Qualcomm will Intel schlucken – und Nvidia vom Thron stoßen
#Global Markets

Qualcomm will Intel schlucken – und Nvidia vom Thron stoßen

Author

Simeon Koch

Der nordamerikanische Chiphersteller Qualcomm hat laut übereinstimmenden Medienberichten großes Interesse an einer Übernahme des angeschlagenen Halbleitergiganten Intel. Diese Übernahme könnte den Halbleitermarkt nachhaltig verändern und gleichzeitig kartellrechtliche Untersuchungen auf internationaler Ebene auslösen. Qualcomm, das vor allem für seine Smartphone-Chips bekannt ist, will durch einen Einstieg bei Intel seine Marktposition deutlich erweitern und in neue Bereiche wie PCs, Server und Künstliche Intelligenz vordringen. Für Intel wäre der Deal eine mögliche Rettung, da das Unternehmen seit Jahren mit sinkenden Umsätzen, technologischen Rückschlägen und verpassten Marktchancen, insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz, zu kämpfen hat. Die Fusion könnte nicht nur eine starke Allianz gegen den zunehmenden Einfluss von Nvidia auf dem KI- und Chipmarkt schaffen, sondern auch Qualcomm die Möglichkeit geben, sich unabhängiger vom zuletzt stagnierenden Smartphone-Markt zu machen. Ganz so leicht lässt sich der Marktführer Nvidia sein Quasi-Monopol aber nicht streitig machen: Erst kürzlich wurde bekannt, dass der Konzern von CEO Jensen Huang mit dem chinesischen Multimedia-Giganten Alibaba an KI-Innovationen schraubt.

Ängstlich und faul: Intel schlittert in historisch Krise

Ende August knallte es gehörig bei Intel, dem einst wichtigsten Chiphersteller der Welt. Ein paar Wochen zuvor hatte der strauchelnde Riese bekannt gegeben, 15 000 Jobs streichen zu wollen und damit 15 Prozent aller Angestellten den Laufpass zu geben. Dann schmiss auch noch Lip-Bu Tan das Handtuch, ehemaliger Chef des Chip-Softwareherstellers Cadence, der vor zwei Jahren in Intels Vorstand wechselte. Tan, der als Branchen-Insider gilt, kam eigentlich zu Intel, um intern Ordnung zu schaffen und die Profitabilität zu retten. Dafür wollte er noch deutlich mehr Leute vor die Tür setzen und besonders auf Management-Positionen aufräumen. Intel sei dominiert von faulen und ängstlichen Führungspersonen, soll Tan intern lautstark kritisiert haben. Deshalb habe das Unternehmen längst den Anschluss verloren und etwa im Smartphone- oder KI-Geschäft nie richtig Fuß gefasst. Vergangenes Jahr machte Intel gut $54 Milliarden Umsatz und fiel damit auf das niedrigste Niveau seit zehn Jahren zurück. Noch 2021 erwirtschaftete das Unternehmen fast $80 Milliarden, seitdem musste man aber weite Anteile des Chipmarktes an den Shootingstar und längst etablierten neuen Marktführer Nvidia abtreten.

Lange lag Intel (grau) nach Marktkapitalisierung vor Qualcomm (rot). Intels Aktien-Absturz der letzten Monate drehte diese Hierarchie.

Ausgerechnet in dieser Situation kommen Berichte an die Öffentlichkeit, dass Intel vollständig aufgekauft werden könnte – und zwar vom Konkurrenten Qualcomm, der seine Halbleitertechnologie besonders erfolgreich im Mobilfunksektor verkauft. Die Übernahmepläne bestehen Berichten zufolge bereits seit mehreren Monaten, und Qualcomm-CEO Cristiano Amon soll persönlich in die Verhandlungen involviert sein. Qualcomm erzielte im letzten Geschäftsjahr einen Umsatz von $35.82 Milliarden und ist in dieser Hinsicht noch ein paar Nummern kleiner als Intel. Die Entwicklung der letzten Jahre ging bei Qualcomm allerdings deutlich bergauf, während Intel kriselt. Seit Anfang des Jahres verlor die Intel-Aktie in der Spitze fast 60 Prozent und verzeichnete damit den heftigsten Abverkauf in der 50-jährigen Unternehmensgeschichte. Insbesondere Intels verlustreiche Foundry-Geschäfte, also die eigene Chipproduktion, haben das Unternehmen stark belastet. Qualcomm, das seine Chips von externen Herstellern wie TSMC und Samsung fertigen lässt, hat hingegen keine Erfahrung in der eigenen Chipproduktion.

Scheitert Qualcomm wieder am Kartellrecht?

Qualcomm könnte also von Intels Infrastruktur und Kompetenz profitieren – allerdings stellt sich die Frage, ob man mangels eigener Erfahrung in der Lage wäre, Intels angeschlagene Produktionssparte erfolgreich zu integrieren und wieder profitabel zu machen. Aus finanzieller Sicht könnte die Übernahme auch für Qualcomm Risiken bergen, da der Deal voraussichtlich größtenteils über Aktien finanziert werden müsste. Qualcomm ist aktuell fast $190 Milliarden schwer, Intels Marktwert beläuft sich inklusive Schulden auf $122 Milliarden. Analysten gehen davon aus, dass ein solcher Aktiendeal stark verwässernd auf Qualcomms Anleger wirken könnte und damit Unsicherheit auf den Märkten erzeugen würde. Sollte Qualcomm tatsächlich versuchen, Intel zu schlucken, wäre es das größte Übernahme-Projekt in der Branche seit 2018. Damals war es Qualcomm selbst, das aufgekauft werden sollte – Broadcom bot stattliche $142 Milliarden, blitzte aber ab, als nationale Behörden wegen kartellrechtlicher Bedenken einschritten.

Unterirdisch – das beschreibt die Performance der Intel-Aktie (blau) in den letzten Jahren. Qualcomm (rot) wuchs hingegen stetig.

Auch diesmal könnten kartellrechtliche Hürden das größte Hindernis für die geplante Übernahme darstellen. Der Zusammenschluss von Qualcomm und Intel würde die Marktstellung des neuen Unternehmens in Schlüsselbereichen wie Smartphones, PCs und Servern massiv stärken, was Wettbewerbshüter weltweit, aber vor allem in den Vereinigten Staaten, auf den Plan rufen dürfte. In den USA, Europa und China könnten Regulierungsbehörden eine Fusion als Bedrohung für den Markt betrachten. China hat bereits früher ähnliche Deals blockiert, etwa als Qualcomm 2018 versuchte, den niederländischen Halbleiter-Hersteller NXP Semiconductors zu übernehmen. Acht der neun damals betroffenen nationalen Märkte hatten dem Deal damals zugestimmt, darunter auch die USA. Peking aber schob der Übernahme wegen der Handelsstreitigkeiten mit der Trump-Regierung einen Riegel vor und ließ sich auch von Überzeugungsversuchen der US-Ministerien für Finanzen und Handel nicht umstimmen. Qualcomm hatte satte $44 Milliarden geboten.

Nvidia verteidigt Monopol mit Alibaba-Partnerschaft

Ein entscheidender Treiber hinter Qualcomms Übernahmeplänen ist der wachsende Druck durch Nvidia, das den Markt für KI-Chips dominiert und mehr als 80 Prozent Marktanteil im Bereich der Grafikprozessoren hält. Diese GPUs sind entscheidend für Anwendungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz, einschließlich prominenter Plattformen wie ChatGPT. An Intel ist dieser Trend in den letzten Jahren vorbeigezogen zu spät begann man, in das boomende Geschäft mit KI zu investieren. Qualcomm hingegen hat zwar ehrgeizige Pläne, sich in der KI-Branche zu etablieren, kämpft aber weiterhin mit seiner Abhängigkeit vom Smartphone-Markt. Durch die Übernahme von Intels PC- und Server-Chips könnte Qualcomm sein Portfolio erweitern und gemeinsam mit Intel Nvidia auf den Märkten für KI und Hochleistungsrechnern angreifen. Berichten zufolge wird das Intel-Management, angeführt von CEO Pat Gelsinger, verschiedene Optionen prüfen, um das Unternehmen zu restrukturieren. Dabei könnte eine Teilveräußerung von Geschäftsbereichen, etwa der Verkauf der PC-Sparte, ebenfalls eine Rolle spielen.

Frei ist der Weg für Qualcomm aber noch nicht. Vor wenigen Stunden wurde bekannt, dass das nordamerikanische Investmentunternehmen Apollo Global Management ein Angebot zur Investition von bis zu $5 Milliarden in Intels Geschäfte in Irland eingereicht hat. Wie Intel selbst zu all diesen Offerten steht, gab das Management bisher nicht öffentlich bekannt – die Aufmerksamkeit der gesamten Branche ist dem wankenden Chip-Riesen dennoch gewiss. Auch Nvidia dürfte genau beobachten, wie Qualcomm, der mögliche neue Hauptkonkurrent, mit seiner Akquise-Strategie vorankommt. Zunächst aber konzentriert sich der Marktführer aufs eigene Geschäft: Vor wenigen Tagen gab der chinesische Multimedia-Gigant Alibaba bekannt, dass seine Cloud-Computing-Einheit eine Partnerschaft mit Nvidia eingegangen sei, um Programme für autonomes Fahren und intelligente Cockpitlösungen für chinesische Autobauer zu entwickeln. Erste Interessenten sollen Li Auto und Geely sein. Nvidia streckt damit erneut die Fühler nach dem verloren geglaubten Absatzmarkt China aus, obwohl die Regierung der USA Anfang des Jahres Chip-Exporte nach Fernost untersagte. Das erhöht auch den Druck auf Qualcomm, das nun schon fast auf die Intel-Übernahme angewiesen ist, um wieder aufzuholen.

Author

Simeon Koch

Schlagzeilen

Es wurde noch keine Einwilligung erteilt.

Du musst zuerst zustimmen, um Inhalte von TradingView zu sehen.