Liebe Leserinnen und Leser,
dieser Artikel ist Teil unserer Reihe Money Crime$. Darin erzählen wir von spektakulären Fällen aus der Finanzwelt, von verschwundenen Millionen, dubiosen Geschäften und dunklen Wetten.
Sie haben unsere erste Folge verpasst? Darin erzählen wir die Geschichte des deutschen Milliardärs Adolf Merckle, dessen Wette gegen Volkswagen mitten in der Finanzkrise in einem der spektakulärsten Short Squeezes der Börsengeschichte endete. Hier geht es zur Story.
Das Wichtigste in Kürze:
· Anleger investierten Millionen in vermeintlich sicheres Gold.
· Hinter dem Geschäft stehen teils einschlägig bekannte Namen.
· Die Suche nach dem verschwundenen Gold führt bis nach Dubai.
Im Januar 2023 lädt ein Schweizer Goldhandelsunternehmen zu einem Seminar in ein Hotel bei Zürich ein. Im Publikum sitzen potenzielle Investoren und Vermittler, Menschen, denen an diesem Tag vor allem eines verkauft werden soll: Gold als Schutz vor der nächsten Krise.
Die Inflation ist hoch, Pandemie, Lieferkettenprobleme und Energiekrise haben viele Anleger verunsichert. Die Handys sollen ausgeschaltet bleiben. Vorne im Raum wird über Sicherheit gesprochen und darüber, wie sich mit Gold in den kommenden Jahren viel Geld verdienen lasse. Vieles wirkt seriös. Nur wenige Jahre später ist das Unternehmen insolvent. Was zurückbleibt sind verzweifelte Anleger auf der Suche nach ihrem Gold.
Ein Geschäft mit Rohgold: Wer steckt dahinter?
Hinter der Veranstaltung steht die Swiss Gold Treuhand AG, kurz SGT. Ein großer Name in der Schweizer Finanzwelt ist sie nicht. Die Gesellschaft wurde erst im Sommer 2020 im Kanton Zug mit einem Aktienkapital von 200 000 Schweizer Franken gegründet. Zu den ersten Verwaltungsräten gehören Martin Grossmann und Renato Giorgio Vitetta. Grossmann scheidet bereits wenige Wochen nach der Gründung wieder aus, Vitetta übernimmt später das Präsidium des Verwaltungsrats.
Das Geschäft bleibt trotzdem nicht klein. Über Vermittler verkauft die SGT Rohgold an rund 800 Anleger, vor allem in der Schweiz, Deutschland und Österreich. Insgesamt geht es später um rund 1.5 Tonnen Gold im Wert von etwa 80 Millionen Franken. Die Idee dahinter klingt einfach: Kunden zahlen Geld an die SGT, die damit Rohgold in Afrika beschaffen, nach Europa bringen und dort verwahren soll.
Dass die Anleger ihr Gold nicht selbst zu Gesicht bekommen, muss dabei zunächst nicht ungewöhnlich wirken. Sie schließen Kaufverträge samt Lagervereinbarung ab und erhalten schriftliche Bestätigungen über ihre Goldbestände. Gelagert werden soll das Edelmetall unter anderem in einem Schweizer Zollfreilager. Selbst eine Revisionsgesellschaft bestätigt gegenüber Kunden den Bestand.
Verkaufen lernen in Spreitenbach
Um neue Kunden zu erreichen, setzt die SGT auf Vermittler. Einige von ihnen werden bei Seminaren angeworben und sollen das Rohgold anschließend in ihrem eigenen Umfeld verkaufen. Bekannte, Freunde und Familienmitglieder werden so zu potenziellen Kunden. Das schreit zunächst nach Schneeball, ist für sich genommen aber erst einmal klassischer Strukturvertrieb. Im Januar 2023 findet eines dieser Treffen in einem Hotel in Spreitenbach bei Zürich statt.

Von der Veranstaltung existiert ein Mitschnitt. Die Teilnehmer sollen ihre Handys ausschalten. Vorne spricht unter anderem der deutsche Geschäftsmann Michael Turgut, der für die SGT-Anleger anwirbt. Dabei setzt man auf einen der altbekanntesten emotionalen Hebel im Verkauf: Angst. Die wirtschaftliche Unsicherheit wird zum Argument, Gold soll Schutz vor der Krise bieten und gleichzeitig hohe Gewinne ermöglichen. In mehreren Präsentationen wird den Teilnehmern das Geschäftsmodell vorgestellt, von den Renditeaussichten bis zur vermeintlich firmeneigenen Swiss Gold Refinery. Im ersten Jahr werden zehn Prozent Rendite in Aussicht gestellt, in den Folgejahren sechs Prozent. Den Anwesenden wird vermittelt, dass diejenigen, die jetzt handeln, in den kommenden Monaten und Jahren viel Geld verdienen könnten.
Eine Raffinerie, die keine sein durfte
Die Swiss Gold Refinery, die sich selbst als größte Goldraffinerie der Schweiz präsentiert und sogar als Sponsor eines Filmfestivals in Monte Carlo auftritt, trägt letztlich als erster wichtiger Faktor für die Unglaubwürdigkeit der gesamten Veranstaltung bei. Was die Teilnehmer zu diesem Zeitpunkt nicht wissen: Die firmeneigene Raffinerie, die nach außen als Teil der Infrastruktur rund um das Goldgeschäft erscheint, verfügte nach Angaben des Schweizer Bundesamts für Zoll und Grenzsicherheit weder über eine Bewilligung als Schmelzer noch über eine Berufsausübungsbewilligung als Handelsprüfer. Zu diesem Zeitpunkt hatten Anleger längst hohe Summen investiert.
Als Anleger ihr Gold zurückwollen
Die ersten ernsthaften Zweifel kommen im Laufe des Jahres 2023 auf. Anleger wollen ihr Gold verkaufen oder herausverlangen. Doch plötzlich ist unklar, wo es sich überhaupt befindet. Unter Vermittlern und Kunden macht eine neue Erklärung die Runde: Die rund 1.5 Tonnen Gold seien aus der Schweiz in eine Raffinerie nahe Lecce in Süditalien gebracht worden. Warum, bleibt unklar. Den Anlegern wird lediglich mitgeteilt, ihr Gold liege nun dort. Für einige ist das zunächst eine gute Nachricht: Das Gold wäre also noch da, nur an einem anderen Ort.

Doch auch diese Spur führt ins Leere. Die betreffende Raffinerie in Italien bestätigt später, dass eine derart große Menge Gold dort nie angekommen sei. Ein Dokument, das die Einlagerung belegen sollte, gilt als mutmaßliche Fälschung. Gleichzeitig gerät die SGT selbst zunehmend unter Druck. Im August 2023 beschließt der Verwaltungsrat die Liquidation, Ende des Jahres stehen 84 Millionen Franken Schulden gerade einmal 5.7 Millionen Franken Bankguthaben gegenüber. Im Juni 2024 folgt schließlich der Konkurs.
Auf dem Papier Millionen, im Tresor eine Lücke
Nach dem Zusammenbruch schließen sich Betroffene zusammen und versuchen herauszufinden, wo sich das Gold befindet, das für ihr Geld gekauft worden sein sollte. Die deutsche Anwältin Kerstin Bontschev, die laut Dokumentation 35 Kläger vertritt, beschreibt das Problem schlicht: Man habe das Gold gesucht. Gefunden habe man es nicht.
Wie viel für einzelne Menschen auf dem Spiel steht, zeigen Gespräche des Schweizer Radio und Fernsehens mit Betroffenen, die anonym bleiben wollen. Ein Mann berichtet, sein Großvater habe zunächst 100 000 Euro investiert. Nachdem er einen Gewinn ausgezahlt bekommen habe, hielt er die Anlage für seriös und zahlte weitere 50 000 Euro ein. Danach sei der Kontakt abgebrochen. Eine andere Geschädigte soll rund zwei Millionen Euro investiert haben, ihre gesamte Altersvorsorge. Angehörige berichten, sie sei psychisch am Ende.
Der Mann, der das Gold beschaffen sollte
De Giorgi übernimmt eine zentrale Rolle bei der Beschaffung des Goldes. Für die Swiss Gold Treuhand organisiert er den Rohgoldeinkauf in Afrika und soll dabei seine Kontakte unter anderem in der Zentralafrikanischen Republik und in Burkina Faso nutzen. Ein Unbekannter ist er für die Verantwortlichen der SGT nicht. Verwaltungsratspräsident Renato Vitetta kennt ihn bereits seit Jahren.

Nach dem Zusammenbruch macht die SGT ausgerechnet De Giorgi für einen erheblichen Teil der Probleme verantwortlich. Er soll falsche Angaben über vorhandene Goldbestände gemacht und entsprechende Belege gefälscht haben. Das Unternehmen erstattet Anzeige und erklärt später, selbst Opfer seiner Machenschaften geworden zu sein. Veröffentlichungen aus der Zeit davor zeigen allerdings, wie eng De Giorgi in das Goldgeschäft eingebunden war. Auf Bildern ist er unter anderem bei der Arbeit in einer Schmelzerei zu sehen.
Besonders brisant wird diese Erklärung mit Blick auf seine Vergangenheit. De Giorgi war bereits mehrfach wegen Betrugs verurteilt worden. In Deutschland erhielt er nach einem Fall mit mehr als 400 geschädigten Anlegern eine mehrjährige Haftstrafe. 2010 wurde er in der Schweiz erneut verurteilt. Rund 800 Menschen waren betroffen, der Schaden belief sich auf etwa zehn Millionen Euro. Später folgte in Italien eine weitere Haftstrafe im Zusammenhang mit Diamantenminen, die nur in seiner Vorstellung existierten...
Eine Vergangenheit, die Fragen aufwirft
Wie konnte ein mehrfach vorbestrafter Mann Jahre später erneut eine zentrale Rolle in einem Geschäft spielen, bei dem Anleger Millionen in Edelmetalle investierten? Zumal de Giorgi für einige Beteiligte offenbar kein völlig Unbekannter war. Mitgründer, Renato Vitetta, hatte ihn laut der Dokumentation 2018 in der Diamantenaffäre anwaltlich vertreten. Martin Grossmann hatte bereits 2016 gemeinsam mit De Giorgi im Verwaltungsrat eines Unternehmens gesessen.
Grossmann erklärte auf Nachfrage, von De Giorgis strafrechtlicher Vergangenheit nichts gewusst zu haben. Vitetta beantwortete die Anfrage der Dokumentarfilmer nicht. Gegen De Giorgi, Vitetta und Grossmann liefen zum Zeitpunkt der Recherche strafrechtliche Ermittlungen in der Schweiz. Die alleinige Verantwortung für den Zusammenbruch ist damit nicht abschließend geklärt. Klar ist lediglich: Die Geschichte der beteiligten Personen reicht deutlich weiter zurück als die Geschichte der Swiss Gold Treuhand. Irgendwas stinkt…
Firmen verschwinden, Namen wechseln
Wer noch weiter zurückgeht, stößt auf ein Geflecht aus Gesellschaften, deren Namen und Strukturen sich über Jahre verändern. Bereits 2018 war ein Unternehmen mit dem Namen Swiss Gold Treuhand gegründet worden. Auch rund um die spätere Swiss Gold Refinery finden sich Vorgängerunternehmen. Sie trugen unter anderem die Namen Zentaurum und Aurum Trading International. In Verwaltungsräten begegnen einem wiederum bekannte Namen: Claudio De Giorgi, Renato Vitetta und Martin Grossmann.
Warnungen gab es schon früher
Dabei gab es bereits früh öffentliche Warnzeichen. Im August 2022 veröffentlichte das Schweizer Konsumentenmagazin Saldo einen Artikel mit der unmissverständlichen Überschrift „Vorsicht beim Kauf von Rohgold“.
Nur wenige Wochen nach dem Seminar in Spreitenbach folgte die nächste Warnung. Im Februar 2023 berichtete das Finanz- und Wirtschaftsmagazin für Verbraucher K-Geld unter der Überschrift „Mit zweifelhaften Versprechen zum Goldkauf animiert“ über genau diese Veranstaltung. Ein Reporter hatte das Seminar mit mehr als 100 Teilnehmern besucht und beschrieb, wie dort mit hohen Renditeversprechen für Goldanlagen geworben wurde. Die Warnzeichen wurden öffentlich dokumentiert, Monate bevor die Swiss Gold Treuhand ihre Liquidation beschloss.
Die Schweizer Finanzmarktaufsicht FINMA leitete nach Angaben der Dokumentation erst nach dem Konkurs der SGT im Juni 2024 eine Untersuchung ein. Zu möglichen Ermittlungen und individuellen Verfahren äußerte sich die Behörde auf Nachfrage nicht. Hätte der Schaden früher begrenzt werden können?
Schlösser, Ferraris und ein Lamborghini
Während Anleger versuchten herauszufinden, wo ihr Gold geblieben war, führte die Recherche weiter nach Frankreich. Dort taucht De Giorgi in einem Unternehmensregister als Geschäftsführer und Gesellschafter einer Immobiliengesellschaft auf, der ein Anwesen mit einem Privatschloss in der Auvergne gehört. Über dem Eingang prangt ein Wappen mit Schweizer Kreuz. Auch Luxusautos ziehen sich durch seine Vergangenheit. In einem französischen Polizeiprotokoll aus dem Jahr 2000 ist von mehreren Ferraris und einem Mercedes Geländewagen die Rede.

Mehr als zwei Jahrzehnte später, auf einem 2022 veröffentlichten Video fährt De Giorgi einen Lamborghini Huracán durch Lugano, ein Sportwagen im Wert von mehr als 200 000 Euro. Grundlegend beweisen solche Besitztümer erstmal nichts über die Herkunft des Geldes. Im Kontext eines Falls, in dem Anleger später nach Goldbeständen in Millionenhöhe suchen, bekommen die Bilder jedoch einen komischen Beigeschmack.
Die Spur führt nach Dubai
Bei der Suche nach dem verschwundenen Geld führt die Spur schließlich aus Europa hinaus. Gemeinsam mit der Global Initiative Against Transnational Organized Crime, einer auf organisierte Kriminalität spezialisierten internationalen NGO, verfolgen die Rechercheure die Unternehmen, Geschäfte und Vermögenswerte von Claudio De Giorgi. Der entscheidende Hinweis findet sich schließlich in Dubai, wo auch die Swiss Gold Treuhand eine Niederlassung unterhält.
Ende April 2024 reicht die SGT dort selbst Klage gegen De Giorgi ein. Eine entsprechende Mitteilung des Gerichts wird in der Zeitung The Gulf Time veröffentlicht und macht erstmals sichtbar, um welche Summen es geht. Die Swiss Gold Treuhand verlangt rund 35 Millionen Euro zurück, die bei der Dubaier Mashreq Bank deponiert worden sein sollen.

Nur war das Geld zu diesem Zeitpunkt offenbar weitgehend verschwunden. Auf den betreffenden Konten befanden sich laut den in der Dokumentation dargestellten Unterlagen zusammengerechnet nur noch rund 74 000 Euro. De Giorgi erschien nicht zur Urteilsverkündung. Zum Abschluss der Recherchen befand er sich laut Dokumentation wegen einer anderen Angelegenheit in Italien in Haft.
Und wie endet der Fall?
Ein endgültiges Ende hat der Fall bis heute noch nicht. Claudio De Giorgi sitzt zunächst wegen seiner früheren Verurteilung im Zusammenhang mit fiktiven Diamantengeschäften in Italien in Haft. Unabhängig davon beschäftigt inzwischen auch der Fall der Swiss Gold Treuhand die Strafverfolgungsbehörden. In der Schweiz richtet sich ein Strafverfahren gegen De Giorgi sowie gegen Renato Vitetta und Martin Grossmann aus dem Umfeld der SGT. Auch in Deutschland laufen Ermittlungen gegen weitere Beteiligte. Rechtskräftige Verurteilungen der drei im Zusammenhang mit dem verschwundenen Gold sind bislang nicht öffentlich dokumentiert.
Für die Swiss Gold Treuhand selbst sieht die Bilanz eindeutiger aus. Das 2024 eröffnete Konkursverfahren wird Ende 2025 mangels Aktiven eingestellt. Für die Anleger bedeutet das vor allem eines: Ihr Geld erhalten sie über den Konkurs nicht einfach zurück. Viele kämpfen deshalb auf anderen Wegen um Schadenersatz. Erste Betroffene waren damit bereits erfolgreich. Anfang 2026 bestätigte das Oberlandesgericht Dresden in mehreren Verfahren Schadenersatzansprüche gegen einen Rechtsanwalt, über dessen Konto Zahlungen für SGT Geschäfte abgewickelt worden waren. Eine generelle Entschädigung der Geschädigten gibt es jedoch nicht. Auch Jahre später versuchen Anleger damit noch immer, zumindest einen Teil ihrer Verluste zurückzuholen.
Das Geschäft mit dem Vertrauen
Am Ende bleibt ein bemerkenswerter Widerspruch. Die Swiss Gold Treuhand verkaufte ihren Anlegern ausgerechnet das, wonach viele in wirtschaftlich unsicheren Zeiten suchen: Sicherheit. Gold gilt als sicherer Hafen, als Schutz vor Krisen und wirtschaftlichen Verwerfungen. Doch wer sein Gold nicht selbst besitzt, muss darauf vertrauen, dass es tatsächlich gekauft wurde und dort liegt, wo es laut Unterlagen liegen soll.
Darin liegt die Ironie des Falls: Ausgerechnet eine Anlage, die Sicherheit in unsicheren Zeiten versprechen sollte, war am Ende selbst vom Vertrauen in andere abhängig. Der Fall zeigt, dass nicht nur entscheidend ist, was man kauft, sondern auch, wer es verkauft, wo es verwahrt wird und ob sich seine Existenz unabhängig überprüfen lässt.




