Dass sich Tech-Giganten wie Amazon und Microsoft um ihr Stück vom Kuchen im Milliardenmarkt rund um Künstliche Intelligenz balgen, ist nichts Neues. Mindestens genauso laut wie neue Erfolgsmeldungen, sind aktuell die Warnungen, dass der KI-Hype ähnlich verheerende Folgen haben könnte wie der Schwarze Freitag im Jahr 1929 – zu abhängig scheinen Wohl und Wehe des Marktes vom Erfolg der prominentesten Träger des KI-Narrativs, allen voran von Nvidia. Während sich der Chip-Gigant gemeinsam mit dem OpenAI-Mäzen Microsoft zum dominanten KI-Zweigestirn im hochkarätig besetzten nordamerikanischen Tech-Sektor mauserte, schienen einige der üblichen Verdächtigen bei großen Innovationen bisher auf der Strecke zu bleiben: Apple opferte kürzlich sein Auto-Projekt, das beim iPhone-Hersteller zehn Jahre lang hohe Priorität genoss, um mehr Kapazitäten für die KI-Entwicklung freizubekommen.
Meta und Google waren in den letzten Monaten damit beschäftigt, ihre bestehenden KI-Modelle vor der Präsidentenwahl in den Vereinigten Staaten gegen Manipulation und politischen Missbrauch abzusichern und machten kaum Schlagzeilen mit frischen Innovationen – ähnlich wie Amazon. Das soll sich nun zumindest für den Onlinehandel-Giganten von Jeff Bezos ändern: Amazon kooperiert mit namhaften KI-Startups wie Anthropic und Mistral, das kürzlich auch von Microsoft eine großzügige Finanzspritze bekam. Während man Milliarden in den eigenen Cloud-Service investiert, um externe Entwickler anzulocken, und eigene Computerchips entwickelt, dämpft der Chef von AWS (Amazons Cloud-Dienstleister; engl.: Amazon Web Service) die Euphorie und warnt, dass der KI-Hype so enden könnte wie die Dotcom-Bubble.
KI und Amazon: Eine milliardenschwere Liebesheirat
Amazon arbeitet schon lange mit Künstlicher Intelligenz und optimiert damit etwa die Nachhaltigkeit der eigenen Arbeit. Im Bereich der Verpackung versandfertiger Produkte greift der Onlinehandel-Riese bereits seit 2019 auf ein KI-Modell zurück, das Optionen zur möglichst effizienten Verpackung verschiedener Produkte anhand ihrer Form, Robustheit und dem Feedback früherer Käufer entwickelt. Dabei sorgen selbstlernende Algorithmen für immer bessere Ergebnisse, ohne dass menschliche Programmierer das Protokoll aktiv weiterentwickeln müssen. Eine weitere KI-Anwendung hilft Amazon dabei, beschädigte Waren zu identifizieren, bevor sie versendet und anschließend als Reklamation retourniert werden. Laut Kara Hurst, der Leiterin von Amazons Abteilung für Nachhaltigkeit, sei Künstliche Intelligenz „dreimal so effektiv dabei, beschädigte Produkte zu erkennen wie Menschen“. Eine KI-Anwendung mit dem niedlichen Namen Flamingo hilft außerdem dabei, die Treibhausgas-Emissionen von Produkten zu messen, was dem Konzern dabei hilft, Klimaziele zu erreichen, die vielen Investoren und Partnern sehr wichtig sind.
Hurst selbst bezeichnet Künstliche Intelligenz in diesem Zusammenhang als „die wichtigste transformative Technologie unserer Zeit“, die Amazon dabei helfe, „ein nachhaltigeres Geschäftsmodell aufzubauen“. Aber auch abseits der ureigenen Einkommensquelle E-Commerce bringt sich Amazon in Stellung, um zu den KI-Pionieren unter den Tech-Giganten aus dem Silicon Valley aufzuschließen. Der zentrale Fokus liegt dabei auf dem Cloud-Service rund um Amazon Web Service, der laut den jüngsten Geschäftszahlen, die vor wenigen Tagen veröffentlicht wurden, bereits 14 Prozent des Gesamtumsatzes von Amazon ausmacht – bei einem Umsatz von rund $24 Milliarden und einem Wachstumsschub von zwölf Prozent im letzten Quartal. Gleichzeitig zeichnet die Cloud-Sparte für satte 54 Prozent des operativen Gewinns verantwortlich, trotzdem wachsen die großen Tech-Kontrahenten in Sachen Cloud immer noch schneller: Microsofts Azure etwa verzeichnete im selben Zeitraum ein Plus von 30 Prozent, Googles Cloud-Dienste erlebten immerhin einen Zuwachs von 26 Prozent. Alle gemeinsam analysieren wir in unserem TECH33-Paket – Amazon neuerdings auch in unserer US Titans-Schiene.
Chips für ChatGPT-Killer: Amazon ist OpenAI und Co. auf den Fersen
Eine wichtige Rolle bei diesen Geschwindigkeitsunterschieden spielt die immense Nachfrage nach Rechenkapazität für Anwendungen Künstlicher Intelligenz. Deshalb werde generative KI, also autonome Algorithmen, die selbst sprachliche oder visuelle Inhalte erstellen können, laut Amazons Geschäftsführer Andy Jessy „auch weiterhin ein Bereich sein, auf den sich Amazon konzentriert und in den investiert wird“, das mittelfristige Ziel sei, „dass Amazon damit in den nächsten Jahren einen Umsatz von mehreren Milliarden Dollar erzielen wird“. Zu diesem Zweck veröffentlichte Amazon schon vergangenes Jahr Investmentpläne im Gesamtvolumen von $4 Milliarden Euro für die aufstrebende KI-Firma Anthropic, die unter anderem intelligente Sprachmodelle baut. Und der neue Schützling liefert bereits: Kürzlich trat Anthropics stärkstes KI-Programm gegen OpenAIs Marktführer GPT-4, den Nachfolger von ChatGPT, an und schlug nicht nur das Benchmark-Programm, sondern auch Googles Wettbewerber Gemini. Anthropic hatte zum Zeitpunkt des Deals mit Amazon im September 2023 einen Wert von rund $4 Milliarden – heute sind es $18 Milliarden.
Im vergangenen Oktober schrieb Amazon dazu in einer Stellungnahme: „Die erweiterte Partnerschaft mit Anthropic ist eine Entwicklung von zentraler Wichtigkeit auf unserem Weg, Unternehmen aller Größenordnungen dabei zu helfen, die volle Kraft der generativen Künstlichen Intelligenz zu entfesseln.“ Anthropics Kernprodukt, ein Modell namens Claude, das nicht nur menschenähnliche Dialoge führen und mediale Inhalte erstellen, sondern auch komplexe Zusammenhänge verstehen und kreativ programmieren können soll, ist dafür bereits für Cloud-Kunden nutzbar. Für Claudes Training benutzt Anthropic Amazons eigene Computerchips Trainium und Inferentia, die die Entwicklung von KI-Modellen für externe Nutzer nicht nur erleichtern, sondern auch die „notwendige Trainingszeit einiger Modelle von Monaten auf Stunden reduzieren kann“, wie es seitens Amazons heißt. Die Chips wurden speziell für Deep-Learning-Modelle und deren Training entwickelt und sollen Kosten und Zeitaufwand im Verhältnis zu vergleichbaren Produkten anderer Hersteller deutlich minimieren.
Amazon setzt auf Roboter – AWS-Chef vergleicht KI mit der Dotcom-Bubble
Damit lockt die Amazon-Cloud bereits vielversprechende Programmierer an: Erst vor wenigen Stunden wurde bekannt, dass die französische Firma Mistral – eines der am schnellsten wachsenden KI-Startups, das bereits unter den finanziellen Fittichen von Microsoft arbeitet – ihre Flagship-Modelle für generative Künstliche Intelligenz auch auf Amazons Servern anbietet. Damit beherbergt AWS nun einen der ambitioniertesten Konkurrenten von Sam Altmans Branchenprimus OpenAI. Amazons Investmentpool ist mit den $4 Milliarden für Anthropic aber noch lange nicht ausgeschöpft, denn eine weitere Milliarde fließt über den hauseigenen Industrial Innovation Fund in KI-Entwicklung kleinerer Unternehmen. Der Fortschrittsfonds konzentriert sich dabei auf Unternehmen, die Künstliche Intelligenz mit Robotik kombinieren – primär, um die firmeninternen Abläufe weiter zu optimieren. Bereits 2022 wurden rund $450 Millionen von Amazon in die Entwicklung von KI-Robotern investiert, die als Sortiersysteme und Industriemaschinen an den europäischen Standorten arbeiten.
Mittlerweile sollen rund 750 000 Roboter in Amazon-Versandhäusern arbeiten. Auch das Startup Mantis Robotics wird vom Fonds unterstützt. Dieses baut Roboterarme, die Amazon für seine Standorte weltweit gut gebrauchen kann. Das mit Abstand größte Investment allerdings plant Amazon in Saudi-Arabien: Für die Cloud-Sparte sollen dort bis 2026 Rechenzentren für etwa $5.3 Milliarden entstehen, um regionale AWS-Kunden besser unterstützen zu können. Und doch wirft die Unternehmensstrategie Kontroversen auf, zuletzt prominent geäußert vom AWS-Chef Adam Selipsky, der den KI-Hype in einem Interview mit der Dotcom-Bubble verglich: „Wenn wir an 1997 zurückdenken und fragen: War das Internet damals unter- oder überbewertet?, dann würde ich sagen, es war unterbewertet. Wenn wir aber fragen: Waren die damaligen Marktführer damals dramatisch überbewertet? Dann sage ich: Ja, das waren sie!“. Selipsky, der sich in der Vergangenheit bereits positiv zu den KI-Plänen von Amazon äußerte, stellte damit zwar nicht die Zukunftsfähigkeit der Künstlichen Intelligenz infrage, wohl aber den zwischenzeitlich überhitzten Hype um technologische Vorreiter wie Nvidia. Am prinzipiellen Potenzial von Künstlicher Intelligenz für das eigene Unternehmen und den gesamten Markt zweifelt bei Amazon wohl niemand mehr.




