Mehr als ein halbes Jahrhundert stand Warren Buffett an der Spitze seiner Investmentfirma Berkshire Hathaway. Am Sonntag ist der 94-Jährige nun von der Position des Geschäftsführers zurückgetreten. Zum Abschluss der jährlichen Berkshire-Aktionärsversammlung, die am Wochenende stattfand, übergab Buffett das Zepter an seinen designierten Nachfolger Gregory Edward (genannt Greg) Abel. Der Kanadier war ursprünglich Wirtschaftsprüfer und führte bis 1999 ein Unternehmen, das schließlich von Berkshire Hathaway aufgekauft wurde. Warren Buffett hinterlässt nach rund 60 Jahren an der Berkshire-Spitze eine der erfolgreichsten Investmentgesellschaften der Welt – und eine milliardenschwere Herausforderung für seinen Kronprinzen Abel.
Warren Buffett, Orakel von Omaha
Warren Edward Buffett wurde am 30. August 1930 in Omaha, im US-Bundesstaat Nebraska geboren. Früh zeigte sich sein Gespür für Geld: Schon als Kind verkaufte er Kaugummis, Cola-Flaschen und lieferte Zeitungen aus – und dokumentierte jeden Cent seiner Einnahmen akribisch. Im Jahr 1942, mit elf Jahren, kaufte er seine ersten Aktien: drei Anteile des Erdgas-Unternehmens Cities Service für sich und drei für seine Schwester Doris. In einem Brief an die Aktionäre der Berkshire Hathaway schrieb Buffett 2019 rückblickend: „Ich bin damals All-in gegangen mit 114.75 US-Dollar, die ich zusammengespart hatte, seit ich sechs Jahre alt war.“
Warren Buffett gab seinen Rücktritt gemeinsam mit den Quartalszahlen bekannt. Die fielen schwach aus, was aber auch an defensiveren Investitionen liegt.
Der kleine Einstieg bei Cities Service, das heute im venezolanischen Staatsbesitz ist, sollte Buffetts Leben früh prägen: „Ich war ein Kapitalist geworden. Und es fühlte sich gut an“, kapitulierte Buffet augenzwinkernd im Jahr 2019. Früh suchte sich der angehende Großinvestor prominente Vorbilder. Besonders angetan war Buffett vom amerikanischen Wirtschafswissenschaftler Benedict Graham und dessen Theorie des Value Investing. Dabei geht es um langfristig profitable Einstiege in unterbewertete Aktien. Beeindruckt von Grahams Werk The Intelligent Investor, studierte Buffett unter ihm an der Columbia Business School, Graham wurde sein Mentor.
Diese Zeit prägte Buffetts nüchternen Blick auf den Markt. Sein Mantra wurde gemäß Grahams Theorie: Investiere nur in Unternehmen, deren Wert den Preis übersteigt – und verstehe ihr Geschäft in der Tiefe. Nach Stationen bei Grahams Investmentfirma kehrte Buffett nach Omaha zurück. Dort gründete er in den 1950er Jahren mehrere Investment-Partnerschaften mit Freunden und Verwandten. Er vermied spekulative Anlagen und baute stattdessen still und stetig Kapital auf. Sein Talent, Unternehmen zu bewerten, gepaart mit unermüdlicher Lektüre von Geschäftsberichten, brachte ihm früh beachtliche Erfolge – und den Spitznamen Orakel von Omaha, angelehnt an seine Geburtsstadt.
Der steile Aufstieg: Berkshire Hathaway
Buffetts größtes Vermächtnis ist ohne Zweifel der Aufbau von Berkshire Hathaway, einer der größten Investment-Holdings der Welt. Heute gehört Berkshire mit einer Marktkapitalisierung von knapp 1.2 Billionen US-Dollar zu den größten Börsenunternehmen der Welt. Die Geschichte der Holding aber begann ungewöhnlich: Buffett kaufte sich in den 1960er Jahren in eine kriselnde Textilfirma ein. Was als Turnaround-Versuch begann, entwickelte sich zu einem Irrweg. Doch anstatt das Kapitel abzuschließen, verwandelte Buffett seine Berkshire in eine Investmentholding, über die er spätere Aktiendeals abwickelte.Die Aktie von Berkshire Hathaway hat nach den durchwachsenen Quartalszahlen und Buffetts Rückzug scharf korrigiert. Eine deutliche Korrektur steht bevor.
In den 1970er Jahren betrat Charlie Munger die Berkshire-Bühne – ein langjähriger Weggefährte und gedanklicher Sparringspartner von Buffett. Munger erweiterte Buffetts Blickwinkel: Statt rein auf unterbewertete Unternehmen zu setzen, investierte Berkshire zunehmend in herausragende Firmen zu fairen Preisen. So entstanden Beteiligungen an Coca-Cola, Gillette, American Express – Unternehmen mit Markenstärke, soliden Bilanzen und beständigen Erträgen. Munger verstarb Im Dezember 2023. Mehr über die Lebensgeschichte dieses unkonventionellen Milliardärs lesen Sie in unserem Nachruf: Der Reiche ohne Neid.
Berkshire Hathaway wurde in den folgenden Jahrzehnten zu einem Symbol des nachhaltigen Kapitalismus im Sinne langfristiger Investments in wachstumsstarke Titel. Buffett vermied kurzfristige Trends und vertraute stattdessen auf konservative Unternehmensführung. Neben Aktienbeteiligungen übernahm Berkshire auch Firmen vollständig – vom Versicherer Geico über den Süßigkeiten-Konzern See‘s Candies bis hin zu Burlington Northern Santa Fe, einem Eisenbahnunternehmen. Jede dieser Entscheidungen war das Ergebnis tiefgreifender Analyse, oft ohne externe Berater, stets mit dem Blick auf den inneren Wert des Unternehmens.
Buffett schaltet in den Krisenmodus
Als die Finanzkrise 2008 die Welt erschütterte, blieb Buffett ruhig. Während andere verkauften, investierte er. Berkshire stellte inmitten der US-Bankenkrise für Goldman Sachs und General Electric rettendes Kapital zur Verfügung – mit vorteilhaften Bedingungen. Diese Wetten zahlten sich aus. Buffett wurde erneut als Fels in der Brandung gefeiert, seine Liquiditätsreserven ermöglichten nicht nur der Berkshire lukrative Einstiege im panischen Krisenmarkt, sondern auch die Stabilisierung systemrelevanter Finanz- und Infrastrukturdienstleister der Vereinigten Staaten.
Die nächste Korrektur kann zurück in Richtung der runden 400 Dollar führen und anschließend in eine Rallye zu neuen Rekordständen übergehen.
In den Jahren danach wuchs Berkshires Wert kontinuierlich. Der Einstieg bei Apple im Jahr 2016, heute das größte Einzelinvestment des Unternehmens, zeugte von Buffetts wachsendem Vertrauen in Technologie. Mit gut 60 Milliarden US-Dollar ist die Apple-Position im Investmentportfolio der Berkshire fast doppelt so groß wie der zweitplatzierte Kreditkarten-Riese American Express, von dem Buffetts Holding Anteile im Wert von gut 38 Milliarden Dollar hält. Auf den nachfolgenden Plätzen rangieren die Bank of America (25.9 Milliarden Dollar), Coca-Cola (29.7 Milliarden Dollar) und der Fossilkonzern Chevron (16.4 Milliarden Dollar).
Ähnlich wie 2008 ging Buffett mit seiner Berkshire auch in die Corona-Krise 2020 mit konservativer Kassenhaltung – ein Vorgehen, das in der Rückschau als weitsichtig galt. Im Sommer 2022 wurde Buffett erneut defensiv, stieß seither in jedem Quartal mehr ab er zukaufte. Insgesamt wurde das Portfolio krisensicher gemacht: Beteiligungen an Bankwerten wurden teils abgebaut, Investitionen in Energie- und Infrastrukturunternehmen gestärkt. Bis Anfang Mai 2025 stiegen die liquiden Mittel bei Berkshire Hathaway deshalb auf beachtlich 350 Milliarden US-Dollar an, die nun darauf warten, wieder investiert zu werden – eine immense Hypothek für Buffetts Nachfolger.
Wie steht die Berkshire-Aktie?
Während Buffett in den letzten drei Jahren seinen historischen Barbestand auftürmte, bereitete er auch gleich den Übergang vor: Bereits 2021 hatte Buffett angekündigt, seinen Platz in diesem Jahr zu räumen, Greg Abel galt seither als sein designierter Nachfolger. Der Kanadier war 1999 Teil der Berkshire geworden, als Buffett mit seiner Holding einen Energiekonzern aufkaufte, dem Abel vorstand. Zuvor hatte der 63-Jährige als Wirtschaftsprüfer bei der renommierten Prüfungsgesellschaft PwC gearbeitet. Schon damals erhielt Abel eine leitende Position, seit 2018 führte er die Energie- und Eisenbahnsparte bei der Berkshire, die zuletzt an Bedeutung gewann.
Mit Buffetts Rückzug von der Berkshire-Spitze erbt Greg Abel nun eine der erfolgreichsten Investmentfirmen der Welt und die schwere Hypothek eines 350 Milliarden Dollar schweren Festgeldkontos, das wieder investiert werden will. Das dürfte in der aktuell schwierigen Marktsituation keineswegs ein Alleingang sein, aber Buffett vertraut Abel offenbar zu, die Geschäfte auch künftig mit Erfolg zu leiten. An der Börse sorgte der Führungswechsel kaum für Aufsehen, schließlich stand Buffetts Rücktritt schon länger fest. Außerdem betonte Abel bei der Mitgliederversammlung am Wochenende in Omaha, dass er die Ausrichtung der Investment-Strategie beibehalten wolle.
Die Aktie der Berkshire Hathaway notiert mit Stand des 5. Mai nahe der runden 500-Dollar-Marke und damit ein gutes Stück vom letzten Allzeithoch entfernt. Seit dem Corona-Tief im Frühjahr 2020 ist das Papier um fast 250 Prozent angestiegen und verzeichnete in den vergangenen Jahren stetiges Wachstum. Inmitten der Börsen-Unsicherheit nach Donald Trumps Amtsantritt setzte Berkshire zu einer Rallye an und legte von Mitte Januar bis Anfang Mai fast 25 Prozent an Kurswert zu. Mit diesen Anstiegen sollte der Kurs laut unserer Analyse ein lokales Top erreicht haben und zeitnah eine deutliche Korrektur durchlaufen.
Bleibt die Aktie in unserem Primärszenario, so sollte der nächste Abverkauf noch oberhalb der 400-Dollar-Marke beendet werden, woraufhin neue Allzeithochs angesteuert werden können. Abonnenten unseres US-Titans-Analysepakets erhalten regelmäßige Updates und konkrete Zielzonen für lukrative Einstiege bei der Berkshire und 39 weiteren US-Riesen wie etwa Apple, Amazon oder Microsoft. Auch Warren Buffett dürfte diese Titel weiterhin im Auge behalten. Das Orakel von Omaha zieht sich zwar aus dem öffentlichen Rampenlicht zurück, wird aber eine Beraterrolle innerhalb seiner Berkshire Hathaway behalten.




