Es gibt Tage, da kommt alles zusammen. Tage, an denen schiefgeht, was nur schiefgehen kann. Von dieser Art Unglückstage hat der Kryptomarkt diese Woche schon vier Stück hinter sich. Die Hoffnung auf eine Altcoin-Season im vierten Quartal ist plötzlich auf Messers Schneide.
Anfang der Woche warnte Fed-Chef Jerome Powell vor akuter Überhitzung des Aktienmarktes – Nasdaq und S&P500 korrigierten prompt. Bitcoin und Altcoins hatten zuvor bereits geschwächelt und wurden durch die plötzliche Aktienschwäche weiter destabilisiert. Damit hatte die rabenschwarze Krypto-Woche aber erst angefangen. Am Mittwoch ging es dann erst richtig los mit den schlechten Nachrichten.
Verflixter September: Bitcoin scheiterte am Widerstand bei 117 000 Dollar und fiel unter 110 000 zurück. Könnte sich das Juni-Muster wiederholen?
Zunächst korrigierte die US-Statistikbehörde das BIP im zweiten Quartal von 3.3 Prozent auf satte 3.8 Prozent. Eigentlich ein gutes Zeichen, die Angst vor einer imminenten Rezession flaut erstmal ab. Für Risiko-Assets bedeutet starke Wirtschaft jedoch: kein Bedarf an Zinssenkungen. Zu allem Überdruss waren auch die Arbeitslosendaten stärker als erwartet.
Die Fed bekommt also neue Argumente für straffe Gedpolitik, Bitcoin und Altcoins fallen trotz der jüngsten Zinssenkung deutlich. Und als Krypto-Anleger schon längst reif fürs Wochenende waren, drangen am Donnerstag russische Bomber in US-Luftraum ein. Das Weiße Haus drohte mit Abschuss, Russland mit Krieg, von Trump kommen neue Zölle. Der goldene Krypto-Herbst gerät in ernste Gefahr.
Russland „im Krieg“ mit der NATO: Altcoins implodieren
Seit dem Kalten Krieg war die Stimmung selten so eisig zwischen Washington und Moskau. Vor zwei Tagen veröffentlichte US-Präsident Donald Trump ein überraschendes Statement und stellte in Aussicht, dass die Ukraine ihr von Russland besetztes Staatsgebiet vollständig zurückerobern könne.
Bisher war Trump eher auf Putins Hinhaltetaktik eingegangen und hatte zumindest implizit gefordert, Kiew solle einfach auf die vom Kreml beanspruchten Landesteile im Osten verzichten. Mitte der Woche schlug der mächtigste Mann der Welt plötzlich ganz andere Töne an.
Nach dem starken Anstieg im Frühsommer ist Ethereum in seiner Bitcoin-Bewertung heftig am Widerstand bei 0.04 abgeprallt. 2021 folgte darauf eine monatelange Schwächephase.
„Putin und Russland sind in GROßEN wirtschaftlichen Schwierigkeiten, schrieb Trump, deshalb sei „jetzt die Zeit für die Ukraine gekommen, um zu handeln“. Schließlich sei Russland nicht viel mehr als ein „Papiertiger“ und kämpfe einen „ziellosen“ Krieg. Die Ukraine könne mit der Unterstützung des Westens durchaus siegen.
Der Kreml wollte diese Spitze freilich nicht auf sich sitzen lassen und schoss in Person von Außenminister Sergey Lavrov scharf zurück: „Die NATO und die Europäische Union wollen Russland einen echten Krieg erklären, haben das bereits getan und nehmen schon aktiv daran teil.“
Harte Zeiten für Altcoins: Der Markt glaubt noch nicht an niedrige Zinsen, Staatsanleihe-Zinsen bleiben hoch. Erste Anzeichen einer Trendumkehr werden aber sichtbar.
Damit reagierte Lavrov auf Warnungen der NATO, dass man das Recht besitze, russische Kampfflugzeuge und Drohnen über europäischem Staatsgebiet abzuschießen, sofern erneut unerlaubte Überflüge geschähen. In den letzten Wochen hatten russische Flugmaschinen mehrfach NATO-Luftraum in Polen, Dänemark und im Baltikum verletzt.
Nach den wirtschaftlichen Dämpfern der leetzten Tage sorgten die neuen geopolitischen Spannungen für weitere Panikverkäufe, vor allem unter kurzzeitigen Bitcoin-Haltern. Der Altcoin-Sektor korrigierte nach dem kürzlichen Test des bisherigen Allzeithochs scharf, der Fear and Greed-Index fiel auf den tiefsten Stand seit April.
Warum sind Bitcoin und Altcoins so schwach?
Müsste man die aktuelle wirtschaftliche Lage in den USA mit einem Wort zusammenfassen, wäre der treffendste Begriff: Unsicherheit. Die US-Notenbank Federal Reserve hat eben erst ihre Zinsen gesenkt, sendet aber wechselhafte Signale. Die vom Fed-Komitee erwartete Anzahl weiterer Zinssenkungen in diesem Jahr ist gestiegen, mittelfristig (2026 und darüber hinaus) wurde sie aber nach unten korrigiert.
Die soliden Wirtschaftsdaten geben dem zurückhaltenden Jerome Powell recht: Das Bruttoinlandsprodukt für Q2 wurde von 3.3 Prozent auf 3.8 Prozent Wachstum korrigiert, Anträge auf Arbeitslosenrate lagen gestern mit 218 000 unter den erwarteten 233 000 und niedriger als im Vormonat, als 232 000 Anträge gemeldet wurden.
Die Korrelation zwischen Bitcoin und der globalen Geldmenge M2 ist abgerissen. Die überschüssige Liquidität scheint aktuell in Gold geparkt zu werden.
Nach den erschreckenden Job-Revisionen der vergangenen Wochen, als die US-Behörden zugaben, sich bei neugeschaffenen Stellen um fast eine Million verschätzt zu haben, bringt das erstmal Beruhigung in die wieder aufgeflammte Rezessionsdebatte. Unklarheit bleibt dennoch.
Vor wenigen Stunden gab US-Finanzminister Scott Bessent bekannt, man gehe geldpolitisch nun in einen „Lockerungszyklus“ über, der Markt kauft ihm diese Story aber offensichtlich nicht ab: Die Zinsen für 10-jährige Staatsanleihen bleiben hoch, was darauf hindeutet, dass der Markt auch längerfristig mit hohem Fed-Zinsniveau rechnet. Außerdem verdeutlichen sie die Unsicherheit um die Schuldensituation der Vereinigten Staaten.
Das US-BIP (oben) wurde für Q2 auf 3.8 Prozent nach oben korrigiert, die Anträge auf Arbeitslosenhilfe (unten) lagen unter den Erwartungen (US Bureau of Labor Statistics).
Apropos Schuldensituation: Mitte der Woche ließ Donald Trump verlauten, man könne mit den Demokraten wegen politischer Zwistigkeiten im Parlament nicht über den Haushalt diskutieren. Prompt wuchs die Angst vor einem sogenannten Government Shutdown, also der Pausierung aller Regierungs- und Behördengeschäfte, bis ein neues Budget erlassen ist, das weitere Schulden erlaubt.
In den USA wird diese Aufnahme neuer Schulden sehr kurzfristig geregelt, der nächste Beschluss für eine Übergangslösung ist schon am 1. Oktober fällig. Bisher deutet kaum etwas auf eine Einigung im Parlament hin, die dafür notwendig wäre, auf dem prominenten Wettmarkt Kalshi setzen 66 Prozent der Teilnehmer ihr Geld auf einen Shutdown.
Auf der Wettplattform Kalshi setzen zwei Drittel der Teilnehmer auf einen Shutdown am 1. Oktober. Bis Jahresende liegt die Quote sogar bei 74 Prozent.
Eine handlungsunfähige Regierung würde die wirtschaftliche Unsicherheit in den USA weiter verschärfen, und bekanntlich ist kaum etwas schlimmer für Risiko-Assets. Da hilft auch nicht, dass die globale Liquidität zuletzt immer neue Rekordstände erreichte – eigentlich ein zuverlässiger Indikator für positive Stimmung rund um Bitcoin und Co.
Aber ebenjene Liquidität fließt aktuell vor allem in defensive Assets, vor allem in Gold. Auch deshalb ist die enge Korrelation des Bitcoin-Preises mit dem Global Money Supply L2 zum ersten Mal seit Anfang 2024 abgerissen. Auch diese Abweichung sorgt im Kryptomarkt für Unsicherheit und aufkommende Sorgen über einen bevorstehenden Bärenmarkt.
Wann kommt endlich die Altcoin-Season?
Die erwartbare September-Korrektur ist in vollem Gange. Zur typischen saisonalen Schwäche zum Ende des dritten Quartals gesellt sich jetzt auch noch die fundamentale Unsicherheit in der US-Wirtschaft. Bitcoin kämpft seit Wochen gegen den Abverkaufsdruck, der ihn zuletzt unter 110 000 Dollar stürzen ließ.
Ein weitaus dramatischeres Bild zeichnet der Altcoin-Sektor. Ethereum ist nach der Attacke auf das Allzeithoch von 2025 bei rund 4800 Dollar zurück unter die 4000-Dollar-Marke getaumelt, viele kleinere Altcoins sind in den letzten Tagen auf neue Zyklustiefs gefallen. Wie lange geht diese Leidensgeschichte noch weiter?
Ethereum und Altcoins performen gut, wenn die US-Wirtschaft optimistisch ist. Der Indikator dafür (PMI) ist so lange wie nie zuvor seit ETH-Entstehung unterhalb der Wachstumsschwelle.
Eine wichtige Ursache für die anhaltende Schwäche im Altcoin-Sektor ist die zyklische Schwäche der US-Wirtschaft. Risiko-Assets benötigen überschwängliche Euphorie im Finanzmarkt. Diese Euphorie kommt aber nur auf, wenn breiter Optimismus herrscht. Als einer der wichtigsten Indikatoren für den Optimismus in der US-Wirtschaft gilt der Einkaufsmanagerindex PMI, der die Einstellung von Unternehmern misst.
In früheren Zyklen fielen die Expansionsphasen des PMI mit den parabolischen ETH- und Altcoin-Anstiegen zusammen. Aktuell kontrahiert der Indikator so lang wie nie zuvor seit Entstehung des Altcoin-Sektors unterhalb der Wachstumsschwelle von 50 Punkten. Vor allem der PMI macht Hoffnung und liefert eine plausible Erklärung für die ungewöhnlich lange Altcoin-Schwäche in diesem Bullrun.
Der Markt hat zum ersten Mal seit Wochen wieder Angst. Historisch gesehen ist das ein gutes Zeichen – aber Vorsicht: Die aktuelle Panik hat gute Gründe.
Um den PMI nachhaltig zu steigern, braucht es in der Regel lockere Geldpolitik. Können Unternehmen günstige Kredite aufnehmen, steigt der Optimismus, neue Jobs werden geschaffen und die Leute haben mehr Geld zum Investieren. Geldpolitische Lockerung dürfte in den nächsten Monaten zwar kommen, aber nicht so fulminant ausfallen wie vor dem letzten FOMC-Meeting noch erwartet. Die saisonale Stärke im vierten Quartal dürfte dem Markt zusätzlichen Aufwind verleihen. Ob eine Altcoin-Rallye dann nachhaltiger und explosiver sein kann als im vergangenen Dezember, bleibt offen.
Die wichtigsten Fragen und Antworten zur Altcoin-Season
Was ist ein Altcoin?
Als Altcoins bezeichnet man sämtliche Kryptowährungen, die nicht Bitcoin sind. Sie werden als alternative Coins betrachtet und bringen häufig eigene Ideen mit – zum Beispiel schnellere Transaktionsabwicklung, geringere Kosten oder zusätzliche Funktionen wie Smart Contracts und Anwendungen im Bereich der dezentralen Finanzen (DeFi). Altcoins gelten daher als Treiber von Innovation im Kryptomarkt, sind jedoch deutlich volatiler und risikobehafteter als etwa Bitcoin und Ethereum.
Welcher Altcoin ist der beste?
Eine pauschale Antwort gibt es nicht, da die Wahl stark von den persönlichen Zielen und der Risikobereitschaft abhängt. Ethereum ist weiterhin der führende Altcoin und bildet das Fundament für unzählige Blockchain-Projekte. Solana überzeugt durch hohe Geschwindigkeit und eine aktive Community, XRP durch enge Kooperationen mit Banken. Projekte wie Cardano, Hedera Hashgraph oder Avalanche heben sich durch eigene technologische Besonderheiten hervor und zählen zu den vielversprechenden Wettbewerbern.
Was sind die größten Altcoins?
Gemessen an ihrer Marktkapitalisierung gehören Ethereum, Solana, XRP, Binance Coin und Cardano zu den wichtigsten Altcoins. Diese Projekte beeinflussen nicht nur den Gesamtmarkt, sondern dienen auch als Orientierungspunkte für Anleger und Investoren. Besonders institutionelle Investoren beobachten sie aufmerksam, da sie als Indikatoren für die Akzeptanz und Entwicklung der Kryptobranche gelten.
Was ist eine Altcoin-Season?
Von einer Altcoin-Season spricht man, wenn Altcoins in einer bestimmten Marktphase deutlich stärkere Kursgewinne erzielen als Bitcoin. Meist geschieht das, wenn Investoren höhere Risiken eingehen und Kapital von Bitcoin in kleinere Projekte umleiten. Für kurzfristig orientierte Trader ist diese Phase oft mit großen Gewinnchancen verbunden.
Wann kommt die Altcoin-Season?
Ein exakter Zeitpunkt lässt sich nicht festlegen. Häufig entwickelt sich eine Altcoin-Season nach einer starken Aufwärtsbewegung des Bitcoin-Kurses, wenn Anleger ihre Gewinne realisieren und verstärkt in Altcoins investieren. Der Start hängt stark von Faktoren wie Marktstimmung, Handelsvolumen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ab. Typisch ist dabei ein deutlicher Rückgang der Bitcoin-Dominanz




