Es scheint alles orchestriert. Man könnte meinen, Trump würde den Finanzmarkt absichtlich crashen. Mit immer neuen Zoll-Drohungen sät der US-Präsident Panik an den Börsen weltweit. Investoren sind so negativ eingestellt wie zuletzt bei der Weltwirtschaftskrise 2008, die Schärfe der Abverkäufe bei S&P500 und Nasdaq erinnert an den Corona-Crash. Schon ist die Rede von einem Black Swan-Event, also einem unerwartet über die Weltmärkte hereinbrechenden Unheil. Dabei sind diese Abverkäufe alles andere als ein Unfall und schon gar kein Schicksalsschlag. Trump verwirrt gezielt und hat damit Erfolg. Dabei helfen ihm Mittel der psychologischen Kriegsführung.
Trump der Verrückte: Kalter Krieg 2025?
Trump ist wahnsinnig und unberechenbar. Das ist mittlerweile eine weit verbreitete Meinung – und genau der Eindruck, den Trump erwecken will. Sein Verhalten ist nicht annähernd so irrational wie es scheint, ganz im Gegenteil. Trump stützt sich in seiner wahnwitzigen Zollpolitik auf Elemente der psychologischen Kriegsführung, die schon lange vor ihm existierten. Dabei geht es um kaltblütiges Kalkül und Einschüchterung durch vermeintliche Unberechenbarkeit. Trump spielt diese Rollen nahe der Perfektion. Das merkt man daran, dass ihm die ganze Finanzwelt dieses Theater abkauft.Letzte Woche hat Donald Trump aberwitzig hohe Zölle gegen fast alle Länder der Welt verhängt. Das Kalkül dahinter: psychologische Kriegsführung.
In der internationalen Politik zählt oft nicht nur, was ein Staat tut, sondern wie er es tut. Zwei Theorien helfen dabei, das Verhalten unkonventioneller Akteure zu verstehen: die sogenannte Idee der Brinksmanship (dt. Abgrundpolitik) und das Konzept des Madman (dt. Verrückter oder Wahnsinniger). Beide Theorien stammen aus dem Repertoire strategischer Eskalation, wie es einst im Kalten Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion praktiziert wurde. Die eine spielt mit dem Abgrund, die andere mit der aggressiven Irrationalität. Und beide erleben unter Donald Trump eine Renaissance. Diesmal nicht auf dem Schlachtfeld, sondern im globalen Warenverkehr.
Um zu verstehen, was Trump da eigentlich vorhat, muss man die Elemente der psychologischen Kriegsführung durchschauen, die er nutzt. Das Konzept der Brinksmanship beschreibt das kalkulierte Spiel mit der Eskalation. Ein Staat geht bewusst bis an die Grenze des Zumutbaren, um den Gegner unter Druck zu setzen. Trumps Strafzölle gegen China, die EU und andere Handelspartner sind kein Kollateralschaden einer protektionistischen Außenpolitik, sondern ausgeklügelte Methode. Zunächst wurden Importe mit moderaten Zöllen belegt, dann folgten immer härtere Maßnahmen – bis ein offener Handelskrieg droht.Trumps Strategien als Schaubild. Die Botschaft: "Wenn du nicht aufgibst, gehen wir beide unter. Ich nehme das gerne in Kauf."
Trumps erklärtes Ziel ist es, Peking, Brüssel und Co. zur Aufgabe angeblich unfairer Praktiken zu zwingen. Dass dabei auch US-Unternehmen leiden, war einkalkuliert: Der Gegner sollte glauben, die USA seien zum Äußersten bereit, selbst über die Grenzen des gesunden Menschenverstandes hinaus. Hier kommt die Madman-Theorie ins Spiel. Sie ergänzt dieses Bild um ein psychologisches Element. Der Akteur – in diesem Fall Trump – gibt sich unberechenbar, impulsiv, im besten Fall furchteinflößend irrational. Schon Richard Nixon nutzte diese Taktik, um Nordvietnam zu verunsichern. Trump perfektioniert sie im digitalen Zeitalter und will Verbündeten wie Gegnern damit das zermürbende Gefühl dauernder Ungewissheit geben. Damit sie schließlich zu seinen Konditionen an den Verhandlungstisch kommen.
Trumps Politik ist absurd – so der Plan
Schon kurz vor seinem Amtsantritt drohte Trump der EU mit Autozöllen, verwarf kurz darauf alles und führte die Zölle dann doch ein. Gegenüber China stellte Trump Ultimaten, nur um sie Tage später zu verlängern. Trump bespielt die Klaviatur der Extreme virtuos, tritt an einem Tag einen Handelskrieg los und legt ihn am nächsten wieder bei. Das mag Teil eines narzisstischen Drehbuchs zur Selbstdarstellung sein, folgt aber einem etablierten politischen Kalkül, bestehend aus Brinksmanship und Madman-Spielchen. Die unzweideutige Botschaft: Wer Trump nicht ernst nimmt, riskiert eine Eskalation. Wer ihn ernst nimmt, kann sich nie sicher sein, was als Nächstes kommt. Was diese Unsicherheit mit der menschlichen Psyche anstellt, sieht man an den Finanzmärkten: Sie kapitulieren.Gegen China verhängte Trump (links) zunächst 34 Prozent Zölle und packte dann noch einmal 50 Prozent oben drauf. Xi Jinping (rechts) kontert mit denselben Konditionen.
Trumps psychologische Kriegsführung war während seiner ersten Amtszeit vor allem auf China beschränkt. Nun aber geraten auch traditionelle Verbündete wie Kanada oder die EU unter Druck. Trump droht, verhandelt, setzt Zölle in Kraft und hebt sie wieder auf – oft ohne (erkennbare) klare Linie. Aus Sicht klassischer Diplomatie erscheint das wie Chaos. Aus Sicht strategischer Theorie ist es ein bewusst hergestellter Zustand maximaler Unsicherheit. Was wie impulsives Handeln aussieht, folgt einer eigenen Logik. Das Ziel ist nicht Kooperation, sondern Unterwerfung nach US-Konditionen – durch ökonomischen Druck und psychologische Verunsicherung.
Eigentlich ist es absurd, so hohe Zölle zu verhängen. Das sagen Wirtschaftsexperten, Unternehmer und wahrscheinlich auch Trumps Berater. Insgeheim weiß Trump das sogar selbst. Dennoch lenkt der Republikaner trotz des Aktien-Crashs und anhaltender Rezessionswarnungen hochrangiger Ökonomen nicht ein. Warum auch? Je länger Trump so tut, als würde ihn die ganze Panik nicht die Bohne interessieren, desto stärker wird sein Madman-Image – und die Glaubwürdigkeit seiner Abgrund-Politik. Erste Erfolge kann Trump dabei bereits verbuchen: Staaten wie Israel, Taiwan oder Vietnam haben angekündigt, ihre Zölle zu streichen. Kanada gab bekannt, Einfuhrbeschränkungen zu eliminieren, sollten die USA dasselbe tun.
Hat Trump mit dem Wahnsinn Erfolg?
Auch wirtschaftlich scheint Trump Erfolg zu haben. Bereits bei Amtsantritt machte der Republikaner seine wirtschaftliche Agenda klar: Der US-Dollar sollte im Vergleich zu anderen Währungen abwerten, um den US-Außenhandel zu beleben. Leitzins und restriktive Geldpolitik sollten fallen, um die Wirtschaft zu stimulieren. Und schließlich – das äußerte Trump nicht öffentlich – sollen die Staatsanleihe-Zinsen sinken, damit die USA in den nächsten Monaten billionenschwere Schulden refinanzieren können, ohne den eigenen Haushalt zu kannibalisieren.
Der Dollar-Index verhält sich ebenso wie nach Trumps erstem Amtsantritt 2017 und fällt. Dieser Teil des Plans scheint also aufzugehen...
Und tatsächlich: Infolge der Börsenpanik fallen US-Dollar und Staatsanleihe-Zinsen. Der Dollar, weil die Furcht vor Handelshemmnissen das Vertrauen in die US-Wirtschaft schwächt und Investoren in sicherere Währungen flüchten. Staatsanleihen, weil deren Preise steigen und die Renditen dadurch sinken. Außerdem könnte die US-Notenbank Federal Reserve bald gezwungen sein, die Geldpolitik zu lockern, um die Märkte aufzufangen. Waren Analysten zu Beginn des Jahres noch von höchstens zwei Zinssenkungen bis Ende 2025 ausgegangen, werden mittlerweile drei bis vier Kürzungen erwartet. Die geschätzte Wahrscheinlichkeit für eine Zinssenkung bei der nächsten Fed-Sitzung Anfang Mai hat sich laut der CME Group in der letzten Woche verdoppelt.
Was Trump mit Verhandlungen nicht schafft, versucht er mit der Brechstange. Auf nationaler Ebene gegenüber Fed-Chef Jerome Powell, der die Zinsen auf Trumps Zuruf nicht kürzen will – und auf globaler Bühne mit den wahnsinnig anmutenden Zöllen gegen China und Europa, die auf seine Drohungen vorher nicht eingegangen sind. Trump blufft mit seiner verrückten Abgrund-Politik, was das Zeug hält. Zu einem Bluff aber gehören immer zwei. Und China signalisiert bereits, nicht darauf einsteigen, sondern dagegenhalten zu wollen. Erst am Mittwoch kündigte Peking an, nun ebenfalls 84 Prozent Strafzölle gegen US-Güter zu erheben, die nach China importiert werden.
... während der wichtigere Teil zu scheitern droht: Beim Aktien-Crah fielen die Staatsanleihe-Zinsen, schnellen jetzt aber wieder nach oben.
Damit zieht die chinesische Regierung mit Donald Trump gleich, der zunächst 34 Prozent vermeintlich reziproke Zölle und danach noch einmal 50 Prozent zusätzlich verhängt hatte, als Peking sich mit Gegenzöllen wehrte. Außerdem verkauft China gerade große Mengen an US-Staatsanleihen (China ist mit Beständen von rund 800 Milliarden US-Dollar der weltweit zweitgrößte US-Staatsanleihen-Halter), was die Renditen nach oben schnellen lässt.
Das gefährdet Trumps Plan der günstigen Refinanzierung fälliger Schulden und könnte im schlimmsten Fall dazu führen, dass die provozierte Aktien-Panik am Ende umsonst war. Zu allem Überdruss erodieren Trumps Psycho-Spielchen zudem das allgemeine Vertrauen in die USA als ökonomischen und politischen Partner. Wer will schon jemanden zum Freund haben, der absolut unberechenbar ist? Ob sich der selbst inszenierte Verrückte davon zur Vernunft bringen lässt, ist freilich ungewiss.



