„Ich will keine Schokolade“, sang Trude Herr in ihrem Schlager-Hit aus dem Jahr 1965. Mit dieser Einstellung wäre sie an den Agrarbörsen dieser Welt aktuell ziemlich allein. Kakao wird den Händlern buchstäblich aus den Händen gerissen, frische Kontingente werden so schnell aufgekauft, dass Algorithmen kaum mit der Erhöhung der Kurse hinterherkommen. Allein in den letzten drei Monaten stieg der Kakaopreis von rund $4000 pro Tonne auf knapp unter $10 000, extreme Wetterverhältnisse in den Erzeugerländern versprechen kaum Besserung. Auf dem Getreidemarkt ist es derweil ruhig, Experten aber warnen davor, dass Lieferketten von einer plötzlichen Angebotsverknappung erschüttert werden könnten. Vorsorglich ruft der weltweit zweitgrößte Weizenproduzent Indien heimische und internationale Händler dazu auf, Käufe bei indischen Landwirten zu vermeiden, damit die schwindenden staatlichen Reserven wieder aufgestockt werden können. Auch die Europäische Union bereitet sich auf den Ernstfall vor und führt Planspiele für die Reaktion auf eine mögliche Lebensmittelknappheit durch. Denn auch unter anderem Kaffee und Olivenöl schießen in historische Preissphären.
Wichtigste Kakaoländer in der (Umwelt-)Krise
„Europas neuer Sicherheits-Albtraum ist die Versorgung mit Lebensmitteln“, „Kakao-Kurs toppt Bitcoin!“, „EU-Verordnung könnte für Kaffee-Engpass sorgen“ – in den letzten Tagen überschlugen sich die alarmierenden Schlagzeilen über die drastische Verteuerung vieler Grundnahrungsmittel in internationalen Medien. Im Fokus stehen dabei einmal mehr Kakao und Kaffee: Um fast 350 Prozent schoss der Kakaopreis von Jahresbeginn bis Anfang April in die Höhe. Namhafte Süßigkeiten-Hersteller spüren bereits Engpässe, Preise werden angehoben oder Produkte verkleinert. Verantwortlich dafür sind unter anderem Lieferengpässe infolge folgenschwerer Wetterkapriolen: In den wichtigsten Erzeugerländern Ghana und Elfenbeinküste sorgen Pflanzenkrankheiten und Hitzewellen für Ernteausfälle, große Regenmassen erschweren den Transport. Laut dem Februar-Bericht der International Cocoa Organization, einer Interessensvertretung globaler Kakaohändler, gingen die Kakao-Liefermengen an Häfen in der Elfenbeinküste um 28, in Ghana gar um 35 Prozent zurück. Aus der Region stammen etwa 70 Prozent des weltweiten Kakao-Angebots – entsprechend bang blickt die Lebensmittelindustrie aktuell nach Westafrika.
Wie so oft, sind auch die aktuellen Lebensmittelengpässe eine Frage des Geldes: Experten von JP Morgan Asset Management konstatierten kürzlich, dass Plantagen aufgrund jahrelanger Unterinvestition „heute anfälliger für den Klimawandel und Krankheiten sind, während der jüngste Anstieg der Transportkosten den kurzfristigen Preisdruck verstärkt hat“. Befeuert werden die Kurse aber auch von verstärkter Nachfrage: Daten der Vereinten Nationen belegen einen 40-prozentigen Anstieg des weltweiten Kakaoverbrauchs pro Kopf seit dem Jahr 2000. Besonders stark steigt der Konsum demnach in aufstrebenden Schwellenländern. Teurer Kakao ist trotz der jüngsten Rekordkurse kein historisches Novum: Schon in den 1970er-Jahren erreichte der Kakaopreis Rekordhöhen – ebenfalls wegen Trockenheit und Krankheitsausbrüchen. Dank gesteigerter Produktion pendelte sich der Kakaopreis in den folgenden Dekaden zwischen $1000 und $2500 pro Tonne ein. Kakao zählt also schon länger zu den teuersten Agrarrohstoffen, die kürzlich erreichte Marke von $10 000 bedeutet dennoch eine Zäsur.
EU-Regeln gefährden Kakao- und Kaffee-Händler
Neben ungünstigen klimatischen Veränderungen und der prekären finanziellen Situation in den Erzeugerstaaten (wodurch effektiver Pflanzenschutz erschwert wird) sorgen auch rechtliche Hindernisse für Engpässe auf dem europäischen Markt: Die EU-Verordnung für entwaldungsfreie Produkte verlangt, dass Lebensmittel nicht von kürzlich abgeholzten Flächen stammen. So soll die nachhaltige Herstellung von Produkten gesichert werden, die in europäischen Geschäften zu kaufen sind. Ausgerechnet in der Elfenbeinküste und Ghana wurden in den letzten Jahrzehnten aber fast 90 Prozent der Waldflächen abgeholzt. Neu entstandene Monokulturen sind nicht nur biologisch anfällig für Krankheiten, sondern wachsen häufig auf nicht nachhaltigen Anbauflächen. Ähnliche rechtliche Schwierigkeiten drohen Kaffee-Importeuren. Künftig müssen auch Heißgetränk-Verkäufer glaubhaft machen, dass für ihre Produkte ab Jahresende 2020 kein Wald gerodet oder geschädigt wurde. Bei Missachtung drohen hohe Strafen von mindestens vier Prozent des Jahresumsatzes. Die Europäische Union selbst sieht in ihren Maßnahmen keine Gefahr für den Lebensmittelmarkt, laut einer Stellungnahme rechne man mit sehr begrenzten Effekten auf die Preise der betroffenen Rohstoffe.
Der Deutsche Kaffeeverband widerspricht der EU-Darstellung vehement: „Uns droht eine Unterversorgung auf dem deutschen und europäischen Markt. Die Preise für den dann noch verfügbaren Kaffee werden signifikant steigen. Laut Holger Preibisch, Geschäftsführer des Kaffeeverbands, bedroht die EU-Regelung Millionen Kaffeebauern weltweit. Prinzipiell unterstütze man die Nachhaltigkeitsbemühungen der Union, der Zeitplan sei allerdings zu ambitioniert: „Derzeit erfüllen nur etwa 20 Prozent der Kaffee-Farmer die Anforderungen“, die vorgesehene Bereitstellung der notwendigen Daten bis Ende des Jahres sei damit kaum möglich. Große Ketten wie Lavazza oder die Mövenpick-Mutter Darboven wollen die EU-Richtlinie mittragen, der Einfluss auf den Markt sei aber größer als von der EU vermutet, erklärte eine Sprecherin von Darboven: „Die Folge wird eine klare Verknappung des Angebots von Rohkaffee sein, die Preise werden steigen.“ Deutschland ist laut dem Kaffeeverband nach den Vereinigten Staaten der zweitgrößte Kaffeeimporteur der Welt. So teuer wie Gold werden Schoko-Croissant und Morgenkaffee zwar nicht, Preisanstiege könnten aber auch bei Backwaren unvermeidbar sein. Obgleich die Getreidepreise aktuell noch niedrig sind, könnte der Weizen bald nämlich ebenfalls knapper werden.
Weniger Weizen in Europa und den USA
Trotz ihrer hartnäckig optimistischen Prognosen scheint die Europäische Union im Hintergrund aber schon seit Monaten an Notfallplänen zu arbeiten, um im Ernstfall politisch mit einer möglichen Lebensmittelknappheit umgehen zu können. Dazu soll ein internes Planspiel abgehalten worden sein, nähere Informationen zu den besprochenen Inhalten sind nicht bekannt. Auf der Agenda dürfte dabei neben Kakao und Kaffee auch der Weizen gestanden haben. Erst vor wenigen Wochen rutschte der Weizenpreis auf das niedrigste Niveau seit 2020 – und doch sind die Vorzeichen für die Versorgung nicht ganz so rosig wie die günstigen Preise weismachen wollen. So rechnet die Europäische Kommission mit einem Rückgang der europäischen Getreideproduktion um rund vier Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Schuld daran sind schlechte Aussaatbedingungen im letzten Herbst, fast eine Million Hektar kann nicht mehr bepflanzt werden, das entspricht fast fünf Prozent der gesamten nutzbaren Fläche. Auch in den Vereinigten Staaten verzichten Landwirte in den nächsten Monaten auf große Teile der Weizen-Aussaat. Aus technischer Analysesicht sollten dem Weizenpreis deutliche Kursgewinne bevorstehen. Unsere Analysen zu den wichtigsten Agrarrohstoffen erhalten Sie einzeln für Zucker, Kakao, Kaffee und Weizen – oder auch im Gesamtpaket.



