Als Vergeltung für westliche Sanktionen wegen des Ukraine-Kriegs hat Russlands Präsident Wladimir Putin vor wenigen Tagen bekannt gegeben, die Uran-Exporte seines Landes drastisch zu reduzieren. Für den Westen ist das gar keine gute Nachricht, schließlich sind die Vereinigten Staaten und Europa immer noch abhängig vom russischen Nuklearbrennstoff.
Dass Putin das russische Uran und einige weitere Rohstoffe wie etwa Titan ausgerechnet jetzt zu geopolitischen Druckmitteln macht, ist kein Zufall: Seit einiger Zeit erlebt die Atom-Energie in vielen Industrie-Nationen eine Renaissance. Wenig überraschend ziehen die Preise am Uranmarkt nach den jüngsten Handelsstreitigkeiten deutlich an.
Putin spielt die Uran-Karte – wenig überraschend…
„Wir werden nicht zulassen, dass Russland für seine eigenen Ressourcen sanktioniert wird, während der Westen weiterhin von ihnen profitiert,“ erklärte Putin Mitte des Monats in einer Rede vor russischen Politikern. Mit dem jüngst verhängten Exportstopp für Uran will Russland nun also auf die Sanktionen reagieren, die westliche Staaten aufgrund des Ukraine-Krieges eingeführt haben. Putin betonte weiter: „Unsere Ressourcen gehören uns, und wir werden sie nur an jene liefern, die uns mit Respekt behandeln.“
Europa und die USA fallen aus Putins Sicht nicht mehr in diese Kategorie seit eine Reihe westlicher Industrienationen mit schweren wirtschaftlichen Sanktionen auf den russischen Angriff auf die Ukraine vor bald drei Jahren reagiert hat. Politische Beobachter dürften wenig überrascht sein, dass Putin die Uran-Karte spielt, schließlich ist der Nuklear-Brennstoff einer der stärksten Trümpfe auf der Hand des Kremls, die durch kürzliche wirtschaftliche Kapriolen empfindlich geschwächt wurde.
Russland ist globaler Marktführer in der Urananreicherung und kontrolliert fast die Hälfte der weltweiten Kapazitäten. Ungefähr 44 Prozent der globalen Einrichtungen zur Uranverarbeitung sind in russischer Hand und das Geschäft brummt zum Leidwesen des Westens. Allein im vergangenen Jahr exportierte Russland in die EU 573 Tonnen Kernbrennstoff im Wert von 686 Millionen Euro – ein Anstieg von über 80 Prozent gegenüber 2022. Ähnlich sieht es in den USA aus, wo russisches angereichertes Uran 702 Tonnen und 1.2 Milliarden US-Dollar Umsatz ausmachte, ein Rekordwert.
Die weltweite Uranknappheit spitzt sich zu, laut der World Nuclear Association wird die Nachfrage nach nicht angereichertem Uran bis 2030 auf etwa 75 000 Tonnen und bis 2040 auf über 100 000 Tonnen anwachsen – bei gerade mal halb so viel Angebot. Der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags schätzt, dass nur noch etwa 3.2 Millionen Tonnen Uran rentabel abgebaut werden können, dafür allerdings müsste der Uranpreis deutlich steigen. Rohstoff-Anlegern, die in Uran investieren, dürfte diese Entwicklung langfristige Gewinne einbringen.
… denn der Westen braucht russisches Uran
Die Abhängigkeit des Westens von russischem Uran ist beträchtlich. In der Europäischen Union, deren russische Uran-Importe sich von 2022 auf 2023 um fast 100 Prozent auf gut 3400 Tonnen anstiegen, betreffen die Lieferstopps besonders Länder mit sowjetischen VVER-Reaktoren. Die Tschechische Republik, die Slowakei, Ungarn, Bulgarien und Finnland sind auf russischen Brennstoff angewiesen, da ihre Reaktoren speziell darauf ausgelegt sind. Ein Umstieg auf westliche Alternativen wäre möglich, aber teuer und zeitaufwendig.
In den USA ist die Abhängigkeit ebenfalls erheblich. Rund ein Viertel des angereicherten Urans, das die USA im letzten Jahr importierten, kam aus Russland. Das Energieministerium der Vereinigten Staaten bezeichnete die aktuelle Situation in einem offiziellen Statement als erhebliches Sicherheitsrisiko und will in den nächsten Jahren Milliarden in die Entwicklung eigener Kapazitäten investieren. So wurde in Ohio ein erstes Pilotprojekt für hochangereichertes Uran gestartet, das langfristig die Versorgung sichern soll.
Trotzdem bleibt Russland weiterhin der größte Anbieter von hochangereichertem Uran, das etwa für Atomkraftwerke notwendig ist. Bis 2035 soll der russische Marktanteil von 35 Prozent zwar leicht auf 30 Prozent zurückgehen, nachhaltige Verschiebungen auf dem Weltmarkt dürften aber noch deutlich länger dauern. Dabei ist Uran so gefragt wie selten zuvor: Westliche Länder investieren massiv in Atomkraft als Teil ihrer Energiewende.
In Europa sollen Atomkraftwerke helfen, fossile Brennstoffe zu ersetzen, während die USA auf eine neue Generation kleiner, modularer Reaktoren hoffen. Da Atomstrom auch als wichtige Ressource bei der Entwicklung von Künstlicher Intelligenz gehandelt wird, investieren immer mehr Tech-Giganten wie Microsoft, Amazon oder Google.
Airbus und Boeing: Schadet Russland der Luftfahrt-Branche?
Neben Uran ist Titan ein weiteres Element, mit dem Russland den Westen treffen will. Das Leichtmetall wird in der Luftfahrtindustrie eingesetzt, wo es für Airbus und Boeing unverzichtbar ist. Russlands Titanexporte haben seit der Eskalation des Ukraine-Kriegs zunehmend an geopolitischer Bedeutung gewonnen, da das Land der führende Anbieter von Titan für die Luftfahrtindustrie ist.
Rund 40 Prozent des globalen Titans, das für die Herstellung von Flugzeugen benötigt wird, stammen aus Russland. Boeing, der größte Flugzeugbauer der USA, bezieht etwa 40 Prozent seines Titans aus Russland, während Airbus, der europäische Wettbewerber, auf russische Titanlieferungen angewiesen ist, um rund 20 Prozent seines Bedarfs zu decken.
Durch den russischen Exportstopp könnte die westliche Luftfahrtindustrie nun vor erheblichen Engpässen stehen. Beide Unternehmen haben bereits begonnen, alternative Lieferquellen zu suchen, wobei die Luftfahrtbranche auf eine Reduzierung der Abhängigkeit von russischen Ressourcen setzt.
Dennoch zeichnet sich ein ähnliches Bild wie im Uran-Sektor: Putin nutzt die westliche Abhängigkeit von seinen Rohstoffen und zieht die geopolitischen Daumenschrauben an. Langfristig aber dürfte die russische Sanktion dem Kreml wenig nützen – eher im Gegenteil. Die EU will ihre Abhängigkeit von Russland weiter reduzieren, bis 2030 könnten die russischen Kernbrennstoffexporte in die EU um 60 Prozent zurückgehen, wenn Länder wie Finnland und die Slowakei erfolgreich auf westliche Lieferanten umstellen.
Die Vereinigten Staaten haben unter Präsident Joe Biden bereits vor Monaten eine gesetzliche Regelung getroffen, um die Uran-Importe aus Russland zu verringern. Erzwungene Investitionen in fortschrittliche Reaktortechnologien und heimische Anreicherungsanlagen könnten den USA nun sogar helfen, eine Vorreiterrolle in der globalen Nuklearindustrie einzunehmen – zum Nachteil Russlands, dessen Handelsbeziehungen durch den Exportstopp weiter verkümmern dürften. Im Uranmarkt dürften die geopolitischen Turbulenzen dennoch zu kurzfristiger Volatilität führen, von der Anleger profitieren können.


Der Uran-Preis explodierte in der zweiten Jahreshälfte 2023, bleibt übergeordnet aber in der blauen Korrekturwelle (II). Ein vorübergehender Ausbruch über C$32.91 ist zu 32 Prozent wahrscheinlich.
Seit den ersten EU-Sanktionen gegen Russland zu Beginn des Ukraine-Konflikts 2014 fielen die Uran-Exporte stetig, stiegen im letzten Jahr aber wieder deutlich.
Russland deckte 2023 fast ein Viertel des US-Bedarfs an angereichertem Uran. 27 Prozent produzieren die USA selbst, zwölf Prozent kommen aus Deutschland, elf aus Großbritannien.
