„BOOM!!“, twitterte Bloombergs ETF-Experte James Seyffart gestern Nacht. Und spätestens beim nächsten Wort wusste jeder, worum es geht: „ZUGELASSEN! Da ist er. Die SEC genehmigt Spot-Ethereum-ETFs.“ Seyffart sprach aus, was der atemlose Kryptomarkt in den zurückliegenden Stunden wohl kollektiv gedacht hat: „Was für eine Wende der Ereignisse“. Und noch etwas ungläubig: „Es passiert wirklich.“ Dass gestern die ersten Ethereum-Spot-ETFs der US-Geschichte zugelassen wurden, ist aus gleich mehreren Gründen bemerkenswert. Nach der Genehmigung der Bitcoin-ETFs im Januar hatte Gary Gensler, Vorsitzender der US-Börsenaufsicht (engl. Securities and Exchange Commission, kurz SEC) noch betont, dass die meisten Altcoins unregistrierte Wertpapiere seien und deshalb nichts auf dem traditionellen Finanzmarkt verloren hätten. Und bis Anfang dieser Woche sah alles danach aus, als ob sich Genslers Haltung bei Ethereum durchsetzen würde. Dann aber überschlugen sich die Ereignisse und die ETF-Entscheidung wurde zum Politikum. Der Markt reagierte verhalten auf die vermeintlich bahnbrechende Nachricht. Schließlich ist der ETH-Erfolg nur ein vorläufiger.
Die ETFs sind genehmigt – die wichtigste Frage bleibt offen
Bis in die späten Abendstunden europäischer Zeit wartete die SEC ab, bis sie mit dieser Entscheidung an die Öffentlichkeit ging, die noch vor drei Tagen schier unmöglich schien. In einem formalen Dokument bestätigte die Börsenaufsicht ihre Zustimmung zu den Anträgen mehrerer Börsen, Ethereum-Spot-ETFs zu listen. Verteilt auf die New York Stock Exchange (NYSE), die US-Technologiebörse Nasdaq und die Chicagoer Optionsbörse Cboe sollen die acht Antragssteller, darunter die prominenten Vermögensverwalter BlackRock, Fidelity und Grayscale, ihre Fonds für die zweitgrößte Kryptowährung bekommen. Ein ausführliches Statement wie nach der Zulassung der Bitcoin-ETFs veröffentlichten die US-Börsenwächter nicht. Allein aber die scheinbar unspektakuläre formale Genehmigung der ETF-Anträge ließ die digitale Gerüchteküche hochkochen. Denn bei allen drei im Schreiben genannten Börsen ordnete die SEC künftige Ethereum-ETFs in die Kategorie rohstoffbasierte Anlageprodukte ein.
Was auf den ersten Blick wie ein unbedeutendes technisches Detail erschien, könnte eine vorzeitige Antwort auf eine der wichtigsten Fragen sein, die den Altcoin-Sektor und seine ambitionierten Regulatoren seit Jahren beschäftigt: Sind Kryptowährungen abseits von Bitcoin Wertpapiere? Schon länger war absehbar, dass Ethereum als zweitgrößte Kryptowährung nach Marktkapitalisierung und erfolgreichste Smart Contract-Plattform zum Präzedenzfall avancieren würde. Dass die Ethereum Foundation als zentrale Instanz hinter der Blockchain die ersten ETH-Coins 2014 verkaufte, um $18 Millionen Eigenkapital zu generieren, ließ die SEC bereits aufhorchen. Auch das Staking und damit die Möglichkeit einer Art Dividende soll unter die Regeln des Wertpapiergesetzes fallen. Und zu guter Letzt argumentiert die SEC, dass Altcoin-Käufer auf den Erfolg des Unternehmens hinter der jeweiligen Kryptowährung spekulieren. Das ist bei den allermeisten Altcoins natürlich richtig, gerade bei Ethereum aber scheint die Sache weniger eindeutig. Schließlich ist die Ethereum-Stiftung nicht gewinnorientiert und besitzt kein explizites Geschäftsfeld oder Produkt – außer natürlich die Blockchain, die aber von selbst läuft.
SEC und Biden unter Druck: Trump hat Bitcoin entdeckt
Für ihr Vorgehen musste die US-Börsenaufsicht in den letzten Jahren einige Kritik einstecken – nicht nur, weil sich ihre Argumentation auf ein wohl veraltetes Gesetz aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts stützt. Einen jahrelangen Prozess gegen das Unternehmen Ripple, das hinter dem Altcoin XRP steht, verlor die Behörde im vergangenen Sommer erstinstanzlich. Zwar zieht sich das Verfahren weiter hin, eine ähnliche Abfuhr kassierten Gensler und Co. aber auch in einem Rechtsstreit mit Coinbase. Dabei ging es um die Frage, ob die Krypto-Börse mit illegalen Wertpapieren handle. Zwar gewann Coinbase nicht auf ganzer Linie, bekam aber in den wichtigsten Punkten recht. Und erst vor wenigen Wochen verklagte Consensys, der Entwickler der Ethereum-Wallets Metamask, die SEC, weil die Kommission ihre Befugnisse in Sachen Kryptowährung drastisch überschreite und dem Blockchain-Sektor durch ihre vage Haltung seit Jahren schade. Konfrontiert mit den Anträgen auf Ethereum-ETFs geriet die SEC also schon in den vergangenen Wochen und Monaten unter juristischen Zugzwang – und zuletzt auch noch unter politischen Druck.
Während Joe Bidens Demokraten ihre Krypto-Skepsis betont vor sich hertrugen, erkannte Bidens Herausforderer Donald Trump Bitcoin und Co. als wertvolle Argumente im Wahlkampf und schreibt sich mittlerweile auf die Fahne, Blockchain-Technologie zum Wohle Amerikas fördern zu wollen. Ein weiteres Zeichen setzte der ehemalige Präsident und voraussichtliche Spitzenkandidat der Republikaner für die Präsidentschaftswahl im November, indem er vor wenigen Tagen bekannt gab, von nun an politische Spenden auch in Kryptowährungen wie Bitcoin, Ethereum, Solana oder Doge anzunehmen. Auch allgemein scheint sich das politische Momentum in den Vereinigten Staaten zugunsten des Kryptomarktes zu drehen: Vor einer guten Woche stellte sich das US-Parlament gegen ein von der SEC initiiertes Gesetz, das es Banken und anderen Institutionen des Finanzmarktes erschwert hätte, mit Kryptowährungen zu interagieren oder sie zu halten. Und am vergangenen Mittwoch stimmte der nordamerikanische Senat dann auch noch für ein Gesetz, das einen innovationsfreundlichen rechtlichen Rahmen für Blockchain-Technologie schafft.
Wann startet der ETH-ETF? Und was macht der Preis?
Die Vorzeichen könnten besser also kaum sein; die plötzlich positive Einstellung der nordamerikanischen Behörden gegenüber Kryptowährungen überrascht selbst langjährige Marktbeobachter. Während bereits über die nächsten Altcoin-Fonds spekuliert wird, ist die letzte Hürde für die Ethereum-Fonds aber noch nicht genommen: Zwar haben die ausgewählten traditionellen Börsen eine Genehmigung für die Aufnahme von ETH-Spot-ETFs erhalten, die Freigabe für den öffentlichen Handel ist aber noch nicht erteilt. Dafür muss die SEC weitere Anträge absegnen, was laut dem ETF-Analysten James Seyffart noch einige Wochen in Anspruch nehmen könnte. Beim Bitcoin-ETF lieferte die Börsenaufsicht diese Freigabe wenige Stunden nach der generellen Genehmigung, hält sich in Sachen Ethereum aber noch bedeckt. Und auch in der Wertpapier-Frage ist das letzte Wort wohl noch nicht besprochen. Eine ausdrückliche SEC-Erklärung dazu steht auch noch aus. Wird nach Bitcoin auch Ethereum offiziell als Rohstoff eingestuft, würde das erhebliche regulatorische Vorteile für den ETH-Coin bedeuten. Allein mit dem ETF aber kündigt sich der nächste große Katalysator für starkes Preiswachstum bereits an. Wer sich dafür optimal positionieren möchte, sollte einen Blick auf unsere regelmäßigen Analysen zu Bitcoin und Ethereum sowie den wichtigsten Altcoins werfen.




