„Das ist die größte Entscheidung, die ein Präsident in den USA jemals gefällt hat, um sich gegen die fossile Brennstoffindustrie zu stellen“, frohlockte der einflussreiche nordamerikanische Umweltschützer Bill McKibben. „Biden verrät unsere Verbündeten in einer Zeit der geopolitischen Instabilität“, entgegnete die nordamerikanische Handelskammer aufgebracht. Die Entscheidung des Weißen Hauses, mehrere geplante Ausfuhrgenehmigungen für Flüssigerdgas (engl. Liquified Natural Gas, kurz LNG) zu stoppen, sei „zutiefst beunruhigend und birgt erhebliche Risiken“, kritisierte die Handelskammer als größte Lobbyorganisation für Unternehmen in den Vereinigten Staaten. Kurz zuvor hatte die nordamerikanische Regierung mit einer folgenreichen Entscheidung für Aufsehen gesorgt: LNG-Exporte werden ausgesetzt, bis das Energieministerium nach eingehender Prüfung neue und klimafreundlichere Kriterien für die Genehmigung vorlegt. Die Untersuchungen dauern mehrere Monate, Kritiker vermuten Wahlwerbung und warnen vor Engpässen: Europas Flüssigerdgas stammt zu 48 Prozent aus den USA.
Zwanzig Export-Anlagen auf der Kippe
Von den Prüfungen betroffen sind mehr als zwanzig Ausfuhranlagen wie das umstrittene Flüssigerdgas-Exportterminal Calcasieu Pass 2 (CP2) im Golf von Mexiko, deren Nachhaltigkeit nun streng unter die Lupe genommen wird. Geplant war, über das Mega-Projekt jährlich bis zu 24 Millionen Tonnen Flüssigerdgas nach Europa und Asien zu transportieren, wo der Bedarf spätestens seit den Unruhen im Roten Meer und den damit verbundenen faktischen Sperren des Suezkanals deutlich zu spüren ist. Zum Vergleich: Im Jahr 2021 exportierten die USA 71 Millionen Tonnen Flüssigerdgas, im vergangenen Jahr ganze 90 Millionen. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hatte die Biden-Regierung den LNG-Handel über den Atlantik vorangetrieben und war nicht nur zum wichtigsten Flüssiggas-Lieferanten Europas, sondern auch zum weltweit größten Exporteur des Rohstoffs avanciert. Laut Behörden sollen durch die Drosselung 3.2 Milliarden Tonnen Treibhausgase eingespart werden – mehr als die Europäische Union in einem Jahr emittiere.
Klimaschützer loben den Schritt zur Eindämmung der Treibhausgasemissionen durch Flüssiggas, das ein ehemaliger Beamter der nordamerikanischen Umweltschutzbehörde in einem Statement als „Kohlenstoff-Megabombe“ bezeichnete. Werden die Ausfuhrprogramme fortgesetzt, mache das die Vereinigten Staaten „für die nächsten 30 Jahre abhängig von fossilen Brennstoffen“. Schon lange protestieren Umweltbewegungen und lokal organisierte Nachhaltigkeitskampagnen gegen ähnliche Export-Projekte, Joe Biden hat diese Wählerkreise in den vergangenen Jahren mit der Genehmigung zahlreicher fossiler Projekte gegen sich aufgebracht. Entsprechend argwöhnen Kritiker, die Regierung versuche mit dem abrupten Richtungswechsel nach den immensen Öl- und Gasförderungen der vergangenen Jahre, Wahlkampf in eigener Sache zu betreiben – zumal die Ausfuhrpause vorerst andauern sollen, bis die Präsidentschaftswahl im November geschlagen ist. Biden gab sich in einer Stellungnahme resolut: „Diese Pause von neuen Flüssiggas-Genehmigungen erkennt in der Klimakrise, was sie ist – die existenzielle Bedrohung unserer Zeit“.
„Schock der globalen Energiemärkte“?
In Richtung der konkurrierenden Republikaner fügte Biden an, dass Unterstützer fossiler Brennstoffe „vorsätzlich die Dringlichkeit der Klimakrise leugnen“ und schlug damit in dieselbe Kerbe wie lokale Klimaaktivisten aus der Provinz Louisiana, die in nordamerikanischen Medien von einer „monumentalen Entscheidung für unsere Gesellschaft“ sprachen und einem „starken Statement, dass wir diesen Industrien nicht länger erlauben, ohne Rücksicht auf die Gesundheit und Sicherheit der Menschen zu arbeiten, die hier leben“. Zudem argumentieren Wissenschaftler, dass inländische Gaspreise für Bürger in den USA durch die starken Ausfuhren in die Höhe getrieben wurden. Verfechter der freigiebigen Außenhandelspolitik in Sachen Flüssiggas halten dagegen, dass die Industrie in den Vereinigten Staaten Arbeitsplätze schaffe und Verbündete in Europa unterstütze, wodurch sie näher an die USA heranrückten. Im Gegensatz dazu würde die nun getroffene Entscheidung, die Ausfuhren zu drosseln „nur den russischen Einfluss“ stärken, kritisierte ein Zusammenschluss von Interessensgruppen aus der Öl- und Gasindustrie in einem offenen Brief ans Weiße Haus.
Und das ist auf den ersten Blick nicht abwegig. Schließlich bezieht Europa rund 48 Prozent seiner Flüssiggas-Lieferungen aus den USA, gerade angesichts der drohenden Lieferengpässe aus dem Osten infolge des Konflikts zwischen den Huthi-Milizen und einem vom nordamerikanischen Militär geführten Bündnis im Roten Meer. Nordamerikanische Regierungsbeamte versicherten kurz nach Verkündung der Exportterminal-Blockade, dass man Wirtschaftspartnern damit nicht schaden werde – der Plan sehe Ausnahmen für die nationale Sicherheit vor, falls verbündete Staaten akut mehr Flüssiggas benötigen sollten. Venture Global, einer der größten Flüssiggas-Produzenten der USA, warnte, dass die Entscheidung „zu einem Schock der globalen Energiemärkte“ führen und „denselben Effekt einer wirtschaftlichen Sanktion“ haben könne, wodurch das „verheerende Signal ausgesandt wird, dass unsere Verbündeten den Vereinigten Staaten nicht länger vertrauen können“.
„Bohren, Baby, bohren!“ – was machen die Brennstoffmärkte?
Während Joe Biden damit Interessengruppen aus Wirtschaft und Industrie gegen sich aufbringt, erhofft er sich offenbar steigende Zustimmung aus jungen Wählerkreisen, die Wert auf Nachhaltigkeit legen und für den Sieg des demokratischen Kandidaten bei der letzten Wahl mit verantwortlichen zeichneten. Sein damaliger und möglicherweise künftiger Gegner im Präsidentschaftswahlkampf, Donald Trump, ließ schon vor einiger Zeit mit Blick auf die Förderung und Ausfuhr fossiler Brennstoffe verlauten, er wolle im Falle einer Wiederwahl „bohren, Baby, bohren!“ Und das dürfte sich auch auf die Ölförderung beziehen – schließlich korrigierten die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) und auch die Internationale Energieagentur (IEA) in Paris erst kürzlich ihre globalen Nachfrageerwartungen für Rohöl nach oben. Experten vermuten außerdem erhöhten Bedarf aus China, nachdem die dortige Zentralbank einen lockeren Zinskurs und die Regierung umfassende staatliche Subventionen für die Wirtschaft angekündigt hatte.
Gleichzeitig warnte die IEA, dass auch die Gaspreise aufgrund des nach wie vor schwelenden Nahostkonflikts mit immer neuen Brandherden in der Region zu erhöhter Volatilität auf dem Gasmarkt führen könnte, zudem werde der Energiebedarf in Europa anziehen, was die Situation verschärfen könnte. In welche Richtung wir den Markt in der näheren und fernen Zukunft laufen sehen, ist auch HKCM-Sonderbericht für die Energiewerte Rohöl und Erdgas zu entnehmen, welchen wir gestern an unsere Abonnenten übermittelt hatten. Neben einem Rückblick auf das vergangene Jahr bietet unsere exklusive Sonderanalyse für alle Kunden – unabhängig vom gebuchten Markt – spannende technische Perspektiven auf die Preisentwicklung in den kommenden Monaten und Jahren. Wer regelmäßig und topaktuell über Kursprognosen und lukrative Einstiegsmöglichkeiten informiert werden möchte, findet in unseren Analysepaketen zu Rohöl und Erdgas alles, was das Investorenherz begehrt.



