Im Winter 2021 stand der Bitcoin bei knapp $70 000. Der Bullenmarkt war in vollem Gange, innerhalb von achtzehn Monaten war die größte Kryptowährung um rund 2000 Prozent angestiegen. Der ganze Markt war bereit für das letzte große Hurra, die $100 000-Marke schien nur eine Frage der Zeit. Zwei Jahre und eine mehr als 70-prozentige Korrektur später erreichte der Bitcoin sein Bärenmarkttief. Die $100 000 hatte er nicht geknackt, ganz im Gegenteil: Als die Stimmung am besten war, rasselte er nach unten und kam aus dem Abwärtsstrudel nicht mehr hinaus, bis die Krypto-Börse FTX kollabierte und die meisten Anleger aus dem Markt geflohen waren. Im Winter 2022 schien der Tiefpunkt aber noch lange nicht erreicht. Nach Monaten der Kapitulation warnten die meisten Marktbeobachter davor, jetzt ins fallende Messer zu greifen. Schließlich werde der Bitcoin noch unter $10 000 fallen, möglicherweise sogar in Richtung $5000. Genau in diesem Moment aber drehte der Markt und der Bitcoin ließ sein Bärenmarkttief hinter sich. Heute kratzt er wieder an der $70 000-Marke und hat mal wieder bewiesen: Die Finanzmärkte machen meistens, was keiner erwartet. Aber warum eigentlich?
Sind Sie Teil der Herde?
Die Kursentwicklung an der Börse widerspricht oft den allgemeinen Erwartungen – und dafür gibt es einige Gründe. Zunächst ist da die Marktpsychologie, die grundlegendste Dynamik an jedem Handelsplatz, an dem Menschen Waren, Dienstleistungen oder andere Dinge austauschen. Tief im Menschen verankert ist das Bedürfnis, Werte anzuhäufen und sich dadurch abzusichern. Ein Gewinn bringt instinktive Belohnungsgefühle, ein Verlust häufig Angst und panische Reaktionen. Zur Angst, etwas zu verpassen, mischt sich in Hype-Phasen der unmittelbare Vergleich mit anderen – eine weitere tief verwurzelte Komponente unseres Denkens: Wenn eine Aktie, die nicht im eigenen Depot liegt, besonders stark steigt und auf Social Media alle anderen mit ihren Gewinnen prahlen, möchte man das auch – und kauft viel zu spät, wenn das Top bereits nah ist. Ähnlich, aber in die andere Richtung, läuft es in Zeiten starker Korrekturen: Die eigenen Aktien scheinen am stärksten zu fallen, man möchte sich gegen weitere Verluste absichern und verkauft lieber im Verlust, als weiter abzuwarten. Die Börse ist eine Maschine, die extreme Emotionen erzeugt – positive wie negative.
Und genau das ist das Problem: Oft treten die extremen Gefühle genau dann auf, wenn der Markt kurz vor einer Trendwende steht. Die größte Angst auf dem Markt geht mit großen Kapitulationen von Investoren einher, die den Abwärtsdruck nicht aushalten. Sind diese schwachen Halter aus dem Markt gespült, ist der Boden erreicht. Andersherum liefern die überhasteten Käufe von verspäteten Kleinanlegern in Bullenphasen den letzten finanziellen Treibstoff für die finalen Tops, bevor die Kurse wieder stark korrigieren. Das Ende beider Extremsituationen markieren Kleinanleger mit falschen Entscheidungen, die von großen Investoren ausgenutzt werden: Am Boden kaufen erfahrene Anleger ihren schwachen Zeitgenossen günstig die unterbewerteten Aktien ab, am Top verkaufen sie die überbewerteten Assets zurück an ebenjene unerfahrenen Kleinanleger. Die Masse tendiert dazu, in euphorischen Phasen zu optimistisch und in Krisenzeiten zu pessimistisch zu agieren. Die dominante Emotion und der Herdentrieb widersprechen an der Börse häufig der nächsten großen Bewegung.
Medien und Marktpsychologie: Verlust vorprogrammiert?
Nicht zu unterschätzen ist dabei die Macht der Medien. In der heutigen digitalen Ära verbreiten sich Nachrichten und Gerüchte rasend schnell, was die Gefühle am Markt so stark beeinflusst wie nie zuvor. Social Media-Plattformen wie Twitter, Reddit und Telegram bieten Raum für Diskussionen und Spekulationen, die mit massiven Bewegungen in den Kursen einhergehen können. Algorithmen verzerren die individuelle Wahrnehmung, indem sie ein einseitiges Bild der Realität zeichnen: Man bekommt nur vorgeschlagen, was einem gerade wahrscheinlich gefällt. Wenn man intensiver auf bullische Postings reagiert, bekommt man mehr davon – das verstärkt sowohl den Herdentrieb als auch die extreme Ausprägung der dominanten Börsenemotionen Angst und Gier. Besonders stark ist dieser Effekt im Krypto-Markt, wo die Regulierung schwächer ist und die Märkte rund um die Uhr geöffnet sind. Soziale Medien haben dazu geführt, dass Investitionen an der Börse zum Massenphänomen geworden sind. Allerdings sind sie auch mitverantwortlich für die starke Zunahme der Volatilität am Finanzmarkt der letzten zehn Jahre.
Marktpsychologie allein ist aber nicht die ganze Wahrheit. Dass die Börse besonders in Extremsituationen anders reagiert als die meisten Anleger erwarten, liegt auch an technischen Handelssystemen. Viele Börsenhändler und institutionelle Investoren nutzen Algorithmen, die auf bestimmten technischen Indikatoren basieren, um Kauf- und Verkaufsentscheidungen zu treffen. Diese Algorithmen können aufgrund von Marktbewegungen automatisch große Handelsvolumen auslösen, die die Kurse schnell und unerwartet in eine bestimmte Richtung treiben. Besonders in Märkten mit hoher Liquidität können diese automatisierten Systeme zu abrupten und starken Kursbewegungen führen, die nicht immer rational erklärbar sind. Da diese Systeme oft auf ähnliche Marktbedingungen reagieren, verstärken sie die Bewegungen und führen zu Kursentwicklungen, die den allgemeinen Erwartungen widersprechen. Letztlich sind auch diese technischen Hilfsmittel abhängig von der Marktpsychologie und orientieren sich am Verhalten der Masse – wenn auch häufig in die entgegengesetzte Richtung (aus obengenannten Gründen).
Keine Regeln – extreme Kurse
In weniger regulierten Märkten, wie beispielsweise bei Kryptowährungen, ist dieses Phänomen besonders ausgeprägt. Die fehlende Regulierung ermöglicht es großen Marktteilnehmern, durch gezielte Käufe oder Verkäufe die Kurse massiv zu beeinflussen. Zudem sind diese Märkte oft stärker von Spekulationen geprägt, da fundamentale Analysen bei Kryptowährungen schwieriger sind und viele Anleger auf kurzfristige Gewinne aus sind. Dies führt zu einer höheren Volatilität und Unberechenbarkeit der Kursentwicklung. Die geringe Marktkapitalisierung und Liquidität im Vergleich zu traditionellen Märkten verstärken diese Effekte zusätzlich, da schon kleinere Transaktionen größere Kursschwankungen auslösen können. Die Effekte von extremen Gefühlen der Masse und technischen Handelssystemen werden also verstärkt. Hinzukommt, dass in unregulierten Märkten die Möglichkeiten des Handels mit Fremdkapital deutlich ausgeprägt sind, umgangssprachlich als Hebel-Trading bezeichnet. Unerwartete Kursbewegungen werden beim Bitcoin und den Altcoins häufig durch milliardenschwere Liquidationen von Long- oder Short-Positionen verstärkt – auch hier entwickelt sich der Kurs gegen die Erwartungen der Masse und reagiert dabei umso stärker, je mehr Trader sich die Finger verbrennen. Falsche Erwartungshaltung kann die unerwartete Marktbewegung also auch erheblich verstärken.
In traditionellen und regulierten Märkten sind solche extremen Effekte in der Regel weniger stark ausgeprägt als in weniger regulierten Märkten wie dem Krypto-Markt. Dies liegt an strengeren Regulierungen und Beschränkungen des Hebel-Tradings. Regulierungsbehörden wie die Securities and Exchange Commission (SEC) in den Vereinigten Staaten setzen klare Grenzen für den maximalen Hebel, der genutzt werden kann, und implementieren Schutzmechanismen wie Handelsaussetzungen bei extremen Kursschwankungen. Diese Maßnahmen reduzieren das Risiko von Massenliquidationen und damit verbundenen abrupten Kursbewegungen. Zudem ist die Marktkapitalisierung und Liquidität in traditionellen Märkten oft höher, was bedeutet, dass größere Kapitalmengen benötigt werden, um ähnliche Auswirkungen auf den Kurs zu erzielen. Natürlich werden emotionale Ausnahmezustände, die zu unerwarteten und überzogenen Kursbewegungen führen, aber nicht nur von Preisbewegungen beeinflusst. Makroökonomische Faktoren wie Änderungen in der Zinspolitik oder überraschende Unternehmensdaten können ebenfalls unerwartete Trendwenden triggern.
Die wertvollsten (und gefährlichsten) Geheimnisse der Börse
Eine der größten Unbekannten für Kleinanleger ist willkürliche Marktmanipulation. In weniger regulierten Märkten, insbesondere im Krypto-Markt, ist die Gefahr von Manipulationen durch wenige, kapitalkräftige Akteure besonders hoch. Diese dicken Fische können durch gezielte Käufe oder Verkäufe den Markt in eine gewünschte Richtung bewegen, um kleinere Anleger zu beeinflussen und von den resultierenden Preisbewegungen zu profitieren. Solche Manipulationen können kurzfristig große Schwankungen verursachen, die nicht durch fundamentale Daten gerechtfertigt sind. Diese Marktverzerrungen tragen dazu bei, dass sich Kurse oft entgegen den allgemeinen Erwartungen entwickeln, da sie nicht auf einer realistischen Bewertung der Vermögenswerte basieren. Verstärkt werden diese Dynamiken wiederum von der Überreaktion verängstigter oder euphorisierter Kleinanleger und der technischen Logik von Handelssystemen wie Algorithmen oder Hebel-Trading. Unregulierte Märkte sind auch hier ein Extremfall – und das betrifft auch den Insider-Handel.
Beim Insider-Handel geht es um die wertvollsten Geheimnisse der Börsenwelt: Insider aus Unternehmen oder Behörden kennen wichtige Informationen wie Unternehmensdaten oder politische Entscheidungen schon früher als die Masse der Kleinanleger. Im Fachjargon bezeichnet man das als Informationsasymmetrie. Insider können sich dank frühzeitigem Zugang zu wichtigen Informationen auf absehbare Kursbewegungen vorbereiten, bevor der Markt als Ganzes darauf reagiert. Kapitalstarke Insider können sich auf wichtige und (für das breite Börsenpublikum) überraschende Events entsprechend besser einstellen. Kennt man negative Nachrichten, bevor sie den Markt treffen, kann man vorher verkaufen oder Short-Positionen eingehen und nach dem ersten Schock wieder einkaufen. Erfährt man vor allen anderen von positiven Nachrichten, kann man einkaufen, bevor die Euphorie den Markt erfasst und an der Spitze des kollektiven Hochgefühls verkaufen.
Wie man als Kleinanleger trotzdem gewinnt
Da es sich bei Insidern häufig um kapitalstarke Investoren handelt, entstehen konträre Marktbewegungen: Nach dem ersten Schock und Panikverkäufen kleiner Anleger können die Preise wegen großer Insider-Käufe plötzlich wieder steigen. Und ausgerechnet in der größten Euphorie können die Kurse plötzlich einknicken, weil Insider ihre großen Positionen mit großem Gewinn abstoßen – auf Kosten der Kleinen. Will man dieser Spirale als Kleinanleger entkommen, muss man grundlegende Marktdynamiken verstehen. Am wichtigsten ist, die eigenen Emotionen im Griff zu haben, durchdachte und gut informierte Entscheidungen zu treffen und auch in schwierigen Marktphasen nicht zu verzweifeln. Dabei helfen zuverlässige und vielfältige Informationsquellen – oder, um es in der knappen Sprache des Krypto-Marktes zusammenzufassen: Do your own research! (kurz: DYOR; dt.: Recherchiere selbst!). Die neuesten Nachrichten und wichtigsten Informationen aus dem traditionellen und Krypto-Markt finden Sie zu diesem Zweck bei HKCM News. Wer zusätzlich auf technische Prognosen zur Kursentwicklung auf den spannendsten Märkten dieser Welt setzen möchte, kann von unseren regelmäßigen Analysen profitieren. Bitcoin, Tech-Aktien oder Cannabis-Werte analysieren wir ebenso wie Edelmetalle, Rohstoffe oder auch chinesische Börsen-Shootingstars. Unsere Analyse auf Basis des Elliott-Wellen-Konzepts zeigt Ihnen potenzielle Bewegungen auf, bevor sie durch positive oder negative News getriggert werden. Somit sind Sie dem Markt immer mindestens einen Schritt voraus – und das absolut emotionslos.



