Der Batteriehersteller Varta steckt in einer tiefen Krise und muss um seine Zukunft bangen. Nun naht Hilfe durch den Sportwagenbauer Porsche – ein Unternehmen, das selbst ein seit längerer Zeit ein Varta-Produkt nutzt. Konkret übernimmt die Porsche AG eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an Vartas Tochterfirma V4Drive, der Sparte für Elektroauto-Batterien. Diese Fusion könnte Varta finanziell retten, während Porsche sich wichtiges technologisches Know-How ins Haus holt. Es ist eine Allianz, die nicht nur zwei traditionsreiche deutsche Marken zusammenführt, sondern dem deutschen Automobilsektor Auftrieb verleihen könnte.
Varta-Aktie fiel um 99 Prozent
Konkret übernimmt Porsche 70 Prozent der Anteile an der Varta-Tochter V4Drive, die nun unter dem Namen V4Smart geführt wird. Das Unternehmen entwickelt Lithium-Ionen-Rundzellen, also zylindrische Batteriezellen. Diese Zellen sind vergleichbar mit übergroßen AA-Batterien und zeichnen sich durch eine besonders hohe Leistungsabgabe aus – daher bezeichnet Varta sie als Ultra-Hochleistungszellen. Eingesetzt werden sie als sogenannte Booster-Batterien, die zusätzliche Energie für kurze Leistungspeaks liefern. So kommen die V4Drive-Zellen (künftig V4Smart-Zellen) bereits in Porsches 911 GTS-Modellen serienmäßig zum Einsatz, wo sie im Hybridantrieb für einen Leistungsschub sorgen.
Porsche wirbt damit, dass die Zellen sehr schnell geladen werden können und für außergewöhnliche Beschleunigung sorgen, was besonders für Elektrofahrzeuge und sportliche Hybridautos attraktiv ist. Für Varta sollte diese Technologie neue Geschäftschancen im boomenden Elektromobilitätsmarkt eröffnen, eine drohende Insolvenz aber kam dazwischen. Der Aktienkurs des einst erfolgreichen Unternehmens fiel von fast 200 Euro Anfang 2021 bis auf zwei Euro Ende Juli 2024. Analysten senkten den fairen Wert der Aktie nach einem radikalen Schuldenschnitt, der Kleinanleger vollständig ausschloss, auf null Euro.
In den letzten Jahren liefen die Geschäfte von Varta nicht mehr rund. Das Unternehmen kämpfte an mehreren Fronten: Die Nachfrage nach seinen kleinen Lithium-Ionen-Zellen für Kopfhörer und andere Kleingeräte schwankte stark, zugleich wuchs der Konkurrenzdruck durch günstige Anbieter aus China. Erschwerend kamen globale Lieferkettenprobleme hinzu, und Anfang 2023 legte sogar ein Cyberangriff zeitweise die Produktion lahm. Angesichts dieser Krise leitete Varta im Juli 2024 ein Sanierungsverfahren nach dem deutschen Restrukturierungsrecht (StaRUG) ein, um eine drohende Insolvenz abzuwenden. Teil dieses Rettungsplans war die Suche nach einem starken Partner für das kostspielige E-Auto-Batteriegeschäft.
Wie es für die Produktionsstandorte weitergeht
Schon vergangenes Jahr stand eine mögliche Rettung durch einen wichtigen strategischen Partner im Raum; lange wurde spekuliert, dass Porsche ein erster Abnehmer der Sparte um die V4Drive-Batterien sein würde. Bereits im Sommer 2024 zeichnete sich eine Lösung ab: Varta und Porsche unterzeichneten eine unverbindliche Absichtserklärung (Letter of Intent) für eine Übernahme der V4Drive-Sparte. Geplant war, V4Drive aus der Varta AG herauszulösen und Porsche über eine Kapitalerhöhung als Mehrheitsinvestor einsteigen zu lassen. Genau dieses Szenario wird nun umgesetzt. Damit kann Varta zumindest eine Baustelle vorerst schließen.
Das Bundeskartellamt hat der Kooperation grünes Licht erteilt, da Porsche zwar die Kontrolle über die V4Drive-Tochter erhält, aber keine Vetorechte innerhalb der restlichen Varta AG haben wird. Zum 1. März hat Porsche den Deal vollzogen: Der Sportwagenbauer hält nun 70 Prozent der Anteile an der neugegründeten Gesellschaft V4Smart, während Varta mit 30 Prozent beteiligt bleibt. Porsche investiert dafür rund 30 Millionen Euro Eigenkapital. Mit der Umbenennung von V4Drive in V4Smart unterstreichen die Partner, dass das Einsatzspektrum der Batteriezellen künftig über den Automotive-Bereich hinaus erweitert werden soll, um neue Kunden aus anderen Branchen zu gewinnen.
Die Produktion der Zellen erfolgt weiterhin im Varta-Stammwerk Ellwangen, wobei Porsche bereits maßgeblich an der Serienreife der dortigen Fertigungsanlagen mitgewirkt hat. Ab April soll zusätzlich eine neue Produktionslinie im Porsche-Werk Nördlingen in Betrieb gehen. Bis Ende des Jahres sind an beiden Standorten zusammen rund 375 Arbeitsplätze geplant, wobei viele bisherige Varta-Beschäftigte übernommen werden. Ob für alle Varta-Angestellten ein gesicherter Platz besteht, ist unklar.
Neues Geschäftsfeld für Porsche?
Durch die Übernahme sichert sich Porsche den Zugriff auf fortschrittliche Batterietechnologie im eigenen Haus. Porsche verfolgt bereits seit einigen Jahren das Ziel, eigene Hochleistungs-Batteriezellen zu produzieren. So hat der Sportwagenhersteller 2021 die Batterietochter Cellforce gegründet und baut eine Pilotfabrik im baden-württembergischen Reutlingen auf. Die Kooperation mit Varta ergänzt diese Strategie: Porsche kann die V4Smart-Rundzellen unmittelbar in seinen Sportwagen einsetzen und deren Entwicklung mitbestimmen. Zudem reduziert Porsche seine Abhängigkeit von externen Zell-Lieferanten aus Asien und stärkt seine Position innerhalb des Volkswagen-Konzerns im Bereich Elektromobilität.
Langfristig könnte Porsche sogar davon profitieren, die Batteriezellen an Dritte zu vermarkten, falls die Technologie überzeugt. Allerdings ist dD Batterieproduktion sehr kapitalintensiv und technologisch anspruchsvoll. Für den Aufbau von 20 Gigawattstunden Zellkapazität – genug Batterien für rund 200 000 Mittelklasse-Elektroautos – sind Investitionen von etwa zwei bis drei Milliarden Euro erforderlich. Diese Investition umfasst nicht nur die Maschinen, Gebäude und Infrastruktur, sondern auch Forschung, Entwicklung und Know-how. Porsche allein nimmt mit V4Smart zwar (noch) nicht diese Größenordnung in Angriff, zeigt aber mit dem Investment, dass man bereit ist, erhebliche Mittel in die Hand zu nehmen.
Ein Selbstläufer wird die Batterie-Expansion aber nicht. Scheitert die Entwicklung oder läuft die Fertigung nicht effizient, würde Porsche viel Geld investieren, ohne den gewünschten Vorteil zu erzielen – und im Kampf um den E-Mobility-Markt wieder zurückfallen. Denn auch die Konkurrenz schläft nicht: Etablierte Batteriehersteller wie CATL, LG oder Panasonic sowie Automobilrivale Tesla (mit eigener Zellfertigung) setzen den Maßstab bei Kosten und Leistungsfähigkeit. Dennoch dürfte das finanzielle Risiko für Porsche überschaubar sein: 30 Millionen Euro Investment sind für den Konzern verkraftbar – während der potenzielle Nutzen einer hauseigenen Batteriezelltechnologie äußerst attraktiv ist.
Deutsche Industrie könnte profitieren
Aus Sicht von Varta ist Porsches Einstieg vor allem eine Rettung in letzter Minute. Die Beteiligung bedeutet frisches Kapital, technische Unterstützung und einen zahlungskräftigen Abnehmer – ein Rettungsanker in der Not für den angeschlagenen Batteriehersteller. Durch die Partnerschaft kann Varta das vielversprechende Geschäft mit E-Auto-Batterien fortführen, anstatt es mangels finanzieller Mittel einstellen zu müssen. Das Know-how der eigenen Ingenieure findet in Porsches Projekten Anwendung, und Varta bleibt mit 30 Prozent beteiligt. Gelingt der Durchbruch der V4Smart-Technologie am Markt, kann Varta trotz Minderheitsanteil am Erfolg partizipieren.
Bislang werden die meisten Batteriezellen für Elektroautos von großen asiatischen Konzernen geliefert. Dass Porsche nun gemeinsam mit Varta Batterien in Deutschland entwickeln und produzieren lässt, stärkt die hiesige Wertschöpfung in diesem strategischen Sektor. Know-How und Arbeitsplätze bleiben im Land – etwa an den Standorten Ellwangen (Baden-Württemberg) und Nördlingen (Bayern), die durch die Pläne ausgebaut werden. Für Varta ist es der ersehnte Rettungsschirm und für Porsche die Aussicht, seine Positionierung im Elektroauto-Sektor zu verstärken.
Dies würde sich auch positiv auf den Autostandort Deutschland auswirken und das Image aufpolieren, wenn Porsche mit der neuen Batterie-Expansion den Grundstein für eine künftige Vorreiterstellung im E-Fahrzeugmarkt legt. Außerdem bekommt der Traditionskonzern Varta eine zweite Chance, sein ambitioniertes Batteriezell-Projekt fortzuführen, das ohne Unterstützung kaum zu stemmen gewesen wäre. Die Porsche-Varta-Partnerschaft könnte obendrein auch das breite Anlegervertrauen in den heimischen Markt stärken und gerade jetzt, in Zeiten industrieller Schwäche, wegweisend sein.
Eine bittere Pille für Varta-Aktionäre
Negativ aus Anlegersicht fällt jedoch ins Gewicht, dass die Sanierung für die aktuellen Varta-Aktionäre äußerst schmerzhaft ist. Am 11. März wurden die Kapitalherabsetzung auf null und die anschließende Kapitalerhöhung wirksam. Der geplante Kapitalschnitt auf null bedeutet einen faktischen Totalverlust für bestehende Aktionäre. Infolgedessen sind die bisherigen Aktionäre kompensationslos aus der VARTA AG ausgeschieden und die Zulassung der Aktien zum Handel im regulierten Markt der Frankfurter Wertpapierbörse wurde automatisch aufgehoben (Delisting). Somit können die VARTA-Aktien nicht mehr an der Frankfurter Wertpapierbörse gehandelt werden. Dies soll auch zukünftig so bleiben. Wer also vor der Restrukturierung Varta-Aktien hielt, wird sein investiertes Kapital abschreiben müssen – eine bittere Konsequenz, die auch unter Anlegerschützern für Kritik sorgte.




