„Hinter den deutschen Sparern liegen vier verlorene Jahre“, schrieb die Münchener Versicherungsgesellschaft Allianz in ihrem frisch veröffentlichten Vermögensreport. Um 6.8 Prozent konnten die Deutschen ihr Geldvermögen im vergangenen Jahr steigern, insgesamt haben die Bundesbürger nun 7.95€ Billionen auf der hohen Kante. Eigentlich keine schlechte Quote, in anderen westeuropäischen Ländern stieg das Vermögen der Privathaushalte im Schnitt um gerade mal fünf Prozent. Rechnet man die Inflation heraus, so bleibt den deutschen Sparern aber nur ein mageres Plus von 0.7 Prozent übrig, die Kaufkraft liegt immer noch 1.7 Prozent unter dem Niveau von vor der Corona-Pandemie. Es gibt aber auch gute Nachrichten. Lange galten die deutschen als notorische Börsenmuffel, dieses Klischee weicht aber langsam auf. Zwar erzielen deutsche Sparer immer noch schlechte Rendite, weil sie häufig auf risiko- und renditearme Anlagen setzen. Dennoch sieht die Allianz erste Anzeichen eines breiten deutschen Stimmungswandels mit Blick auf die Kapitalmärkte. Während Aktien ein bisschen höher im Kurs stehen, warnt die Studie vor langfristigen Wertverlusten bei Immobilien – vor allem wegen des Klimawandels.
Deutsche sparen – und investieren schlecht
Der Durchschnitts-Deutsche verfügt laut der jährlichen Vermögensstudie der Allianz über rund 70 000€ Ersparnisse. Das ist keine schlechte Quote, wobei diese Zahl von überdurchschnittlich reichen Haushalten nach oben verzerrt wird. Hinzu kommen stattliche 130 000€ Immobilieneigentum pro Kopf – auch hier fällt das obere Ende der Einkommenshierarchie wohl stark ins Gewicht. Insgesamt liegt Deutschland laut dem Global Wealth Report auf Platz 15 der Welt, wenn es ums Vermögen geht. Und das, obwohl die deutsche Volkswirtschaft laut Weltbank die drittgrößte des Planeten ist. Eine ähnliche Diskrepanz ergibt sich bei der deutschen Kaufkraft, die kürzlich aus den globalen Top-20 gefallen ist. Auch andere Industrienationen haben solche Lücken zwischen Wirtschaftskraft und Wohlstand zu beklagen: Die Vereinigten Staaten etwa liegen als mit Abstand größte Volkswirtschaft der Welt nur auf Platz neun nach bereinigter Kaufkraft – damit aber immer noch zwölf Plätze vor Deutschland. Beim Durchschnittsvermögen sieht es schon anders aus: Pro Kopf verfügen Bürger der Vereinigten Staaten laut der Vermögensstudie der Allianz über Rücklagen in Höhe von satten 262 000€ und liegen damit noch vor den Schweizer Eidgenossen, die auf rund 255 000€ pro Kopf kommen.
Zu diesen Geldvermögen zählt die Allianz neben Bargeld und Bankguthaben auch Forderungen gegenüber Versicherungsgesellschaften – etwa Ansprüche auf Lebensversicherungen – oder Anrechte auf Pensionen. Am spannendsten ist aber der dritte Pfeiler dieser Vermögensstatistik: Aktien, Anleihen und Investmentfonds. Hierbei schneiden die Deutschen notorisch schlecht ab, rückblickend auf die letzten Jahre spricht die Allianz sogar von einer „gewissen Apathie“, die in der Bundesrepublik mit Blick auf die Börsen zu spüren sei. Zwar lockere sich diese Abwehrhaltung langsam auf, ein Umschwung dauere aber lange, erklärte Allianz-Volkswirt Arne Holzhausen bei der Vorstellung des Vermögensreports: „Das ist wie ein großer Tanker, den man bewegen muss“. Die wortwörtliche deutsche Trägheit beim Investieren ist auch darauf zurückzuführen, dass Ersparnisse hierzulande zu häufig schlecht oder gar nicht angelegt werden. In den letzten zwanzig Jahren kam ein Drittel des Vermögenswachstums in Westeuropa aus Wertsteigerungen von Aktien, Anleihen und anderen Geldanlagen, in den USA waren es fast zwei Drittel. In Deutschland kam der Vermögensaufbau laut den Forschern der Allianz vor allem durch hartes Sparen.
Aktien-Aversion: Deutschland mag kein Risiko
Gegen Sparsamkeit und einen guten Notgroschen ist nichts einzuwenden – allerdings schöpfen die Deutschen das Potenzial ihres Kapitals nicht annähernd aus und lassen ihr Geld nicht in dem Maße arbeiten, wie es Börse und Aktien ermöglichen. Anstatt für Rendite ins Risiko zu gehen, setzen die Deutschen auf Spareinlagen und Bausparverträge, deren Zinsen aber kaum die Inflation übersteigen. Das bestätigen auch aktuelle Daten der Bundesbank. Im ersten Quartal 2024 stieg das Geldvermögen der privaten Haushalte zwar um 216€ Milliarden, gleichzeitig aber verzeichneten Termineinlagen den größten Quartals-Zuwachs seit Beginn der Datenerhebung 1991. Aus niedriger verzinsten kurzfristigen Einlagen wurden 33€ Milliarden abgezogen, insgesamt bewegten Privathaushalte 87€ Milliarden an Sparvermögen. In Aktien und sonstige Anteilsrechte flossen davon aber gerade mal 2€ Milliarden. An Investmentfonds flossen dafür ganze 14€ Milliarden. Das Geldvermögen privater deutscher Haushalte von rund 8€ Billionen liegt nun zu 41 Prozent in Bargeld und Einlagen, zu 30 Prozent in Versicherungen und gerade mal zu je 13 Prozent in Aktien und Investmentfonds.
Trotzdem tragen Aktien einen erheblichen Anteil zu den Bewertungsgewinnen des deutschen Vermögens bei. Das erste Quartal 2024 brachte für deutsche Sparer ein Plus von 129€ Milliarden, 42€ Milliarden davon entstanden durch Rendite aus börsennotierten Aktien. Stärker schnitten mit 61€ Milliarden nur die Anteile an Investmentfonds ab. Die reale, also inflationsbereinigte Rendite der deutschen Sparer lag bei eher ernüchternden 1.4 Prozent, seit dem heftigen Einbruch 2022 auf -10 Prozent setzt sich damit zumindest ein Aufwärtstrend fort. Negative Rendite im Vergleich zur Inflation wiesen – Überraschung – Bargeld und Einlagen auf. Am härtesten trifft das Haushalte mit geringem Vermögen, immer stärker klafft die Schere laut Bundesbank dabei zwischen Arm und Reich in Deutschland auseinander. Laut den jüngsten Daten halten die reichsten zehn Prozent der deutschen Haushalte mehr als 70 Prozent des Geldvermögens, während die untere Hälfte der Wohlstandspyramide nur über knapp ein Prozent verfügt. Menschen mit geringerem Einkommen schrecken besonders davor zurück, Aktien zu kaufen und legen lieber in langfristige Termineinlagen wie etwa Bausparkredite an, obwohl viele dieser Sparer gar keine Immobilien bauen wollen.
Immobilien-Krise voraus?
Ohnehin könnte der Immobilienmarkt in den nächsten Jahren drastisch an Attraktivität verlieren, warnt die Allianz in ihrer Studie. Kürzlich verzeichneten Immobilien in Deutschland den stärksten Preissturz seit 60 Jahren – ein Trend, der sich in Westeuropa fortsetzt. Dennoch waren Immobilien nach der Weltwirtschaftskrise 2008 wegen kontinuierlich steigender Preise einer der Profitgaranten schlechthin, aktuell besteht das europäische Privatvermögen immer noch zu 55 Prozent aus Immobilien. Umso schmerzhafter könnten stärkere Wertverluste auf breiter Front werden, die laut Allianz in den nächsten Jahren wahrscheinlich sind. Hauptverantwortlich dafür ist laut Ökonomen der Klimawandel, der Hauspreise in Überschwemmungs- und Dürregebieten gefährdet. Immobilien, die nicht auf dem neusten Stand der Nachhaltigkeit sind, dürften ebenso abwerten: Laut Allianz könnten schlecht isolierte Häuser in den nächsten Jahren im Schnitt über 30 000€ an Wert verlieren. Und dennoch dürfte das weltweite private Geldvermögen weiter steigen. Schon im letzten Jahr erreichte das weltweite Geldvermögen dank starker Aktienmärkte und guter ökonomischer Entwicklung einen Rekordwert von 239€ Billionen mit einem Wachstum von 7.6 Prozent. Das dürfte laut Allianz dieses Jahr auf 6.5 Prozent zurückgehen – für neue Rekorde dürfte es dennoch reichen.
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