„Es ist verstörend, wenn man bedenkt, dass wir seit Jahren keinen so starken Rückgang mehr in der Kakaoproduktion hatten“, sagte Samuel Adimado, Vertreter der ghanaischen Kakaohändler in einem Interview vor wenigen Tagen. Die Commerzbank stimmte vergangene Woche warnend ein: „Der Kakaomarkt dürfte dieses Jahr rekordverdächtige Angebotsknappheit erleben, die Vorräte fallen auf das niedrigste Niveau seit Jahrzehnten!“. Allein seit Jahresbeginn stiegen die Kakaopreise an vielen Handelsbörsen um die Hälfte, im Vergleich zum letzten Jahr haben sie sich mehr als verdoppelt. Kürzlich erreichte der Preis für eine Tonne rund $7300, in den letzten zwanzig Jahren schwankten die Preise in der Regel zwischen $2000 und $4000 je Tonne. Während der Kakaomarkt von aktuell rund $50 Milliarden über die nächsten fünf Jahre auf knapp $70 Milliarden anwachsen soll, warnen Experten vor Chaos: Schlechte Wetterbedingungen, Kriminalität und Epidemien sorgen in Westafrika, wo fast drei Viertel des global gehandelten Kakaos herkommen, für schwache Ernten. Schon im vergangenen Jahr gingen große Süßigkeiten-Hersteller wie Mars dazu über, ihre Produkte zu verkleinern, aber weiterhin für denselben Preis zu verkaufen, um die gestiegenen Kosten stemmen zu können. Die hohen Kakaopreise trieben im letzten Monat auch den Getränke-Index der Weltbank auf ein 13-Jahreshoch, unterstützt von teurem Kaffee: Die zweitpopulärste Bohnenart Robusta kostet aktuell so viel wie seit 30 Jahren nicht mehr, die Preise dürften laut Prognosen weiter steigen. Besonders das anstehende Osterfest wird für die Branche eine große Herausforderung.
Kleinere Schokoriegel wegen Ernte-Ausfällen in Afrika
Seit Wochen geht es auf den Rohstoffmärkten drunter und drüber: Silber und Kupfer werden knapp, weil sie für Innovationen bei der Energiewende gebraucht werden, die größten Industrienationen der Welt liefern sich ein Rennen um kritische Rohstoffe wie Aluminium oder Lithium. Und selbst das in den letzten Jahrzehnten missbilligte Uran wird plötzlich knapp, obwohl es von den Vereinigten Staaten und der Europäischen Union für Milliarden aus dem eigentlich sanktionierten Russland importiert wird. Ähnlich turbulent geht es nun auch bei den Agrarrohstoffen zu. Der Zuckerpreis etwa stieg Anfang Februar aufgrund ungünstiger klimatischer Bedingungen für die Zuckerrohr-Produktion auf das höchste Niveau seit 2011. Geringe Regenfälle in Indien und eine Dürre in Thailand hatten das Angebot schrumpfen lassen, gleichzeitig soll der globale Zuckerkonsum bis 2029 um 1.4 Prozent pro Jahr anwachsen und zum Ende der aktuellen Dekade rund 200 Tonnen erreichen – 2010 waren es noch gut 150 Tonnen. In den letzten Tagen fiel der Zuckerkurs dann wieder deutlich ab, möglicherweise weil der weltweit wichtigste Zucker-Exporteur Brasilien gute Ernten prognostizierte und die Produktionsrate um fast ein Viertel anhob. Trotzdem bleiben Süßwaren-Hersteller vorsichtig. Dik Van de Put, Vorstand bei Mondelez, einem der größten Süßigkeiten-Konzerne der Welt, kündigte „direkte Preissteigerungen“ für Konsumenten an, ein Sprecher der schweizerischen Schokoladen-Traditionsmarke Lindt & Sprüngli erklärte, sein Konzern unternehme „intensive Bemühungen, die Kosten zu senken, indem die Effizienz gesteigert wird“.
Wie diese Effizienzsteigerung aussehen kann, demonstrierte im letzten Herbst bereits der Schokoriegel-Hersteller Mars, der die Standardgröße seines beliebtesten Produkts um zehn Gramm und damit fast zehn Prozent reduzierte – allerdings bei gleichbleibendem Preis. Mars selbst sagte in einem Statement: „Die Größe unserer Riegel zu verringern ist keine einfache Entscheidung, wir suchen nach Wegen, die stark steigenden Kosten unserer Rohstoffe zu decken.“ Zu tun hat das auch mit historisch hohen Preisen für Kakao und verwandte Produkte wie Kakaobutter. Extreme Wetterphänomene wie der jährlich wiederkehrende Tropensturm El Niño sorgen für empfindliche Ernteausfälle in den westafrikanischen Ländern Ghana und Elfenbeinküste, die gemeinsam fast zwei Drittel der weltweiten Kakaobohnen-Produktion decken. In der zweiten Februarwoche erreichte eine Tonne Kakao an der New Yorker Rohstoffbörse einen Rekordpreis von über $9000. Im vergangenen September lag der Tonnenpreis noch bei rund $3600 und selbst das war schon eine Steigerung von mehr als 60 Prozent im Vergleich zum Herbst 2022, als man eine Tonne Kakao noch für rund $2200 bekam. Zunehmend wird in der Süßwaren-Industrie auf günstigere Alternativen wie Palmöl zurückgegriffen. Aber auch in Kosmetikprodukten und Medikamenten werden oft Bestandteile der Kakaobohne genutzt, sektorübergreifend sorgen die Lieferprobleme für Preissteigerungen und Sorgen um die Rentabilität.
Einzigartige Dynamik auf den Kakao- und Kaffee-Märkten
Ungewöhnlich ist dabei, dass die Kauflaune der Schokoladen-Liebhaber kaum unter den steigenden Preise leidet: „Normalerweise würde man erwarten, dass die Nachfrage zusammenbricht, wenn man bei einem Agrarrohstoff derart astronomische Preise hat“, erklärte ein Analyst der Utrechter Rabobank, einem der weltweit führenden Finanzdienstleister im Agrar- und Lebensmittelsektor vergangene Woche – „aber genau diese abfallende Nachfrage sehen wir gerade nicht“. Das liege primär daran, dass „Kakao und Schokoladenprodukte bei vielen Konsumenten Gegenstand von Impulskäufen sind, also verhalten sich die Nachfragedynamiken hier anders als bei anderen Rohstoffen“. Laut dem nordamerikanischen Schokoladen-Giganten Hershey dürften die Kakao-Preise deshalb auch weiter steigen, besonders das anstehende Osterfest dürfte im Westen für den alljährlichen Nachfrage-Boom sorgen. Die Schoko-Ostereier könnten jedoch deutlich teurer werden, schon zu Weihnachten stiegen Schokoladenpreise etwa in Großbritannien um fast die Hälfte, der Preisanstieg für Schokoladenerzeugnisse war knapp doppelt so hoch wie die mit gut acht Prozent ohnehin schon deutliche Lebensmittel-Inflation. Schuld daran ist aber nicht nur der Kakao, denn als eines der weltweit populärsten Heißgetränke trieb auch der Kaffee durch signifikante Teuerung die allgemeinen Lebensmittelpreise nach oben.
Kaffee der Sorte Robusta, aus der rund 40 Prozent des global konsumierten Kaffees hergestellt werden, stieg im Februar auf ein 30-Jahreshoch, dessen Konterpart Arabica, verantwortlich für 60 Prozent des weltweiten Kaffee-Konsums, sah seit Ende 2023 ebenfalls deutliche Preissteigerungen. Während Arabica in den nächsten Monaten wieder etwas günstiger werden soll, erwarten Marktbeobachter bei Robusta anhaltende Lieferprobleme nach schwachen Ernten bei den wichtigen Produzenten Indonesien und Vietnam. Simultan soll die globale Kaffeenachfrage weiter steigen, der Getränke-Index der Weltbank, in dem sich Kaffee, Kakao und auch Tee wiederfinden, erreichte im letzten Monat aufgrund der unruhigen Agrarrohstoff-Märkte ein 13-Jahreshoch. Wenn es nach Nestlé-CEO Marc Schneider geht, sollen Schokoladen-Fans aber trotzdem weiterhin auf ihre Kosten kommen: „Meiner Meinung nach wäre es ein Fehler, Rezepte und Geschmack unserer Produkte durcheinander zu bringen, nur weil die Kakao-Kosten steigen“. Vielmehr sei die aktuelle Situation „nur eine weitere Veränderung im Wert des Produkts, mit der wir taktisch umgehen müssen“. Während die Futures-Märkte für Kaffee, Zucker und Kakao, die wir regelmäßig analysieren, in der letzten Zeit für Anleger bereits große Profite abwarfen, könnten auch Konzerne wie Nestlé dank der Bereitschaft vieler Kunden, mehr für Schokolade zu bezahlen, gestärkt aus dieser Krise hervorgehen. Selbstverständlich nehmen die Anlageprodukte aus unserer Analyse keinen Einfluss auf die internationalen Preise für Agrarrohstoffe, sondern werden separat gehandelt.



