Ist der Bitcoin-Bullenmarkt beschleunigt und endet früher als gedacht? Erleben wir einen Superzyklus, der noch jahrelang steigende Preise bringt? Oder ist alles schon längst vorbei und der Kryptomarkt befindet sich in einem kontinuierlichen Abschwung, der schnurstracks in den nächsten Bärenmarkt führt? Einschlägige Social-Media-Kanäle sind voll mit diesen Fragen und auch wir diskutieren sie nicht zum ersten Mal. Heute aber wollen wir uns dieser Thematik aus einem anderen Blickwinkel nähern: Während die meisten Krypto-Influencer Bitcoin als Marktführer in Vordergrund ihrer Prognosen rücken, betrachten wir den aktuellen Zyklus in diesem Artikel aus der Perspektive der Altcoins. Schließlich sind kleinere Kryptowährungen starke Indikatoren für die jeweilige Zyklusphase – und signalisierten in der Vergangenheit mehrfach, wenn der Kryptomarkt sein Zyklus-Top erreichte. Kleinere Assets trifft der emotionale Zustand des Marktes am heftigsten, Altcoins sagen oft deutlich mehr über die Marktphase aus als etwa der Bitcoin. Aktuell deuten die Altcoin-Kurse darauf hin, dass der Zyklus sein Top noch nicht erreicht hat – mehr noch: Betrachtet man kleinere Kryptowährungen, scheint der Bullenmarkt noch gar nicht richtig begonnen zu haben.
Bereit für die Überraschung?
Zum ersten Mal in seiner Geschichte erreichte der Bitcoin im Frühling ein Allzeithoch vor seinem Halving. Gleichzeitig explodierten zahlreiche Altcoins und vervielfachten ihre Kurswerte innerhalb weniger Wochen. Mitte März war die Party dann vorbei, seither durchläuft der Markt eine der quälendsten Konsolidierungsphasen der letzten Jahre. Warum aber ist dieser Bitcoin-Zyklus so anders? Um diese Frage zu beantworten, könnte man mit den im Januar zugelassenen Bitcoin-ETFs argumentieren, man könnte über den verwirrenden Meme Coin-Hype sprechen oder auch darüber, dass institutionelle Investoren durch die Tokenisierung von Real World Assets (RWA) im großen Stil den Kryptomarkt erschließen. Eigentlich braucht man das alles aber gar nicht, um die tatsächliche Ursache zu verstehen. Prinzipiell ist es ziemlich einfach: Der Markt muss in jedem Zyklus etwas Unvorhergesehenes tun, sonst kann nichts Besonderes passieren. Das hört sich an, wie ein Zirkelschluss, ist bei näherer Betrachtung aber durchaus plausibel. Explosive Preisanstiege müssen überraschend kommen, sonst funktionieren sie nicht.
Der Altcoin-Marktführer Ethereum erreichte sein Top bei den großen Bullenrallyes 2017 und 2021 wenige Wochen später als der Bitcoin.An der Börse passiert meistens das genaue Gegenteil davon, was die meisten erwarten – und das hat gute Gründe. Wenn jeder mit der großen Bullenrallye rechnet, fällt sie (vorerst) aus, das haben wir bereits im März erlebt. So groß, wie die Euphorie und Sicherheit im Markt war, schien schon damals offensichtlich, dass es eine ziemlich lange und ausgedehnte Korrekturphase brauchen würde, bis das emotionale Fundament des Marktes wieder so weit abkühlt, dass man stabil darauf bauen kann. Denn solide war dieses Fundament Anfang des Jahres ganz und gar nicht mehr. Ein falscher Schritt, ein kurzer Rücksetzer und eine Kaskade von Long-Liquidationen setzte ein. Der Markt war überhebelt, überkauft und übermütig. Und weil Altcoins der unmittelbarste Indikator für die Stimmung im Kryptomarkt sind, traf es sie jeweils am heftigsten: Im Hype schossen sie in astronomische Höhen, während des aktuellen Sommerlochs stürzten sie erst drastisch ab und bluteten dann über Monate aus.
Altcoin-Season zum Bullenmarkt-Top?
Dabei hat der Bullenmarkt für den Altcoin-Sektor im Verhältnis zu Bitcoin noch gar nicht begonnen. Und auch die recht deutlichen Top-Signale, die Altcoins in den letzten Krypto-Bullruns ausgesendet haben, stehen noch aus. Betrachtet man die vergangenen beiden Zyklen, so wird schnell deutlich: Über weite Strecken laufen der Bitcoin und der breite Altcoin-Markt nahezu im Gleichschritt. Die Korrelation ist hoch, sowohl Ausschläge nach oben als auch Zwischenkorrekturen geschehen praktisch simultan. Das im Markt vorhandene Geld fließt also je nach Phase in gleichen Teilen in den Bitcoin und die Altcoins hinein und beizeiten auch wieder hinaus. Ein wichtiger Grund dafür ist, dass außerhalb der großen Bullenmarkt-Rallyes nur wenig frisches Kapital in den Markt fließt. Das vorhandene Kapital wird von mehr oder weniger erfahrenen Krypto-Investoren hin- und hergeschoben, kurze Hype-Phasen wechseln sich im Altcoin-Sektor ab, können den gesamten Markt aber kaum beflügeln. Anders sieht das aus, wenn der Blockchain-Sektor in seine zyklische Euphorie verfällt und damit auch neue Investoren anlockt – etwa in den großen Aufschwung-Phasen der Bullenmärkte 2017 und 2021.
Die 125 größten Altcoins laufen in den meisten Zyklusphasen im Gleichschritt mit dem Bitcoin. In parabolen Aufschwüngen holen Altcoins erst nach dem BTC-Top wieder auf.Frisches Kapital fließt für gewöhnlich zunächst in den Bitcoin. Deshalb beschleunigt er, sobald die Krypto-Euphorie auch in den Mainstream überschwappt. Der Kaufdruck durch neue Investoren verschafft dem Bitcoin einen kleinen Vorsprung, den die Altcoins zunächst nicht aufholen können. Erst, wenn der Bitcoin sein vorläufiges oder finales Bullenmarkt-Top erreicht hat, können die Altcoins wieder aufschließen – und finalisierten in den letzten Zyklen genau zu diesem Zeitpunkt die ominöse Altcoin-Season. Diesem Phänomen liegt das Prinzip der Rotation zugrunde. Gewinne, die zu Beginn der großen Bullenrallye mit Bitcoin gemacht wurden, fließen anschließend in die Altcoins. Damit versuchen große Investoren, ihre Profite dank der hohen Volatilität im Altcoin-Sektor noch einmal zu steigern. Dieses Rotationsprinzip existiert auch am traditionellen Finanzmarkt, die Dynamik ist dort aber nicht so stark und rasant wie im Kryptomarkt. Schließlich lässt sich Bitcoin auf vielen Handelsbörsen direkt in die meisten Altcoins umtauschen, die Wege sind also kurz.
Was verraten uns die Altcoins über diesen Zyklus?
Wegen dieser Rotation erreichte der Altcoin-Sektor, allen voran Ethereum, seine Spitzen in den letzten Zyklen immer ein paar Wochen nach dem Bitcoin-Top der ersten echten Bullen-Rallye. 2017 geschah das nach dem finalen Bullrun-Top im Dezember, 2021 sah man die Rotation rund um das Mid Cycle Top im April. Warum einmal beim Bullenmarkt-Finale und einmal beim Zwischenhoch? Ganz einfach: Weil zu beiden Zeitpunkten das meiste frische Kapital in den Kryptomarkt und damit zunächst in den Bitcoin floss. Dass sich der Bitcoin Ende 2021 noch einmal zu einem neuen Allzeithoch aufschwingen konnte, war eine Art Anomalie, die laut unserer Analyse bereits der Bärenmarkt-Korrektur zuzuschreiben war. Außerdem floss in dieser Phase nicht annähernd so viel frisches Geld von außen in den Kryptomarkt wie noch im Frühjahr desselben Jahres. Das eigentliche Bullenmarkt-Top war aus technischer Sicht im Frühjahr 2021, dafür spricht auch das Handelsvolumen zu diesem Zeitpunkt. Was aber können uns die Altcoins über den aktuellen Zyklus verraten?
Die kleineren Altcoins außerhalb der Krypto-Top-10 erreichten ihre kumulierten Bullrun-Spitzen in den letzten Zyklen jeweils rund einen Monat nach dem BTC-Top.Sollten sich die Muster der letzten beiden Zyklen und damit das Rotationsprinzip von Bitcoin in die Altcoins wiederholen, so dürften die Altcoins auch dieses Mal die Top-Bildung signalisieren. Interessant sind dafür besonders Altcoins mit kleinerer Marktkapitalisierung, also Kryptowährungen außerhalb der Top-10 nach Gesamtwert. Sie stehen am Ende der Rotations-Fahnenstange, deshalb explodieren sie in der Regel zuletzt und markierten damit in der Vergangenheit das Ende des Bullenmarktes. Der Vergleich der letzten beiden Zyklen zeigt: Diese kleineren Altcoins erreichten ihr Top nur wenige Wochen nach der Bullenmarkt-Spitze des Bitcoins. 2017 waren es etwa vier Wochen, 2021 ungefähr fünf. Wiederholt sich dieses Muster, wird der Bitcoin auch in diesem Zyklus die finale Bullenrallye wochen- oder sogar monatelang anführen, bis die Altcoins aufholen können, während der Bitcoin plötzlich stagniert oder sogar leicht von seinem Top abfällt. In diesen kurzen Phasen, die gegebenenfalls maximal ein paar Wochen dauern, sollte man ernsthaft darüber nachdenken, Gewinne mitzunehmen. Ebenso schnell, wie eine Altcoin-Season entfesselt wird, endet sie auch. Als Krypto-Investor sollte man also auf der Hut sein, sobald die Rotation vom Bitcoin in die Altcoins passiert. In den letzten Zyklen war das jedenfalls ein klares Top-Signal.







