Die gute Nachricht zuerst: Im zurückliegenden zweiten Quartal stiegen die Reallöhne in Deutschland das fünfte Quartal in Folge. Wie das Statistische Bundesamt bekanntgab, wuchs diese Kennzahl für die Kaufkraft der Deutschen um 3.1 Prozent. Mit 3.8 Prozent verzeichnete das erste Quartal von Januar bis März sogar das stärkste Reallohn-Wachstum seit Beginn der Datenerfassung im Jahr 2008. Während die Inflation nur noch rund 2.3 Prozent betrug, stiegen die nominalen Löhne im zweiten Quartal um 5.4 Prozent. Heißt auf Deutsch: Die Deutschen können sich mehr leisten. Trotzdem will der private Konsum einfach nicht steigen. Und damit sind wir schon bei der schlechten Nachricht: Das private Konsumklima trübt sich weiter ein, anhaltender Pessimismus belastet auch die Industrie. Zu allem Überdruss ist Deutschland nach Wirtschaftsleistung auch noch aus dem Top-20-Ranking der wohlhabendsten Wirtschaftsnationen gefallen. Zwar ist Deutschland nach Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf immer noch in der weltweiten Spitzengruppe vertreten – bereinigt nach Kaufkraft aber fällt die Bundesrepublik zurück: Können sich die Deutschen nun mehr leisten oder nicht?
Deutschland verdient mehr – ist aber pessimistisch…
Die Antwort auf diese Frage ist nicht so einfach. Eindeutiger ist hingegen: Die Deutschen wollen sich aktuell nicht viel leisten und bleiben bei ihren Ausgaben lieber vorsichtig. Ifo-Ökonom Klaus Wohlrabe berichtete nach einer Befragung von 2000 privaten Konsumenten: „Die Verbraucher trauen dem Rückgang der Inflation noch nicht so richtig“. Schließlich muss sich noch zeigen, wie nachhaltig der Anstieg der Reallöhne ist. Für das jüngste Plus war nämlich vor allem die Inflationsausgleichsprämie verantwortlich, die von vielen Arbeitgebern an ihre Angestellten ausgezahlt wurde. Zuträglich waren dem Lohnniveau auch neue Tarifverträge und Einmalzahlungen, die sich in den Portemonnaies vieler Arbeitnehmer bemerkbar machten. Die deutschen Löhne haben also ein sehr erfreuliches erstes Halbjahr hinter sich, der Wachstumstrend zeichnete sich aber bereits davor deutlich ab: Bereits 2023 meldete das Statistische Bundesamt den stärksten Anstieg der Nominallöhne seit 15 Jahren. Beim Nominallohn handelt es sich um das tatsächlich ausgezahlte Gehalt, hochgerechnet auf den Bundesschnitt. Aussagekräftiger sind die inflationsbereinigten Reallöhne, die aussagen, wieviel sich Arbeitnehmer tatsächlich leisten können.
Nach drei defizitären Jahren steigen die Reallöhne wieder – dank rückläufiger Inflation
Während die Nominallöhne über das gesamte Jahr 2023 ein kräftiges Plus von sechs Prozent verzeichneten, stiegen die Reallöhne gerade mal um 0.1 Prozent, weil die Inflation im selben Zeitraum 5.9 Prozent betrug. Unterm Strich lag die Zunahme der ausbezahlten Löhne also nur hauchzart über der Teuerungsrate. Aber selbst das war eine gute Nachricht. Schließlich waren die Reallöhne zuvor drei Jahre lang zurückgegangen, das leichte Plus von 2023 war das erste positive Jahresergebnis seit 2019. Trotz oder gerade wegen dieses marginalen Wachstums fiel Deutschland im globalen Ranking der wohlhabendsten Wirtschaftsnationen im letzten Jahr zurück. Vor wenigen Stunden veröffentlichte der Internationale Währungsfonds (IWF) den World Economic Outlook (WEO). Dabei handelt es sich um eine Studie über die weltweite wirtschaftliche Entwicklung, die 180 Staaten und Gebiete unter dem Dach des IWF erfasst. Aktualisiert wird dieser Bericht zweimal im Jahr, die jüngste Ausgabe konzentriert sich auf das vergangene Jahr.
… und rutscht im Wohlstands-Ranking ab
Um Staaten unterschiedlicher Größe und in verschiedenen Regionen der Welt vergleichbar zu machen, verwendet der WEO bei der Berechnung des Wirtschaftswachstums den sogenannten internationalen Dollar, also eine künstliche Währung, mit deren Hilfe preisliche Unterschiede zwischen Ländern ausgeglichen werden. Einfach gesagt zeigt der internationale Dollar, wieviel man mit dem eigenen Geld kaufen kann. Ein Beispiel: Weil Nahrungsmittel und Lebenshaltungskosten – in US-Dollar gerechnet – in Großbritannien weitaus höher sind als in China, wird die britische Wirtschaftsleistung bei dieser Rechnung nach unten korrigiert. Die einfache Erklärung: Mit $100 kann man sich in China deutlich mehr leisten als in England. Deshalb wird das chinesische BIP pro Kopf in der Statistik des World Economic Outlook aufgewertet – schließlich ist dieselbe Menge Geld in China ‚mehr wert‘. Als Grundlage dafür wird die sogenannte Kaufkraft-Parität angewandt (engl.: purchasing power parity; kurz: ppp). Sie gibt an, wie viel ein gewisser Warenkorb mit einheitlichen Produkten und Dienstleistungen in verschiedenen Ländern kostet. Ein hohes BIP pro Kopf im internationalen Dollar nach ppp bedeutet deshalb, dass sich die Bürger eines Landes im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung relativ viel leisten können. Und bei dieser Kennzahl schneidet Deutschland nicht besonders gut ab.
Laut einem Ranking, das vom Manager-Magazin auf Basis der WEO-Daten konzipiert wurde, kommt Deutschland weltweit gesehen nicht mehr unter die Top-20-Nationen nach Kaufkraft und Wohlstand. Damit liegt man nicht nur hinter notorischen Gutverdienern wie Luxemburg, der Schweiz, Singapur oder San Marino, sondern auch hinter Katar, den Vereinigten Arabischen Emiraten und den USA. Ein wichtiger Faktor war laut den Experten vom WEO in Europa der Einfluss des Ukraine-Kriegs und der damit einhergehenden Steigerung der Energiekosten und auch der Lebensmittelpreise. Und darunter litt Deutschland als größte Industrie-Nation des Kontinents besonders. Dennoch konnten sich einige mitteleuropäische Staaten gut halten: Dänemark landete auf Platz elf und gewann seit 2020 stetig an individueller Kaufkraft hinzu. Die Niederlande, Schweden und Österreich erlebten 2023 zwar einen leichten Wohlstands-Knick, blieben aber in den Top-20 vertreten. Deutschland rutschte mit einem bereinigten BIP pro Kopf von 53 637 internationalen Dollar hinter Belgien (53 994) auf Platz 21. Im Jahr 2022 lag Deutschland noch auf Rang 19.
Macau als Vorbild: Wann kommt Deutschland zurück?
Dass multinationale Krisen die wirtschaftliche Gesundheit akut gefährden können, bekam in den letzten Jahren vor allem die chinesische Sonderverwaltungszone Macau zu spüren: Jahrelang führte die Region das WEO-Ranking der wohlhabendsten Länder mit großem Abstand an. 2018 lag die kaufkraftbereinigte Wirtschaftsleistung pro Einwohner noch bei atemberaubenden 125 279 internationalen Dollar, bevor die Corona-Pandemie Macau auf einen Tiefstwert von 53 597 im Jahr 2022 zurückwarf. Die Aufholjagd hat Macau aber schon eingeläutet: 2023 kratzte der Wert mit 95 562 internationalen Dollar wieder an der 100 000-Marke, für 2024 prognostiziert der IWF ein Wirtschaftswachstum von stolzen 13.4 Prozent bei einer Inflation von gerade einmal 1.7 Prozent. Deutschland kann von Macaus Statistiken aktuell nur träumen. Für 2024 erwartet der Internationale Währungsfonds von der Bundesrepublik ein Mini-Wachstum von 0.2 Prozent, im Zeitraum von 2025 bis 2026 sollten dann wieder 1.5 Prozent möglich sein. Damit sich die Deutschen dann auch wieder mehr leisten können, muss die Inflation bis dahin gering bleiben oder weiter zurückgehen.




