Baidu und Alibaba im KI-Rausch: Chinas Wirtschaft am Wendepunkt
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Baidu und Alibaba im KI-Rausch: Chinas Wirtschaft am Wendepunkt

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Simeon Koch

Groß war Baidu in den Medien, als im vergangenen Frühjahr die Pläne für Ernie vorgestellt wurden – ein Chatbot, der OpenAIs Sprachmodell ChatGPT den Schneid abkaufen sollte. Ein paar Wochen später folgte der vermeintliche Tiefschlag: Ernie funktionierte nicht wie er sollte, die Präsentation enttäuschte. Baidu-Chef Robin Li räumte ein, dass der Chatbot „noch nicht perfekt“ sei und man ihn verfrüht vorgestellt habe, „weil der Markt es verlangt“. Lange war es anschließend still um den chinesischen KI-Hoffnungsträger, bis Baidu im Schatten des Nvidia-Triumphzugs der vergangenen Wochen hochkarätige Partnerschaften schloss und im Rennen um die Künstliche Intelligenz auf neuen Samsung-Smartphones sogar Google ausstach. An der Front der selbstlernenden Algorithmen ließ sich aber auch der Baidus Lokalrivale Alibaba nicht lumpen: Erst vor wenigen Tagen präsentierte der chinesische Suchmaschinen-Gigant erste Einblicke in die Fähigkeiten eines KI-Videotool, das aus Bildern und Audiodateien eigenständig Videos generieren kann. Während neue Bedenken zum möglichen Missbrauch der rasant fortentwickelten Technologie angesichts der wegweisenden Präsidentschaftswahlen in den Vereinigten Staaten und Russland Hochkonjunktur haben, treibt China ein anderes politisches Thema um: In den nächsten Tagen tritt der Nationale Volksrat (National People’s Council) zusammen, um über die künftige wirtschaftliche Marschrichtung zu entscheiden.

Baidu und Samsung attackieren Milliardenmarkt der KI-Smartphones

Der nordamerikanische Aktienmarkt blühte in den vergangenen Monaten auf wie selten zuvor, getrieben war das historische Wachstum in den größten Indizes Standard and Poor’s 500, Nasdaq und Dow Jones vom Hype um Künstliche Intelligenz, vorangetrieben durch den zwischenzeitlich schon fast religiös überhöhten Chip-Hersteller Nvidia. Im Kontrast dazu stand der chinesische Markt, der nach einer durchwachsenen Wirtschaftsleistung im zurückliegenden Jahr ins Hintertreffen geriet und kurzzeitig von einer regelrechten Anleger-Panik geschüttelt wurde. Obgleich die Staatsführung milliardenschwere Wirtschaftshilfen in Aussicht stellte und den Aktienmarkt mit unkonventionellen Mitteln wie Shortselling-Verboten zu stabilisieren versuchte, ist die Misere noch nicht ganz ausgestanden. Und doch birgt der fernöstliche Wachstumsmarkt neben historischen Chancen auch erste Anzeichen für einen neuerlichen Aufschwung – und das ist wie in den Vereinigten Staaten vor allem dem Technologie-Sektor zu verdanken. Seit Januar kooperiert Biadu mit den asiatischen Smartphone-Riesen Honor und Samsung, künftig soll auf den Flagship-Handys des langjährigen Marktführers Samsung Baidus anfangs etwas unbeholfener Chatbot Ernie laufen. Im Februar gesellte sich mit Lenovo dann einer der weltweit größten Hersteller von PCs und mobilen Endgeräten zum illustren Kreis der Baidu-Partner in Sachen KI-Entwicklung.

Damit erschließt Baidu einen Milliardenmarkt – laut Experten dürften in diesem Jahr weltweit bereits 60 Millionen mit Künstlicher Intelligenz versehene Smartphones verkauft werden, was einem Marktanteil von fünf Prozent entspricht –, sondern tritt auch in direkte Konkurrenz mit den Lokalmatadoren Xiaomi und Huawei, die an eigenen KI-Modellen arbeiten sollen. Das Wettrennen der chinesischen Tech-Giganten führt aber keineswegs zu Animositäten, denn auch Baidu und Huawei pflegen eine enge Zusammenarbeit: In naher Zukunft soll der Kartendienst Baidu Maps in smarte Cockpits integriert werden, die Huawei für chinesische Autos entwirft. Dabei geht es nicht nur um einfache Navigation, sondern auch um Fahr- und Sprachassistenten und Parknavigation, deren Fähigkeiten sich zunächst auf chinesisches Gebiet beschränken sollen. Auch in Sachen Hardware rücken die Tech-Giganten aus dem Reich der Mitte enger zusammen – mehr oder weniger zwangsläufig nach dem Embargo der nordamerikanischen Regierung für hochleistungsfähige Computerchips aus den Fabriken des aktuellen Shootingstars Nvidia. Zwar gelangen Nvidia-Chips über den Schwarzmarkt weiterhin nach China, trotzdem verlegt sich Baidu in Sachen Grafikkarten und Halbleitertechnologie immer mehr auf Produkte von Huawei, beide Firmen schnürten schon im November einen Chip-Deal, der sich laut Insider-Informationen auf rund $62 Millionen belaufen haben soll. Um langfristig unabhängig von nordamerikanischen Produkten zu werden, tüftelt Baidu schon länger an einer eigenen KI-Infrastruktur, die mit weniger potenter Hardware auskommt.

OpenAI-Konkurrenz durch Alibaba – Milliarden für Chinas Wachstum

Dass der Bedarf an KI-fähiger Halbleitertechnologie in China nicht erlahmt, sichert auch der Suchmaschinen-Gigant Alibaba. Dessen neues Videoprogramm mit dem etwas düsteren Namen Emo (Emote Portrait Alive) soll die chinesische Antwort auf OpenAIs Sora sein, deren verblüffende Ergebnisse der Text-zu-Video-Konvertierung zuletzt auf Social Media die Runde machten. In Beispielvideos lässt Emo Fotos von prominenten Filmzitaten nachsprechen oder bekannte Pop-Songs vortragen – Mimik und Bewegungen des autonom kreierten Bewegtbildes sind oft erst auf den zweiten Blick als Deepfakes zu entlarven. Das Programm ist zwar noch nicht öffentlich verfügbar, erste Einblicke geben die Entwickler aber auf Github. Um externe Innovationen anzulocken, verringert Baidu durch drastische Preiskürzungen um mehr als 50 Prozent außerdem die Zutrittsschwelle für KI-Anwendungen zum eigenen Cloud-Dienst. Liu Weiguang, Präsident des Public-Cloud-Geschäfts bei Alibaba Cloud Intelligence verwies bei der Bekanntgabe der Kampagne auf die „enormen Wachstumsaussichten für den digitalen Markt Chinas“. Man habe die Preise gesenkt, „damit mehr Unternehmen und Entwickler von den technologischen Vorteilen profitieren und die Einführung fortschrittlicher öffentlicher Cloud-Dienste in China beschleunigen können“. Dabei befindet sich Alibaba auch geschäftlich auf einem guten Weg: Ende Februar gab das Unternehmen bekannt, den Jahresgewinn im Vergleich zu 2022 um satte 169 Prozent auf rund 2.6€ Milliarden gesteigert zu haben, der Umsatz stieg um solide neun Prozent auf 17.3€ Milliarden.

Damit Alibaba und Baidu nicht die einzigen Glanzlichter beim ersehnten chinesischen Aufschwung bleiben, arbeitet sich die nationale Regierung in den nächsten Tagen wie jedes Jahr ihre wirtschaftliche und politische Strategie für die kommenden Monate aus. Teil der Erwägungen sind weitere Investitionen in den kriselnden Immobiliensektor, die nach der Pleite des ehemaligen Branchenprimus Evergrande und dem Konkurs gleich mehrerer ominöser Schattenbanken erst wieder auf die noch immer wackligen Beine kommen muss. Um sich vom Immobiliengeschäft abzunabeln, setzt China verstärkt auf Zukunftstechnologien wie Elektrofahrzeuge oder auch Solarzellen, entsprechend groß ist aktuell der Bedarf an Industriemetallen wie Silber oder Kupfer in der Volksrepublik. Experten schätzen, dass bis 2026 rund 80 Prozent der weltweiten Produktionskapazitäten für Solarzellen in chinesischer Hand sein könnten. Obgleich die konkreten Inhalte noch im Dunkeln liegen, wird davon ausgegangen, dass der chinesische Premierminister Li Qiang für das aktuelle Jahr ein Wachstumsziel von fünf Prozent ausrufen wird, was eine Konsolidierung auf vergleichsweise niedrigem Niveau im Vergleich zu den letzten Jahrzehnten bedeuten würde. An den ehrgeizigen langfristigen Expansionszielen, die Staatspräsident Xi Jinping seit Wochen äußert, dürfte das aber kaum etwas ändern. In den nächsten Monaten spezielle Anleihen im Wert von $139 Milliarden herausgegeben werden, um die Wirtschaft zu stimulieren. Wie schnell die chinesische Regierung ihre Wachstumsversprechen in die Tat umsetzen kann, verfolgt unsere technische Analyse bei den wichtigsten chinesischen Aktien engmaschig und regelmäßig: Abonnenten erhalten Echtzeit-Signale für lukrative Handels- und Investitionschancen.

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