Bitcoin unter $50 000, Nvidia nochmal günstiger als $95, Altcoins mit einem Discount von teils mehr als 50 Prozent – haben wir uns solche Kurse nicht lange gewünscht? Besonders, als alle Märkte wochenlang unaufhaltsam stiegen? Als der Bitcoin im März ein neues Allzeithoch erreichte, Tech-Werte sich an der Börsenspitze die Klinke in die Hand gaben und Altcoins explodierten? Jetzt sind die günstigen Kurse da, aber kaum jemand kauft. Ganz im Gegenteil: Besonders neue Investoren haben in den letzten Stunden massive Verluste realisiert. Das erkennt man etwa an den Transaktionen neuer Bitcoin-Wallets seit Wochenbeginn. Am Mittwoch stand Nvidia wieder bei $105, der Bitcoin ist vom Tief am Montag bis zur Wochenmitte um 15 Prozent auf $57 000 geklettert. Und viele Altcoins verzeichneten schon am Dienstag Zuwächse jenseits der 40 Prozent. Haben wir den letzten Abverkauf vor dem großen Bullrun verpasst? Sollte man jetzt noch schnell den Dip kaufen? Oder ist es besser, abzuwarten, weil es sich womöglich um eine vorgetäuschte Erholung handelt und der Markt vor lauter Makro-Panik noch deutlich weiter fällt? Diese Fragen muss jeder für sich selbst beantworten. Man sollte aber einige Dinge verstanden haben, bevor man eine Entscheidung trifft.
Was sagt die Wirtschaft?
Ein wesentlicher Aspekt bei der Entscheidung, den Dip zu kaufen, ist die Bewertung der makroökonomischen Situation. Handelt es sich um einen gesunden Rücksetzer in einem anhaltenden Aufwärtstrend oder um einen größeren wirtschaftlichen Abschwung? Hierbei spielen gesamtwirtschaftliche Indikatoren eine entscheidende Rolle. Ein bedeutender Indikator ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP), also der wichtigste Indikator der Wirtschaftsleistung eines Landes. Das BIP misst die Wertschöpfung einer Volkswirtschaft – salopp gesagt also den Mehrwert, den eine Ökonomie über einen gewissen Zeitraum erzielt. Ein kontinuierliches Wachstum des BIP deutet auf eine robuste Wirtschaft hin, was ein positives Zeichen für eine Erholung der Märkte nach einem Rücksetzer ist. Im Gegensatz dazu kann ein Rückgang des BIP auf eine Rezession hinweisen, in der das Risiko besteht, dass die Märkte weiter fallen. Am intensivsten beobachten globale Anleger die wirtschaftliche Entwicklung der Vereinigten Staaten, weil der Aktienmarkt in den USA die globale Entwicklung von Anlageklassen in weiten Teilen (mit-)bestimmt. Und das amerikanische BIP entwickelte sich in den letzten Monaten konstant positiv. Von Rezession ist hier nicht viel zu spüren. Allerdings ist die Wirtschaftsleistung auch nicht die einzige Kennzahl, die bei dieser Bewertung heranzuziehen ist.
Ein weiterer wichtiger Indikator ist die Arbeitslosenquote. Eine steigende Arbeitslosenquote kann auf wirtschaftliche Schwierigkeiten hinweisen, während eine niedrige Arbeitslosenquote ein Zeichen für eine gesunde Wirtschaft ist. Zudem sind Inflationsraten und Zinssätze von großer Bedeutung. Eine moderate Inflation und niedrige Zinssätze fördern das Wirtschaftswachstum und können signalisieren, dass ein Marktrückgang eine Kaufgelegenheit darstellt. Hohe Inflationsraten und steigende Zinssätze hingegen könnten darauf hindeuten, dass die Wirtschaft vor größeren Herausforderungen steht. Zuletzt war die Inflation in den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union rückläufig. Während das 2-Prozent-Ziel für Europa greifbar ist, kommt auch die Wirtschaft in den USA diesem Idealwert immer näher. Aktuell liegt die Inflation in den Vereinigten Staaten bei rund drei Prozent, im ersten Quartal waren es noch 3.3 Prozent. In den nächsten zwei Monaten soll der Wert weiter sinken und 2.8 Prozent erreichen. Laut Jerome Powell, dem Vorsitzenden der Zentralbank Federal Reserve (Fed) wird es von dieser Entwicklung abhängig sein, wie schnell der Leitzins gesenkt wird.
Welches Risiko können Sie eingehen?
Damit wären wir beim zweiten wichtigen Aspekt, nämlich der Geldpolitik. Besonders für das Wachstum von Risiko-Anlagen wie Technologie-Werte um Apple, Nvidia oder Microsoft und Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum ist eine lockere Geldpolitik wichtig. Die bisherigen Bitcoin-Bullenmärkte deckten sich verblüffend mit den Zyklen der Geldpolitik in den USA: Stieg die Geldmenge im Umlauf an, zog bald auch der Bitcoin nach oben, gefolgt von den Altcoins und natürlich den Aktien. Das ist auch nicht schwer zu erklären: Wenn der Leitzins sinkt, fallen auch die Renditen auf festverzinsliche Anlagen wie Staatsanleihen. Gleichzeitig wird es günstiger, Geld auszuleihen und mit fremdem Kapital zu spekulieren. Wenn große und institutionelle Investoren im sicheren Anleihenmarkt nicht mehr genug Rendite erzielen, wenden sie sich risikoreicheren Anlageklassen zu. Und auch Kleinanleger haben in Niedrigzins-Phasen mehr Kapital zur Verfügung, mit dem sie investieren können. Ein gutes Beispiel war der Boom nach dem Covid-Crash: Die Fed kürzte die Zinsen radikal, Unmengen frischen Geldes kamen in den Umlauf und Bürger in den USA erhielten sogar finanzielle Gutschriften, um die Wirtschaft zu beleben. Kurz darauf kam es zum letzten Bullrun.
Während BIP und nahende Zinskürzungen also vielversprechend aussehen, gibt es größere Probleme mit dem dritten wichtigen Makro-Indikator, nämlich der Arbeitslosigkeit. Die letzten Arbeitslosenzahlen in den Vereinigten Staaten waren höher als erwartet und triggerten einen vermeintlich unfehlbaren Indikator für Wirtschaftsabschwünge. Einfach gesagt: Die Arbeitsmarkt-Daten signalisieren laut offizieller Lesart eine kurz bevorstehende Rezession. Gemeinsam mit der Kriegsgefahr zwischen Israel und dem Iran und dem Börsen-Zusammenbruch in Japan sorgte dieses Signal übers Wochenende für blanke Panik an den Märkten. Die Angst aber scheint wieder zu verfliegen. Wieder stellt sich die Frage: Noch schnell den Dip kaufen – oder vielleicht sogar Aktien verkaufen, bevor sie noch weiter fallen? Natürlich muss man sich bei dieser Frage zunächst über die eigene Risikoaffinität klar werden. Wieviel Geld ist man bereit zu investieren – und im Ernstfall zu verlieren? Welcher Verlust ist akzeptabel, welche Summe würde die eigene finanzielle Existenz gefährden, wenn sie im Crash unterginge? Blind zu kaufen und sich über kurzfristige Anstiege zu freuen kann in eindeutigen Boom-Phasen das Patentrezept sein, die aktuell unsichere Situation macht die ganze Sache aber komplizierter. Und das liegt auch an den unterschiedlichen Anlageklassen.
(Was) sollte man im Dip kaufen?
Nicht alle Anlageklassen reagieren gleich auf wirtschaftliche Veränderungen, und daher ist es wichtig zu wissen, wann es sinnvoll ist, in welche Anlageklasse zu investieren. Im volatilen Krypto-Markt können drastische Kursrückgänge sowohl Kaufchancen als auch erhebliche Risiken bedeuten. Kryptowährungen sind stark spekulativ und können von regulatorischen Nachrichten und Marktstimmungen stark beeinflusst werden. Ein Dip kann eine gute Kaufgelegenheit sein, wenn die langfristigen Fundamentaldaten stark sind und der Rückgang durch kurzfristige Faktoren verursacht wurde. Bei längerfristigen Unsicherheiten oder regulatorischen Eingriffen sollte man jedoch vorsichtig sein. Im klassischen Aktienmarkt können Rücksetzer oft als Kaufgelegenheit gesehen werden, insbesondere bei stabilen Unternehmen mit soliden Fundamentaldaten. Wenn der Markt insgesamt fällt, aber die wirtschaftlichen Indikatoren stabil sind, könnte dies eine Chance sein, qualitativ hochwertige Aktien zu einem günstigeren Preis zu erwerben. Aufpassen sollte man bei zyklischen Abschwüngen, getriggert durch fundamentale wirtschaftliche Probleme.
Edelmetalle wie Gold und Silber dienen oft als sicherer Hafen in wirtschaftlich unsicheren Zeiten. Ein Dip bei diesen Metallen könnte eine Kaufgelegenheit darstellen, wenn die Unsicherheiten anhalten und die Nachfrage nach sicheren Anlagen steigt. Bei Rohstoffen wie Öl und Gas ist die Situation komplexer. Preisrückgänge können durch Angebot- und Nachfrageschwankungen, geopolitische Ereignisse oder technische Entwicklungen getriggert werden. Hier sollte man genau analysieren, ob der Rückgang vorübergehend ist oder auf langfristige Veränderungen hinweist. Gerade bei den Brennstoffen sorgen die Spannungen in Nahost für spürbare Unsicherheit. Wie aber verhält man sich nun am besten in der aktuellen Situation? Um diese Frage zu beantworten, sollte man alle erklärten Punkte berücksichtigen: Die übergeordnete Marktsituation anhand wichtiger Indikatoren wie Zinsentwicklung, Inflation, Wirtschaftsleistung und Arbeitslosigkeit – aber auch die persönliche Situation und die Eigenschaften der Anlageklassen, in die man investieren möchte. Die Marktlage ist undurchsichtig, die Panik noch nicht abgeklungen. Um einen kühlen Kopf zu bewahren, sollte man abseits der fundamentalen Wirtschaftsdaten auf technische Indikatoren zurückgreifen. Analysen zur Kursentwicklung bei Top-Aktien, den spannendsten Kryptowährungen oder auch Industriemetallen erhalten Sie bei uns regelmäßig – für eine klare Sicht in stürmischen Zeiten.


Wachstum des US-BIP pro Quartal in den letzten zwei Jahren. Zuletzt lag die Zunahme bei 2.8 Prozent. Als Anzeichen für eine Rezession gelten zwei negative Quartale in Folge.
Positive Korrelation des Bitcoin-Momentums mit der Geldmenge im Umlauf: Wenn die Geldpolitik gelockert wird, profitieren Risiko-Assets wie Kryptowährungen

