Mit Spannung wurden im Rohstoffmarkt vergangene Woche die offiziellen Zahlen zum chinesischen Wirtschaftswachstum des Vorjahres erwartet. Schließlich ist China einer der weltweit wichtigsten Absatzmärkte für Industriemetalle, Öl und Erdgas, in den vergangenen Jahren war der Rohstoffhunger der branchenübergreifend rasant wachsenden Ökonomie im Reich der Mitte fast unstillbar. Schon im Vorfeld wurde etwa prognostiziert, dass die Öl-Nachfrage im Land 2023 um gut 700 000 Barrel pro Tag angewachsen sein dürfte – damit würden zwei Drittel des Wachstums der globalen Ölnachfrage auf China entfallen. Auch in Sachen Platin, Kupfer und Gold war China zuletzt mehrfach in den Schlagzeilen, vergangene Woche veröffentlichte die chinesische Zollbehörde dann eine ganze Reihe von Handelsdaten, die mit einigen Überraschungen und Rekorden aufwarten konnten. Derweil macht sich ein DAX-Unternehmen daran, das Platin-Recycling in der Volksrepublik zu beleben.
China kauft weniger Kupfer – und bunkert Platin
China will in Sachen Industriemetall autark werden und die eigene Position im weltweiten Taktieren um das Lebenselixier der digitalen und Computerindustrie stärken. Unter diesem Motto standen bereits im Dezember verhängte Ausfuhrbeschränkungen auf Technologie zur Verarbeitung Seltener Erden – traditionell und seit Jahrzehnten eine chinesische Domäne. Ähnliches will China nun auch mit Blick auf den Industrie-Allrounder Kupfer erreichen, schließlich wird das Metall nicht nur in der Erdöl-, sondern auch der Nahrungsmittel- und Elektroindustrie permanent gebraucht. Die Importe von unverarbeitetem Kupfer waren in China vergangenes Jahr um rund sechs Prozent rückläufig. Das liegt nicht an verringertem Bedarf, sondern an den ausgeweiteten heimischen Raffinadekapazitäten. Wenig überraschend ist vor diesem Hintergrund, dass die chinesischen Importe von Kupfererz, das zur Herstellung des reinen Kupfers benötigt wird, um kräftige neun Prozent zulegten.
Neben Kupfer wird auch Platin in China zum Importschlager – schließlich werden beide Metalle dringend für Technologien für Erneuerbare Energien und auch für die in China boomende E-Mobilität benötigt. Seit 2009 kauft China große Mengen Platin aus aller Welt, exportiert aber nicht selbst aus den eigenen Fördereinrichtungen. Oberirdische Platinbestände in Westeuropa und im Vereinigten Königreich stoßen an laut Experten an ihre Grenzen – ähnliche Produktionsmöglichkeiten gebe es in den Vereinigten Staaten, die seien aber sehr teuer. Auch das Angebot aus Minenförderung sei rückläufig, eine Lösung sei gesteigertes Recycling, was allerdings unwahrscheinlich sei, schätzt der international bekannte Edelmetallexperte David Davis in einer Studie, die Ende vergangenen Jahres veröffentlicht wurde. Es sei „nur eine Frage der Zeit, bis sich die Auswirkungen dieses wachsenden globalen Angebots-Nachfrage-Defizits bemerkbar machen und wir einen sehr deutlichen Anstieg des Platinpreises erleben". China sitze auf oberirdischen Platinbeständen von rund zwölf Millionen Unzen, was fast zwei Drittel des bekannten oberirdischen Vorkommens ausmache.
BASF will chinesisches Platin recyceln
Dass chinesisches Platin für die westliche Welt nicht zugänglich sei und China darüber hinaus weiteres Platin ankaufe, könne die weltweite Dekarbonisierung nachhaltig beeinträchtigen, befürchtet Davis. Zum Vergleich: In den Vereinigten Staaten gibt es oberirdische Platinbestände von rund acht Millionen Unzen, während Förderstandorte in Europa und dem Rest der Welt fast erschöpft seien. Auch deshalb seien die Platinvorräte auf derzeit noch niedrigem Niveau in ein kritisches Stadium der Preisentwicklung eingetreten, die das Marktgleichgewicht gefährden könne. Um den chinesischen Markt zu erschließen, haben sich nun der deutsche Technologiekonzern Heraeus und der DAX-notierte Chemieriese BASF zusammengetan, um in China Platin zu recyceln. Künftig sollen in der chinesischen Stadt Pinghu 10 000 Tonnen alter Autokatalysatoren verarbeitet werden. Die Firma ist Teil eines globalen, 300€ Millionen schweren Plans von BASF und Heraeus, um Platin und verwandte Metall in China, den USA und Deutschland wiederverwertbar zu machen. Industriemetalle sind aber nicht das einzige Feld, auf dem China und Europa in Sachen Industrierohstoffe besonders aktiv sind.
Während Scharmützel zwischen dem nordamerikanischen Militär und den Huthi-Milizen im Jemen für Lieferschwierigkeiten von Öl und Erdgas über den wichtigen Suezkanal im Roten Meer sorgen und Beschlagnahmen von Tankschiffen durch den Iran im Golf von Oman für Unsicherheit auf dem Ölmarkt sorgen, verkündet China Rekordwerte beim Öl-Import – trotz des verhaltenen Wirtschaftswachstums. Im letzten Jahr beliefen sich die Einfuhren auf 564.3 Millionen Tonnen respektive 11.3 Millionen Barrel Rohöl am Tag, lagen damit nicht nur um etwa elf Prozent höher als noch 2022, sondern kletterten auch auf ein nie dagewesenes Niveau. Die bisherige Höchstmarke hatte das Jahr 2020 mit 10.9 Millionen Barrel pro Tag gesetzt. Damals hatte China große Lagerbestände aufgebaut, weil die Ölpreise infolge der weltweiten Verwirrungen rund um die Corona-Pandemie stark gefallen waren. Nach den pandemiebedingten Restriktionen erholt sich damit die Ölnachfrage in China, im Verlauf des Jahres büßte sie allerdings etwas an Dynamik ein.
Prognosen für weltweite Ölnachfrage angehoben
Für das neue Jahr erteilten die Behörden den Raffinerien schonmal großzügige Importquoten. Dabei wird nicht alles Rohöl, das von China importiert und verarbeitet wird, auch dort verbraucht. Im vergangenen Jahr verkaufte man rund 63 Millionen Tonnen an Ölprodukten wieder ins Ausland, was einem Anstieg von etwa 17 Prozent im Vergleich zu 2022 entspricht. Einen großen Teil an diesen Ausfuhren machen Kraftstoffe aus, während die Dieselexporte Ende des vergangenen Jahres leicht zulegten, hinkte Benzin hinterher. Beobachter des chinesischen Marktes weisen auf die rückläufige Dieselnachfrage im Land infolge der etwas behäbigen Konjunktur hin. Gleichzeitig sei ein deutlicher Anstieg der chinesischen Kerosinexporte auf die Belebung des internationalen Flugverkehrs zurückzuführen. Während die OPEC Anfang des Jahres von einer schwächelnden globalen Ölnachfrage ausging, könnten gesteigerte chinesische Importe in Kombination mit den Zerwürfnissen im Roten Meer in der näheren Zukunft für Verknappung auf dem Ölmarkt sorgen.
Nicht von ungefähr korrigierte die Internationale Energie-Agentur (IEA) in Paris ihre Prognose für die Ölnachfrage in diesem Jahr Ende vergangener Woche um rund 200 000 Barrel pro Tag nach oben und geht nun von einem täglichen Anstieg um 1.2 Millionen Barrel. Maßgeblich dazu beigetragen haben die seit Jahresbeginn geltenden freiwilligen Produktionskürzungen der OPEC-Staaten, die durch gesteigertes Angebot aus anderen Teilen der Welt – vor allem aus den Vereinigten Staaten – doch nicht so stark kompensiert wird wie vor einigen Wochen noch erwartet. Laut Experten könnte die IEA das Volumen von Öllieferungen außerhalb der OPEC trotzdem noch zu optimistisch prognostizieren: Während die Energie-Agentur für die US-Ölproduktion einen Anstieg um 720 000 Barrel pro Tag extrapoliert, backt die nordamerikanische Energiebehörde mit einer Schätzung von deutlich unter 300 000 Barrel weitaus kleinere Brötchen. Entsprechende Anstiege in der globalen Nachfrage erwartet wiederum die OPEC, deren vorhergesagter Zuwachs um etwa 2.3 Millionen Barrel pro Tag fast doppelt so hoch ausfällt wie die IEA-Prognose.
Erdgas und Gold sind chinesische Importschlager
Auch beim Erdgas erwies sich die chinesische Wirtschaft einmal mehr als treuer Abnehmer: Im vergangenen Jahr wurden 120 Millionen Tonnen Erdgas importiert und damit 10 Prozent mehr als noch 2022. Historisch lag nur das Jahr 2021 über diesem Importwert – allerdings nur marginal. Für einen Rekord konnte gegen Jahresende dann aber doch noch gesorgt werden: Mit 12.65 Millionen Tonnen lotste China so viel Erdgas über seine Grenzen wie in keinem einzelnen Monat zuvor. Der Anteil von Flüssiggas (engl. Liquified Natural Gas, kurz LNG) verzeichnete einen Anstieg von mehr als zehn Prozent, liegt aber noch zwölf Prozent unter den Werten von 2021. Gerade europäische Staaten sind nach dem Wegfall der Pipelinelieferungen aus Russland infolge der Sanktionen wegen des Ukraine-Kriegs auf LNG-Lieferungen angewiesen und konnten dank der gedämpften chinesischen Nachfrage im Vorjahr ihre Speicher verhältnismäßig preiswert füllen. Währenddessen steigen die Erdgaslieferungen via Pipeline in China seit Monaten kontinuierlich an: Schon nach elf Monaten des letzten Jahres lagen sie um 16 Prozent höher als im energiehungrigen Jahr 2021. Für europäische Staaten bedeutet die chinesische Präferenz von Pipeline-Gas eine Sorge weniger auf der Suche nach ergiebigen LNG-Quellen, denn auch hier wurden Lieferketten durch die Huthi-Unruhen unterbrochen.
Während die Industrie schwächelt, wächst die Nachfrage nach dem wohl edelsten aller Edelmetalle in China sprunghaft: Schon 2022 fanden zehn Prozent der weltweiten Goldproduktion im Reich der Mitte statt, zusätzlich importierte China knapp 40 Prozent der weltweit geförderten Goldmenge. Auch im vergangenen Jahr trieben der kriselnde Immobiliensektor und schwache Aktienmärkte den Goldpreis in der Volksrepublik auf neue Rekordhöhen. Die Einfuhr von Münzen und Barren steigerte sich im dritten Quartal mit mehr als 80 Tonnen um etwa 16 Prozent, Russland kaufte neun Tonnen mehr als noch 2022, in Europa ging die Nachfrage gar um zwölf Tonnen zurück. Seit Jahren stockt die chinesische Zentralbank ihre Goldreserven auf, womit China unter die reichsten Länder der Welt aufgestiegen ist, was den Goldbesitz angeht. Diese Tendenz zeigt sich auch bei privaten Kunden: Ein großer chinesischer Schmuckhändler teilte kürzlich mit, dass die Verkäufe von Goldschmuck in Hongkong und Macau um knapp 90 Prozent und auf dem chinesischen Festland fast um ein Viertel gestiegen seien. Experten machen die unsichere globale Wirtschaftslage und die Spekulationen um eine Verlängerung des hohen Zinsniveaus im Westen dafür verantwortlich. Deshalb besitze der Goldpreis weiterhin großes Potenzial – und das bleibt auch bei uns nicht ungenutzt. Um in den Rohstoffmärkten optimal zu investieren, bieten sich unsere regelmäßigen Analysen, etwa zu Kupfer, Platin oder Gold, aber auch Rohöl und Erdgas an – inklusive Kursprognosen und Einstiegssignalen!




