Die wichtigsten Punkte
Die Deutschen leben immer mehr auf Pump: Im Jahr 2024 wurden erstmals über zehn Millionen neue Ratenkredite abgeschlossen – ein neuer Rekord. Das geht aus aktuellen Zahlen der Schufa hervor. Besonders alarmierend ist der Boom bei Kleinkrediten unter 1000 Euro, deren Zahl sich seit 2020 mehr als verdoppelt hat. Jeder zweite neue Ratenkredit fällt mittlerweile in diese Kategorie. Getrieben wird der Trend durch aggressive „Buy Now, Pay Later"-Angebote im Online-Handel, die den Kauf auf Raten so einfach wie nie zuvor machen. Verbraucherschützer und die Schufa selbst warnen vor einem wachsenden Überschuldungsrisiko, da viele den Überblick über ihre monatlichen Belastungen verlieren. Obwohl die meisten Kredite noch vertragsgemäß bedient werden, wächst die Sorge vor einer neuen Schuldenwelle, die vor allem junge Menschen und Familien mit mittlerem Einkommen treffen könnte.
Der Boom der Kleinkredite: Eine tickende Zeitbombe?
Die Zahlen, die die Schufa Holding AG diese Woche veröffentlichte, sind ein Weckruf für die deutsche Gesellschaft. Mit über zehn Millionen neu abgeschlossenen Ratenkrediten im Jahr 2024 wurde ein neuer Höchststand erreicht. Doch der eigentliche Treiber dieser Entwicklung sind nicht die großen Anschaffungen wie Autos oder Möbel, sondern die kleinen Verlockungen des Alltags. Die Zahl der Kleinkredite unter 1000 Euro ist in den letzten vier Jahren förmlich explodiert. Waren es 2020 noch rund 20 Prozent aller neuen Ratenkredite, so machen sie heute mit 4.99 Millionen Verträgen fast die Hälfte aus. Das entspricht einem Anstieg von fast 15 Prozent allein im Vergleich zum Vorjahr.
Der Grund für diesen Boom liegt auf der Hand: Der Online-Handel hat das Einkaufen auf Pump so einfach und attraktiv wie nie zuvor gemacht. Mit „Buy Now, Pay Later"-Angeboten (BNPL) können sich Kunden ihre Wünsche mit nur wenigen Klicks erfüllen und die Bezahlung in die Zukunft verschieben. Ob neue Sneaker, das neueste Smartphone oder der Wochenendtrip – alles ist sofort verfügbar, die Rechnung kommt später. Doch was als bequeme Zahlungsmethode beworben wird, entpuppt sich für viele als gefährliche Schuldenfalle. Verbraucherschützer warnen seit langem davor, dass viele Menschen, insbesondere jüngere, den Überblick über ihre monatlichen Raten verlieren und sich so schleichend überschulden.
Die Schufa warnt vor sich selbst: Ein zweischneidiges Schwert
Interessanterweise kommt die deutlichste Warnung vor den Gefahren der Kleinkredite von der Schufa selbst. „Dieser starke Anstieg der laufenden Kleinkredite unterstreicht das potenzielle Überschuldungsrisiko durch zu viele Kleinkredite wie etwa von Buy-Now-Pay-Later", sagte Schufa-Vorstandsmitglied Ole Schröder. Die Gefahr sei, dass Verbraucher den Überblick über die Gesamtschuldenlast verlieren. Eine Einschätzung, die von Verbraucherschützern geteilt wird. Sie kritisieren, dass die Kreditwürdigkeitsprüfung bei Kleinkrediten oft zu lasch gehandhabt wird und die Anbieter zu aggressiv werben.
Bisher sind Kleinkredite bis 200 Euro sogar von der gesetzlichen Kreditwürdigkeitsprüfung ausgenommen. Das soll sich jedoch bald ändern. Eine neue EU-Verbraucherkreditrichtlinie, die bis November in nationales Recht umgesetzt werden muss, sieht eine strengere Prüfung auch bei kleinen Kreditsummen vor. Ziel ist es, vor allem Haushalte mit geringem Einkommen besser vor Überschuldung zu schützen. Ob diese Maßnahme ausreicht, um den Trend zu stoppen, bleibt abzuwarten. Denn die Verlockungen des Konsums auf Pump sind groß, und die Anbieter finden immer neue Wege, um ihre Produkte an den Mann oder die Frau zu bringen.
Noch ist die Lage stabil – aber wie lange noch?
Trotz der alarmierenden Zahlen gibt es auch eine gute Nachricht: Die meisten Deutschen gehen noch verantwortungsvoll mit ihren Schulden um. Laut Schufa werden 98.1 Prozent der Ratenkredite vertragsgemäß zurückgezahlt. Die Ausfallquote liegt also bei unter zwei Prozent und ist damit im Vergleich zum Vorjahr stabil geblieben. Doch die Frage ist, wie lange diese Stabilität noch anhält. Die wirtschaftliche Lage in Deutschland ist angespannt, die Inflation steigt wieder, und die Reallöhne halten mit den Preissteigerungen kaum Schritt. Das erhöht den Druck auf die privaten Haushalte und macht sie anfälliger für die Verlockungen des Konsums auf Pump.
Besonders betroffen von der wachsenden Schuldenlast sind Menschen im mittleren Alter. Die Zahl der laufenden Ratenkredite in der Altersgruppe der 35- bis 44-Jährigen ist von 4.1 Millionen im Jahr 2020 auf 5.2 Millionen im vergangenen Jahr gestiegen. Das ist die Generation, die mitten im Leben steht, eine Familie gründet, ein Haus baut und oft schon andere finanzielle Verpflichtungen hat. Für sie können unvorhergesehene Ausgaben schnell zur Existenzbedrohung werden. Die Schufa-Zahlen sind daher mehr als nur eine statistische Spielerei. Sie sind ein Seismograf für die soziale und wirtschaftliche Stabilität in Deutschland. Und der Zeiger schlägt derzeit deutlich in Richtung Risiko aus.
FAQ
Was versteht man unter einer Schufa?
Die Schufa (Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung) ist eine privatwirtschaftliche deutsche Wirtschaftsauskunftei. Sie sammelt Daten über die Kreditwürdigkeit von Verbrauchern und stellt diese ihren Vertragspartnern (z.B. Banken, Telekommunikationsunternehmen, Versandhändlern) zur Verfügung. Ein positiver Schufa-Eintrag ist in Deutschland oft Voraussetzung für den Abschluss von Verträgen.
Wie kann ich meine Schufa abfragen kostenlos?
Jeder Bürger hat das Recht, einmal im Jahr eine kostenlose Datenkopie (nach Art. 15 DSGVO) bei der Schufa anzufordern. Dies kann online auf der Webseite der Schufa beantragt werden. Die kostenlose Auskunft enthält alle über die Person gespeicherten Daten.
Wie lange bleibt ein Schufa-Eintrag?
Die Speicherfristen bei der Schufa sind gesetzlich geregelt. Negative Einträge, wie zum Beispiel ein nicht zurückgezahlter Kredit, bleiben in der Regel drei Jahre nach Erledigung des Vorgangs gespeichert. Positive Einträge, wie ein erfolgreich zurückgezahlter Kredit, werden ebenfalls nach drei Jahren gelöscht.
Ist 90% Schufa gut?
Ein Schufa-Score von 90 Prozent bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit eines Zahlungsausfalls bei 10 Prozent liegt. Das ist ein relativ hoher Wert und wird von vielen Banken als erhöhtes Risiko eingestuft. Ein guter Schufa-Score liegt in der Regel bei über 95 Prozent. Ein Wert von 90 Prozent kann bereits zu Problemen bei der Kreditvergabe oder beim Abschluss von Verträgen führen.




