Im Oktober 2018 wurde ein Bild des Streetart-Künstlers Banksy im Londoner Auktionshaus Sotheby’s für rund $1.3 Millionen versteigert. Das Bild zeigte den Umriss eines kleinen Mädchens in Schwarzweiß, das einen Herzballon fliegen lässt. Als der Hammer fiel und der Höchstbietende das Bild in Empfang nehmen wollte, setzte sich ein versteckter Mechanismus im Rahmen des Bildes in Gang: Die Leinwand rutschte nach unten und zur Hälfte durch einen verborgenen Schredder. Unterhalb des Rahmens kamen die Fransen des eben noch für eine Millionensumme versteigerten Kunstwerks zum Vorschein. Die Bilder der Auktion gingen um die Welt, Banksy selbst gab in einem Video bekannt, dass er sein Werk eigentlich vollständig zerstören wollte. Ausgerechnet zum Zeitpunkt der Auktion aber hätte der Schredder gestreikt. Die eigenwillige Vorstellung wollte der Künstler als Protest gegen die Mondpreise im überhitzten Kunstmarkt verstanden wissen. Sein Erfolg hielt sich dabei paradoxerweise in Grenzen: Das Bild wurde drei Jahre später erneut versteigert – im halb geschredderten Zustand. Diesmal ergab die Auktion mehr als $20 Millionen.
Just als Banksys Werk die Absurdität des Kunstmarktes auf den Punkt zu bringen schien, steuerte ein völlig neues Phänomen ohne Vorankündigung einem Boom entgegen, den die Branche noch nicht erlebt hatte. Innerhalb weniger Monate explodierten die Preise für Digitalkunst auf der Blockchain, der technische Begriff NFT (engl.: Non Fungible Token) geisterte plötzlich durch aufgeregte Gespräche konservativer Kunstkenner, die mit Bitcoin und Co. ansonsten nicht viel anfangen konnten. Den Grundstein setzte eine grafisch unauffällige Kollektion verpixelter Porträtbilder unter dem Namen CryptoPunks. 2017, als die Ethereum-Blockchain noch in ihren Kinderschuhen steckte, wurde die Kollektion erstellt und war frei verfügbar – zu bezahlen waren einzig die Gebühren für die Transaktion auf der Blockchain. In den folgenden Monaten wurden die einzelnen Bildchen zwischen $5 und $50 gehandelt, bevor der Preis im Spätherbst seinen Höhepunkt erreichte und die günstigsten Punks für schlappe 125 ETH oder gute $650 000 zu haben waren. Das teuerste Bild der Kollektion, der Punk #5822, ging für knapp $24 Millionen über den Tresen. Ausgerechnet als Banksy sein Bild in London schredderte, stieß die NFT-Manie in historische, bis heute nicht mehr erreichte Sphären vor.
Heidi Klum und Eminem: NFTs werden Mainstream
Denn der Absturz war fast so drastisch wie der Anstieg zuvor: Bis heute sank der sogenannte Floor Price, also das günstigste verfügbare Angebot für einen CryptoPunk, auf unter 40 ETH. Der Wertverlust in der Spitze war deutlich stärker, schließlich ist hier nur die Rede von den allergünstigsten NFTs der Sammlung. Dieses Schicksal ereilte aber nicht nur die CryptoPunks. Im Frühjahr 2021 kauften der Krypto-Unternehmer Sina Estavi gemeinsam mit dem Gründer der Tron-Blockchain, Justin Sun, ein NFT-Abbild des ersten Twitter-Posts, den Jack Dorsey Jahre zuvor abgesetzt hatte. Kostenpunkt: $2.9 Millionen. Als die beiden stolzen Besitzer den NFT kurz entschlossen ein paar Monate später wieder veräußern wollten, lag das Höchstgebot unter $7000. Trotzdem flutete der NFT-Hype den Mainstream: Heidi Klum kaufte eine blonde Punk-Dame für über $300 000, Steve Aoki besaß kurz einen mit wallender blauer Mähne und Serena Williams erkannte sich in einer sportlichen Version mit Stirnband wieder, die ihr knapp $200 000 wert war. Die Liste ließe sich um Popstars wie Jason Derulo, Marshmello oder Jay-Z erweitern: NFTs wurden zum Statussymbol.
Mitten in diesen Hype hinein wurde der Bored Ape Yacht Club (BAYC) gelauncht, eine Sammlung von 10 000 einzigartigen Comic-Affen, die sich durch ihren gelangweilten Gesichtsausdruck und besondere Accessoires auszeichneten. Ähnlich wie bei den Punks ist kein Ape wie der andere. Ihre jeweiligen Attribute – seien es Kopfbedeckungen, Oberteile oder Zigarettenstummel im Mundwinkel – entscheiden über die Seltenheit eines Bildes. Die einzelnen Objekte sind in der Regel nicht einzigartig, vielmehr entscheidet ihre Komposition über die Besonderheit des jeweiligen Bildes. Der teuerste CryptoPunk aller Zeiten ist ein sogenannter Alien Punk, stellt also eigentlich einen Außerirdischen dar und das trifft nur auf eine Handvoll aller 10 000 Pixelporträts zu. Darüber hinaus trägt er ein seltenes Bandana um die Stirn – ein weiterer wertsteigernder Faktor. Eminem und Snoop Dogg zeigten Bored Apes in einem Musikvideo, auch Post Malone legte sich einen zu. Während hinter den CryptoPunks kein gewinnorientiertes Unternehmen steht, kam Yuga Labs, das Entwicklerstudio der Bored Apes, schon im Winter 2022 in juristische Bredouille: Die nordamerikanische Börsenaufsicht (engl.: Securities and Exchange Commission; kurz: SEC) verklagte die Herausgeber, weil die dösigen Affen angeblich ein nicht registriertes Wertpapier seien – ein häufiger Vorwurf der Börsenhüter gegenüber Krypto-Projekten.
Sind dösende Affen illegale Wertpapiere?
Mitgetragen wurde der vermeintlich illegale Wertpapierhandel laut den Ermittlern von berühmten Befürwortern und NFT-Besitzern, die Yuga Labs hinter den Kulissen engagiert haben soll. Laut der SEC sollen große Namen wie der Sänger Post Malone, der Komiker Kevin Hart und auch das Auktionshaus Sotheby’s, wo Banksy sein Gemälde schredderte, an diesem „Komplott“ mitgewirkt haben, wie es in internen Dokumenten hieß. Die Behörde selbst gab sich redliche Mühe, den NFT-Hype zu ersticken – mit mäßigem Erfolg. Der frühere SEC-Offizielle John Reek Stark etwa bezeichnete NFTs als „schreckliche Investition“, die mehr oder weniger „wertlos“ sei. Und ehrlicherweise hat er damit nicht ganz unrecht. Dass für verpixelte Porträts von Punkern und dümmlich grinsenden Affen Hunderte ETH bezahlt werden ist mindestens so absurd wie die Preissteigerung von rund $1 Million auf $25 Millionen für Banksys geschreddertes Bild – wohlgemerkt nach der teilweisen Zerstörung. Bei NFTs aber kommen zwei wichtige Aspekte zusammen, die intrinsischen Wert generieren: das überraschend tiefgreifende Kulturbewusstsein des Internets und die grotesken finanziellen Dimensionen des Kunstmarktes. Sowohl der Kunst- als auch der Kryptomarkt sind grundlegend hypegetrieben.
Die Qualität von Kunstwerken ist oft erstmal zweitrangig – wichtiger ist ihre Rolle als visionäres Kulturgut. Jeder hatte im Kunstmuseum schon einmal den Gedanken im Kopf: Das hätte ich aber auch malen können. Und vielleicht stimmt das auch. Große Kunstwerke sind oft leicht nachzuahmen. Was viel wichtiger ist als die handwerkliche Komponente ist die Bedeutung eines Objekts in seinem historischen Kontext. So wie Picassos schräge, mitunter unförmige Skizzen als stilprägend für eine ganze geistige Epoche und eine neue künstlerische Denkweise wahrgenommen werden, sind die CryptoPunks und Bored Apes die Symbole der frühen künstlerischen Selbstfindung des Internets. Sie sind so etwas wie Höhlenmalerei auf der Blockchain. Ähnliches gilt übrigens für Memes, denen die berühmtesten NFT-Kollektionen nicht von ungefähr stilistisch ähneln. NFTs sind der künstlerische Ausdruck eines digitalen Milliarden-Publikums und ein Versuch, die abgehobene Kunstwelt von unten zurückzuerobern. Mithilfe von absichtlich plumpen Darstellungen soll die Exklusivität einer versnobten Oberschicht aufgebrochen werden – der Meme Coin-Sektor lässt grüßen. Und damit verbildlichen NFTs jenes Narrativ, das den Krypto-Markt antreibt: der monetäre Widerstand gegen die sogenannten Eliten – seien es Banken, Staaten oder schrullige Kunstexperten, die von oben diktieren.
Die Revolution ist tot – der Hype lebt weiter
Viele Krypto-Kenner warnen vor NFT-Investments und prophezeien, dass der Hype nie wiederkehren wird. Und für die große Mehrheit des NFT-Marktes dürfte das auch stimmen, schließlich ist dieser immer noch “nischige” Kosmos mittlerweile heillos verwässert. CryptoPunks und Bored Apes wurden milliardenfach kopiert und imitiert. Dass von Picassos Bildern Millionen von Kunstdrucken angefertigt wurden, hat die Originale aber auch nicht entwertet – im Gegenteil. NFTs bleiben ein wichtiger Meilenstein der Internet-Kultur, obwohl sie sich wie die allermeisten Revolutionen längst von ihren Wurzeln distanziert haben und von jenen Kreisen vereinnahmt wurden, gegen die sie ursprünglich aufbegehrten. Kaum ein Normalsterblicher kann sich einen CryptoPunk leisten, auch Bored Apes sind für Regulärverdiener zumeist unerschwinglich. Und doch bleiben sie Symbole des Protests – ebenso wie Banksys Bild von einem kleinen Mädchen, das einen Herzballon fliegen lässt. Banksy startete als Street Artist, er besprühte Wände und teilte seine Kunst kostenlos – ähnlich wie die CryptoPunks bei ihrer Entstehung. Banksy schredderte sein berühmtestes Bild, um gegen den abgehobenen Kunstmarkt zu demonstrieren. Sein Symbol aber wurde umgedeutet und ein Stein im Fundament ebenjener Elite, gegen die er protestierte. Bei den wichtigsten NFTs passiert dasselbe. Sie sind jetzt bei Heidi Klum, Kevin Hart und Eminem. CryptoPunks und Bored Apes sind schon lange keine Grassroot-Bewegung mehr. Und genau das sichert ihren Wert als revolutionäre Symbole der Internet-Kunst. Ob das für einen neuen Hype reicht, bleibt offen. Klar ist: Der Krypto-Markt wird neue massentaugliche Wege finden, um aufzubegehren.


Banksys halb geschreddertes Bild hieß erst "Girl With Balloon" ("Mädchen mit Ballon") und wurde vom Künstler dann in "Love Is In The Bin" ("Liebe ist im Eimer") umbenannt.

