KI und Need for Speed: Tesla und Mercedes setzen auf Baidu und Tencent
#Technologie

KI und Need for Speed: Tesla und Mercedes setzen auf Baidu und Tencent

Author

Simeon Koch

Der chinesische Internet-Konzern Tencent kooperiert mit Mercedes Benz. Wie passt das zusammen? Die Antwort ist einfach und lautet In-Car-Gaming. Die neueste Version des Videospiel-Klassikers Need for Speed soll in chinesischen Fahrzeugen bis Ende des Jahres verfügbar gemacht werden. Entertainment-Software aus dem Hause Mercedes trifft dabei auf Tencents eigenes Spiele-Entwicklerstudio. Millionen Spieler sollen in den nächsten Jahren erreicht werden, Zocken im Auto soll zum Massenphänomen avancieren. Auf der kürzlich in Peking abgehaltenen Mobilitätsmesse Auto China war Mercedes aber nicht der einzige westliche Automobil-Riese, der hochkarätige Partnerschaften im Reich der Mitte zu verkünden hatte. Auch Toyota, der nach Stückzahl größte Fahrzeughersteller der Welt, arbeitet mit Tencent an einer groß angelegten Technologie-Offensive auf dem umkämpften chinesischen Markt. Der japanische Konkurrent Nissan wendet sich an Baidu, um seine Autos mit Künstlicher Intelligenz auszustatten – und selbst der E-Auto-Weltmarktführer Tesla will künftig auf Baidu-Software setzen, um seine Selbstfahr-Technologie nach vorn zu bringen. Schließlich hat man dafür nun endlich die Zulassung der chinesischen Behörden erhalten. Für Elon Musk ein lang ersehnter Durchbruch.

Musk und China – eine komplizierte Geschichte

Die Beziehung von Elon Musk zu China ist eine kontroverse. 2020 wurde die Tesla-Gigafactory in Shanghai eröffnet. Günstige Teile und Arbeitskraft führten dazu, dass die Megafabrik heute mehr als die Hälfte der weltweiten Tesla-Produktion abdeckt. Investigative Recherchen ergaben wenig später, dass Musk nicht nur unmittelbaren Zugang zu hochrangigen chinesischen Politikern, sondern auch ungebührliche finanzielle Vorteile erhalten habe, um die Fertigungsanlage aus dem Boden zu stampfen. Ein großer Fürsprecher der ehrgeizigen Tesla-Pläne soll seit jeher der heutige chinesische Premierminister Li Qiang gewesen sein, der beim jüngsten World Economic Forum in Davos mehr Vertrauen in die chinesische Wirtschaft einforderte. Dieses Vertrauen schenkte Musk dem fernöstlichen Wachstumsmarkt schon vor Jahren. In einem Interview mit den New York Times betonte der Tesla-Geschäftsführer, dass er „irgendwie pro China“ sei und „einige Interessen“ im Land habe – schließlich sei laut Musk jeder Autobauer teilweise auf China angewiesen. Für den Bau der Gigafactory in Shanghai soll Tesla rund $1.5 Milliarden an Krediten von chinesischen Banken erhalten haben. Und das zu so günstigen Konditionen, dass selbst Mitglieder der chinesischen Regierungen ihren Unmut ausdrücklich geäußert haben sollen. Außerdem soll Tesla staatliche Wirtschaftsförderungen aus den Vereinigten Staaten in sein China-Projekt investiert haben.

Dass der Rechtsrahmen für Tesla-Projekte ausgereizt wird, ist nichts Neues. Auch die deutsche Gigafactory in Brandenburg soll bei ihrem Bau in juristische Grauzonen vorgestoßen sein. Von der Lokal- und Bundespolitik erhielt Musk öffentlich Rückendeckung. Auch deshalb wurde die Fabrik in Grünheide zunehmend zum Politikum: Nach Protesten gegen eine Erweiterung vor wenigen Wochen eskalierte die angespannte Situation mit einem Brandanschlag linksextremistischer Aktivisten auf die städtische Stromversorgung. In China lief es besser, die jährliche Produktionskapazität konnte kontinuierlich gesteigert werden und beläuft sich mittlerweile auf fast eine Million Fahrzeuge der Reihen Model 3 und Model Y. Nachdem BYD dem alten und neuen Branchenprimus Tesla kurzzeitig die Krone auf dem globalen E-Automarkt streitig gemacht hatte, kündigte Musk an, die aggressive chinesische Konkurrenz mit nie dagewesenen technischen Innovationen in die Schranken zu weisen. Und der erste Schritt in diese Richtung soll nun mithilfe des hauseigenen Autopiloten gelingen. Nach einem Gespräch mit Li Qiang in Shanghai gab Elon Musk vor einer Woche bekannt, dass man die Zulassung der chinesischen Behörden für die Zulassung der neuesten Tesla-Software für automatisiertes Fahren (engl.: Full Self-Driving; kurz: FSD) erhalten habe.

Tesla-Durchbruch in China – Toyota und Nissan mischen mit

Damit nahm der chinesische Autoverband die in Shanghai gefertigten Modelle 3 und Y in die Liste der zugelassenen Autos mit Selbstfahrmodus in der Volksrepublik auf. Der Suchmaschinen-Riese Baidu soll jetzt die dafür notwendigen Navigationsdaten liefern. Baidu betreibt in China eine ähnliche Plattform wie Google Maps und ist für Navigations-Anbieter daher einer der wichtigsten Ansprechpartner im Reich der Mitte. Bisher durfte Tesla seine Selbstfahr-Software in China nicht anbieten, weil die nationalen Behörden Bedenken hinsichtlich der Übertragung von Fahrdaten ins Ausland hatten. Nun aber erfüllen die Tesla-Modelle die chinesischen Vorgaben zur Datensicherheit offenbar. Künftig darf Tesla demnach nicht nur die Kartierungslizenz von Baidu nutzen, sondern auf chinesischen Straßen auch Daten für die Entwicklung der eigenen Fahrassistenz-Systeme sammeln. Elon Musks Ankündigung, dass der Tesla-Autopilot in China „schon sehr bald“ verfügbar sein könnte, trug zur jüngsten Anleger-Euphorie bei, die sich trotz historisch schwacher Quartalszahlen um die Tesla-Aktie entwickelte und viele Börsenbeobachter auf dem falschen Fuß erwischte.

Wollen ausländische Unternehmen groß in den chinesischen Markt einsteigen, müssen sie mit heimischen Konzernen kooperieren, die entsprechende Lizenzen besitzen. Und weil Baidu genau so eine Zulassung besitzt, klopft nun auch die japanische Autofirma Nissan an. Künftig will man die markeneigenen Fahrzeuge in China mit KI-Software von Baidu ausstatten und schlägt damit in dieselbe Kerbe wie die deutschen Autobauer Volkswagen und BMW, die mit Amazon und OpenAI schon länger an KI-Integrationen arbeiten. Gemeinsam mit dem Spiele- und Social Media-Unternehmen Tencent führt Baidu die chinesische Entwicklung von generativer Künstlicher Intelligenz an. Und davon will nun auch Toyota profitieren, um den Anschluss zur internationalen Konkurrenz nicht zu verlieren. So kündigte Toyotas Direktor für Marke und Kommunikation in China, Yiming Xu, kürzlich eine Kooperation mit Tencent an, die sich über die Bereiche Big Data, Cloud Computing und KI erstrecken soll.

Need for Speed: Mercedes testet In-Car-Gaming

Tencent aber kann noch viel mehr: Schon länger arbeitet das hauseigene Entwicklerstudio gemeinsam mit Electronic Arts an der Fortsetzung der beliebten Videospielreihe Need for Speed. Und die neueste Version des Straßenrennen-Action-Games wird künftig auch im Cockpit ausgewählter Mercedes-Modelle spielbar sein – vorerst allerdings nur in China. Als Nutzeroberfläche soll die dritte Generation der Mercedes-Benz User Experience (MBUX) fungieren, ein Vorläufer des bald erscheinenden Betriebssystems MB.OS. Die Infotainment-Revolution stellte Mercedes gemeinsam mit Tencent und EA vor wenigen Tagen auf der Shanghaier Messe Auto China vor – passend zum 30. Geburtstag von Need for Speed. Laut Electronic Arts wurden über diese Zeit mehr als 20 verschiedene Versionen des Spiels und insgesamt 100 Millionen Exemplare verkauft. Mercedes plant, In-Car-Gaming auch auf den internationalen Markt zu bringen, ein genauer Zeitplan steht dafür aber noch nicht. Wie es mit den Aktien von Mercedes, Volkswagen und BMW weitergeht, erfahren Sie aber schon jetzt in unserem DAX40-Analysepaket. Und natürlich kommt auch der Wachstumsmarkt China dabei nicht zu kurz: Neben Tencent, Baidu und BYD analysieren wir eine exklusive Auswahl der vielversprechendsten chinesischen Aktien in unserem China Titans-Paket.

Author

Simeon Koch

Schlagzeilen

Es wurde noch keine Einwilligung erteilt.

Du musst zuerst zustimmen, um Inhalte von TradingView zu sehen.