Geht man so mit einem Ungeborenen um? „Der Euro ist dazu bestimmt, eine schwache Währung zu sein“, orakelte der umstrittene Milliardär George Soros im März 1999. Und als Kritiker war er nicht allein. Noch bevor der erste Einkauf mit der neuen kontinentalen Währung bezahlt wurde, regten sich prominente Gegenstimmen von innen und außen. „Der Euro ist eine kränkelnde Frühgeburt“, unkte etwa Alt-Bundeskanzler Gerhard Schröder im Wahlkampf 1998. „Der Euro wird kommen, aber er wird keinen Bestand haben“, gab der ehemalige Chef der nordamerikanischen Notenbank (engl. Federal Reserve, kurz Fed) schon 1997 zum Besten. Und auch der mittlerweile verstorbene Börsenkenner André Kostolany war sich ganz und gar nicht sicher: „Der Euro ist wie ein ungeborenes Kind: Niemand weiß, ob es ein Genie oder ein Dummkopf wird“. Ganz allein und verlassen lag der Euro dann aber doch nicht in seiner Wiege. „Dieses Geld wird eine große Zukunft haben“, versicherte etwa Altkanzler Helmut Kohl. Und fast schon spirituell fügte der damals amtierende EZB-Chef Wim Duisenberg hinzu: „Dies ist ein Augenblick, in dem uns der Mantel der Geschichte streift“.
Das größte Experiment der Geschichte
Der Euro ist seinen Kinderschuhen lang entwachsen. Die Geister spaltet er weiterhin. Geboren wurde der Euro als Symbol der Einheit eines Kontinents, dessen Einzelstaaten sich jahrhundertelang blutig bekämpft hatten. Er sollte eines der größten Zeichen der europäischen Einigung werden und der Freiheiten europäischer Bürger – gepresst in Kupfermünzen und zu finden in jeder Hosentasche. Als gemeinschaftliche Währung eines ganzen Staatenbunds ist der Euro aber auch das vielleicht größte monetäre Experiment, das die Wirtschaftsgeschichte je gesehen hat. Ein scheinbarer Widerspruch gegen dominante Theorien der internationalen Politik – oder auch ein Teil ihres Gegenbeweises. Dass dieser Anspruch eine immense Bürde sein kann, bekamen der Euro und die Menschen, die mit ihm bezahlen gleich mehrfach zu spüren. Nach der Weltwirtschaftskrise 2008 schüttelten gleich mehrere ökonomische Notstände den Euroraum. Die Staatspleiten gleich mehrerer Unionsmitglieder konnten abgewandt werden, aber hinterließen ihre Spuren. Der Euro ist gezeichnet von den Jahren seit seiner umstrittenen Geburt. Und doch ist er eine der größten Errungenschaften der Europäischen Union. Warum aber gibt es ihn überhaupt? Und warum hat er trotz aller Zweifel bis heute überlebt?
Die Idee für den Euro wurde schon Jahrzehnte vor seiner Einführung geboren. Schon Ende der 1960er-Jahre beratschlagten die Mitglieder der Europäischen Gemeinschaft (EG) über die Errichtung einer Wirtschafts- und Währungsunion (WWU). Kurz zuvor, im Frühjahr 1957, hatten die Römischen Verträge bereits die Grundlage für wirtschaftliche Zusammenarbeit gelegt, die über die gemeinsame Koordinierung der Kohle- und Stahlproduktion hinausgehen sollte. Das nämlich war das Kerngebiet der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl (EGKS), des frühesten Vorläufers der heutigen EU. In den frühen 1970ern aber fanden die damaligen Mitglieder Deutschland, Frankreich, Italien und die BeNeLux-Staaten, aber keinen Konsens über eine mögliche geteilte Währung. Dann aber kippte der Goldstandard des Bretton-Woods-Systems und die Ölkrise erstickte das Nachkriegs-Wachstum mit ihrer jahrelangen Stagflation. Das gemeinschaftliche Preissystem der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP), die damals einen der Hauptpfeiler der kleinen Staatenfamilie ausmachte, wurde erschüttert. Die Zeit schien noch nicht reif für ein riskantes Vorhaben wie eine gemeinsame Währung.
Langer Weg – kurzes Glück?
Denn riskant würde dieses Experiment allemal, dessen waren sich die politischen Entscheider dieser vergangenen Tage sicher. Europa war in zwei Machtblöcke geteilt, Deutschland und die DDR existierten zwar parallel, aber in konträren wirtschaftlichen Systemen und der eiserne Vorhang durchzog den Kontinent. Außerdem lief der Wiederaufbau nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs je nach Region in unterschiedlicher Geschwindigkeit, die Erholung der Wirtschaftskraft war uneinheitlich. Dennoch wagte man einen ersten Schritt in Richtung der fernen Vision einer geteilten Währung und installierte das Europäische Währungssystem (EWS). Das brauchte zwar keine gemeinsamen Zahlungsmittel, aber zumindest ein Wechselkurs-System, das den möglichst stabilen Tausch der Währungen aller Mitglieder untereinander garantieren sollte. Plötzlich konnte man eine gemeinsame Geldpolitik koordinieren und ermöglichte damit eine Form der grenzübergreifenden wirtschaftlichen Zusammenarbeit, die man in der internationalen (Geld-) Politik bis dahin nicht gekannt hatte. Und dennoch sollte es Ende der 1970er noch mehr als ein Jahrzehnt dauern, bis der Euro zum ersten Mal konkrete Formen annahm.
Anfang der 1990er-Jahre legte der damalige Kommissionspräsident Jacques Delors den sogenannten Delors-Bericht vor und skizzierte den Weg bis zur Euro-Einführung, die am 1. Januar 1999 ihren ersten Höhepunkt feierte: An diesem Datum wurde der Euro als Buchgeld eingeführt. Man bezahlte also überall in der EU noch mit der alten Landeswährung des jeweiligen Mitgliedsstaats, für elektronische Zahlungen und zur Verrechnung von Bargeld-Transaktionen wurde aber schon der Euro verwendet. Den Weg in die Geldbeutel der Menschen fand die gemeinsame Währung mit Jahresbeginn 2002, als die ersten Euro-Starterpakete in Plastiksäckchen verteilt wurden und auf dem ganzen Kontinent Umtauschmöglichkeiten für die bisherigen nationalen Zahlungsmittel eingerichtet wurden. Die Einführung des Euro bedeutete in den damals zwölf EU-Staaten die größte Bargeldumstellung der Geschichte. Die anfängliche Euphorie wurde aber schon sechs Jahre später erschüttert. Denn die Weltwirtschaftskrise schwappte aus den Vereinigten Staaten nach Europa und stellte den Euro auf seine bisher härteste Probe.
Wer hat Angst vor Griechenland?
Innerhalb von wenigen Monaten rutschten gleich mehrere Mitglieder des Euroraums fast in den Staatsbankrott, angefangen mit Griechenland. Auch Portugal, Spanien und Irland wankten heftig und eine der größten Gefahren, die mit der Geburt des Euro einhergegangen waren, schien einzutreten. Die unterschiedliche Wirtschaftskraft der europäischen Regionen führten fast zum Kollaps. Hinzu kamen nationale wirtschaftliche Probleme, den betroffenen Staaten waren in Sachen Geldpolitik aber plötzlich die Hände gebunden. Unilaterale ökonomische Impulse durch lockere oder straffe Zinsen waren unmöglich geworden. Denn nun koordinierte die Europäische Zentralbank (EZB) die gemeinsame Währungspolitik. Die Staatsschulden in Griechenland, Spanien, Portugal und Irland schossen in die Höhe und die EU verordnete harte Sparprogramme, um ihre Währung zu retten. Das wiederum führte zu Feindseligkeiten unter den Mitgliedsstaaten, die sich ihrer Souveränität und Selbstbestimmung durch die zentrale Geldpolitik beraubt sahen.
Im kollektiven Gedächtnis blieb der programmatische Ausspruch „Whatever it takes“ (dt. „Was auch immer nötig ist“) von ehemaligen EZB-Chef Mario Draghi aus dem Jahr 2012 hängen, der die bedingungslose Entschlossenheit illustrierte, mit der die EU ihre Währung retten wollte. Mehrere Rettungsschirme, riesige Schuldenprogramme und harte Sparmaßnahmen zeigten schließlich Wirkung, der Weg aber war lang. Debattiert wurde über Austritte einzelner Staaten aus der Währungsunion oder eine Aufspaltung in Nord- und Süd-Euro, um das ökonomische Gefälle der Regionen auszugleichen. Die Staatsschulden der am heftigsten getroffenen Staaten aber bleiben hoch: Griechenlands Schulden waren noch 2020 mehr als doppelt so hoch als die staatliche Wirtschaftsleistung, in Spanien waren es 120 Prozent, 155 bei Italien. Deutschland stand 2020 bei gut 68 Prozent, mittlerweile sind es rund 63. Will ein Drittstaat EU-Mitglied werden, darf der öffentliche Schuldenstand nicht mehr als 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen.
Der Euro: Genie oder Dummkopf?
In der EU selbst hält sich kaum ein Staat an diese Vorgabe. Auch deshalb wird die Währungsunion nach wie vor kritisiert. Die Euro-Krise ist noch nicht vollständig ausgestanden und dennoch hält der Euro seit seiner Einführung die Parität mit dem US-Dollar (zur kostenlosen Euro/US-Dollar-Analyse gelangen Sie hier). Und seine Vorteile sind im Alltag fast jedes EU-Bürgers bemerkbar. Schon bei der Euro-Einführung prophezeite Ernst Welteke, ehemaliger Präsident der Deutschen Bundesbank: „Spätestens, wenn die Menschen in der ersten Reisesaison nächstes Jahr die Vorteile des Euro erlebt haben, wird die Stimmung besser sein als jetzt.“ Und tatsächlich haben sich die EU-Bürger mit dem Euro recht schnell angefreundet, die Adaption verlief nahezu reibungslos. An den Krisen der letzten Jahre – oder zumindest an ihrer Verschärfung – ist der Euro aber nicht ganz unschuldig. Schließlich war das wirtschaftliche Gefälle in den Mitgliedsstaaten einer der großen Gründe für seinen nur knapp abgewandten Kollaps. Und dieses Problem ist bis heute nicht vollständig gelöst. Es ist also schwer, festzustellen, ob der Euro in den Worten André Kostolany nun ein Genie oder ein Dummkopf geworden ist. Sicher aber ist eins: Der Euro ist ein ziemlich beharrlicher Dickkopf. Das hat er in so manch schwerer Zeit bewiesen.




