Die Berichtssaison in China läuft auf Hochtouren. In der vergangenen Woche standen die Quartalszahlen von drei chinesischen Schwergewichten im Mittelpunkt: Tencent eröffnete den Reigen am Mittwoch, gefolgt von JD.com und Alibaba, die beide am Donnerstag ihre Zahlen vorlegten. China erlebt derzeit eine Verlangsamung des Post-Covid-Auschwungs im Jahr 2023. Das Verbrauchervertrauen und die Kaufkraft sinken aufgrund des schwachen Immobilienmarkts und der hohen Arbeitsplatzunsicherheit, was chinesische Unternehmen auf breiter Front trifft. Die jüngsten Quartalszahlen zeichnen jedoch kein rein negatives Bild. Trotz Chinas wirtschaftlichen Problemen bleibt die internationale Präsenz der großen Konzerne stark, und strategische Anpassungen wie gezielte Preissenkungen zur Ansprache kostenbewusster Kunden tragen erste Früchte.
Tencent: Wachstum dank starkem Spielegeschäft
Tencent-Zahlen Q2 nebst Vorgänger- und Vorjahresquartal sowie Analystenschätzung
Tencent Holdings, der weltweit größte Videospielhersteller und Betreiber des Messaging-Dienstes WeChat, verzeichnete im zweiten Quartal einen Umsatzanstieg von acht Prozent und schlug damit die Analystenschätzungen. Dieser Zuwachs ist vor allem auf die Erholung des Spielegeschäfts zurückzuführen, begünstigt durch die erfolgreiche Einführung eines neuen Handyspiels im Mai. Zuvor hatte das Spielegeschäft des Unternehmens mit Gegenwind zu kämpfen, da die Umsätze in China seit dem vierten Quartal des vergangenen Jahres zwei Quartale in Folge rückläufig waren – teils aufgrund erfolgreicher Markteinführungen von Konkurrenzspielen. „Wir hatten ein gutes Quartal, aber wir dürfen nicht aus den Augen verlieren, dass wir in den letzten Jahren ein sehr herausforderndes Geschäftsumfeld hatten“, betonte Tencents Präsident Martin Lau. In diesem Quartal stiegen Tencents inländische Spieleinnahmen um acht Prozent auf 34.6 Milliarden Yuan (ca. $4.84 Milliarden), während die internationalen Spieleinnahmen um neun Prozent auf 13.9 Milliarden Yuan (ca. $1.94 Milliarden) kletterten. Auch die Online-Werbeeinnahmen des Unternehmens legten um neunzehn Prozent auf 29.9 Milliarden Yuan (ca. $4.18 Milliarden) zu, angetrieben durch kräftige Werbeausgaben in Sektoren wie Gaming und Bildung – trotz der weiterhin angespannten wirtschaftlichen Lage.
JD.com: „618“-Shopping-Event setzt neue Rekorde
JD.com-Zahlen Q2 nebst Vorgänger- und Vorjahresquartal sowie Analystenschätzung
Der chinesische E-Commerce-Riese JD.com hat im zweiten Quartal seine Gewinnprognose übertroffen. Durch gezielte Preissenkungen konnte das Unternehmen preissensible Kunden auf seine Plattform locken. Der langsame Aufschwung in China nach der Covid-19-Krise hat Anbietern wie PDD Holdings, die günstige Produkte anbieten, Auftrieb verliehen. Dies hat zu einem intensiven Preiskampf unter den großen Konkurrenten geführt, die um die gleiche Kundschaft kämpfen. JD-CEO Sandy Xu betonte die Bedeutung der Niedrigpreisstrategie für das Unternehmen: „Niedrige Preise sind das Ergebnis unserer Kernkompetenzen und werden uns weiterhin in der E-Commerce-Branche hervorheben.“ Einzelhändler verlassen sich stark auf große Rabattaktionen wie das chinesische E-Commerce-Verkaufsfestival zur Jahresmitte, das im Juni stattfindet, um Wachstum und Sichtbarkeit zu steigern. Das 618-Shopping-Event, benannt nach dem Gründungsdatum von JD.com am 18. Juni, ist für den Konzern eine Gelegenheit, um die Marktstimmung der Verbraucher zu testen. Im Juni verkündete JD.com, dass Umsatz und Auftragsvolumen während des 618-Festivals, das von Ende Mai bis zum 18. Juni dieses Jahres dauerte, neue Rekorde schrieben. Für das zweite Quartal stieg der Gewinn pro Aktie um 73.7 Prozent auf 9.36 Yuan (etwa $1.31) pro Aktie und übertraf damit die Schätzungen von 6.07 Yuan (etwa $0.85), wie aus LSEG-Daten hervorgeht.
Alibaba: Umsatzerwartung verfehlt
Alibaba-Zahlen Q2 nebst Vorgänger- und Vorjahresquartal sowie Analystenschätzung
Im Gegensatz zu JD.com verfehlte Alibaba am Donnerstag die Markterwartungen für den Umsatz. Die inländischen Verkäufe standen unter Druck, da die chinesischen Verbraucher zurückhaltend ausgaben und Alibaba sich mit zudem der erstarkenden Konkurrenz von JD.com sowie Discount-Plattformen wie Pinduoduo und Douyin ausgesetzt sieht. Für das zweite Quartal meldete Alibaba einen Umsatz von 243.24 Milliarden Yuan ($33.4 Milliarden), was unter der Analystenschätzung von 249.05 Milliarden Yuan lag. Der Umsatz der inländischen E-Commerce-Sparte sank um ein Prozent. Trotzdem stieg das Auftragswachstum im zweistelligen Bereich, bedingt durch die gestiegenen Käuferzahlen und Kaufhäufigkeit. „Die Kaufzurückhaltung in China ist deutlich. Die Verbraucher geben weniger aus, beschränken ihre Einkäufe und agieren rationaler“, erklärt Vinci Zhang, Analyst bei M Science. „Daher werden Alibaba und JD.com in der zweiten Jahreshälfte weiterhin vor Herausforderungen stehen.“ In einer Telefonkonferenz bekräftigten die Führungskräfte ihre Pläne für neue Strategien zur Monetarisierung, um das Umsatzwachstum in der zweiten Jahreshälfte zu steigern. Eddie Wu, Vorstandsvorsitzender der Alibaba Group, betonte, dass die Priorität für Taobao und Tmall darin liege, das Nutzererlebnis zu verbessern und den Bruttowarenwert (GMV) zu steigern. Im Cloud-Segment stieg der Umsatz um sechs Prozent auf 26.55 Milliarden Yuan ($3.65 Milliarden), was eine Beschleunigung gegenüber dem Wachstum von drei Prozent im Vorquartal darstellt. Dieser Anstieg ist auf die verstärkte Nutzung der öffentlichen Cloud und die hohe Nachfrage nach KI-Produkten zurückzuführen.
Die Berichtssaison in China zeigt ein gemischtes Bild: Während Tencent durch erfolgreiche Produktinnovationen und ein starkes Spielegeschäft überzeugt, erzielt JD.com beeindruckende Ergebnisse dank einer effektiven Niedrigpreisstrategie und großen Rabattaktionen. Im Gegensatz dazu kämpft Alibaba mit rückläufigen E-Commerce-Umsätzen und verfehlten Umsatzprognosen, obwohl das Cloud-Segment wächst. Die zweite Jahreshälfte wird entscheidend sein, um zu beobachten, wie diese Unternehmen ihre Strategien anpassen und die Herausforderungen des aktuellen Wirtschaftsklimas meistern. Wir analysieren die drei Titel im Rahmen unseres China-Titans-Pakets, inklusive Einstiegsmöglichkeiten auf der Long- und Short-Seite.





