Der Reiche ohne Neid: ein Nachruf auf Charlie Munger
#Finanzbildung

Der Reiche ohne Neid: ein Nachruf auf Charlie Munger

Author

Simeon Koch

Was ist der erste Gedanke, wenn jemand mit 99 Jahren stirbt? Klar, es war ein langes, bestimmt erfülltes Leben – aber irgendwie auch schade, dass die 100 nicht mehr drin war, so kurz vor dem Ziel. So kurz vor dem Ziel? Warren Buffetts jahrzehntelanger Kompagnon und Berkshire-Strippenzieher Charlie Munger hätte wohl nicht so gedacht. Und das, obwohl er Ende November ausgerechnet mit 99 Jahren in Kalifornien gestorben ist.

Der etwas andere Milliardär

Formal der zweite Mann bei der milliardenschweren Investmentgesellschaft Berkshire Hathaway war Munger mit deutlich weniger Geltungsdrang ausgestattet als sein jahrzehntelanger Busenfreund Warren Buffett. Und doch scharte er eine breite Fangemeinde um sich. Vielleicht, weil er nie so recht ins Bild des modernen Hedge-Fonds-Milliardärs passte – trat er doch zeit seines Lebens für Genügsamkeit auf. Er könne nicht verstehen, warum die Menschen nicht glücklicher seien mit dem, was sie haben, sagte er vor Jahren in einem Interview. Leicht gesagt als Superreicher, möchte man denken. Diese Demut war aber alles andere als aufgesetzt.

Munger wurde 1924 als Sohn einer Juristenfamilie im nordamerikanischen Bundestaat Nebraska geboren. Nach einem kurzen Versuch, Mathematik zu studieren, ging er zur Armee und beschäftigte sich mit Meteorologie, bevor er dann doch die Familientradition weiterführte und seinen Jura-Abschluss in Harvard machte. Als Jugendlicher arbeitete er im Lebensmittelladen „Buffett & Son“, der dem Großvater Warren Buffetts gehörte, zum ersten Mal begegneten sich die beiden aber erst 1959 bei einem Abendessen in ihrer gemeinsamen Heimatstadt Omaha.

Warren Buffets Mentor

Die Geschäftsbeziehung war anfangs oberflächlich, legte aber früh das Fundament für den späteren gemeinsamen Erfolg. Denn Buffett veranlasste den ehemaligen Mitarbeiter seines Großvaters dazu, ins Investmentgeschäft einzusteigen. 1962 gründete Munger die kleine Investmentfirma Wesco Financial, führte bis 1965 allerdings nebenbei noch eine erfolgreiche Anwaltskanzlei. Die Wege von Munger und Buffett kreuzten sich erneut im Jahr 1978, als Buffett seine bisherigen Investmentaktivitäten auf Geheiß der Finanzaufsicht in eine Gesellschaft zusammenführte und damit die Berkshire Hathaway offiziell aus der Taufe hob. Munger wurde stellvertretender Vorsitzender.

Munger galt als Mentor des sieben Jahre jüngeren Buffett, der in seiner frühen Karriere auf unterbewertete Aktien setzte, aber nicht viel auf die fundamentale Qualität der dahinterstehenden Unternehmen und deren langfristiges Wachstumspotenzial gab. Mungers Credo war hingegen, dass Qualität ihren Preis habe und der auch bezahlt werden müsse. Zum ersten Mal ließ Buffett sich auf diesen Ratschlag beim Einstieg in den nordamerikanischen Süßwarenhersteller See’s Candies ein, der zu einem Wendepunkt in der geteilten Karriere wurde. Aus einem Investment von 25 Millionen machte die Berkshire über Jahrzehnte viele Milliarden Profit.

„Ich habe dem nichts hinzuzufügen“

Privat hatte Munger immer wieder mit Widrigkeiten zu kämpfen. Nach einer gescheiterten Ehe heiratete er 1956 seine zweite Frau, die 2010 verstarb. Sein ältester Sohn verstarb jung an Leukämie, wegen einer fehlgeschlagenen medizinischen Behandlung verlor Munger ein Auge, bis zu seinem Tod konnte er kaum noch sehen. Trotz derart schmerzhafter Rückschläge schwor Munger auf strenge Disziplin und fiel – obgleich eher medienscheu – immer wieder mit tiefgründigen Überlegungen über Lebenssinn und Gesellschaft auf. Den vielleicht größten Kampf seines Lebens widmete er dem Neid, den er einmal als „wirklich dumme Sünde“ bezeichnete, „denn er ist die einzige Sünde, mit der man wahrscheinlich nie irgendwelchen Spaß haben wird.“

Zeitgenossen beschreiben Munger als weltoffen und von bemerkenswerter sozialer Intelligenz. Demnach sei eine seiner großen Stärken gewesen, den Mittelpunkt zu meiden und Geschäftspartner ohne große Worte zu verstehen. Warren Buffett scherzte einmal, er könne mit Munger ein vierseitiges Geschäftsprotokoll mit drei Grunzern am Telefon durchgehen. Auf den Hauptversammlungen der Berkshire pflegte Munger nach Buffetts Erklärungen lakonisch zu ergänzen: „Ich habe dem nichts mehr hinzuzufügen“. Der Ausspruch wurde zum Running Gag, eine der bekanntesten Biografien von Munger trägt ihn als Titel.

Der Sieg über den Neid

Im Vergleich zu Buffett, dessen Vermögen auf über $120 Milliarden geschätzt wird, war Munger mit guten zwei Milliarden stets ein eher kleiner Fisch. Dabei war es ihm wichtig zu unterstreichen, dass er sich nicht darum kümmere, was andere haben oder nicht haben. Unsere Gesellschaft und die ganze Welt werde nicht von Gier oder Fortschrittswillen angetrieben, sondern vielmehr vom Neid auf die Besitztümer anderer. Ebendiesen Neid habe er „im eigenen Leben besiegt“, behauptete Munger von sich. Auch deshalb dürfte es ihm nicht so wichtig gewesen sein, die 100 nicht erreicht zu haben – Neid bringt laut einem von Mungers berühmtesten Zitaten schließlich „viel Schmerz und kein Vergnügen. Warum sollte man dabei mitmachen wollen?“

Author

Simeon Koch

Schlagzeilen

Es wurde noch keine Einwilligung erteilt.

Du musst zuerst zustimmen, um Inhalte von TradingView zu sehen.