Dieser Artikel ist Teil unserer Reihe Money Crime$. Darin erzählen wir von spektakulären Fällen aus der Finanzwelt, von verschwundenen Millionen, dubiosen Geschäften und dunklen Wetten.
Sie haben unsere zweite Folge verpasst? Rund 800 Anleger investierten in Gold im Wert von etwa 80 Millionen Schweizer Franken. Als sie es zurückforderten, begann die Suche: Wo war das Gold geblieben? Hier geht es zur Story.
Das Wichtigste in Kürze
KI-Influencer erobern soziale Netzwerke und werden zum Geschäft mit Memecoins.
Die FOMO-App verbindet Social Media mit Krypto-Trading und sorgt für Aufsehen.
Zwischen Millionenbewertungen und hohen Verlusten stellt sich die Frage: Wer profitiert wirklich?
Blonde Topffrisur, gezwirbelter Schnurrbart, brauner Anzug. Jean Philanthrop steht schattenboxend mitten in Paris. Die Kulisse wechselt, das Motiv bleibt dasselbe. Viel mehr passiert in seinen Videos eigentlich nicht. Bemerkenswert ist vor allem die Geschwindigkeit: Der erste bekannte Beitrag erschien am 17. September. Nur zehn Tage später hatte Jean Phil bereits mehr als 240 000 Follower. Aus einer vollkommen unbekannten Figur wurde ein Internetphänomen. Das Interessante: Jean Philanthrop hat es nie gegeben. Der Mann, über den Millionen Menschen lachen, wurde mit künstlicher Intelligenz erschaffen.
Was ist Realität und was ist Fake? Hinter Figuren wie Jean Phil steckt mehr als ein erfolgreicher Internetwitz. Immer häufiger tauchen KI-generierte Charaktere auf, sammeln innerhalb kürzester Zeit enorme Reichweite und werden anschließend mit eigenen Memecoins verknüpft. Wer die Accounts betreibt und an den Coins verdient, bleibt häufig anonym. Genau das macht das Modell anfällig für Missbrauch. Und während in sozialen Netzwerken mit spektakulären Gewinnen geworben wird, zeigen Auswertungen aus dem Memecoin-Handel ein ganz anderes Bild. Grund genug, das Geschäft hinter dem Hype in dieser Ausgabe von Money Crime$ genauer unter die Lupe zu nehmen.
Millionen für einen Internetwitz
Memecoins sind Kryptowährungen, die meist rund um einen Internetwitz, eine bekannte Figur oder einen viralen Trend entstehen. Wie groß dieser Hype werden kann, zeigen Dogecoin und Shiba Inu. Dogecoin erreichte im Mai 2021 eine Marktkapitalisierung von knapp 89 Milliarden US-Dollar und legte allein seit Jahresbeginn zeitweise um mehr als 14 000 Prozent zu. Shiba Inu kam wenige Monate später auf mehr als 40 Milliarden US-Dollar.

Dogecoin und Shiba Inu gehören zu den bekanntesten Memecoins. Beide erreichten zeitweise Milliardenbewertungen und zeigen, wie aus einem Internetwitz ein begehrtes Spekulationsobjekt werden kann.
Anders als bei Aktien steht hinter ihnen kein Unternehmen, dessen Umsätze oder Gewinne den Wert bestimmen. Einen neuen Token aufzusetzen, ist technisch inzwischen vergleichsweise einfach. Plattformen wie Pump.fun ermöglichen es praktisch jedem, innerhalb weniger Minuten einen eigenen Memecoin zu erstellen.
Ob dieser anschließend überhaupt einen nennenswerten Wert erreicht, hängt vor allem davon ab, ob Menschen auf ihn aufmerksam werden und bereit sind, ihn zu kaufen. Genau deshalb sind soziale Netzwerke für Memecoins so wichtig. Je größer der Hype um ein Meme oder eine Figur, desto größer kann auch das Interesse am dazugehörigen Coin werden. Steigt dessen Preis, springen häufig weitere Käufer auf, die Angst haben, eine Gelegenheit zu verpassen.
Erst kommt das Meme, dann kommt der Coin
Nur drei Tage nach dem ersten bekannten Instagram-Beitrag bekam der Hype um Jean Phil auch ein finanzielles Gegenstück. Am 20. September wurde auf Pump.fun der Memecoin $JEANPHIL gestartet und zeitweise direkt über das Instagram-Profil der KI-Figur beworben. Mit der wachsenden Aufmerksamkeit stieg auch die Bewertung des Tokens. In der Spitze erreichte $JEANPHIL eine Marktkapitalisierung von mehr als 12 Millionen US-Dollar.

Die vollständig KI-generierte Figur erreichte innerhalb weniger Tage fast eine Viertelmillion Follower. Quelle: Screenshot des öffentlich zugänglichen Instagram-Profils: (@jean_philanthrope), aufgenommen am 8. Oktober 2026.
Wer hinter dem Coin steckt und wie viel die Verantwortlichen damit tatsächlich verdient haben, ist öffentlich nicht bekannt. Auffällig ist jedoch, wie eng viraler Hype und Memecoin miteinander verknüpft wurden: Die KI-Figur lieferte die Reichweite, der Token machte diese Aufmerksamkeit handelbar. Inzwischen ist der Verweis auf $JEANPHIL aus der Instagram-Bio verschwunden.
Jean Phil ist längst nicht mehr allein
Dass sich hinter einer viralen KI-Figur plötzlich ein Memecoin verbirgt, ist inzwischen kein Einzelfall mehr. Ein weiteres Beispiel ist Derek Mercer. Lange schwarze Haare, ein grotesk muskulöser Körper und Auftritte, bei denen Mercer vor der Kamera tanzt, posiert oder seine Muskeln spielen lässt. Auch dieser Mann existiert nicht. Trotzdem zählt sein Instagram-Account inzwischen rund 60 300 Follower. Einzelne Videos wurden millionenfach angesehen.

Auch hinter Derek Mercer steckt kein realer Bodybuilder, sondern eine KI-generierte Figur. Quelle: Screenshot des öffentlich zugänglichen Instagram-Profils: (@derek.mercer.2006) vom 8. Oktober 2026.
Auch Derek Mercer hat seinen eigenen Token. $DRMR wird weiterhin auf Pump.fun gehandelt und erreichte in der Spitze eine Marktkapitalisierung von rund 1.73 Millionen US-Dollar. Aktuell sind davon noch rund 327 000 US-Dollar übrig. Offenbar konnte der Coin den anfänglichen Hype um Derek Mercer nicht halten: Mit nachlassender Nachfrage brach die Bewertung um rund 81 Prozent ein. Aus einer künstlichen Figur, die wenige Wochen zuvor niemand kannte, war damit innerhalb kürzester Zeit ein Spekulationsobjekt mit Millionenbewertung geworden.
Der perfekte Influencer braucht keinen Schlaf
Künstliche Intelligenz verändert das Influencer-Geschäft grundlegend. Während echte Influencer ihre Reichweite über Jahre aufbauen, lassen sich künstliche Figuren vollständig kontrollieren. Sie brauchen weder Verträge noch Gagen und können rund um die Uhr neue Inhalte veröffentlichen. Aussehen, Geschichte und Auftritte lassen sich beliebig verändern. Funktioniert ein Charakter nicht, kann der nächste ausprobiert werden.
Bei Jean Phil und Derek Mercer braucht es nicht einmal mehr einen realen Menschen als Vorlage. Die Aufmerksamkeit entsteht durch Unterhaltung, bevor überhaupt ein Finanzprodukt ins Spiel kommt. Wer ein Video weiterleitet, trägt möglicherweise zur Bekanntheit eines Coins bei, ohne diesen überhaupt zu kennen. Der eigentliche Reiz für die Verantwortlichen liegt darin, dass sich Reichweite auf diese Weise schnell aufbauen und anschließend finanziell nutzen lässt.
Pump and Dump: Eine alte Masche bekommt neue Werkzeuge
Schon lange vor Bitcoin und Memecoins wurden vor allem niedrig gehandelte Penny Stocks über die Pump and Dump-Methode manipuliert. In sogenannten Boiler Rooms wurden Anleger mit vermeintlichen Geheimtipps, angeblich bevorstehenden Durchbrüchen oder anderen Erfolgsgeschichten zum Kauf gedrängt. Die Initiatoren hatten sich zuvor günstig mit den entsprechenden Aktien eingedeckt. Sprangen genügend Anleger auf, stieg der Kurs. Dann kam der Dump: Die frühen Besitzer verkauften ihre Bestände zu den künstlich nach oben getriebenen Preisen. Der Kurs brach ein und zurück blieben Anleger mit Aktien, die teilweise kaum noch etwas wert waren.
Das Prinzip hat sich kaum verändert, nur die Werkzeuge sind andere. Besonders anfällig sind kleine Token mit geringer Liquidität. Die US-Terminmarktaufsicht CFTC warnt vor Gruppen, die Coins gezielt kaufen, über soziale Netzwerke bewerben und anschließend gewinnbringend verkaufen. In einem dokumentierten Fall dauerte dieser Vorgang weniger als acht Minuten. Auch John McAfee, Gründer des gleichnamigen Antiviren-Unternehmens, geriet ins Visier der US-Börsenaufsicht SEC. Sie warf ihm vor, Kryptowährungen gegen Bezahlung beworben zu haben, ohne seine finanziellen Interessen offenzulegen.
FOMO: Wenn die Börse zum sozialen Netzwerk wird
Wie eng soziale Netzwerke und spekulativer Handel inzwischen zusammenrücken, zeigt die Trading-App FOMO. Sie verbindet den Handel mit Kryptowährungen und Memecoins mit Funktionen, die an soziale Netzwerke erinnern. Nutzer können anderen Tradern folgen, deren Positionen beobachten und sich an deren Handelsentscheidungen orientieren. Der nächste Coin ist damit nur wenige Klicks entfernt. Das Geschäftsmodell wächst rasant: Nach eigenen Angaben verzeichnete FOMO Ende August bereits mehr als 1.9 Millionen Nutzer und steuerte auf ein monatliches Handelsvolumen von über 2.8 Milliarden US-Dollar zu. Die Plattform verdient unter anderem an Transaktionsgebühren, unabhängig davon, ob ein einzelner Anleger mit seinem Geschäft Gewinn macht.
Doch während auf sozialen Netzwerken Screenshots von angeblichen Gewinnen in sechsstelliger Höhe kursieren, zeichnen externe Auswertungen ein ernüchterndes Bild. Der Analyst MidCurveMortal untersuchte mithilfe der Blockchain-Datenplattform Dune rund 293 000 Wallets, die innerhalb von 90 Tagen über FOMO gehandelt hatten. Demnach lagen lediglich 6.16 Prozent im Plus, während rund 94 Prozent keine positive Bilanz aufwiesen. Selbst unter den profitablen Wallets erzielten etwa 88 Prozent weniger als 100 US-Dollar Gewinn. Nur 25 Wallets kamen auf mehr als 10 000 US-Dollar. Die Zahlen stammen aus einer externen Onchain-Analyse und sind nicht unabhängig bestätigt. Zudem lassen sich Wallets nicht automatisch einzelnen Personen zuordnen. Dennoch verdeutlichen sie, wie ungleich die Ergebnisse ausfallen können.
Ist das schon Betrug?
Die Zahlen werfen eine unbequeme Frage auf: Wenn fast alle verlieren und nur wenige nennenswerte Gewinne erzielen, ist das dann noch gewöhnliche Spekulation? So verlockend diese Schlussfolgerung auch erscheint, muss bei einem direkten Betrugsvorwurf Vorsicht walten. Weder Social Trading noch der Handel mit Memecoins sind grundsätzlich betrügerisch. Auch bei Jean Phil und Derek Mercer ist bislang nicht belegt, dass die Verantwortlichen ihre Reichweite gezielt nutzten, um eigene Tokenbestände auf Kosten späterer Käufer abzustoßen. Problematisch wird es dort, wo Anleger bewusst getäuscht, finanzielle Interessen verschwiegen oder Kurse gezielt manipuliert werden.

Scam oder nicht?
Eine besondere Gefahr entsteht, wenn einzelne Marktteilnehmer bereits große Tokenbestände besitzen, bevor ein Coin öffentlich beworben wird. Steigt durch die Werbung die Nachfrage, können frühe Besitzer ihre Bestände zu höheren Preisen verkaufen. Wer erst durch einen viralen Beitrag oder die Empfehlung eines Influencers einsteigt, trägt dagegen das Risiko des anschließenden Kursverfalls. Hinzu kommt, dass Außenstehende häufig nicht wissen, ob ein Influencer für seine Empfehlung bezahlt wurde oder selbst am beworbenen Token verdient. Das allein beweist keinen Betrug, schafft aber erhebliche Interessenkonflikte. Und genau darin liegt die Gefahr eines Marktes, in dem Aufmerksamkeit, Handelsentscheidungen und finanzielle Interessen immer enger miteinander verschmelzen.
Der Influencer wird zur Wegwerfware
KI hat Pump and Dump nicht erfunden. Auch Memecoins, künstlicher Hype und anonyme Entwickler sind keine Erscheinungen des Jahres 2026. Neu ist die Geschwindigkeit, mit der sich all diese Elemente miteinander verbinden lassen. Ein Entwickler kann einen Token erschaffen. KI gibt ihm ein Gesicht. Instagram, TikTok und Co. liefern die Bühne. Wenn eine Figur funktioniert, kann aus ein paar Videos innerhalb weniger Tage eine Marke mit Hunderttausenden Followern entstehen. Funktioniert sie nicht, wird eben die nächste erschaffen. Plattformen wie FOMO gehen noch einen Schritt weiter und bringen die Aufmerksamkeit aus sozialen Netzwerken unmittelbar mit dem Handel zusammen. Aus einem viralen Trend kann so innerhalb kürzester Zeit ein spekulatives Geschäft werden.
Je schneller ein Coin steigt, desto größer wird die Angst, die nächste große Rally zu verpassen. Die spektakulären Gewinne einzelner Trader sind dabei besonders sichtbar. Die vielen kleinen Verluste, die ihnen gegenüberstehen, deutlich weniger. Wer einen Memecoin kauft, muss nicht einmal an dessen langfristigen Erfolg glauben. Es reicht die Hoffnung, dass nach ihm noch genügend andere einsteigen. Gleichzeitig bewegen sich Anleger in einem Markt, in dem häufig schwer zu erkennen ist, wer einen Coin geschaffen hat, wie die Token verteilt sind und wer von steigenden Kursen tatsächlich profitiert. Die Gefahr besteht also nicht unbedingt darin, Jean Phil für echt zu halten. Sie besteht darin, zu glauben, schneller als alle anderen wieder aussteigen zu können.



