Die Europäische Union braucht Uran – und will von Russland loskommen
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Die Europäische Union braucht Uran – und will von Russland loskommen

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Simeon Koch

Lange war die Europäische Union skeptisch gegenüber Uran. Katastrophen wie jene in Tschernobyl 1986 oder 2011 im japanischen Kernkraftwerk Fukushima bewegten nicht nur Deutschland dazu, seine Atommeiler sukzessive abzuschalten. Uran aber erlebte zuletzt einen zweiten Frühling. Die Nachfrage stieg rasant, die Preise schossen nach jahrelanger Flaute in rekordverdächtige Höhen. Am Wettrennen um den radioaktiven Rohstoff beteiligen sich auch europäische Schwergewichte wie Frankreich und Großbritannien. Deutschland hält sich noch zurück, die Marschrichtung der Europäischen Union aber ist eindeutig: Uran ist notwendig, um die kontinentale Energiewende voranzutreiben. Um trotz rasant schwindender Vorräte die Renaissance der Atomenergie voranzutreiben, entwickelt Europa neue Technologie – und umschifft eigene Sanktionen gegen den wichtigen Uran-Lieferanten Russland. Die Vereinigten Staaten wollen dem Uran-Import aus Russland nun ein Ende setzen, der Kreml aber gibt sich gelassen und erinnert die EU an ihre Zwickmühle: Uran aus politisch heiklen Quellen – oder Licht aus für den Green Deal. Findet die EU eine andere Lösung?

Russland droht der EU – Europas Uran-Dilemma

Russland ist sich sicher, dass die Europäische Union gar nicht anders kann, als dem Kreml seinen wertvollen Atom-Brennstoff abzukaufen: „Ohne unsere Uranprodukte hat die von den Europäern so geliebte grüne Politik kaum eine Chance auf Erfolg“, sagte vergangene Woche Artem Studennikov, Direktor der Abteilung Europa im russischen Außenministerium. Der Grund dafür sei einfach und liege in der Konzeption europäischer Atomkraftwerke, die auf russische Uranprodukte ausgelegt seien. Daher werde sich laut Studennikov „das Problem stellen, die Sicherheit von Reaktoren zu gewährleisten, die speziell für russischen Brennstoff entwickelt wurden". Mit der Weigerung, neue Abkommen über Uranhandel mit dem politisch und wirtschaftlich vom Westen isolierten Russland zu schließen, schade sich die EU nur selbst, betonte der EU-Zuständige im russischen Außenministerium. Und obgleich es sich bei diesen Drohungen aus dem Kreml vor allem um politisches Taktieren handelt, ist Studennikovs Logik nicht vollständig von der Hand zu weisen. Bei unverarbeitetem Uran könnte der europäische Markt auf Importeure wie Kanada, Australien oder Südafrika ausweichen. Gerade Atomkraftwerke in osteuropäischen Ländern aber sind auf russisches Uran angewiesen.

Der Pariser Analyst für Atompolitik Mycle Schneider sprach im Interview mit der Tagesschau kürzlich von 15 osteuropäischen Atomkraftwerken, für die „Russland der einzige Hersteller von Brennelementen ist“. Der Anteil dieser Kraftwerke an den insgesamt etwa 100 Meilern in der Europäischen Union sei gering, Osteuropa könne auf diesen Strom aber nicht so ohne weiteres verzichten, weshalb hierbei „zweifelsfrei eine erhebliche Abhängigkeit von Russland“ bestehe. Frankreich – mit 56 Atomkraftwerken Vorreiter in Europa – unterhält außerdem wichtige Geschäftsbeziehungen mit dem russischen Staatskonzern Rosatom, der auch weite Teile der Uranvorkommen in Kasachstan kontrolliert. Kasachstan ist einer der global wichtigsten Exporteure für Uran, auch dank der strategischen Positionierung im rohstoffreichen Nachbarstaat stellt Rosatom laut dem österreichischen Umweltbundesamt rund 15 Prozent des global verfügbaren Urans her. Gleichzeitig dürfte die internationale Nachfrage durch große Atompläne in Europa, den Vereinigten Staaten und China in den nächsten Jahren rasant steigen. Prognosen sprechen von rund 100 000 Tonnen Nachfrage bei gerade einmal 50 000 Tonnen verfügbarem Angebot.

„Kernkraft hat alles“ – Europa will Atomenergie

Die EU will bei dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen. „Der Klimawandel ist eine der größten Herausforderungen, vor denen wir stehen“, sagte Belgiens Premierminister Alexander de Croo beim ersten internationalen Atomenergie-Gipfel Ende März in Brüssel. Gemeinsam könne man diese Situation „in eine Chance für Fortschritt verwandeln, Arbeitsplätze schaffen, die Qualität und Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaften erhöhen und eine echte Zukunft für Innovation und unsere Industrie schaffen“. Und am Uran führe dabei laut de Croo kaum ein Weg vorbei, denn „all das ermöglich[e] die Kernenergie“. Aufgesetzt wurde bei dieser Gelegenheit auch gleich die Brüsseler Erklärung, in der sich 32 Staaten aus Europa, Asien und Nordamerika dazu verpflichten, verstärkt auf Atomenergie zu setzen und sich dabei gegenseitig zu unterstützen. Die Deklaration baut auf den AKW-Ankündigungen großer Industrienationen bei der letztjährigen Weltklimakonferenz in Dubai auf. Im Dokument selbst heißt es vonseiten der Unterzeichner: „Wir verpflichten uns dazu, das Potenzial der Nuklearenergie voll auszuschöpfen“. Dafür will etwa die britische Regierung in den kommenden Jahren rund $250 Millionen in die Atomindustrie investieren.

Geht es nach den Unterzeichnern der Brüsseler Erklärung, sollen auch internationale Finanzinstitutionen wie die Weltbank diese großen Atom-Pläne unterstützen. Schließlich sorgten Atomkraftwerke in Krisenzeiten für Unabhängigkeit von ausländischen Energiequellen, wie Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), bei dieser Gelegenheit unterstrich: „Ein wichtiger Auslöser für das Comeback der Nuklearenergie war Putins Invasion in die Ukraine“. Deutschland nahm an dem Gipfel nicht teil; die Bundesregierung hält am Atom-Ausstieg fest. Das Bundesumweltministerium ließ verlauten: „Dass es unter den EU-Mitgliedsstaaten bezüglich der Atomkraftnutzung unterschiedliche Sichtweisen gibt, ist bekannt und wird gegenseitig respektiert“. Der Grünen-Europa-Abgeordnete Michael Bloss bemängelte, dass der Brüsseler Atomgipfel „einfach nur Ablenkung“ sei. Atomkraft sei „extrem teuer, [sie] funktionier[e] nicht ohne Subventionen, es [gebe] noch nicht einmal Versicherer, die Atomkraftwerke versichern wollen“. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck schob hinterher, dass es „auch ohne“ Atommeiler gehe, die gegebenenfalls ohnehin nicht einmal zehn Prozent des deutschen Energiebedarfs decken könnten.

EU macht klar: Zukunft braucht Uran

Während sich die Mitgliedsstaaten der Europäischen Union uneins über den Umgang mit Atomenergie und die Quellen des dafür notwendigen Urans sind, haben die Vereinigten Staaten ein Gesetz verabschiedet, das den Import von angereichertem Uran aus Russland verbietet. Gleichzeitig wird die nordamerikanische Atomindustrie mit fast $3 Milliarden subventioniert. Auch die Europäische Union will den russischen Einfluss auf den eigenen Atomsektor zurückdrängen. Das aber ist gar nicht so einfach. Eine ganze Reihe von Reaktoren in Ungarn, Bulgarien, Tschechien und Finnland basiert auf russischer Technologie; Ungarn hat mit Rosatom schon vor zehn Jahren einen milliardenschweren Deal zur Errichtung neuer Atomreaktoren abgeschlossen. Einen Ausweg aus der technologischen Teil-Abhängigkeit von Russland sollen sogenannte modulare Kernreaktoren liefern. Hierbei handelt es sich um kleinere Kraftwerke, deren Bauteile serienmäßig hergestellt und einfach verbaut werden können. Um diese Idee ist bereits ein florierender Wirtschaftszweig entstanden, in den Tech-Granden wie Bill Gates kräftig investieren.

Das Europäische Parlament selbst schrieb in einem Strategiepapier im Februar: „Innovative Nukleartechnologien sind von erheblichem strategischem Wert, und es werden wichtige Schritte unternommen, um die Versorgung mit fortschrittlichen Kernbrennstoffen und die Forschungs- und Innovationskapazitäten in diesem Bereich zu erhöhen.“ Ein möglicher vollständiger Verzicht auf russisches Uran stellt nicht nur die westlichen Märkte vor große Herausforderungen, sondern konfrontiert auch den internationalen Uranmarkt mit neuer Knappheit. Laut Kalkulationen von Experten sind bei anhaltend starker Nachfrage weitere Preisanstiege nötig, um den Abbau schwerer zu erreichender Uranvorkommen überhaupt erst möglich zu machen. Allein die technischen Anforderungen im Bergbau könnten die Preise für Uran also weiter in die Höhe treiben. Wer an etwaigen weiteren Kurssprüngen auf dem Uranmarkt partizipieren möchte, bekommt regelmäßige Preisprognosen mit präzisen Zonen für lukrative Einstiege und Handelsmöglichkeiten in unserem Uran-Analysepaket.

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Simeon Koch

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