Das Wichtigste in Kürze:
- Die größten Tech-Börsengänge der Geschichte stehen an.
- Hohe Bewertungen bergen für Privatanleger oft unterschätzte Risiken.
- Wer typische IPO-Fehler vermeidet, kann teure Fehlentscheidungen verhindern.
Börsengänge wirken wie eine Einladung zum frühen Einstieg in die vermeintlich glorreiche Zukunft innovativer Technologieunternehmen. Medien überschlagen sich mit Schlagzeilen, Broker-Apps blinken und plötzlich wirkt Nichtstun wie die schlechteste Entscheidung.
Doch gerade bei den größten Börsengängen entstehen oft besonders hohe Erwartungen. Viele Anleger hoffen darauf, von Anfang an dabei zu sein und überdurchschnittliche Renditen zu erzielen. Die Geschichte zeigt jedoch, dass stark nachgefragte Unternehmen häufig bereits zum Börsenstart mit sehr hohen Bewertungen an den Markt kommen, wodurch das Chancen-Risiko-Verhältnis für neue Investoren deutlich sinken kann.
Die nächste IPO-Welle rollt an
Der Markt steht aktuell vor einer beispiellosen Welle an Börsengängen. Das anvisierte Marktdebüt von SpaceX, das nach der Fusion mit xAI auf eine Bewertung von rund $1.75 Billionen zusteuert, bricht alle Rekorde.
Kaum ein möglicher Börsengang wird derzeit mit so hohen Erwartungen verbunden wie jener von SpaceX.
SpaceX peilt dabei einen Ausgabepreis von $135 je Aktie an. Zu diesem Preis sollen neue Aktien an Investoren verkauft werden, wodurch das Unternehmen rund $75 Milliarden frisches Kapital einsammeln könnte. Dieses Geld könnte anschließend unter anderem in den Ausbau der Starlink-Infrastruktur, neue Raumfahrtprojekte sowie die Weiterentwicklung von KI-Technologien innerhalb des Konzerns fließen.
Doch SpaceX ist nicht allein: Auch die beiden führenden KI-Schwergewichte Anthropic und OpenAI drängen an die Börse. Anthropic hat nach einer massiven Finanzierungsrunde eine private Bewertung von $965 Milliarden erreicht und bereits vertraulich die IPO-Papiere eingereicht. OpenAI zog nach und steuert mit einer Bewertung von $852 Milliarden ebenfalls auf das öffentliche Parkett zu.
Warum hohe Bewertungen zum Risiko werden können
Die Herausforderung bei allen drei Unternehmen besteht darin, dass Investoren bereits heute enorme Erwartungen an das zukünftige Wachstum haben. Viele Anleger kalkulieren bereits potenzielle Erfolge der kommenden Jahre oder sogar Jahrzehnte in ihre Kaufentscheidungen ein. Dadurch steigt die Bewertung oft deutlich schneller als die aktuellen Umsätze oder Gewinne des Unternehmens.
Ein Hinweis darauf sind sehr hohe Kurs-Umsatz-Verhältnisse (KUV). Diese Kennzahl setzt den Börsenwert eines Unternehmens ins Verhältnis zu dessen Jahresumsatz. Ein KUV von 40 bedeutet vereinfacht gesagt, dass Anleger bereit sind, das 40-fache des jährlichen Umsatzes für ein Unternehmen zu bezahlen. Je höher dieser Wert ausfällt, desto größer sind die Erwartungen an das zukünftige Wachstum.
Wie ambitioniert solche Bewertungen sein können, zeigt ein Vergleich mit etablierten Konzernen: SpaceX wird derzeit mit dem rund 93-fachen seines Jahresumsatzes bewertet. Apple, das wertvollste börsennotierte Unternehmen der Welt, kommt dagegen auf das Sieben- bis Achtfache seines Jahresumsatzes. Anleger zahlen bei SpaceX somit bereits heute einen erheblichen Aufschlag für erwartetes zukünftiges Wachstum.
Die Jay-Ritter-Studie: Was sagt die Wissenschaft?
Genau an dieser Stelle mahnt die langfristige Kapitalmarktforschung zur Vorsicht. Eine umfassende Datenanalyse des renommierten IPO-Experten Jay Ritter von der University of Florida zeigt ein historisch klares Bild. Ritter untersuchte 9195 US-Börsengänge über mehrere Jahrzehnte und fand heraus: Unternehmen, die mit einem KUV von über 40 an den Markt gehen, unterperformen den breiten Markt in den Folgejahren in der absoluten Mehrheit der Fälle deutlich. Wer die Aktie nicht zum offiziellen Ausgabepreis der Insider bekommt, sondern erst nach dem ersten Handelstag zum Schlusskurs einsteigt, verbuchte nach drei Jahren im Median eine Rendite von minus 25.7 Prozent im Vergleich zum Gesamtmarkt. Der Hype am ersten Tag verzerrt das Chance-Risiko-Verhältnis für gewöhnliche Marktteilnehmer fundamental.
Die Studie von IPO-Forscher Jay Ritter zeigt: Unternehmen, die mit besonders hohen Bewertungen an die Börse gehen, entwickeln sich langfristig häufig schwächer als der Gesamtmarkt.
Für Privatanleger klingen diese Börsenstarts nach einer seltenen Jahrhundert-Chance, doch die U.S. Securities and Exchange Commission weist regelmäßig darauf hin, dass der Ausgabepreis vorab verhandelt wird und der tatsächliche Börsenkurs kurz nach Handelsstart massiv abweichen kann.
Die 5 größten IPO-Fehler für Privatanleger
Fehler 1: Fest mit einem schnellen Gewinn nach dem Börsengang rechnen
Viele Anleger hoffen darauf, die neuen Aktien bereits vor dem offiziellen Börsenstart zu erhalten und sie direkt am ersten Handelstag mit Gewinn wieder zu verkaufen. Bei US-Börsengängen dieser Größenordnung ist der Preis für europäische Privatanleger jedoch oft nicht garantiert, da Auslandsprospekte häufig höhere Maximalpreise festsetzen. Zudem erfolgt die tatsächliche Lieferung der Aktien an europäische Depots meist erst einige Tage nach dem offiziellen Handelsstart an der Nasdaq. Man kann am ersten Tag also womöglich gar nicht handeln, trägt aber das volle Risiko, falls der Kurs bis zur tatsächlichen Einbuchung fällt.
Fehler 2: Am ersten Handelstag blind per Markt-Order kaufen
Begehrte Tech-Aktien steigen direkt nach Handelsstart oft rasant an. Wer dann ohne Limit kauft, zahlt den absoluten Hype-Preis. Da anfangs meist nur ein winziger Teil der Aktien für den freien Handel freigegeben wird (der sogenannte Streubesitz), reichen wenige emotionale Kaufaufträge für extreme Kurssprünge nach oben.
Es kann also daher sinnvoll sein, immer ein klares Limit zu setzen oder die ersten Handelstage beziehungsweise die ersten Quartalszahlen abzuwarten, um zu sehen, ob die Fundamentaldaten die Bewertung überhaupt tragen.
Fehler 3: Vor dem Börsengang auf undurchsichtige Ersatzprodukte setzen
Rund um Mega-IPOs tauchen auf Krypto- und Derivate-Plattformen oft Angebote auf, die wie ein früher Zugang wirken. Es werden beispielsweise Produkte angeboten, mit denen man auf den künftigen Preis von SpaceX oder OpenAI wetten kann.
Das sind jedoch Futures, Zertifikate oder Token und keine echten Stammaktien. Sie werden dadurch weder Miteigentümer noch erhalten Sie Stimmrechte, sondern spekulieren auf hochkomplexe Derivate mit zusätzlichen Emittentenrisiken.
Fehler 4: Den Emissionsprospekt ignorieren
Der durchaus üppige Emissionsprospekt gehört zu den wichtigsten Dokumenten eines Börsengangs, weil er detailliert beschreibt, wie das Unternehmen aufgestellt ist und wofür das eingesammelte Kapital verwendet werden soll. Anleger sollten insbesondere darauf achten, ob das frische Geld in das operative Wachstum fließt oder hauptsächlich bestehenden Investoren den Ausstieg ermöglicht.
Ebenso wichtig sind die sogenannten Lock-up-Perioden. Dabei handelt es sich um vertraglich festgelegte Sperrfristen, während der frühe Investoren, Gründer oder Mitarbeiter ihre Aktien nicht verkaufen dürfen. Läuft eine solche Frist aus, können plötzlich große Aktienpakete auf den Markt kommen und zusätzlichen Verkaufsdruck auf den Kurs ausüben.
Fehler 5: Das falsche Börsenkürzel erwischen
Es scheint stupide, doch in der Hitze des Gefechts tippen Anleger in Broker-Apps schnell das falsche Kürzel ein, weil Suchmasken ähnliche Namen anzeigen. So steht das Kürzel SPCE beispielsweise für Virgin Galactic und nicht für SpaceX (voraussichtlich SPCX).
Auch bei OpenAI und Anthropic ist vorab genau zu prüfen, unter welchem exakten Ticker die Stammaktie gelistet wird. Kontrollieren sollte man vor dem Abschicken der Order also zwingend die ISIN, den exakten Unternehmensnamen und den Handelsplatz.
Fazit für das eigene Depot
Ein Börsengang ist letztlich nur dann interessant, wenn die Bewertung nachvollziehbar ist, das frische Kapital das Unternehmen stärkt und Anleger nicht nur wegen künstlicher Knappheit kaufen. Bei Megahypes wie um SpaceX, OpenAI und Anthropic gewinnt am Ende selten derjenige, der am ersten Tag der Erste sein will. Besser fährt, wer die Risiken kennt, die astronomischen Bewertungen in Ruhe prüft und im Zweifel abwartet, bis sich der erste Staub gelegt hat.
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