Uran ist angesagt. Der Preis für das radioaktive Industriemetall stieg zuletzt auf ein 15-Jahreshoch. Die Erklärung dafür ist aus fundamentaler Sicht die folgende: Uran wird als Rohstoff in Kernkraftwerken benötigt, unlängst bekannten sich gleich mehrere große Industrienationen zu einer Atomenergie-Offensive. Neben den Vereinigten Staaten und Kanada wollen auch Frankreich, Japan und Südkorea ihre Atom-Kapazitäten in den kommenden Jahren deutlich steigern. Die größte Hürde dabei ist die ungleiche geografische Verteilung der globalen Uranvorkommen, eine Handvoll Staaten kontrolliert die weltweite Produktion. Prominent vertreten unter den wichtigsten Uran-Produzenten ist Russland, das Geschäft mit den Brennstäben ist eine wichtige Geldquelle für den russischen Militärapparat – und ausgerechnet aus Europa und Nordamerika kommt milliardenschwere Nachfrage. Sowohl die Vereinigten Staaten als auch die Europäische Union wollen die Sanktions-Zügel nun aber wieder fester anziehen: Das nordamerikanische Parlament verabschiedete kürzlich ein Gesetz gegen den Uran-Import, Frankreich wendet sich für seine Einkäufe an Kasachstan. Effektiv umgangen wird die russische Industrie damit aber nicht – das Gesetz bietet Schlupflöcher und weite Teile der kasachischen Uran-Produktion stehen zumindest im mittelbaren Zusammenhang mit Russland.
Preisanstiege bei knappem Uran unausweichlich?
„Die Reichweite der Uranvorräte liegt nach gegenwärtigem Stand bei mindestens etwa 47 Jahren, falls Preissteigerungen bis auf $130 pro Kilogramm Uran als wirtschaftlich vertretbar angesehen werden“, schreibt der wissenschaftliche Dienst des Deutschen Bundestags. Demnach seien noch rund 3.2 Millionen Tonnen für einen Preis von $130 pro Kilogramm rentabel abbaubar, optimistisch geschätzt noch etwa 4.6 Millionen Tonnen. Dabei gibt es zwei Probleme: Erstens haben allein die Top Fünf der größten Urankonsumenten weltweit – China, die Vereinigten Staaten, Frankreich, Russland und Südkorea – offiziellen Schätzungen zufolge schon 2020 zusammen rund 50 000 Tonnen Uran verbraucht. Das war vor dem kürzlich entbrannten Boom und den Ankündigungen westlicher Wirtschaftsmächte, ihre Atomsektoren nochmals aufzumotzen. Und zweitens stammt die 47-Jahres-Prognose des Bundestags aus dem Jahr 2006, damals lag der Uranpreis bei $40 pro Kilogramm. Die damalige Extremprognose von $130 pro Kilogramm hat der Uranpreis inzwischen schon überschritten.
Zwar gibt es weitere Vorkommen, die mit aufwendigerem Abbau erschlossen werden könnten, um die ungleich kompliziertere Förderung aber zu finanzieren, müsste der Uranpreis laut Expertenschätzungen auf über $250 ansteigen. Den Preis könnte also nicht nur die wachsende Nachfrage, sondern auch die Verknappung der verfügbaren Vorkommen antreiben – und vor allem deren schwierige Förderung. Noch kniffliger wird die Situation für atomaffine westliche Industrienationen durch die starke Position Russlands auf dem Uranmarkt: Wohl oder übel müssen die Vereinigten Staaten und die Europäische Union Milliarden an russische Staatskonzerne überweisen, wenn sie ihren Uranhunger stillen wollen. Besonders Frankreich steht aktuell vor dem moralischen Dilemma, entweder die wirtschaftliche Sanktionierung Russlands infolge der Ukraine-Kriegs für sein Uran zu umgehen oder die großen Atompläne vorerst auf Eis zu legen. In Zugzwang gerät die französische Regierung dabei durch den Entschluss des obersten nationalen Gerichtshofs, den Ausbau der Windenergie vorerst zu stoppen. Als emissionsfreie Alternative rückt Atomstrom dadurch umso stärker in den Fokus.
Russland könnte 60 Prozent der globalen Uran-Produktion kontrollieren
Zu allem Überdruss fiel Frankreich nach dem Militärputsch im afrikanischen Niger vor einigen Monaten auch noch einer seiner wichtigsten Uran-Lieferanten aus. In den vergangenen zehn Jahren importierte Frankreich rund ein Fünftel seiner 88 200 Tonnen Natur-Uran aus Niger, 27 Prozent kamen aus Kasachstan. Auch hier aber hat Russland die Finger im Spiel, die wirtschaftlichen Bande zwischen der kasachischen Regierung und dem Kreml sind eng. Zwar betonte die Staatsführung des ehemaligen Sowjetstaats mehrfach, den russischen Angriff auf die Ukraine nicht zu unterstützen, das Handelsvolumen zwischen beiden Staaten kletterte in den letzten beiden Jahren aber auf Rekordwerte. Ein weiterer Trumpf in russischer Hand ist das Caspian Pipeline Consortium, die wichtigste Exportroute für kasachisches Rohöl, die für 70 Prozent der nationalen Wirtschaftsleistung verantwortlich zeichnet. Berichten zufolge sollen bis zu 25 Prozent der kasachischen Infrastruktur für die Förderung und Verarbeitung von Uran von der russischen Industrie kontrolliert werden, eine große Rolle spielt dabei offenbar der Energiekonzern Rosatom, der laut dem österreichischen Umweltbundesamt rund 15 Prozent des global verfügbaren Urans herstellt.
Schon vor einigen Monaten erstand Rosatom knapp die Hälfte der Anteile an der künftig voraussichtlich größten Uranmine der Welt: Ende 2022 verzichtete Kasachstan auf sein Vorkaufsrecht für die Schürfrechte im Bergwerk Budenovskoye auf dem eigenen Staatsgebiet, die von Oligarchen veräußert wurden. Rosatom schlug zu und verfügt damit teilweise über jene Förderstätte, die laut Prognosen in sehr naher Zukunft rund zehn Prozent der weltweiten Uranproduktion abdecken dürfte. Zudem wird der Löwenanteil kasachischen Urans über russisches Territorium und zugehörige Meerzugänge exportiert, was dem großen Nachbarn sowohl politischen als auch ökonomischen Einfluss verschafft und die alternative westliche Uranversorgung – aufgrund der russischen Verwicklungen in kasachische Produktion ohnehin umstritten – auch noch destabilisieren könnte. Auch Usbekistan, wo Frankreich über die letzte Dekade etwa 19 Prozent seines Urans einkaufte, gilt als enger Verbündeter Russlands – ebenso wie das nach dem Militärputsch 2023 destabilisierte westafrikanische Land Niger. Laut Expertenschätzungen könnte Russland durch die Ausweitung seiner Beziehungen in den drei Staaten Einfluss auf bis zu 60 Prozent der weltweiten Uranproduktion erlangen.
100 000 Tonnen Nachfrage, 50 000 Tonnen Angebot
Solange die geopolitischen Spannungen mit dem Westen anhalten, sind das für den europäischen und nordamerikanischen Uran-Boom äußerst schlechte Nachrichten, der begehrte Rohstoff dürfte angesichts der verfahrenen politischen Situation, aufwendiger Förderung und wachsender Unsicherheit in globalen Lieferketten immer teurer werden. Politische Beobachter streiten darüber, ob Russland an Uran-Exporten aus Kasachstan tatsächlich erheblich mitverdient. Für den Uranpreis spielt das allerdings kaum eine Rolle: Schon Ende 2022 schätzte die Word Nuclear Association, eine internationale Vereinigung einflussreicher Vertreter der Nuklearindustrie mit Sitz im britischen Westminster, dass die globale Uran-Nachfrage bis 2030 auf gut 75 000 Tonnen und bis 2040 auf über 100 000 Tonnen anwachsen dürfte. Gleichzeitig dürfte das Angebot diesen Berechnungen zufolge stetig abnehmen und 2040 nur noch etwa 50 000 Tonnen betragen. Verstärkter Kaufdruck dürfte künftig auch aus China kommen, wo emissionsfreie Energieformen Hochkonjunktur haben. Wer die spannende Preisentwicklung auf dem Uranmarkt im Auge behalten möchte, ist mit unserem Uran-Analysepaket bestens beraten. Unsere Abonnenten erhalten neben kurz- und langfristigen Preisprognosen auch Signale zu lukrativen Einstiegs- und Handelsmöglichkeiten.



