Warren Buffett hat rund 60 Prozent seiner Apple-Aktien verkauft. Diese Nachricht hallte Ende letzter Woche wie ein Donnerschlag durch den zutiefst verunsicherten Finanzmarkt. Die Hiobsbotschaft des Orakels von Omaha, wie Buffett wegen seines guten Gespürs für Marktentwicklungen auch genannt wird, mischte sich zu Ängsten vor einer Rezession und einer kriegerischen Eskalation in Nahost. Für viele Marktbeobachter war Buffetts rigorose Kürzung der größten Position seiner Berkshire Hathaway ein eindeutiges Verkaufssignal. Es schien, als wollte Buffett seine milliardenschweren Schäfchen noch vor der drohenden Rezession ins Trockene bringen. Und tatsächlich sah es so aus, als würde das Börsen-Orakel recht behalten: Buffetts Massenverkäufe wurden am Samstag bekannt, wenige Stunden später erlebte die Tech-Börse Nasdaq den größten Tagesverlust nach Punkten ihrer Geschichte. Giganten wie Apple oder Nvidia wurden im zweistelligen Prozentbereich abverkauft, der Kryptomarkt verlor innerhalb weniger Stunden eine halbe Billion US-Dollar an Marktkapitalisierung. Trotzdem ist die Aufregung um Buffetts Apple-Verkäufe reine Panikmache. Das beweist schon ein Blick auf große Tech-CEOs wie Metas Mark Zuckerberg, Amazons Jeff Bezos und Nvidias Jensen Huang.
Hat Warren Buffet den Markt gedumpt?
Zuallererst sollte man verstehen, dass Warren Buffett die deutlichen Korrekturen der Apple-Aktie zu Wochenbeginn nicht durch Verkäufe ausgelöst oder befeuert hat. Dass seine Berkshire Hathaway seit Jahresbeginn rund 58 Prozent ihrer Apple-Anteile veräußert hat, ging Ende letzter Woche aus dem Quartalsbericht der Holding hervor. Verkauft hat Buffett also schon in den vergangenen Monaten. Für Verunsicherung sorgte die Nachricht dennoch, schließlich lässt es auch Kleinanleger nicht kalt, wenn die aktuelle Situation an den Märkten einem der erfolgreichsten Investoren überhaupt zu heiß wird. „Wenn man sich das ganze Bild der Berkshire und der makroökonomischen Daten anschaut, dann kommt man zu dem Schluss, dass Buffett in die Defensive geht“, erklärte die Analystin Cathy Seifert dem Nachrichtenportal Reuters am Wochenende. Vereinfacht gesagt: Buffett wird es zu unsicher, sein Kapital so stark in Aktien wie Apple zu investieren, deshalb vertraut er aktuell lieber auf große Bargeld-Reserven. Und diese Tendenz ist am stärksten bei den Apple-Beständen der Berkshire zu erkennen: Schon ersten Quartal verkaufte Buffetts Holding 115 Millionen Aktien des iPhone-Herstellers, der zuletzt schwache Verkaufszahlen für sein Smartphone vorlegte. Von April bis Juni stieß Buffett dann weitere 400 Millionen Apple-Aktien ab.
„Buffett scheint der Meinung, dass öffentlich gehandelte Aktien gerade keine attraktiven Möglichkeiten bieten“, sagte ein weiterer Analyst zu Reuters. Dank der Verkäufe sitzt Berkshire Hathaway auf fast $280 Milliarden an Bargeld – mit Abstand der größte Cash-Bestand, den die Holding jemals gehalten hat. Das riecht laut vielen Marktbeobachtern verdächtig nach zeitiger Absicherung gegen einen größeren Crash. Buffett selbst sagte dazu bei der Präsentation der jüngsten Quartalszahlen: „Wir würden das alles gerne investieren, aber wir werden es nicht ausgeben, bis wir eine Möglichkeit finden, die geringes Risiko verspricht und uns viel Geld einbringt“. Und viel klarer konnte das Orakel von Omaha nicht ausdrücken, dass man das Verhältnis von Risiko und möglicher Rendite auf dem Markt gerade als ungünstig einschätzt. Sollten kleinere Anleger Warren Buffett also folgen? Weiß er vielleicht mehr über die drohende Rezession als die breite Masse des Marktes und sendet mit seinen Verkäufen ein Alarmsignal, das man nicht ignorieren sollte? Diese Fragen stellte sich Mitte der Woche auch der US-Fernsehsender CNBC, der dazu Josh Brown befragte. Brown gilt wegen seiner jahrelangen Analyse der Berkshire als Experte für Warren Buffetts Geschäftsverhalten.
„Viel, was die Medien schreiben, stimmt nicht“
„Ich war sehr überrascht“, gab Brown im Interview zu, schließlich sei dieses Verhalten untypisch für Berkshire Hathaway. „Buffett macht so etwas normalerweise nicht, für gewöhnlich halbiert er seine Positionen nicht. Entweder stößt er alles ab, oder er verkauft Stück für Stück.“ Noch ungewöhnlicher sei dieses Verhalten bei einer so umfangreichen Position. Schließlich habe Apple die Hälfte des Berkshire-Portfolios ausgemacht, die Anteile seien gleichbedeutend gewesen mit einem Viertel der Marktkapitalisierung von Buffetts Hodling, bemerkte Brown. Das sei also „eine ziemlich große Sache“, dennoch seien viele Dinge „nicht richtig, die wir in den Medien hören. Der Anteil an Bargeld, den Buffett hält, ist historisch gesehen nicht so groß, wie er von vielen gemacht wird. In absoluten Zahlen sind die Cash-Reserven so hoch wie nie zuvor, aber das gilt auch für Berkshires Marktkapitalisierung.“ Wichtiger sei aber das Verhältnis der Bargeld-Bestände zum Börsenwert des Unternehmens, das aktuell bei knapp über 30 Prozent liege. Das sei zwar der höchste prozentuale Stand seit vier Jahren, im Jahr 2020 aber war Buffetts Bargeld-Verhältnis noch ein Stück höher. „Aktuell liegt der Wert knapp oberhalb des langfristigen Durchschnitts von 25 Prozent. Er ist also leicht erhöht, aber ich sehe darin kein Warnsignal von Warren Buffett an den Markt“, resümierte Brown – „was wir gerade sehen ist kein Warren Buffett, der in einen Atombunker klettert und sich für den Weltuntergang bereit macht“.
Dass die starken Aktienverkäufe der Berkshire ausgerechnet die größte Position Apple trafen, dürfte auch kein Zufall sein – obgleich Buffett seit Jahren als großer Fan des iPhone-Konzerns gilt. Apples Verkaufszahlen schwächelten zuletzt, nachdem man zu Jahresbeginn noch den ewigen Konkurrenten Samsung als weltweiten Marktführer entthront hatte. Ausgerechnet bei der Entwicklung Künstlicher Intelligenz scheint die Konkurrenz um Microsoft und Meta dem Smartphone-Primus aber zu enteilen. Kürzlich opferte Apple sogar seine jahrelang gehegten Pläne für ein eigenes Auto, um mehr Kapazitäten freizubekommen für eine KI-Aufholjagd. Gedämpft sind Apples Aussichten für die nächste Zeit aber auch durch anhaltende juristische Streitigkeiten und milliardenschwere Klagen, etwa von der Europäischen Union. Trotz dieser Hürden stieg die Apple-Aktie im zweiten Quartal um zwischenzeitlich rund 45 Prozent. Allein schon dieser Anstieg reduzierte Apples kurzfristiges Wachstumspotenzial, schließlich läuft keine Aktie immer weiter aufwärts. Die Kombination von starkem kurzfristigem Wachstum und durchwachsenen Geschäftsdaten aus der Apple-Zentrale dürften Buffett also dazu bewogen haben, gerade bei seinem Favoriten so stark zu kürzen. Und damit ist Warren Buffett unter den großen Investoren dieser Welt nicht allein.
Weiß Warren Buffett mehr als wir?
In den letzten zwölf Monaten verkauften die Geschäftsführer der weltgrößten Tech-Unternehmen große Anteile ihrer eigenen Aktien. So stieß Mark Zuckerberg noch im Winter 2023 1.8 Millionen Meta-Aktien im damaligen Gesamtwert von $400 Millionen ab. Im Februar dieses Jahres verkaufte Amazon-Boss Jeff Bezos Firmenanteile im Wert von fast $9 Milliarden innerhalb einer guten Woche. Noch im Juli, kurz bevor viele Tech-Werte deutlich korrigierten, stieß Nvidia-CEO Jensen Huang eigene Aktien für rund $320 Millionen ab, über den ganzen Sommer summieren sich seine Verkäufe auf eine halbe Milliarde. All diese Verkäufe stellen nur einen Bruchteil der jeweiligen Firmenanteile von Bezos, Zuckerberg oder auch Huang dar und wurden Monate im Voraus an die Anleger kommuniziert. Und noch eines haben sie gemeinsam: Sie geschahen allesamt in äußerst bullischen Marktphasen, als die Aktien von Nvidia, Amazon und Meta nahe ihrer Allzeithochs notierten. Damals wurde niemand panisch, weil der Markt immer weiter stieg. Die größten Tech-Namen des Planeten nahmen riesige Gewinne aus den Aktien ihrer eigenen Unternehmen mit, weil sie verstanden haben, dass auf jede Rallye eine Korrektur folgt. Diese Korrektur muss aber nicht das Ende der Aktienmärkte und schon gar nicht das Ende der Welt bedeuten. Insofern wussten Jensen Huang, Mark Zuckerberg und Jeff Bezos nicht viel mehr über die Zukunft und eine mögliche Rezession als der Rest des Marktes, als sie Teile ihrer Positionen liquidierten. Warum sollte es jetzt bei Warren Buffett anders sein – nur weil Buffetts Verkäufe bekannt wurden, kurz bevor die große Marktpanik ausbrach.


Bei der Präsentation seiner Quartalszahlen monierte Buffett das Risiko-Gewinn-Verhältnis im Tech-Sektor: "Werden nicht investieren, bis wir eine Möglichkeit finden, die geringes Risiko verspricht"
Nvidia-CEO Jensen Huang verkaufte im Sommer Aktien im Wert von $500 Millionen. Auch Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos liquidierten Milliarden-Anteile an ihren Unternehmen

