sehr schmerzhaft“. Durch die Strukturreform werde man „Bayer wieder in die Erfolgsspur bringen“, kündigte Arbeitsdirektorin Heike Prinz schon vergangene Woche an.
Fällt Deutschlands Wirtschaft global zurück?
Die Erfolgsmeldungen der deutschen Technologie-Unternehmen stehen im Widerspruch zu den verhaltenen Prognosen für das kommende Jahr, die das Münchener Marktforschungsinstitut ifo gemeinsam mit dem Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik Anfang dieser Woche für den deutschen Markt herausgab. Der Report, für den im Dezember 1431 Wirtschaftsexperten aus 124 Ländern befragt wurden, sagt Deutschland ein schwaches Wirtschaftswachstum von 0.6 Prozent vorher. Die weltweite Wachstumsrate dürfte demnach mit 2.6 Prozent recht nahe am Vorjahresniveau von 2.7 Prozent bleiben, Deutschland würde bei Eintreten der Vorhersage zu einem der schwächsten Länder zählen, mit Großbritannien (+0.5%) und Schweden (+0.4%) sollen nur zwei Länder schlechter abschneiden. Westeuropa soll im laufenden Jahr wirtschaftlich um 1.1 Prozent wachsen, Nordeuropa um 1.4 Prozent, damit sind sie die global schwächsten Teilregionen. Als Spitzenreiter benennen die Experten Westafrika mit 4.4 Prozent und Südostasien mit ganzen 4.7 Prozent, was auch über die nächsten Jahre hinweg so bleiben dürfte. Im Paket China-Titans analysieren wir den größten der asiatischen Wachstumsmärkte regelmäßig, aber auch dem Heimatmarkt bleiben wir treu: Nicht nur dem DAX-Index selbst, sondern auch allen darin enthaltenen Einzeltiteln – darunter SAP, Siemens Energy und Infineon – in unserem DAX-40-Paket.




