Die Cannabis-Legalisierung sei eine Einladung für organisierte Kriminalität und begünstige den Drogen-Schwarzmarkt– so fasste Silke Launert, innenpolitische Sprecherin der CDU, letzte Woche die Haltung ihrer Partei zum deutschen Cannabis-Gesetz zusammen. Die Union hat eine Rücknahme der Cannabis-Legalisierung offiziell in ihr Programm für die kommende Bundestagswahl aufgenommen. Gewählt wird nach dem Aus der Ampel-Partei bereits im Februar.
SPD und FDP verteidigen ihre Drogenpolitik, der liberale Abgeordnete Jürgen Lenders frotzelte in Richtung Union: „Ich weiß nicht, was sie geraucht haben, um das Thema auf die Tagesordnung zu setzen.“ Für den Cannabis-Markt wäre das Cannabis-Aus in Deutschland ein harter Schlag. Schließlich expandieren Canopy Growth, Tilray und Co. aktuell verstärkt nach Deutschland, um aus den roten Zahlen zu kommen.
„Sicherheit und Ordnung“: Aus für Cannabis-Legalisierung?
Seit ihrem Beschluss im vergangenen April sorgt die deutsche Cannabis-Legalisierung für innenpolitische Zwistigkeiten. Jugendschutz-Bedenken trafen auf Vorwürfe grundloser Angstmache, Streit auf Landesebene über Regulierungen für Cannabis-Clubs sorgte für monatelanges Bürokratie-Wirrwarr. Von Anfang an waren CDU und CSU, die aktuell noch in der Opposition sitzen, mehrheitlich gegen die Entkriminalisierung des Freizeit-Konsums von Cannabis unter gewissen Auflagen und kritisieren, dass der Schwarzmarkt wegen bürokratischer Hindernisse und hoher Kosten für Cannabiskäufe aus legalen Quellen trotzdem blühe.
Auch die Länder forderten im Bundesrat, der zweiten Kammer des deutschen Parlaments, eine zeitnahe Revision der aktuellen Gesetzgebung, um besseren Gesundheitsschutz und den Umgang mit illegalen Cannabis-Beständen zu regeln. Die Union aus CDU und CSU, die bereits als kommender Wahlsieger gehandelt wird, möchte sich diese Verhandlungen gleich ganz sparen und die Cannabis-Legalisierung in ihrer nächsten Legislaturperiode kurzerhand abschaffen.
„Wir wollen als Union einen Neustart – wir wollen eben nicht kiffen, wir wollen keine Ideologie, wir wollen Sicherheit und Ordnung“, schoss CDU-Gesundheitspolitiker Tino Sorge kürzlich im Bundestag gegen die noch amtierende Ampelregierung, die nach dem Koalitions-Austritt der FDP nur noch wenige Monate zu regieren hat. Während noch gar nicht klar ist, ob die CDU ihre harte Cannabis-Kante in einer künftigen Koalition tatsächlich durchsetzen könnte, macht sich der Cannabis-Sektor schon jetzt große Sorgen. Schließlich war Deutschland in den letzten Monaten zu einem Aushängeschild und wichtigen Standort der globalen Cannabis-Expansion geworden.
Canopy Growth bangt um Deutschland
Hart treffen würde eine neuerliche Kriminalisierung von Cannabis den kanadischen Konzern Canopy Growth, der wegen Schwierigkeiten auf dem nordamerikanischen Markt nach Deutschland möchte. Canopy gehört zwar zu den dominanten Playern des Sektors, kommt aber seit Jahren nicht aus den roten Zahlen. Der Umsatz im abgelaufenen dritten Quartal betrug $45 Millionen, was einem Rückgang von neun Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal entspricht.
Unterm Strich allerdings steht bei Canopy seit mehreren Quartalen ein dickes Minus, in Q3 waren es satte $91.4 Millionen Verlust. CEO David Klein ließ sich bei der Präsentation der Quartalszahlen davon nicht die Laune verderben: "Wir haben ein solides drittes Quartal geliefert, das durch starkes Wachstum bei medizinischem Cannabis und unserem Geschäft in Europa geprägt war".
Nicht von ungefähr beteiligt sich Canopy Growth an der großen Expansionswelle, die den Cannabis-Sektor gerade erfasst. Der Fokus liegt primär auf Europa, wo Canopy von den wachsenden Märkten in Deutschland und Polen profitiert. Um aber auch die Präsenz im boomenden US-Markt auszubauen, schloss Canopy Anfag Oktober die Übernahme des Edibles-Produzenten Wana ab, von dem man bereits 2021 Mehrheitsanteile in Höhe von 85 Prozent für stolze $350 Millionen erworben hatte. Nun sicherte sich Canopy auch die restlichen 15 Prozent. Wana ist eines der größten und erfolgreichsten Unternehmen im Bereich der Cannabis-haltigen Esswaren, besonders bekannt für ihre THC-Gummibärchen.
Wanas Produkte sind in 15 Bundesstaaten der USA, Puerto Rico und neun kanadischen Provinzen erhältlich – ein Trumpf für Canopys Expansionsstrategie. In Colorado, dem Heimatstaat des Unternehmens, ist Wana die zweitbeste Edible-Marke, mit einem Marktanteil von 26 Prozent und einem Umsatz von rund $61 Millionen im Jahr 2022. Mithilfe von Wana will Canopy in den Markt der Cannabis-Edibles vordringen und gleichzeitig neue Märkte für die eigenen Produkte erschließen. CEO Klein betonte am Rande der finalen Wana-Übernahme: „Wir sind sehr optimistisch und sehen unsere Strategie auf dem richtigen Kurs, um ohne die Notwendigkeit einer bundesstaatlichen Legalisierung in den USA zu wachsen.“
Auch in Deutschland startet Canopy aktuell eine Offensive: Mitte Oktober präsentierte man auf der wichtigen Apothekermesse expopharm in München neue Fortbildungsmodule, um in deutschen Apotheken das Fachwissen zu medizinischem Cannabis zu vertiefen. Dadurch soll auch der Absatz von Canopys Produkten in Deutschland gesteigert werden – zumindest in der medizinischen Sparte, die von den CDU-Plänen gegen die Legalisierung zum Freizeitgebrauch wohl unberührt bliebe.
Tilray setzt auf Made in Germany und Krebsforschung
Besorgnis dürfte sich aufgrund der CDU-Pläne auch beim New Yorker Pharmakonzern Tilray breit machen, der als einer der Weltmarktführer für medizinisches Cannabis gilt. Als erstes international agierendes Unternehmen hat Tilray im Juli 2024 eine deutsche Anbaulizenz nach der neuen Cannabis-Gesetzgebung erhalten. Damit ist der MedCan-Riese dazu berechtigt, ein breites Spektrum medizinischer Cannabisprodukte in Deutschland herzustellen und zu vertreiben.
Tilrays mittelfristiges Ziel ist, die eigene Produktpalette durch das Gütesiegel Made in Germany auf dem internationalen Markt zu profilieren. Besonders bei der Behandlung von Krebs-Patienten könnte die Nachfrage nach Cannabis-Präparaten bald rasant steigen. Grund für diese Vermutung sind die Ergebnisse einer jüngst veröffentlichten Studie, die vom australischen Arm des Tilray-Konzerns in Sidney unterstützt wurde.
Dabei wurde Chemotherapie-Patienten Cannabis-Extrakt zur oralen Einnahme verordnet, was bei einem Viertel der Teilnehmer zu einer deutlichen Linderung der Nebenwirkungen ihrer Krebs-Behandlung führte. Auch bei Epilepsie oder psychischen Gebrechen wie Posttraumatischen Belastungsstörungen soll Cannabis künftig helfen, Tilray fördert seit Jahren einschlägige Studien. Damit kann sich das Unternehmen zwar einen langfristigen Vorteil im Wettlauf um die besten Cannabis-Präparate erarbeiten – kurzfristig aber drücken die Kosten für umfangreiche Studien auf die Bilanz.
Wie teuer wissenschaftliche Forschung ist, lässt sich an Tilrays negativen Quartalsergebnissen ablesen: Zwar hielt sich der Umsatz im dritten Quartal mit $200 Millionen auf hohem Niveau, unterm Strich aber bleibt ein Verlust von $34.7 Millionen – ähnlich wie bereits im zweiten und im Vorjahresquartal. Zumindest ging der Nettoverlust um 38 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück. Aus dem Cannabis-Geschäft erzielt Tilray aktuell rund 31 Prozent seiner gesamten Umsätze. Den Rest machen etwa Einnahmen mit alkoholischen Getränken oder auch Wellness-Dienstleistungen aus.
Im Vergleich zum Vorjahresquartal ist der Cannabis-Anteil zwar leicht rückläufig und auch der totale Umsatz des Sektors geht zurück, die neue Gewichtung aber scheint dem Konzern gut zu tun – und das ist auch der neuen Made in Germany-Strategie zu verdanken. Nicht nur für Canopy, sondern auch für Tilray spielt Deutschland also eine große Rolle für langfristige Expansionspläne. Sollte die Legalisierung gekippt werden, nähme der Cannabis-Wachstumsmarkt Deutschland wohl nachhaltig Schaden – und das zuungunsten großer Player wie Canopy Growth und Tilray.


„Die Freigabe von Cannabis löst eine Explosion der Rauschgift- und organisierten Kriminalität aus": Friedrich Merz (CDU) will die Cannabis-Legalisierung rückgängig machen.
Der Umsatz geht zurück, der Nettoverlust wächst: Canopy Growth braucht Deutschland und den europäischen Absatzmarkt, um wieder profitabel zu werden.
Auch Tilray schreibt konstante Verluste, verbesserte sich zuletzt aber deutlich. Der Umsatz stieg deutlich – auch dank der neuen 'Made in Germany'-Strategie.

