Die Nachricht kam überraschend – und sorgte bei der Commerzbank für Unmut. Die italienische Großbank UniCredit will die zweitgrößte börsennotierte Bank Deutschlands übernehmen und hat sich dafür schon mal neun Prozent der Commerzbank-Anteile gesichert. Die Hälfte dieser Anteile kommt aus den Beständen des Bundes; am Mittwoch teilte das Finanzministerium mit, dass man ein Anteilspaket in Höhe von 4.49 Prozent für rund 702€ Millionen an die UniCredit abgetreten habe. Davon soll laut Insider-Informationen selbst die UniCredit als Käuferin überrascht gewesen sein. Schließlich ist es bei derartigen Übernahmen nicht üblich, dass ein Aktienpaket von staatlichen Behörden an einen einzigen neuen Anteilseigner verkauft wird. In einem Statement teilte die UniCredit mit, weitere Anteilskäufe in Erwägung zu ziehen. Arbeitnehmer schlagen Alarm und warnen vor einem Ausbluten des deutschen Standorts. Wie vor wenigen Stunden bekannt wurde, wehrt sich die Commerzbank nun selbst gegen den eigenen Verkauf – Ausgang ungewiss.
Angestellte wehren sich „mit allen Mitteln“
Im Übernahme-Durcheinander am Mittwoch hatten wenigstens die Commerzbank-Aktionäre etwas zu feiern: Die Börse reagierte euphorisch auf die Spekulationen einer vollständigen Übernahme, die Commerzbank-Aktie sprang am Mittwochmorgen um zeitweise 17 Prozent gen Norden. Weniger begeistert von dieser Idee sind die Angestellten der Commerzbank. Stefan Wittmann, Commerzbank-Aufsichtsrat und Sekretär bei der Gewerkschaft ver.di sagte dem Handelsblatt, dass man sich „mit allen Mitteln“ gegen eine Übernahme durch die UniCredit wehren werde. Durch einen vollständigen Verkauf der Commerzbank an den italienischen Konkurrenten würden zahlreiche Arbeitsplätze in Deutschland gestrichen und die Geschäftstätigkeit in großen Teilen an den UniCredit-Hauptsitz in Mailand verlegt, warnte der Gewerkschafter. Als warnendes Beispiel verwies er auf die Übernahme der Münchener Hypo-Vereinsbank, die UniCredit 2005 für 15€ Milliarden gekauft hatte. Damals wurden Tausende Jobs in Deutschland abgebaut. UniCredit zeigte sich davon wenig beeindruckt. Noch am Mittwoch gab die Bank bekannt, neben dem ersten Paket des Bundes weitere Anteile am offenen Markt erworben zu haben und nun insgesamt neun Prozent an der Commerzbank zu halten.
Und auch auf die restlichen Aktien des Bundes schielt das italienische Schwergewicht, das mit einer Marktkapitalisierung von gut 60€ Milliarden fast viermal so hoch bewertet ist wie die Commerzbank, die gerade mal rund 18€ Milliarden auf die Börsenwaage bringt. Die Bundesregierung hält nach dem Verkauf des ersten Pakets immer noch gute zwölf Prozent an der Commerzbank. Notfalls wolle man regulatorische Genehmigungen einholen, um die eigenen Aktienbestände auf 9.9 Prozent auszuweiten, gab das Mailänder Geldhaus bekannt. Entgegenkommen könnte der UniCredit dabei, dass die Bundesregierung schon länger plant, ihre Anteile an der Commerzbank sukzessive abzubauen. „Der Bund ist dem Gebot der Wirtschaftlichkeit verpflichtet“, betonte eine Sprecherin des Finanzministeriums und rechtfertigte damit die Verkäufe an die UniCredit, die mit 13.20€ pro Aktie das beste Angebot abgegeben hatte.
Aktie mit Luftsprung wegen UniCredit-Spekulation
Noch kurz vor der Bekanntgabe des Deals notierte die Aktie bei knapp über 12.50€, schoss dann aber unvermittelt auf über 15€. Was die Anleger freute, sorgte bei der Commerzbank selbst für Unmut, offenbar prüft man aktuell Optionen, die Übernahme abzuwehren. Laut Insider-Informationen berät das Management zur Stunde über Strategien, um die Unabhängigkeit zu wahren. Der Nachrichtenagentur Reuters sagten zwei involvierte Personen, dass die Commerzbank gemäß rechtlichen Verpflichtungen zwar Gespräche mit der UniCredit führen werde, der Vorstand lehne einen Verkauf des eigenen Geschäfts jedoch ab. Um Möglichkeiten der Abwehr zu prüfen, wurde offenbar die nordamerikanische Bank Goldman Sachs als Beraterin eingeschaltet. Etwas Zeit bleibt der Commerzbank in jedem Fall noch beim Versuch, sich gegen den eigenen Verkauf zu wehren, der Bund unterliegt nach den jüngsten Aktien-Verkäufen nämlich einer Sperrfrist von drei Monaten. Außerdem dürfte es zunächst kartellrechtliche Prüfungen geben, bevor die UniCredit weitere Commerzbank-Anteile erwerben dürfte.
Der offene Konflikt mit der UniCredit reiht das nächste skurrile Kapitel an die turbulente jüngere Geschichte der Commerzbank. Während der Finanzkrise 2008 war die Bundesrepublik mit 18.2€ Milliarden beim Frankfurter Kreditinstitut eingestiegen und erwarb insgesamt 16.49 Prozent der Aktien. Die Kapitalhilfen waren damals aus dem Finanzmarktstabilisierungsfonds an die Commerzbank geflossen, um einen Bankenkollaps zu verhindern. Bislang konnte die Commerzbank laut offiziellen Quellen gut 13€ Milliarden dieser Subventionen zurückzahlen. Da sich die Bank in den letzten Jahren weitgehend stabilisiert hat, plant der Bund seit einigen Monaten, seine Anteile wieder abzugeben, Florian Toncar von der Finanzagentur der Bundesrepublik erklärte dazu vor zehn Tagen: „Die Reduzierung der Bundesbeteiligung an der Commerzbank ist ein Zeichen für die Stärke der Commerzbank und des Finanzstandorts Deutschland.“ Die Angestellten der Commerzbank sehen das naturgemäß anders. Ver.di-Sekretär Wittmann forderte noch am Mittwoch: "Der Bund muss jetzt klare Kante zeigen und seine verbliebene Beteiligung nutzen, um eine schädliche Übernahme der Commerzbank zu verhindern."


Nach Bekanntwerden des UniCredit-Deals sprang die Aktie in einem bullischen Gap mehr als 20 Prozent aufwärts. Die Rallye sollte bald enden – außer, die blaue alt.(a) überschießt den Widerstand bei 15.83€ (38% wahrscheinlich)
Langfristig muss die Commerzbank-Aktie zunächst die beige Korrekturwelle II nahe der Unterstützung bei 2.80€ beenden. Im nächsten Impuls dürfte es bis über 122.36€ gehen – oder auch schon vorher (35% wahrscheinlich)

