Das Wichtigste in Kürze
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Lieber Leser,
vergessen Sie die Eisenbahn aus der industriellen Revolution, das Fließband aus der Massenproduktion und ChatGPT aus dem KI-Zeitalter: Die folgende Nachricht könnte die größte Revolution an den Finanzmärkten werden, die die Welt je gesehen hat.
Sie denken, der Autor neige zur Übertreibung? Möglicherweise. Doch Sie erfahren hier von einem Markt, den die Wall Street jahrelang belächelt hat und dabei übersah, dass er seit 2004 um mehr als 14.700% gestiegen ist. Zum Vergleich: Der S&P 500 schaffte im selben Zeitraum rund 590%.
Die größte US-Kryptobörse Coinbase hat am 28. September auf Social Media gepostet:
Dein Sammelordner bekommt gleich ein großes Upgrade. Öffne Packs auf deinem Handy. Hinter jedem Pull steckt eine echte, physische Karte. Einlagern oder verschicken lassen. Bald auf Coinbase.
Hinter diesem Post steckt der Plan, zwei gigantische Welten miteinander zu verbinden, die bislang nebeneinanderher existierten.
Gigantische Nachfrage
Die eine Welt kennen Sie wahrscheinlich schon: Bitcoin, Wallets, Blockchain. Sie bilden ein gesichtsloses Finanzsystem, das Menschen auf der ganzen Welt befähigt, finanziell unabhängig zu sein. Die andere liegt vielleicht irgendwo auf Ihrem Dachboden und riecht nach Kindheit, Spaß und Freundschaft. Die Rede ist von Pokémon-Karten. Ja, richtig gelesen. Die bunten Pappkarten, die Ende der 90er auf jedem Schulhof auftauchten, bilden die Speerspitze eines milliardenschweren Sammlermarktes.
Erst im Februar 2026 sorgte eine einzelne Karte weltweit für Aufsehen: Die Pikachu-Illustrator-Karte aus dem Besitz des Influencers Logan Paul wurde über das US-Auktionshaus Goldin, bekannt aus der Netflix-Serie King of Collectibles: The Goldin Touch, für einen Rekordpreis von 16.5 Mio. USD versteigert. Den Zuschlag erhielt der Investor AJ Scaramucci.
Im selben Jahr feiert Pokémon seinen 30. Geburtstag und hat seit 1996 mehr als 85 Mrd. Karten gedruckt. Und trotzdem ist die Nachfrage kaum zu stillen: Händler wie Target, Walmart oder Smyths Toys mussten in den USA und Europa Kaufbeschränkungen einführen, weil die Regale leergekauft wurden.
Die Idee, Sammelkarten auf die Blockchain zu bringen, ist nicht neu. Kleinere Plattformen machen das seit Jahren und setzen damit Hunderte Millionen Dollar um. Doch bislang blieb das eine Spielwiese für Eingeweihte. Mit Coinbase klopft nun ein Schwergewicht an, das einen anderen Weg geht. Einen, der alles auf den Kopf stellt.

Produkte zum 30-jährigen Jubiläum waren innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft, nachdem sich bereits nachts um 1 Uhr Warteschlangen gebildet hatten.
Ein Asset zum Anfassen
Das Prinzip ist schnell erklärt. Statt im Laden ein Booster-Pack zu kaufen und aufzureißen, öffnen Sie das Pack künftig in der Coinbase-App. Auf dem Bildschirm erscheinen Ihre Karten, genau wie im Kiosk um die Ecke. Der Unterschied: Jede Karte, die Sie digital ziehen, existiert tatsächlich. Sie liegt als echtes Exemplar in einem gesicherten Tresor und gehört ab diesem Moment Ihnen.
Was dann passiert, entscheiden Sie. Sie können die Karte im Tresor einlagern lassen oder sie sich nach Hause schicken lassen und in Ihren Sammelordner stecken. Ob und wie ein direkter Weiterverkauf über Coinbase möglich sein wird, ist bislang offen. Auch zu Preisen und Gebühren hat Coinbase noch nichts verraten. Bei bestehenden Anbietern ist der Weiterverkauf eingelagerter Karten allerdings bereits gängige Praxis.
Um es noch einmal zu verdeutlichen: Stellen Sie sich vor, Sie könnten einen Bitcoin physisch erwerben, wie eine Goldmünze oder einen Barren, und ihn sich nach Hause schicken lassen. Keine Wallet, kein USB-Stick, kein Hacker, der über ein Datenleck an Ihre Kryptowährungen kommt. Einfach ein Wert, den Sie in den Händen halten. Als Krisenschutz. Sie haben richtig gelesen. Als Krisenschutz. Zumindest behauptet das Peter Levin, Gründer des Wagniskapitalgebers Griffin Gaming Partners und Besitzer von mehr als 500.000 Pokémon-Karten:
Würde die Welt morgen untergehen, wären Pokémon-Karten am nächsten Tag die Währung.
Ob man das wörtlich nehmen muss, sei dahingestellt. Doch es zeigt, wie ernst selbst Profis diesen Markt inzwischen nehmen.

Pokémon-Karten als Krisenwährung? Investor Peter Levin ist davon überzeugt.
NFTs und Air Jordans sind Geschichte
Erinnern Sie sich an den NFT-Boom? 2021 zahlten Anleger Millionen für digitale Affenbilder und Kunstwerke, die niemand anfassen konnte. Ein Werk von Beeple ging bei Christie's für 69 Mio. USD weg. Am Ende blieb den Käufern kaum mehr als ein Eintrag auf einer Blockchain. Wie öde. Als der Hype abflaute, brach der Markt ein.
Doch auch physische Sammlerstücke sind kein Selbstläufer, wie Air Jordans zeigen. 2020 zahlten Käufer auf StockX noch 61% Aufschlag für neue Air Jordan 1, drei Jahre später nur noch 4%. Heute wird die Mehrheit neuer Modelle unter dem Ladenpreis gehandelt. Michael Jordan ist seit über 20 Jahren in Rente, Nike lebt von Neuauflagen alter Klassiker.
Pokémon dagegen erfindet sich immer wieder neu. Neue Sets, Spiele und Monster begeistern jede Generation aufs Neue, während die Sammler von damals heute das Geld haben, sich ihre Kindheit zurückzukaufen.

Pokémon führt das Ranking der umsatzstärksten Medien-Franchises der Welt mit deutlichem Abstand an.
Vom Bitcoin zum Pikachu mit wenigen Klicks
Warum ist das so besonders? Weil Kryptogeld plötzlich direkt in eine neue Anlageklasse fließen könnte. Bisher müssen Anleger ihre Bitcoins erst in eine klassische Währung wie Euro oder Dollar umtauschen, bevor sie damit Sammelkarten kaufen können. Bei Coinbase läge das Kapital bereits auf der Plattform. Aus Bitcoin würde mit wenigen Klicks eine Sammelkarte werden und umgekehrt.
Damit das funktioniert, braucht jede Karte einen klar bestimmbaren Wert. Zwei Faktoren entscheiden, ob eine Karte ein paar Cent oder Millionen wert ist:
Seltenheit: Die meisten Karten werden millionenfach gedruckt. Manche erscheinen dagegen nur in winziger Stückzahl oder in bestimmten Sprachen, etwa als Preis für Turniere oder Wettbewerbe. Wie stark die Auflagen gewachsen sind, zeigt eine Zahl: Gut jede neunte Pokémon-Karte, die es überhaupt gibt, wurde allein im vergangenen Geschäftsjahr gedruckt. Ältere Karten sind entsprechend rar.
Zustand: Hier kommen Prüfagenturen wie PSA (Professional Sports Authenticator) ins Spiel. Sie untersuchen Ecken, Kanten, Oberfläche und Zentrierung einer Karte und vergeben eine Note von 1 bis 10. Eine PSA 10 bedeutet makellos und ist entsprechend begehrt. Seit Sommer 2026 betreibt das US-Unternehmen auch einen Standort in Frankfurt am Main.
Wie stark beide Faktoren zusammenwirken, zeigt das bekannteste Beispiel: ein Glurak aus dem allerersten englischen Pokémon-Set von 1999, mit 1st Edition-Stempel und der Note PSA 10. Solche Exemplare werden aktuell für bis zu 500.000 USD gehandelt. Genau diese Bewertung macht Sammelkarten erst handelbar wie ein Wertpapier. Ohne sie wäre die Idee von Coinbase kaum umsetzbar.
Denken wir das weiter: Sie ziehen in einem Videospiel wie GTA 6 durch die Straßen, betreten einen virtuellen Kartenladen und öffnen mit Kryptogeld oder Ingame-Währung ein Booster-Pack. Das Pikachu auf dem Bildschirm wäre eine echte Karte im Tresor, die Sie tauschen, verkaufen oder sich nach Hause schicken lassen könnten. Noch ist das Zukunftsmusik. Doch Coinbase hat diese Welt ein gutes Stück näher gerückt.
Für Coinbase kommt der Schritt zur richtigen Zeit. Coinbase schrieb zuletzt drei Quartalsverluste in Folge, zuletzt mit einem Minus von 359.5 Mio. USD. Als Everything Exchange will sie deshalb alles auf eine Plattform holen, was Menschen handeln wollen, und so unabhängiger vom schwankenden Kryptohandel werden.
Pokémon schlägt den S&P 500
Keine Börsenaufsicht, keine Zentralbank, keine Zinsentscheide: Die Preise für Pokémon-Karten bestimmen allein Angebot, Nachfrage und die Sehnsucht nach der eigenen Kindheit. Wie sich dieser Markt entwickelt, misst unter anderem der Pokémon-Kartenindex des US-Datenanbieters Card Ladder.
Das Prinzip ähnelt einem Aktienindex. Card Ladder sammelt die tatsächlich erzielten Verkaufspreise von Pokémon-Karten auf mehr als einem Dutzend Plattformen, darunter eBay und große Auktionshäuser. In den Index fließen inzwischen mehr als 9.600 Karten ein, vor allem professionell bewertete Exemplare, die regelmäßig gehandelt werden. Aus diesen Verkäufen errechnet Card Ladder fortlaufend einen neuen Indexstand. Steigen die Preise der erfassten Karten, steigt der Index, fallen sie, sinkt er.
Und die Bilanz kann sich sehen lassen. Seit 2004 legte der Pokémon-Kartenindex im Schnitt rund 25% pro Jahr zu, der S&P 500 rund 9%. Der eigentliche Wendepunkt kam jedoch mit der Corona-Pandemie. Mehr als 15 Jahre lang bewegte sich der Index kaum vom Fleck. Dann saßen Millionen Menschen zu Hause, entdeckten ihre alten Sammelordner wieder und hatten Geld zur Verfügung. Seit Anfang 2020 hat sich der Indexwert rund verdreißigfacht, allein in den vergangenen zwölf Monaten mehr als verdreifacht. Viele Medien nennen übrigens noch ein Plus von 3.800%. Diese Zahl stammt aus einer Auswertung für das Wall Street Journal mit Stand August 2025 und ist längst überholt.
Allerdings bildet der Index vor allem begehrte, bewertete Karten ab. Die Wertentwicklung einer gewöhnlichen Sammlung erfasst er nicht. Und die kann deutlich davon abweichen: Wird die Druckauflage eines Sets eingestellt oder sorgt ein neues Set für frischen Hype, können auch unbewertete Karten und versiegelte Produkte kräftig im Preis steigen. Umgekehrt verlieren viele Karten nach dem ersten Ansturm schnell wieder an Wert.

Seit 2004 hat der Pokémon-Kartenindex um mehr als 14.700% zugelegt, der S&P 500 um rund 590%.
Die Kehrseite des Booms
Die Freiheit dieses Marktes hat allerdings ihren Preis: Wo es keine Aufsicht gibt, gibt es auch keinen Anlegerschutz. Das größte Risiko liegt beim Angebot selbst. Anders als bei Gold oder Bitcoin bestimmt ein einzelnes Unternehmen, wie viele Karten auf den Markt kommen.
Hinzu kommen Risiken, die speziell die digitale Variante betreffen. Das Öffnen digitaler Packs mit zufälligem Inhalt erinnert stark an Glücksspiel, die Debatte über eine Regulierung ist längst eröffnet. Wer seine Karten im Tresor lagert, ist zudem vom Betreiber abhängig. Und bei bestehenden Anbietern stammt ein Großteil des Handels bisher aus Pack-Öffnungen und Sofort-Rückkäufen, nicht aus echtem Handel zwischen Sammlern. Ob das bei Coinbase anders wird, ist offen.
Selbst die Bewertung schützt nicht vollständig. Allein bei PSA fielen zuletzt gefälschte Karten im Wert von mehr als 200 Mio. USD auf. Und am Ende gilt: Die Preise werden von Nostalgie, Knappheit und Aufmerksamkeit getrieben, nicht von Unternehmensgewinnen oder Zinsen – daher gilt: Investieren Sie wie bei Kryptowährungen nur Geld, auf das Sie notfalls verzichten können.
Fazit
Mit dem Einstieg von Coinbase rückt ein Markt ins Rampenlicht, den die Finanzwelt lange nicht ernst genommen hat. Die Zahlen zeigen, dass Pokémon-Karten längst mehr sind als ein Kinderhobby. Ob die Verbindung von Krypto und Sammelkarten den Handel tatsächlich revolutioniert oder vor allem einen Casino-Trieb bedient, wird sich zeigen, sobald Coinbase Starttermin, Preise und Details nennt.
Sie fragen sich vielleicht, wann das Ende der Fahnenstange erreicht ist. Vieles spricht dafür, dass es noch in weiter Ferne liegt. Die Generation, die in den 90ern und 2000ern mit Pokémon aufgewachsen ist, steht heute mitten im Berufsleben und hat Geld für die Träume von damals. Denkbar ist, dass die Sammelleidenschaft ihren Höhepunkt erst in einigen Jahrzehnten erreicht: wenn die Kinder von damals als Rentner am Weihnachtstisch mit ihren Kindern, Enkeln und Urenkeln Pokémon-Karten öffnen. In einer Zeit, in der Netflix die Filme gehören und Spotify die Musik, rücken physische Collectibles immer mehr in den Fokus – und wir stehen immer noch am Anfang.
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