Was ist schlechter als ein Flugzeug, das nicht fliegt? (Nicht nur) für die nordamerikanische Flugaufsichtsbehörde (engl.: Federal Aviation Administration; kurz: FAA) ist die Antwort klar: Ein Flugzeug, das zwar fliegt, aber Gefahr läuft, abzustürzen. Deshalb verdonnerten die Flugwächter gleich 40 Boeing-Maschinen des Typs 737 Max 9 zu einem erst vorläufigen und schließlich unbefristeten Flugverbot. Anlass dazu hatte ein Beinahe-Unglück Anfang Januar geboten, als auf 5000 Meter Höhe ein Kabinenteil aus einem Flugzeug des kompromittierten Maschinentyps herausbrach und ein schwerer Unfall nur knapp vermieden werden konnte. Sicherheitsexperten sprachen von „purem Glück“, dass die 171 Passagiere per Notlandung in Sicherheit gebracht werden konnten. Boeing selbst kündigte lückenlose Aufklärung an, die FAA verhängte trotzdem ein sofortiges Flugverbot, das gleich mehrere Fluggesellschaften betraf, die auf 737 Max-Maschinen setzen. In ihrem rigorosen Durchgreifen durfte sich die Flugaufsicht gestern bestätigt fühlen: Gleich mehrere Verstöße gegen Sicherheitsauflagen deckte die FAA bei einer Qualitätskontrolle in der Boeing-Produktion auf. Unzulänglich sei laut ersten Berichten die Überwachung der Produktion, der Umgang mit Bauteilen und die Produktkontrolle. Auch ein Zulieferer fiel beim behördlichen Test durch. Trotzdem gab American Airlines bei Boeing eine Großbestellung auf – die Konkurrenz aber schläft nicht.
Immer wieder Probleme mit der Boeing 737 Max
Boeing-Geschäftsführer Dave Calhoun zeigte sich nach der gerade so abgewendeten Tragödie im Januar „zutiefst erschüttert“, so etwas dürfe „nie wieder passieren“. Die guten Vorsätze des Flugzeugbauers zweifelt die Flugaufsicht nun aber offensichtlich an, die versprochene „hundertprozentige Transparenz“ wurde für Boeing nun zum Image-Bumerang. Denn die Überprüfung der Boeing-Produktion, die von der FAA unmittelbar nach dem gefährlichen Zwischenfall mit einer Boeing-Maschine bei den Alaska Airlines eingeleitet wurde, förderte Mängel zutage, die von der Flugaufsicht vor wenigen Stunden öffentlich angeprangert wurden. So soll es an der Sorgfalt im Herstellungsprozess kranken, viele Bauteile werden laut FAA nur unzureichend verarbeitet. Bereits nachdem das Boeing-Flugzeug der Alaska Airlines auf 5000 Meter ein Kabinenteil verloren hatte, gingen die zuständigen Unfallermittler davon aus, dass bei der Produktion wichtige Befestigungsbolzen vergessen worden waren. Schon vor dem Zwischenfall hatte ein von der FAA abgesandtes Expertengremium nach einer mehrmonatigen Untersuchung Schwächen in Boeings Qualitätsmanagement festgestellt und moniert. Demnach soll Boeing keine effizienten Kommunikationswege unterhalten, über welche Mitarbeiter über Qualitätsmängel berichten können.
„Wir arbeiten daran, sicherzustellen, dass sich so etwas nicht wiederholt“, hatte die Luftfahrtaufsicht Mitte Januar erklärt, bevor sie die Untersuchungen gegen Boeing einleitete. Die Max 9-Maschinen würden „nicht in den Himmel zurückkehren, bis wir völlig davon überzeugt sind, dass sie sicher sind“. Dass Boeing von der Flugbehörde zum wiederholten Mal öffentlich angezählt wird, ist dem internationalen Image des nordamerikanischen Technik-Riesen nicht zuträglich. Gemeinsam mit dem deutsch-französischen Luftfahrt-Konzern Airbus dominiert Boeing zwar den Weltmarkt für Flugzeuge, zuletzt fiel man unter anderem in Sachen Auftragslage und Verkaufszahlen aber deutlich hinter den DAX-notierten Konkurrenten zurück, dessen Aktie wir im DAX40-Paket regelmäßig analysieren. Das Fiasko bei Alaska Airlines war auch nicht das erste Mal, dass Boeing massive Probleme mit seinem Kassenschlager 737 Max hatte: Zwei dieser Maschinen stürzten vor etwa fünf Jahren kurz nacheinander in Indonesien und Äthiopien ab, dabei kamen 346 Passagiere ums Leben. Im März 2019 war deshalb ein weltweites Flugverbot für den Maschinentyp verhängt worden, das erst nach eineinhalb Jahren Ende 2020 aufgehoben wurde, weil Boeing seine Flugzeuge generalüberholen ließ.
Billig-Konkurrenz geschwächt – American Airlines stärken Boeing den Rücken
Wenig hilfreich ist für Boeing in dieser Situation, dass die FAA auch bei einem der wichtigsten Zulieferer, dem großen nordamerikanischen Flugzeugrumpf-Hersteller Spirit AeroSystems, gravierende Mängel aufdeckte. Schon zuvor hatte Boeing wegen Problemen mit seinem Partner die Auslieferung von 737 Max-Maschinen wochenlang stoppen, aufwendige Nacharbeiten an hergestellten Maschinen nahmen Monate in Anspruch. Spirit Aerosystems entstand 2005, als Boeing einige Werke an eine Investmentfirma verkaufte, nun ist ein Rückkauf geplant – in der vergangenen Woche bestätigte Boeing Gespräche über eine Übernahme. Damit würde sich das Unternehmen solide aufstellen und die Produktionsprozesse unter dem eigenen Dach vereinen, wodurch man auch die Konkurrenz durch Billig-Fluglinien in die Schranken weisen will. Mit JetBlue Airways und Spirit Airlines planten kürzlich zwei der wichtigsten Vertreter des Billig-Sektors einen Zusammenschluss, die Pläne des knapp $4 Milliarden schweren Deals wurden aber von einem Gericht in den Vereinigten Staaten blockiert.
Grund dafür waren wettbewerbsrechtliche Bedenken. Durch die Fusion wäre die fünftgrößte nordamerikanische Fluglinie entstanden, Spirit Airlines steht ohne das Geschäft kurz vor der Insolvenz. Laut Präsident Joe Biden hätte „die Übernahme höhere Ticketpreise und eine kleinere Auswahl für Millionen Fluggäste“ bedeutet, die Absage des Deals sei „ein Gewinn für amerikanische Konsumenten und den Wettbewerb“. Während bei den Billig-Riesen der juristische Argwohn siegte, bekommt Boeing, dessen Aktie wir im US Titans-Paket analysieren, einen prominenten Vertrauensbeweis: Obwohl unsicher ist, wann die Max-Maschinen wieder fliegen dürfen, bestellte die größte nordamerikanische Fluggesellschaft American Airlines gleich 85 Stück aus der streitbaren Produktlinie. Zumindest ein Silberstreif für Boeing am Horizont, an dem Max-Flieger vorerst nicht mehr zu sehen sein werden.




