War’s das für Ethereum?
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War’s das für Ethereum?

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Simeon Koch

Man muss es nicht schönreden. Ethereum ist die große Enttäuschung in diesem Bullenmarkt. In diesem Bitcoin-Bullenmarkt, wohlgemerkt. Denn Ethereum selbst hat seit dem Zyklustop 2021 kein neues Allzeithoch mehr erreicht. Mehrfach scheiterte der Altcoin-Marktführer in den vergangenen Monaten an der 4000-Dollar-Marke und musste Ripples XRP zuletzt sogar den zweiten Rang im Kryptomarkt überlassen – zumindest nach vollständig verwässerter Marktkapitalisierung.



Stand Mitte März erlebt Ethereum das schwächste erste Quartal seit dem Bärenmarkt 2018 und das erste negative Q1 in einem Post-Halving-Jahr.
Zu allem Überdruss lief das erste Quartal bisher historisch schlecht: Zum ersten Mal überhaupt droht ETH, die ersten drei Monate eines Post-Halving-Jahres negativ abzuschließen. Kurz vor Ende März steht die schlechteste Frühlingsperformance zu Buche, die Ethereum seit dem Bärenmarkt 2018 erlebt hat. Warum läuft es nicht für ETH? Und kann sich der Altcoin-Primus in diesem Zyklus noch erholen?

Ein Fall für die Schrottpresse

Stellen Sie sich vor, Sie fahren mit einem uralten Auto in den Urlaub. Kein stilvoller Oldtimer, der nostalgische Erinnerungen an gute alte Zeiten weckt. Sondern ein klappriger, halb durchgerosteter und technisch schon lange überholter Zweisitzer, der schon Probleme hat, die 130 Kilometer pro Stunde auf der Autobahn abzuspulen. Mit dem man sich nicht mehr auf den linken Streifen traut, weil jedes andere Fahrzeug neueren Baujahrs mit Karacho und lautem Hupen vorbeizieht. Und stellen Sie sich dann noch vor, Sie wären mit diesem Auto in einem Land unterwegs, in dessen unbefestigten Straßen alle paar Meter tiefe Schlaglöcher gähnen.



Seit Anfang 2022 wertet Ethereum gegen Bitcoin ab. Unlängst fiel der Kurs durch eine wichtige aufsteigende Trendlinie. Der RSI zeigt eine Bullish Divergence.
Das hört sich fast schon an wie ein Plot aus den kultigen britischen Kurzfilmen, die Rowan Atkinson in der Rolle des notorischen Unglücksraben Mr. Bean berühmt gemacht haben. Mindestens ebenso gut passt der Vergleich auf die Preisentwicklung von Ethereum in den letzten Monaten. Schließlich hätte es viel unglücklicher nicht laufen können für den ehemals so dominanten Altcoin-Marktführer.

Schon lange gilt die ETH-Blockchain als veraltet und überholt. Die Transaktionen sind vergleichsweise langsam, die Kapazität gering und die Kosten hoch. Für viele ist die erste Smart-Contract-Plattform, die der Kryptomarkt hervorgebracht hat, kein stilvoller Oldtimer, sondern ein Fall für die Schrottpresse. Und dann gerät der ganze Markt auch noch auf die unbefestigte, von Schlaglöchern übersäte Straße der jüngsten Korrektur.

Die Abverkäufe seit Anfang des Jahres haben Ethereum besonders hart getroffen – aber auch vorher hat der Altcoin-Marktführer nicht viel getan, um den Ruf der veralteten Blockchain-Rostlaube abzuschütteln. Dabei wäre Gelegenheit dafür gewesen. Bitcoin preschte von seinen Bärenmarkttiefs bei rund 15 000 US-Dollar im Winter 2022 auf knapp 110 000 Dollar im vergangenen Dezember. Ethereum kletterte von knapp unter 1000 Dollar auf rund 4000 Dollar, blieb in diesem Zyklus aber bisher deutlich unter dem Allzeithoch von 2021, das Bitcoin lange hinter sich gelassen hat.


Während der Marktanteil des Bitcoin am gesamten Kryptosektor seit Monaten steigt, fällt die ETH-Dominanz stetig und hat seit 2022 zwei Drittel verloren.
Wie sehr Ethereum im Vergleich zum Krypto-Marktführer ins Hintertreffen geraten ist, zeigt sich in der aktuellen Korrektur: Während BTC hartnäckig die 80 000 US-Dollar verteidigt, ist Ethereum deutlich unter 2000 Dollar zurückgefallen. Zuletzt hatte ETH im Spätsommer 2023 auf diesem Preisniveau notiert. Ein Bitcoin kostete damals rund 28 000 Dollar. Deutlich wird die schwache Ethereum-Performance der letzten Monate vor allem in der sogenannten BTC-Valuation, also dem ETH-Kurswert im Verhältnis zum Bitcoin-Preis. Aktuell ist ein ETH rund 0.0229 BTC wert, rund um das Bullenmarkt-Top 2021 lag dieser Wert noch bei gut 0.088 BTC.

War’s das für Ethereum?

Erschwerend kommt hinzu, dass das ETH/BTC-Paar rund um Silvester eine aufsteigende Trendlinie durchbrochen hat, die seit mehr als zehn Jahren als aufsteigende Unterstützung fungiert hatte. Für Hoffnung sorgen gleichbleibende Tiefs im RSI (Relative-Stärke-Index) seit Herbst 2023 trotz der stetigen Abwertung von Ethereum im Vergleich zu Bitcoin. Das ist technisch gesehen eine bullische Divergenz, also ein Anzeichen auf einen baldigen Ausbruch nach oben. Allerdings sind diese gleichbleibenden RSI-Tiefs im stark überkauften Bereich. Heißt: Viel tiefer geht es ohnehin nicht. Fragt sich also, wie aussagekräftig diese bullische Divergenz ist.

Trotz der enttäuschenden Preisentwicklung ist die aktuelle Lage für Ethereum keineswegs hoffnungslos. Zugegeben, Konkurrenten wie Sui und Solana scheinen der ETH-Blockchain technisch um Lichtjahre voraus zu sein. An die Marktmacht des Ethereum-Ökosystems kommt bislang aber kein Mitbewerber heran. Ethereum zählt aktuell rund 2200 aktive Vollzeit-Entwickler, die auf der Blockchain Programme schreiben und entwickeln. Bei Solana sind es trotz eines Anstiegs um 15 Prozent im vergangenen Jahr weniger als 600. Von Suis 150 Vollzeit-Entwicklern ganz zu schweigen. Auch im Gesamtwert der jeweiligen Blockchains klaffen große Diskrepanzen – zum Vorteil von Ethereum.


In Sachen Blockchain-Wert dominiert Ethereum die Smart-Contract-Landschaft. Solana macht nicht einmal ein Sechstel von ETH aus, Sui spielt kaum eine Rolle.
Laut der Onchain-Analyseplattform DefiLlama umfasst das Ethereum-Ökosystem ein Total Value Locked (bezeichnet den Gesamtwert der Blockchain) von gut 46 Milliarden US-Dollar. Solana kommt auf sieben Milliarden und ist rein nach gespeichertem Geldwert auf der Blockchain fast 85 Prozent kleiner. Sui bringt gerade einmal 1.2 Milliarden US-Dollar auf die Waage, übertrumpft damit aber alte Hasen wie Avalanche (1.1 Milliarden) oder auch Cardano (360 Millionen Dollar).

Ähnlich dominant ist Ethereum, wenn es um Handelsvolumen und Kapitalflüsse auf der Blockchain geht. In den letzten drei Monaten verzeichnete Ethereum mit Abstand die meisten Zuflüsse liquider Mittel – allerdings auch die größten Abflüsse.



Ethereum verzeichnete in den letzten drei Monaten die größten Zu- und Abflüsse (Onchain-Kapital) aller Top-Blockchains. Die Abflüsse überwogen leicht.
Vielleicht spielen technische Metriken am Ende aber gar keine so große Rolle für die Preisentwicklung von Ethereum. Kapitalflüsse, Blockchain-Wert oder auch Entwickler-Aktivität sind selbst in weiten Teilen von der Aufmerksamkeit und Nachfrage abhängig, die rund um das jeweilige Ökosystem herrschen. Selbst für die technisch ausgereiftesten Blockchain-Protokolle und die etabliertesten Smart-Contract-Plattformen ist es bisher schwierig, außerhalb des Kryptomarkts Fuß zu fassen und Einnahmen zu generieren. Wie auf dem TVL-Chart zu sehen ist, hängen Nutzung und Wertentwicklung von Ethereum, Solana und Sui primär von der preislichen Performance ihrer jeweiligen nativen Netzwerk-Währungen ab.

Kann die Fed Ethereum retten?

Die größten Zuwächse an Blockchain-Wert, Aufmerksamkeit und Aktivität entstehen in Hype-Phasen des gesamten Kryptomarkts. Diese Hype-Phasen wiederum folgen der globalen Liquidität. Steigt die globale Geldmenge, wächst der Risiko-Appetit der Anleger und damit die Nachfrage nach Hochrisiko-Investments, zu denen Kryptowährungen weiterhin zählen (selbst die etabliertesten Protokolle wie Ethereum). Der am meisten beachtete Einflussfaktor für die globale Liquidität ist die Geldpolitik der US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Das betrifft einerseits die Zinsen, andererseits aber auch die sogenannte Balance Sheet. Dabei handelt es sich quasi um das Wertpapier-Depot der Fed.



Vor dem Bullrun 2021 erreichte ETH das Tief gegen BTC, als die Fed aufhörte, ihre Balance Sheet zu reduzieren. Wiederholt sich das Muster?
Setzt die Fed auf geldpolitische Straffung, um Wirtschaft und Inflation abzukühlen, so senkt sie ihre Wertpapier-Bestände durch Verkäufe ab. Dadurch zieht sie eingenommene US-Dollar aus dem System, die Liquidität nimmt ab. Geht die Fed hingegen zur geldpolitischen Lockerung über, so stockt sie ihre Balance Sheet auf und gibt dafür frisches Geld ins System. Im letzten Zyklus erreichte Ethereum den Boden seiner Bitcoin-Bewertung ziemlich genau, als die Fed begann, ihre Balance Sheet wieder zu steigern. Und seitdem die Fed 2022 dazu übergegangen ist, diese Steigerung wieder rückgängig zu machen, fällt Ethereum im Verhältnis zu Bitcoin stetig.

Wann die US-Notenbank ihre geldpolitische Marschrichtung wieder ändert, ist noch offen. Es gibt Andeutungen und Gerüchte, dass die quantitative Straffung (also der Rückgang der Balance Sheet) im Sommer beendet werden könnte. Das bedeutet nicht unbedingt, dass die geldpolitische Lockerung sofort einsetzt und die Balance Sheet unvermittelt steigt. Dennoch wäre ein Ende der Straffung ein gutes Zeichen. Erste Hinweise dazu kann der Notenbank-Vorsitzende Jerome Powell diesen Mittwoch bei der nächsten Zinssitzung der Fed geben. Bisher hielt er sich bedeckt.

Dabei könnte geldpolitische Lockerung schon sehr bald notwendig sein, um eine Schuldenkrise der USA abzuwenden. Gerüchteweise soll US-Präsident Donald Trump sogar bereit sein, den Markt zu crashen, um die Fed zur Lockerung zu zwingen. Was so ein Szenario mit Ethereum anstellen würde, ist freilich nicht abzusehen. Die Straße ist schon jetzt holprig genug.

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Simeon Koch

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